Achtes Capitel
Das Wachsen des Bundes

[2898] Wann kommen wir All' uns wieder entgegen,

Im Blitz und Donner oder im Regen?


rief Leidenfrost, als er Louis erblickte und sich der Major über das glückliche Zusammentreffen der vier im Geiste Verbundenen innigst zu freuen schien.


Wenn der Wirrwarr höher steigt

Und wer Sieger ist, sich zeigt!


antwortete Dankmar, auch die Macbethhexen parodirend, rückte Stühle heran, nahm dem Major den Mantel ab und schüttelte den Freunden, die er noch nicht gesehen, die Hände.

Graulieschen! sagte Leidenfrost zur Frau Schievelbein, Graulieschen, was brau'st du da für ein namenloses Werk?

Erlauben Sie, sagte die Alte, um so empfindlicher über diese Anrede eines Mannes, dessen »Komplimente« sie kannte, als sie wegen eines hohen Offiziers ihrer Toilette eingedenk wurde, erlauben Sie, ich heiße Eulalia und Das wird Kaffee, wenn Sie nichts dagegen haben, Herr Leidenfrost.[2898]

Eulalia! Menschenhaß und Reue! fuhr Leidenfrost im pathetischen Tone fort. Kommt Einer da wol heraus aus seinen theatralischen Reminiscenzen? Ich studire gerade Goethe's Faust ein und komme aus dem Arrangement der Hexenküche.

Frau Eulalia Schievelbein brummte auf's Neue über sothane Anspielungen, beeiferte sich aber, die comfortabelste Erweiterung ihrer Arrangements möglich zu machen und suchte darin wirklich zu hexen.

Wir erfuhren, daß Sie wieder da sind, Wildungen, begann Werdeck. Und in Trauer! Wir kommen, um Sie theilnehmend zu begrüßen ... Ihr Verlust ...

Nur keinen Grabsermon! fiel Leidenfrost ein. Ich hab' ihm Alles geschrieben, was ich über die nothwendige Fütterung der Würmer denke und über die Seelenwanderung. Die Citronen, die die Leidtragenden in der Hand halten, werden am besten in aller Stille mit nach Hause genommen, wo sie zum Punsch verwendbar sind. Dankmar, wenn Siegbert da wäre, würde ich anständig condoliren. Da Sie es sind, denk' ich nur wieder:


Sie hätte auch gelegner scheiden können – es hätte

Sich bess're Zeit für solches Weh gefunden.


Das wohl! sagte Dankmar und setzte nach einer Weile hinzu: Aber Sie sind ja schon im besten Zuge Ihrer theatralischen Carriere, mengen Macbeth und Faust zusammen wie Kaffee und Sahne – bedienen Sie sich, meine Herren![2899]

