Dritter Auftritt.


[84] Der Erbprinz von Baireuth nach französischem Geschmack gekleidet und durchaus abweichend von dem Lieblingskostüm des Königs. Prinzessin Wilhelmine.


WILHELMINE beiseite. Der Erbprinz.

ERBPRINZ behutsam vortretend und beiseite. Ganz ihr Bild! Es ist die Prinzessin. Laut. Ich bitte um Vergebung, Königliche Hoheit, daß meine Ungeduld, die Grüße des Kronprinzen persönlich auszurichten –[84]

WILHELMINE. Der Erbprinz von Baireuth setzt mich durch einen so frühzeitigen Besuch in nicht geringe Verlegenheit.

ERBPRINZ. Er galt nicht Ihnen, er galt dem herrlichen, ehrwürdigen Schlosse, diesen Treppen, diesen Galerien, diesen Korridoren, er galt der Terrainkenntnis, Königliche Hoheit, die einer jeden bedeutenden Unternehmung vorangehen muß.

WILHELMINE. Gedenken Sie hier eine Schlacht zu liefern?

ERBPRINZ. In durchaus friedlichen Absichten bin ich eben nicht hier, wenn ich auch, wie Prinzessin Wilhelmine bereits wissen werden, mich mehr auf die Defensive beschränken muß.

WILHELMINE. Und auch diese werden Sie nicht schonend genug ergreifen können. Für sich. Das Billett wird nicht mehr nötig sein. Laut. Wie ließen Sie meinen Bruder? Wohlauf? Viel beschäftigt?

ERBPRINZ. Der Kronprinz führt in seinem Exil ein Leben voll heiterster Abwechselung. Er hat sich Rheinsberg in einen kleinen Musensitz umgeschaffen, der bald den ernsten Studien, bald der poetischen Erholung gewidmet ist. Wir haben schöne Stunden dort verlebt, unvergeßliche; man sollte nicht glauben, daß man sich an der mecklenburgischen Grenze soviel Phantasie erhalten kann. Man malt dort, man baut, man meißelt, man dichtet. Das Regiment, welches unter dem unmittelbaren Befehl des geistreichen Prinzen steht, dient dazu, durch militärische Evolutionen die strategischen Angaben des Polybius zu verwirklichen. Kurz, ich würde mich unglücklich fühlen, diesen reizenden Aufenthalt verlassen zu haben, wäre mir nicht ein so ehrenvoller Auftrag geworden. Ja, Prinzessin, der Kronprinz wünscht über die Lage, in der sich hier Schwester und Mutter befinden, genaue an der Quelle geschöpfte Erkundigungen einzuziehen, nötigenfalls auch zu beraten, wie dieser Lage abzuhelfen, diesen Widerwärtigkeiten zu begegnen sei.

WILHELMINE. Erführe man, daß ich einem Prinzen, der bis jetzt weder meinem Vater noch meiner Mutter vorgestellt wurde, hier im offenen Saal Audienz gebe, ich glaube, daß ich mich rüsten könnte, einige Wochen auf die Festung Küstrin zu gehen. Will, sich verneigend, abgehen.

ERBPRINZ. Prinzessin! Ist es also wirklich wahr, was man mit Schaudern an allen Höfen Europas erzählt, daß der König von Preußen den Hof, seine Umgebungen, seine eigene Familie tyrannisiert?

WILHELMINE. Prinz, Sie brauchen einen harten Ausdruck für das, was ich nur unser eigentümliches Zeremoniell nennen möchte. In Versailles schwebt alles mit Zephirflügeln über die glasierten[85] Parketts. Hier tritt man ein wenig derb mit klirrenden Sporen auf. In Versailles hat sich die königliche Familie in eine große Gesellschaft aufgelöst, wo nur noch die Verwandtschaft der Geister, die Bande der – ungebundensten Neigungen heilig gehalten werden. Hier ist der Hof eine einzige bürgerliche Familie, wo man noch vor Tisch sein Gebet hält, die Eltern immer zuerst reden läßt, mit dem pünktlichsten Gehorsam, wenn es verlangt wird, fünf eine gerade Zahl sein läßt und sich dann nur aus Liebe manchmal ein bißchen zankt, aus Liebe manchmal ein bißchen quält, aus Liebe sich das Leben ein wenig sauer macht.

ERBPRINZ. Prinzessin, ich schwöre Ihnen, das muß anders werden.

