Erster Auftritt.


[113] Prinzessin Wilhelmine lehnt nachdenklich am Fenster. Die Sonnsfeld sitzt links und strickt an einem Kinderstrumpf. Später Eckhof.


WILHELMINE beiseite. Stunde um Stunde vergeht. Was wird der Prinz von mir denken! Oder sollt' er mein Schicksal schon erfahren haben?

SONNSFELD. Sagten Sie etwas, Königliche Hoheit?

WILHELMINE. Nein, ich – – seufze nur –

SONNSFELD. Es schien mir doch, als sprächen Sie mit sich selbst. Werden Sie nur nicht schwermütig. Die Verse werden Sie bald auswendig wissen, und vom Stricken lös' ich Sie ab –

WILHELMINE. Du bist zu gut! Besser als ich heut' um dich verdient habe. Es ermüdet dich, gib her –

SONNSFELD. Lassen Sie nur. Nehmen Sie den andern angefangenen – so arbeiten wir vor und können später ausruhen.

WILHELMINE nach der Tür hinhorchend. Und nicht einmal, daß einem ein freies Wort gegönnt ist!

SONNSFELD steht auf und sieht an die Tür hin. Es ist grausam, Soldaten den Anblick einer Prinzessin zu gönnen, die man so tief erniedrigt, Strümpfe zu stricken!

WILHELMINE. Wozu murren! Es läßt – an sich – recht häuslich. Sie strickt.

SONNSFELD. Was würde der Erbprinz sagen, wenn er Sie so erblickte?[113]

WILHELMINE. Der Erbprinz? Wie kommst du – auf den Erbprinzen?

SONNSFELD. Sie werden nicht leugnen können, daß Sie von ihm mit einer Aufmerksamkeit behandelt werden, die beinahe zärtlich zu nennen ist.

WILHELMINE. »Beinahe!«

SONNSFELD. Diese Augen! Diese Blicke! Ich müßte mich sehr irren, wenn Ihnen nicht der Kronprinz in diesem jungen Fürsten zugleich den feurigsten Liebhaber schicken wollte, den es nur unter der Sonne geben kann.

WILHELMINE. Liebende halten es ja mehr mit dem Monde.

SONNSFELD. Und er legt eine so große Verehrung vor Ihnen an den Tag, daß ich mich ferner sehr irren müßte, wenn ich nicht annehmen wollte, unsere Schildwache draußen trüge schon längst ein Billett von ihm an Ew. Hoheit in der Tasche.

WILHELMINE. Sonnsfeld! Welche Kombination!

SONNSFELD. Nicht wahr, eine Kombination, würdig eines Seckendorf? Ich werd' ihn aber bei alledem fragen –

WILHELMINE. Bist du von Sinnen?

SONNSFELD an der Tür. Heda! Grenadier!

ECKHOF tritt ein. Zu befehlen!

SONNSFELD. Hat man nicht ein Billett für uns?

ECKHOF. Halten zu Gnaden, ja!

SONNSFELD zur Prinzessin. Da sehen Sie. – Vom Erbprinzen von Baireuth?

ECKHOF. Halten zu Gnaden, ja!

WILHELMINE. Wo ist es? Hat Er es angenommen?

ECKHOF. Halten zu Gnaden, nein! Macht kehrt und ab.

SONNSFELD. Abscheuliches Land! Die Gefühllosigkeit erstreckt sich hier sogar schon auf die – ungebildeten Volksklassen.

WILHELMINE. Wie konnte nur der Erbprinz annehmen, daß sich die Wache erlauben würde, so gegen allen Anstand zu verstoßen!

SONNSFELD. Würden Sie es denn nicht angenommen haben?

WILHELMINE. Nimmermehr!


Ein Brief mit einem kleinen Stein beschwert, wird durchs Fenster geworfen.


SONNSFELD. Ein Brief durchs Fenster – ach, was bin ich erschrocken!

WILHELMINE. Nimm ihn auf.

SONNSFELD tut es. Sie nehmen ihn ja nicht an?.. Er ist doch wohl nur vom Erbprinzen und – jedenfalls an Ew. Hoheit – Übergibt ihn.

WILHELMINE. An mich? Warum auch – warum sollt' ich[114] ihn nicht annehmen? Erbricht ihn. Vom Erbprinzen! Liest beiseite. »Angebetete! Wollen diese Grausamkeiten kein Ende nehmen? Hat man schon begonnen, Sie mit England zu quälen? Man wird zu Ihnen kommen, Sie zu dieser Verbindung zwingen wollen, aber Ritter Hotham, der englische Abgesandte, ist mein Freund, Ihr Freund und wird für Sie handeln, während er gegen Sie zu handeln scheint. Ein gefährliches Spiel, aber es gilt Ihre Freiheit und mein Leben. Die Liebe versteht – die Liebe!«

SONNSFELD. Darf man wissen?

WILHELMINE. Eine kleine Beileidsbezeigung – von – von – einem unserer guten Diener –

SONNSFELD. O, diese guten Leute haben Sie alle so lieb! Sie müssen doch wohl antworten –

WILHELMINE. Nur zwei flüchtige Worte – es ist wirklich zu unbedeutend –

SONNSFELD. Man stößt aber niemand gern zurück! Beiseite. Wie sie sich verstellt! Laut. Ich will doch sehen, ob unser Grenadier noch immer so störrisch ist –

WILHELMINE. Wo denkst du hin?

SONNSFELD. Wir machen einen Versuch. Tritt an die Tür. Heda, rauher Krieger!