Das Beispiel meines Chefs, der ästhetisch solchen Milchkaffee liebt, sagte Leidenfrost, die Cigarrenbüchse hervorziehend, steckt mich an! Herr von Harder, mein gegenwärtiger Schiffspatron, steuert immer Nord-Nordost, wenn die Boussole der Literatur, Kunst und gesunden Vernunft Süd-Südwest zeigt. Schiller und Goethe ist ihm ein- und derselbe verschwommene, allgemein klassische, kassenverderbliche Begriff, nur daß er wenigstens aus den ästhetischen Anfragen der Hofdamen herausfühlt, daß in der grauen Nebelgegend, Schiller genannt, etwas mehr Sittlichkeit herrscht, als in der grauen Nebelgegend Goethe und umgekehrt, dort mehr Zeitgeist, als hier. Es ist prächtig. Auch Faust und Macbeth, die er beide einmal gesehen haben muß, in Wien, München oder Vaduz, rinnen ihm in demselben Hexenkessel zusammen. Heute auf der Probe des Faust erschien die Excellenz in selbstpersönlichster Person und wollte sich um das Arrangement der Hexenküche Verdienste erwerben. Wo kommen denn die Könige her, die dem Faust erscheinen, fragte er mich mit dramaturgischem Vorstudium und die Künstler lauschten, sich auf die Lippen beißend, in demüthiger Entfernung. Welche Könige, Excellenz? fragt' ich dienst-untergebenst. Nun, ich denke, ich habe Das schon einmal gesehen, sieben oder acht Könige, die – wie heißt der Teufel–Mephistopheles, Excellenz? Mephistopheles, ganz recht – durch einen Spiegel – vor dem Doktor Faust erscheinen läßt – ich hab's in Wien gesehen – macht sich sehr gut – es ist gleichsam, sozusagen, der ganze genealogische,[2900] der ganze genealogische – Sie meinen, Excellenz, der ganze künftige genealogische Kalender von England, Schottland, Irland – Ganz recht, von Irland – Excellenz irren sich, sagte der tollkühne, oppositionswüthige Regisseur, der vortrat, Sie verwechseln Faust mit Macbeth – dies kühne Wort der feindseligen gegen die Intendanz verschwornen Regie entrüstete den Geheimrath und veranlaßte ihn, einen vielsagenden Blick zu mir hinüberzuwerfen, ob ich ihn nicht aus Irland durch allerhand kleine Seitenwege doch dahin führen könnte, daß er diesem impertinenten Allesbesserwisser, den er nächstens ohnehin absetzen wollte, gegenüber Recht behielt – der Spiegel, sagt' ich, ist hier zur Rechten, Excellenz. Ich glaube, daß Sie auf Veranlassung des Spiegels ... Ein kleines Kind kommt vor, fiel Herr von Harder determinirt ein, ich weiß es aus Wien, ein kleines Kind kommt vor mit einem Spiegel, der Spiegel da ist zu groß und überhaupt, seien wir vorsichtig mit diesem kleinen Kinde – es ist gekrönt, ich weiß es sehr gut – es ist gekrönt und bedeutet die fruchtbare Dynastie von England – Sehr wahr! Aber – bemerkte der über meinen Beistand erschrockene Regisseur ... Die Dynastieen von England, sagt' ich, sind sehr fruchtbar, Herr Döbereiner; aber was wäre daran Gefahr ... Ja, sagte Excellenz, ich muß Ihnen bemerken, daß die jungen königlichen Herrschaften nicht gern an ihre liebsten Hoffnungen, an die Täuschung ihrer liebsten Träume – Excellenz wünschten die Descendenz-anspielung, das gekrönte Kind, fortzulassen? ... Er: Herr[2901] Döbereiner, streichen Sie das Kind weg – es ist für die Herrschaften störend! Der Regisseur: Aber Kindermord? Ich: Excellenz können ja auch die ganze Genealogie wegstreichen und blos den großen Spiegel nehmen lassen, worin Faust blos das Bild Gretchens sieht, nachdem er den Hexentrank zu sich genommen – Er: Ganz Recht, ganz Recht, Hexentrank! Aber, es müssen drei Hexen sein – ich weiß, es waren in Wien drei Hexen – Ja wohl, Excellenz, es sind drei Hexen, allein man nimmt doch gewöhnlich nur eine; sie kommt aus dem Schornstein durch eine Flugmaschine, die ich anbringen werde und für die beiden andern Hexen nehmen wir vier oder fünf Meerkatzen, die den Brei kochen, die bekannten breiten Bettelsuppen – hm, hm, räusperte sich der Intendant und warf dann einen Blick auf den Regisseur mit den Worten: Herr Döbereiner, geht Das? Es ist sogar vorgeschrieben, Excellenz, sagte dieser mit Entsetzen nach der Uhr sehende und seine Suppe und Hausfrau bedenkende Mann, seufzend vor Ungeduld. Meerkatzen? bemerkte der Intendant plötzlich und verfiel in ein nachdenkliches Grübeln; wie machen Sie denn Meerkatzen? Excellenz, sagte der geplagte Mann, dort die fünf kleinen Jungen vom Ballet werden in zusammengenähte Felle gesteckt und machen ihre Sache Abends ganz charmant! ... Excellenz: Ja, aber, bester Freund, Meerkatzen! Meerkatzen, Das ist leicht gesagt. Ich weiß sehr wohl, das sind Affen. Ich bin dafür, daß Alles vollkommen ist und die Kunst soll fortschreiten. Da ist hier der Maler Heinrichson gewesen.[2902]

