Zweiter Auftritt.


[98] Savage reißt die Tür auf und tritt schnell herein. Die Vorigen.


SAVAGE. Steele! Dich sucht' ich überall! Mensch, alle wissen es, die Welt weiß es, und du noch nicht? Ich habe meine Mutter gefunden!

MISS ELLEN. Nur ihm diese Botschaft?

SAVAGE. Miß Ellen! Vergebung. Ich sah Sie nicht. Ihnen sag' ich den Namen: Lady Macclesfield! Legt Hut und Handschuhe ab.

MISS ELLEN. Lady Macclesfield? Sie gibt in der großen Welt den Ton an.

STEELE. Sie hat außer dem größten Dichter unserer Epoche auch die kleinen schneeflockenartigen Toupets auf die Welt gebracht, die vor einigen Wochen beim Kopfputz der Damen Mode wurden. Und auch du scheinst plötzlich in der vornehmen Welt den Ton angeben zu wollen! Jabot? Spitzen? Handschuhe? Schnallen an den Schuhen?

SAVAGE wieder vortretend. Freunde, noch weiß ich nichts von meiner Mutter, als daß sie ein Herz voll zärtlicher Liebe besitzen muß. Die Aussagen der Pflegeeltern, die mich erzogen, die Übereinstimmung der Zeugen, die ich reden ließ, die Kirchenbücher und Taufregister, die ich nachschlug, alles, alles kommt darin überein, daß ich der Sohn des Grafen Rivers bin, der so glücklich war, meiner schönen Mutter noch früher zu gefallen, ehe er um ihre Hand anhielt. Er erhielt sie nicht, weil er – starb. Er starb auf der Höhe seines Glücks. Nur die Bewerbung des Lord Macclesfield verhinderte, daß ich, heimlich geboren,[98] in die Rechte meiner Geburt eingesetzt wurde. Ich kam in die Hände meiner Pflegeeltern, unter die Aufsicht gewissenloser Vermittler, die mich um meine Geburt, meine teure Mutter um ihren Sohn betrogen. Für jede Träne, die meine Mutter, als sie meine Spur verlor, um mich weinte, sollen diese Elenden, die das Märchen meines Todes erfanden, einen Tropfen ihres Blutes zahlen! Daß man mir den Lord stahl, konnte der künftige Dichter ertragen, der sich mit einer Shakespearen, dem Schwan von Avon, ausgerupften Feder seinen eigenen Adelsbrief schreiben durfte; aber daß man mir die Mutter stahl, meine Jugend zu einer duftlosen Blume, mein Herz zu einer wehmütigen Einöde machte, in die kein Strahl der zärtlichsten Liebe, die es gibt, der Mutterliebe, fiel – die Größe dieses Raubes kann man nur begreifen, wenn man die Seligkeit meines Besitzes versteht, der jetzt mich sagen läßt: Sie ist gefunden, sie, die mir das Leben gab!

MISS ELLEN. Sie schwärmen für Ihre Mutter wie für eine Geliebte.

SAVAGE. Es geht mir ein ganz neues Leben auf! Bisher hab' ich geträumt, jetzt erwach' ich. Der Schlüssel, der zu den verworrenen Noten meines Daseins fehlte, ist gefunden; nun sind es die göttlichsten Harmonien, in denen die toten Chiffren der Vergangenheit Leben gewinnen. Was ich hoffte, was ich wollte, hat sonnenhelle Beleuchtung; der Punkt ist da, von dem aus sich mir das Leben wie eine geordnete und glücklich begrenzte Landschaft darstellt; und das Weib, Ihr Geschlecht, Ellen, das die eine Hälfte des Weltlebens ausmacht, wie sich die Zeit in Tag und Nacht spaltet, in dem schönern Dufte der Blume, in den geregeltern Wallungen des Herzschlags, in den gewiegter und voller werdenden Begriffen und Gedanken geht es mir auf! Nun entdeck' ich, daß alles einen Schatten werfen muß, jedem Ton ein Echo nachklingt, jedes Verhältnis des Daseins sein Gesetz und seine Schönheit hat.

STEELE. Eine Stelle aus einem seiner nächsten Schauspiele! Ich hoffe, es enthält mehr Handlung, als worauf diese Blumen der Diktion schließen lassen. Hast du bereits einige Anstalten zu deiner Anerkennung als Lord Rivers getroffen?