ECKHOF tritt ein. Zu befehlen!

SONNSFELD. Warum hat Er den Brief nicht angenommen?

ECKHOF. Es stehen Spießruten drauf.

SONNSFELD. Wir haben Mittel, solche Strafen gutzumachen!

ECKHOF. Die haben Sie nicht.

SONNSFELD. Ist Geld kein Mittel?

ECKHOF. Ließe sich auch Schande durch Geld heilen, so könnten Sie von allen Mitteln doch dies gerade am wenigsten anwenden.

WILHELMINE. Wieso?

ECKHOF. Weil Ew. Hoheit kein Geld haben.

SONNSFELD. Abscheulicher Mensch!

WILHELMINE beiseite. Er kennt unsere Lage nur zu gut. Wir müssen den Gedanken an eine Antwort aufgeben.

ECKHOF. Darf ich abtreten?

SONNSFELD. Vorwitziger Mensch! Wie heißt Er?

ECKHOF. Eckhof.

SONNSFELD. Wo ist Er her?

ECKHOF. Aus Hamburg.

SONNSFELD. Was hat Er gelernt?

ECKHOF. Nichts.

WILHELMINE. Nichts? Das ist sehr wenig.[115]

SONNSFELD. Was hat Er werden wollen?

ECKHOF. Alles!

WILHELMINE beiseite. Sonderbarer Mensch! Laut. Examinier' ihn; er unterhält uns wenigstens.

SONNSFELD zu Eckhof. Wir sind nicht gescheut genug, seine geistreichen Antworten zu verstehen. Wie hängt sein Alles und Nichts zusammen?

ECKHOF. Ich bin in meiner Jugend bei einem Theater aufgewachsen und habe dort anfangs nichts gelernt als die Lichter putzen. Unser Prinzipal entließ seine Gesellschaft, und ich war genötigt, Dienste bei einem Postschreiber zu nehmen. Als mir aber die Frau meines neuen Herrn zumutete, als Bedienter hinten auf ihre Kutsche aufzusteigen, nahm ich den Wanderstab. Ich bettelte mich zu einem Rechtsgelehrten nach Schwerin durch, der mich bei sich als Schreiber anstellte. Die Post und die Gerichtsstube wurden zwei neue Theater für mich. Briefadressen regten meine Phantasie, Prozesse meinen Verstand an. Der Gedanke, von der Bühne herab menschliche Größe und menschliche Verbrechen in lebenstreuen Zügen wiederzugeben, das Laster und die Tugend zu malen, wie sie find, begeisterte mich, aber die Gelegenheit, ihn auszuführen, fand sich nicht. Der Zufall spielte mich in einem Augenblick, wo ich leichtsinnig die Schwermut in einem Rausche zu vergessen suchte, preußischen Werbern in die Hände. Das dargebotene blanke Silber blendete; ich verlor meine goldene Freiheit. Seitdem trag' ich die Muskete. Die tausendmal erwachende Sehnsucht nach der Kunst, zu der ich den Beruf wie eine heilige Mahnung in mir fühle, übertäubt jetzt die lärmende Trommel, den Trieb nach edlerer Menschendarstellung schnürt die Uniform zusammen, und in abgerichteter, unfreier Bewegung der Glieder wird auch wohl zuletzt der freie Wille und das Gefühl für die menschliche Würde sterben. Von diesem Schicksal erlöst den verkauften armen Soldaten nichts als der Tod.

WILHELMINE beiseite wehmütig. Ein Bild meiner eigenen Leiden.

SONNSFELD. Das ist schon alles ganz gut, aber im Grunde kann Er froh sein, jetzt wenigstens etwas zu sein, da Er sonst nichts war und nichts gelernt hat.

ECKHOF. Aus Büchern wenig, aber manches aus dem Leben. Auch versteh' ich etwas Musik.

SONNSFELD. Musik? Da könnt' Er hier die arme gefangene Königstochter unterhalten! Prinzessin, die Flöte des Kronprinzen –

ECKHOF. Ich spiele Violine –[116]

SONNSFELD. Auch eine Violine ist da. Wir haben das ganze Orchester des Kronprinzen Geht an den Schrank. hier versteckt! Da! Bringt eine Violine. Spiel' Er uns! Wir tanzen.

WILHELMINE. Wo denkst du hin? Dort sind die Zimmer der Königin. Hier Auf rechts zeigend. kann uns jeden Augenblick der König überraschen –

SONNSFELD. Eine kleine Française! Eine Vorübung zum Fackeltanz bei Ihrer künftigen Vermählung!

WILHELMINE. Du kennst den Abscheu des Königs gegen Spiel und Tanz.

SONNSFELD. Da, Eckhof, nehm' Er nur! Fang' Er nur an!

ECKHOF sieht sich um. Wenn ich aber – mein Himmel – Bewegt. seit drei Jahren hab' ich ein so edles, zaubervolles Instrument nicht berührt!

SONNSFELD. Nur zu! Prinzessin, ich bin der Herr, Sie sind die Dame.

ECKHOF spielt einen Tanz in dem einfachen naiven Geschmack jener Zeit. Die beiden Damen tanzen.

SONNSFELD. Brav, Eckhof! Es geht ganz gut. Ach, welche Wohltat, einmal tanzen zu können! So – la, la, la, la Sie singt die Melodie nach.


Quelle:
Gutzkows Werke. Auswahl in zwölf Teilen. Band 2, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart [1912], S. 113-117.
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