Er ist jetzt in Italien! Der hat die Lady gemalt – wissen Sie, die Lady, die mit Apollo oder so einem Gott unter einer Decke spielte – wissen Sie, es war eine Muse – Wir verstehen Excellenz vollkommen – Also diese Lady hatte ein Verhältniß, wo Apollo immer in Gestalt eines Schwanes zu ihr kam – dummes Zeug das – aber gemalt macht sich's ... und diesen Schwan, den ließ ich aus Dänemark kommen ... Und so mein' ich fast, auch die Meerkatzen müßten doch eigentlich ... Nun erinnerte ich ihn, da ich seine tiefen Absichten verstand, an seinen Vater und dessen kleine Menagerie in Tempelheide – nein, sagte er, mein Papa hält keine Meerkatzen – Meerkatzen sind Affen – nicht wahr, Affen? – Affen, Excellenz! ... Nein, Papa liebt die Affen nicht, der gute alte Herr hat die Manie, Thiere zu bilden, aber die Affen mag er nicht, weil – ich habe den alten Papa Das sehr oft sagen hören, weil ... weil ... Excellenz stockten; ich ergänzte: Weil die Affen an sich die Karrikaturen der Menschen wären und nur den tollgewordenen Verstand der Thiere bezeichneten? – Richtig, brav, Leidenfrost; aber ich habe eine andere Auskunft. Da ist der Baron von Dystra angekommen, ein kurioser Heiliger, der einige Mohren und unter Andern auch Meerkatzen aus – ich weiß nicht – welchem Welttheile von Australien mitgebracht hat. Zu dem will ich doch wegen dieser Scene gehen. Ich denke mir doch interessant, wenn wir – Um Gotteswillen, Excellenz, rief Döbereiner, doch keine natürlichen Meerkatzen auf die Bühne bringen? Der Intendant stand still und sah forschend auf mich. Er hatte[2903] sich in der That im Stillen gedacht, daß eine Hexenküche mit natürlichen Meerkatzen viel Aufsehen erregen, und da er sehr ehrgeizig ist, vielleicht in der Kunstgeschichte ihm einen Namen erwerben würde. Ich konnte aber doch, um die unglücklichen Schauspieler zu erlösen, nicht anders, als sagen: O auf dem Tanzsaale oben, Excellenz, lassen Sie diese Jungen nur die Kapriolen der Meerkatzen des Herrn von Dystra beobachten und jedenfalls die in der Garderobe für diesen Zweck vorhandenen Kostümes nach diesen gewiß höchst echten australischen Meerkatzen korrigiren, respektive ganz neu anfertigen ... Vortrefflich, sagte der Intendant, schob die Vorstellung des Faust, obgleich schon alle Billets vergriffen sind, wieder auf zwei Tage hinaus und begab sich ohne Zweifel direkt zum Herrn Baron von Dystra mit dem erhebenden und gewiß in der Königs- und den Prinzenlogen zur vollsten Anerkennung kommenden Bewußtsein, daß er aus Goethe's Faust das in ihm gar nicht vorkommende gekrönte Kind meuchlings weggemolcht hatte, dagegen aber die Hexenküche mit treuen, fast lebendigen, jedenfalls der Natur abgelauschten Meerkatzen neu bereicherte.

Diese mit dramatischem Talente vorgetragene Erzählung des humoristischen Malers versetzte die kleine Gesellschaft in heitre Stimmung. Man rauchte, man schlürfte den braunen Trank und tauschte seine Erlebnisse aus. Auch Louis mußte erzählen und wurde von Werdeck besonders dazu aufgefordert, da der von ihm im Forsthause erlebte Vorfall in den Zeitungen, die zu jener Zeit, um ihre[2904] plötzlich vergrößerten Spalten zu füllen, Alles und Jedes aufrafften, schon berichtet und verkehrt genug entstellt war.

Louis fand dadurch Gelegenheit, über Murray zu sprechen und sein Interesse an dessen unglücklichem Schicksale durch eine Schilderung seines Charakters zu begründen. Er vermied dabei natürlich jede Andeutung über dieses Mannes wahre Geschichte. Für Dankmar war seine Erzählung besonders auch deshalb unterhaltend, weil er die Lokalität dieses Vorfalles kannte, durch den blinden Schmied und seine Beihülfe zur Unterschlagung des Schreins selbst in die größte Verlegenheit gekommen war und vor jener Ursula Marzahn nach Heunisch's Mittheilungen selbst Grauen genug empfunden hatte. Freilich fügte er hinzu, daß hier zu helfen schwierig sein würde und daß kaum etwas Andres möglich wäre, als den Gang der Untersuchung abzuwarten. Bedenklich bliebe unter allen Umständen der Besitz eines Terzerols, die jähe, vielleicht übereilte Anwendung dieser Waffe, die zu einer vollgültigen Zeugenaussage unzurechnungsfähige Verstandesschwäche jener Frau, die ihm so hexenartig erscheine, daß, setzte Dankmar hinzu, Herr von Harder sie eigentlich noch für den neueinstudirten Faust auch benutzen müßte, wenn dann nur nicht wiederum eine neue Störung des Repertoirs würde einzutreten haben.

Da Louis zuletzt jenes Otto von Dystra Erwähnung gethan und bemerkt hatte, ob ein Mann, der Murray so nahe stünde und einflußreich scheine, nicht auch in das[2905] Interesse einer Verwendung für den Gefangenen gezogen werden sollte, schloß Dankmar seine klare und rechtskundige Darstellung dieses Falles mit den Worten:

Ich billige vollkommen, daß man diesem die Noth seines Freundes anzeigt. Wer die Freundschaft eines so vortrefflichen Menschen, wie Sie Murray schildern, besitzt, muß für edlere Dinge als die Kapriolen von Meerkatzen Sinn haben. Ich will Sie, da Sie es wünschen, noch heute Abend zu diesem Manne begleiten.