MISS ELLEN. Wenn Sie sich geirrt hätten, Richard, Bittend. würde Ihnen diese wunderbare Bezauberung Ihres Wesens bleiben?

SAVAGE. Irren? Irren? Greift einen Pack Papier aus der Tasche. Haha! Seht da, Freunde, hier sind Briefe und Siegel! Wenn wir so gewiß von den Toten auferstehen, wie ich meine Mutter[99] gefunden habe, dann würde sich, bei Gott! alles, was getauft ist, wirklich in Heilige verwandeln. Hier, Steele! Hier lies! ewiger Widersacher, der du einst auf deinem Sterbebett noch dem Tod den Puls fühlen und seine Berechtigung, sich in die Angelegenheit der Menschen zu mischen, bezweifeln wirst! Gibt ihm die Papiere. Hier! Prüfe jeden Buchstaben, nimm an, es wär' ein alter Schriftsteller, dessen Echtheit du Silbenstecher zu beweisen hättest; spare die Mühe nicht, den Punkt auf dem i zu untersuchen – du wirst finden, was ich gefunden habe – eine Mutter! Ich schreibe Ihnen ein Stück, Miß Ellen, worin Sie die Mutter der Gracchen spielen sollen!

MISS ELLEN. Seit wann wissen Sie dies außerordentliche Glück?

SAVAGE. Daß es Lady Macclesfield ist, erst seit gestern.

MISS ELLEN. Und Sie eilten nicht sogleich, sich ihr zu Füßen zu werfen? Freilich, gestern war ein großer Ball bei der vornehmen Dame.

SAVAGE. Ich gesteh' Ihnen, Miß, noch kann ich eine gewisse Zaghaftigkeit nicht überwinden. Hundertmal stand ich seit gestern vor ihrem prächtigen Hause und blickte auf die Fenster, die fast die ganze Nacht erleuchtet waren. Die Klänge der Musik, denen ich mit verzaubertem Ohr lauschte, stimmten mich so wehmütig, daß ich abwechselnd über mein Glück lachen und weinen mußte. Ich schlich mich leise dicht an das Portal und drückte mit kindischer Freude meine Lippen – lächeln Sie nur! – an die marmorne Schwelle. Miß, wie ein Kind auf Weihnachten sich freut und zitternd vor Erwartung in der dunklen Stube lauscht, bis sich, von hundert Lichtern bestrahlt, das Geheimnis der Bescherung öffnet, so steh' ich mit banger Freudigkeit und wag' es noch nicht, dem Glück, das mir der Himmel schenkte, ins Antlitz zu sehen.

STEELE der inzwischen mit den Papieren beschäftigt war. Bei Sankt Patrik! würde Hamlet sagen – es ist kein Zweifel, diese Papiere sprechen wie aus einem Munde für die Richtigkeit dieser interessanten Entdeckung. Daraus ließe sich ebensosehr ein Roman wie – ich lege Nachdruck darauf – ein Prozeß machen, der gewinnen muß.

SAVAGE die Papiere Miß Ellen gebend. Prozeß! Die Sache ist so gewiß wie Shakespeares Unsterblichkeit! Ich zögere nicht länger. Heut noch geb' ich der Mutter ihren Sohn zurück.

MISS ELLEN. Sind Sie so gewiß, Richard, daß Ihre Mutter die Entdeckung eines Fehltritts ihrer Jugend gern sieht?[100]

SAVAGE. Eine Frau, die mich gebar, muß ein großes Herz haben.

STEELE. Und einen so kleinen guten Ruf, daß freilich davon nicht mehr viel weggenommen werden kann. Wenn sie nur wenigstens deine Schulden anerkennen wollte! Hm, hm! Lady Macclesfield? Lieber Freund, ich befürchte, du dürftest ihr als Liebhaber willkommener sein denn als Sohn.