WILHELMINE. Wie sollte es –?

ERBPRINZ. Der Kronprinz hat mich beantragt, alle erdenklichen Mittel aufzubieten, Sie von dieser Barbarei zu befreien. Gebieten Sie über mich. Sie sehen mich bereit dazu. Zuerst empfahl er mir dringend Ihre geistigen Bedürfnisse. Wie ist es mit der französischen Sprache?

WILHELMINE. Der König haßt alles, was vom Ausland kommt und nichts mehr als Frankreich, seine Literatur und seine Sprache.

ERBPRINZ. Der Kronprinz wußte das und schickt Ihnen deshalb, um hiermit gleich den Anfang zu machen, aus seinem Rheinsberger Kreise ein kleines geschwätziges, aber sehr gelehrtes Männchen, einen Franzosen, namens Laharpe –

WILHELMINE. Die strengsten Befehle bannen alle französischen Sprachmeister aus Berlin.

ERBPRINZ. Laharpe geht zu Ihnen, ohne daß man ihn kennt.

WILHELMINE. Unmöglich. Zu mir darf niemand, der sich nicht bei der Schloßwache ausweisen kann.

ERBPRINZ. So hören Sie Laharpes Vorträge bei der Sonnsfeld, Ihrer Hofdame.

WILHELMINE. Unmöglich.

ERBPRINZ. Bei der Königin.

WILHELMINE. Unmöglich.

ERBPRINZ. Mein Himmel, sind Sie sich denn nie eine Stunde allein überlassen?

WILHELMINE. Sonntäglich zwei Stunden in der Kirche.

ERBPRINZ. Das ist ja entsetzlich! In Versailles haben nicht nur die Prinzessinnen schon von zehn Jahren, sondern sogar ihre Puppen ihren eigenen Hofstaat![86]

WILHELMINE. Der einzige Ort, den ich zuweilen längere Zeit ohne Begleitung besuchen darf, sind drüben jene Zimmer im untern Stockwerk des Schlosses –

ERBPRINZ. Wahrscheinlich die Privatbibliothek des Königs?

WILHELMINE. Nein!

ERBPRINZ. Eine Galerie von Familiengemälden?

WILHELMINE. Sehen Sie den Rauch, der aus den geöffneten Fenstern hervordringt?

ERBPRINZ. Das ist – doch nicht etwa – die Garküche?

WILHELMINE. Die Garküche nicht, aber auch nicht viel Besseres. Es ist, mit Ehren zu melden, die Königlich Preußische Waschküche! Sehen Sie, Prinz, da ist es der Schwester des Kronprinzen erlaubt, stundenlang sich hinzustellen und ehrbar zuzuschauen, wie man die Wäsche spült, sie mangelt, die Kleider stärkt, die Gedecke, die Servietten sortiert –

ERBPRINZ. Einer Prinzessin?

WILHELMINE. Sehen Sie das kleine Fenster mit den grünen Blumenstöcken und dem kleinen Hänfling im Käfig? Dort wohnt die Frau des Silberwäschers. Während die arme Königstochter zuweilen scheinbar wie eine Magd an den Töpfen und Kesseln zu walten scheint, schlüpf' ich heimlich zu jener guten Frau, wo ich hinter den Blumen frei und heiter lachen kann, verstohlen dem kleinen Hänfling aus meiner Hand sein Futter reiche und mir schon oft gesagt habe: Bei all deinen Leiden, all deinem Kummer bist du doch noch glücklicher als der arme kleine Sänger da im Käfig, dem sie nimmer die Freiheit geben werden, und säng' er noch so schön, noch so melodisch in allen Sprachen der Erde.

ERBPRINZ beiseite. Sie ist bezaubernd! Laut. Und Laharpe?

WILHELMINE. Da es denn gewagt sein soll – dorthin, Prinz, schicken Sie mir diesen gelehrten Herrn, dort will ich, wie es der Bruder befiehlt, meinen französischen Stil bilden und unter anderm lernen, wie man recht elegant, recht modern französisch sagen kann: »Ja, wagen wir den Anfang eines neuen Lebens! Bleiben Sie der Freund meines Bruders, bleiben Sie mein Beschützer!« Für jetzt aber – leben Sie wohl. Eilt ab.


Quelle:
Gutzkows Werke. Auswahl in zwölf Teilen. Band 2, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart [1912], S. 84-87.
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