Vierter Auftritt.


[152] Ein Bedienter mit Kitty tritt ein. Dann Lady Macclesfield.


BEDIENTER. Wohnt hier Kitty Smith?

KITTY. Wohl! Wohl! Aber Kitty Toms, geborene Kitty Smith –

BEDIENTER. Die vor fünfundzwanzig Jahren beim Lord Monk diente? Dann bei Lady Mason –

KITTY. Dieselbe – aus St.-Albans – in der Grafschaft Kent.

BEDIENTER. Ganz recht – Ihr müßt es sein. Ab.

TOMS. Was soll das heißen, Kitty –?

KITTY. Kenne ja fast die Livree noch.


Lady Macclesfield tritt ein, verschleiert. Sie hält sich während des Folgenden auf der einen Seite, ohne auf der andern Savage zu bemerken.


LADY zu Kitty, sie heftig bei der Hand fassend und halb vorführend. Ihr seid Kitty Smith. Kanntet Ihr Lady Mason?

SAVAGE richtet den Kopf herüber.

KITTY. Mylady, Lady Mason –? – Die Dame ist längst tot –

LADY. Zögert nicht, Euch auf alles deutlich zu besinnen, was Ihr von Lady Mason wißt!

SAVAGE sich aufrichtend und an der Lehne des Stuhls haltend. Die Stimme –!

KITTY. Mylady, das ist lange, lange her – Fünfundzwanzig Jahre sind's, daß ich von Lord Monk wegzog – Lady Mason war eine stolze Frau, und was ich von ihr weiß, ist gerade nicht gemacht, andern wiedererzählt zu werden –

SAVAGE sinkt wieder erschöpft in den Sessel zurück.

LADY. Seid ohne Rückhalt, Frau! Ich bin die Tochter der Lady Mason –

KITTY. Wie? Ihr – Mylady –

SAVAGE richtet sich, ohne aufzusehen, groß und gespannt nach der Lady zu.

LADY. Ihr hattet ein Kind aufzuziehen, das der Tochter der Lady Mason gehörte ...

KITTY. Den Sohn des Grafen Rivers, der nach Ostindien ging –! Mylady, Ihren –

SAVAGE immer gespannter und nur durch sein Leiden an lebhaftern Gesten verhindert.[152]

LADY. Was geschah mit diesem Kinde? Seid aufrichtig! Himmel und Erde stehen auf Eurer Antwort.

KITTY verlegen. Mylady, ich weiß, daß Ihr Euch aus Haß gegen den treulosen Grafen Rivers ganz von seinem Kinde lossagtet. Ihre Mutter war es, die allein für dessen Schicksal sorgte ...

LADY. Lebt das Kind? Hat mich meine Mutter auf dem Sterbebett nicht getäuscht, als sie mir sagte, der Knabe wäre tot –? Die Familie, bei der sie ihn untergebracht, wäre ausgewandert –?

SAVAGE richtet sich hoch und gespenstisch auf.

KITTY. Mylady, ich bin eine arme Frau –

LADY. Ich meine es gut mit Euch – redet!

KITTY. Mylady, Ihre Mutter war eine heftige, unternehmende Dame. Sie haßte den Lord Rivers und, um ihn ganz von Euch zu trennen, nahm sie mir – Mylady –

TOMS. Mylady, ich bin zwanzig Jahre mit Kitty Smith verehelicht – aber ihre Ehrlichkeit und ihre Redlichkeit –

LADY. Lebt das Kind, frag' ich –?

KITTY. Ihre Mutter – sag' ich, die haßt' es – Wenn ich kam, um mir das Nähr- und Pflegegeld zu holen – ich war ein ehrliches Mädchen und konnt' es nur mit Milch und Wasser aufziehen – da mochte sie's nicht auf ihren Arm nehmen – Dann, als ich heiratete und als Unbescholtene kein Kind in die Ehe mitbringen mochte, gab ich's in die Kost bei unserm Schulmeister – dann kam's zu einem Schuhmacher, und da wuchs der Knabe auf – bis er – entfloh –

LADY schwindelnd. Gott!

KITTY. Seine Pflegeeltern starben, und die Papiere – die Rechnungen – der Taufschein – alles kam ans Kirchspiel – Mylady! Ihre Mutter konnte von dem Kirchspiel nichts wieder herausbekommen, die Papiere haben sich in St.-Albans noch vor einem Jahr gefunden – ich schwör's beim heiligen Evangelium! Als ich vorm Jahr meine Verwandten in Kent besuchte, sagte der Küster, in den Kirchenbüchern da lägen mehr Geburtsscheine, als manche Mutter wünschen möchte, und im letzten Sommer wär' einer draußen gewesen und hätte alles nachgeschlagen und abgeschrieben, was – sich über den Richard – ja so hieß er, vorgefunden. So ist's, und darauf kann ich bei unserm Heiland schwören.

LADY. Es – war – mein – Sohn!

SAVAGE in höchster Erregung, doch zusammenbrechend. Erlösung – Licht – Freiheit –[153]

TOMS herbeieilend. Was ist Euch? Barmherzigkeit! Hilfe!

LADY Savage erblickend. Wie – Was seh' ich – Täuscht mich – mein Auge –?


Quelle:
Gutzkows Werke. Auswahl in zwölf Teilen. Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart [1912], S. 152-154.
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Richard Savage, Sohn einer Mutter
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