SAVAGE sich über Miß Ellen lehnend und mit ihr die Papiere prüfend. Wie ihr doch so klug seid und der geifernden Zunge der Gerüchte nachsprecht! Gut! Laßt sie eitel und kokett sein! Wer weiß, warum sie es ist! Die echte Seelenlehre hat noch keiner von euch Moralisten geschrieben! Scheut sie sich, offen zu bekennen, daß sie durch einen Fehltritt ihrer Jugend die Mutter des armen Richard Savage wurde –

STEELE. Des berühmten Homer der Vorstädte, des Sophokles der Schenken, des Verfassers eines die Schauspieler von Drurylane jetzt mit seinen dithyrambischen Bildern quälenden Dramas, namens Overbury

SAVAGE. Der auf die Nachwelt kommen wird trotz deiner Wochenschrift –! – so muß mein Glück der Welt leider verborgen bleiben. Ich werde dann nur noch ihr Sohn in der trauten Einsamkeit – ihres verborgensten Gemachs sein –

STEELE. Falls du dies nicht von einem ihrer jüngern oder ältern Freunde besetzt findest.

SAVAGE aufblickend und sich von den Papieren entfernend. Karikiere nur zu! Immer an der Wand die Kontraste des Lächerlichen! Ätzender Verstand, dessen Scharfsichtigkeit zuletzt blind werden muß, weil er durchaus an jedem Dinge sehen will, daß es zwei Seiten hat! Wenn sie nun das Feuer ihrer Jugend auch noch für ihr Alter bewahrt hat? Wenn sie nun auch gern den Becher der Freude an ihre Lippen setzt und nach den Rosenblättern hascht, die auf dem Weine schwimmen? Sie ist die Mutter eines Poeten! Leider, dessen Torheiten, dessen jetzt freilich endende, regellose und verkehrte Eingebungen müssen irgendwo herkommen. Lord Rivers, mein Vater, wer mag's gewesen sein? Nicht unmöglich ein Gentleman, dessen Philosophie über die Schleife seiner Krawatte nicht hinausging, und der meine geniale arme Mutter vielleicht nur durch eine Locke verführte, die er sich am linken Ohre schön zu drehen wußte. Lord Macclesfield? Der deckte mich, die Leiche meines Vaters und die Tränen meiner Mutter vielleicht mit einer Grafschaft und dem schönsten Palaste Londons. Meine Mutter war eine geborene Mason, aus dem Geschlechte jenes Douglas Mason, der in der Sporenschlacht fiel.[101] Wenn sie nun, wie eine Biene, frei über die Hecken und Zäune der alltäglichen Konvenienz hinausschwärmt und den Honig ihrer Zelle dorther entnimmt, wo sie ihn findet, wird sie, die kühne, edle Frau, nicht um so gewisser meine Mutter sein?

MISS ELLEN die Papiere, nachdem sie darin geblättert, zurückgebend, innig. Richard, möge das letzte Siegel, das auf diese Papiere gedrückt wird, der Kuß Ihrer Mutter sein! Möge die stolze Frau, der Sie das ganze Feuer Ihres edlen Herzens zuwenden, den Himmel nicht verschmähen, in welchen die Liebe eines solchen Sohnes versetzen muß! Mit einem unterdrückten Gefühl. Kommen Sie, Steele, es ist Zeit, daß wir in die Sitzung gehen.

SAVAGE ihre Hand küssend. O Miß, Sie sind so gut! Auch du, Steele Ihm die Hand gebend. tau' aus deinem Froste auf, wenn ein Sonnenstrahl aus dem Glücke deines Freundes auf dich fällt! Ich bleibe einen Moment noch in Ihrem Zimmer, Miß; ich habe einige Briefe zu schreiben und sehe auf Ihrem Tische Schreibzeug. Ich lese Ihnen nichts.

MISS ELLEN. Lesen Sie, Richard! Sie würden in der Stimmung, wo Sie jetzt nur von einem einzigen Gedanken beherrscht sind, mein Todesurteil Lächelnd. – wenn es dort läge – nur für eine Rechnung der Wäscherin halten –

STEELE. Oder für seinen Stammbaum, der hochgeborene Junker! Heut' abend nach der Vorstellung in Drurylane doch wohl noch – in der Anker-Tavern? Du mußt noch einige Stellen in deinem Stück ändern, wenn ich sie nicht empfindlich angreifen soll. Kommen Sie, Miß!

MISS ELLEN nimmt Steeles Arm. Beide ab.


Quelle:
Gutzkows Werke. Auswahl in zwölf Teilen. Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart [1912], S. 98-102.
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Richard Savage, Sohn einer Mutter
Dramatische Werke: Richard Savage; Oder, Der Sohn Einer Mutter Ottfried. Wullenweber. Der Dreizehnte November. Fremdes Glück (German Edition)

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