Louis dankte erfreut. Ein Stein fiel ihm vom Herzen. Auch die Andern lobten ihn für seinen warmen Antheil und fanden es freundlich von Dankmar, daß er sich diesem Ersuchen nicht entzog.

Da Louis diese Last etwas erleichtert fand, hörte er jetzt mit um so größerer Aufmerksamkeit den Erörterungen zu, die sich über die gemeinsame Angelegenheit ihrer Ordensstiftung erhoben. Der Gegenstand war zu wichtig, zu bedeutungsvoll, als daß er ihm nicht mit Freuden diesen Nachmittag hätte opfern sollen.

Wir haben uns, begann Dankmar, nach jenem Abend plötzlich getrennt, sind da- und dorthin auseinandergestoben, aber der Funke begleitete uns und zündete. Auch am Sterbebett meiner theuersten Angehörigen beschäftigte mich unser großes Ziel und von Ihnen Allen – Siegbert ausgenommen – hör' ich, daß Sie gewirkt haben. Meine Hoffnung, dem Bunde unser Erbe zuzuführen, wird immer schwankender, ich gebe sie auf. Dennoch, ob wir gleich noch nicht eine Form gefunden haben, die uns[2906] zusammenhält, obgleich noch kein Eid uns bindet, keine Symbolik in Bücher oder mündliche Tradition niedergelegt ist, wirkt doch schon der Geist im Stillen und die Liebe sehnt sich mächtig, die Ihrigen zu umfangen. Ich weiß, Leidenfrost und Sie, bester Major, haben Würdige gefunden. Die Namen nennen wir nicht. Wir wissen nicht, wir glauben nur. Und daß Ihr Vertrauen sich nicht täuschte, beweist z.B. dieser Brief, den ich gestern empfing. Er ist ohne Namen. Lesen Sie diese Worte.

Damit zog Dankmar einen Brief aus dem Portefeuille, das er auf der Brust trug, entfaltete ihn und zeigte ihn am Tisch rundum. Er lautete, eingeführt mit den vier Kleeblattpunkten:

**** »Sie verlieren die zweite Instanz Ihres Prozesses! Dieser Tage erhalten Sie das Erkenntniß. Wagen Sie den Versuch der letzten Entscheidung bei'm Obertribunal! Der alte Nestor unsres Justizwesens, der greise Herr von Harder, interessirt sich für diesen Gegenstand. Die Stadt rüstet sich bereits, die Möglichkeit zu erwägen, wenn sie den Prozeß verlöre. Der Rath hat in geheimer Sitzung diskutirt, ob für diesen Fall nicht die Verausgabung von zwei Millionen Stadtkammerscheinen erlaubt werden dürfte.«

Man freute sich über diese Mittheilung. Sie kam jedenfalls von einer wohlwollenden Persönlichkeit, die Dankmar vielleicht nicht einmal kannte. Man prüfte die Handschrift und Niemand wußte, wo er sie hin bringen sollte.

So wächst denn unsre Saat, fuhr Dankmar fort, und die Ernte wird immer größer werden. Ich gewinne Meinungsgenossen,[2907] diese schon Andre und so dehnen sich die Glieder einer Kette aus, die wir nicht mehr ganz übersehen können. Wer weiß, ob diese Worte nicht von einem Manne kommen, der uns durch Sie, Major, oder durch Leidenfrost gewonnen wurde.

Leidenfrost bemerkte, daß er werbe, aber schwerlich so glückliche Erfolge haben würde wie die Andern. Dennoch hätte auch er schon Zeichen empfangen, daß man ihn als einen Bundsgenossen kenne; auch er müsse einen Brief vorlegen, den er mit demselben Symbole der vier Kleeblätter erhalten hätte und offenbar wäre er von einer andern Hand als der, die an Dankmar geschrieben.

Der Brief, den er hervorzog und mittheilte, lautete:

**** »Werben Sie für unsre große Sache, aber suchen Sie nur Männer zu gewinnen, die in der Gesellschaft Ihnen gleich- oder über Ihnen stehen! Sie sind in der Rangordnung Ihres Verdienstes vielleicht ein König, nichtsdestoweniger werden Sie einräumen, daß in Ihrer gesellschaftlichen Situation Sie noch hoch emporzublicken haben. Vertrauen Sie die Sache des Bundes, die Kennzeichen, den Namen der Betheiligten Keinem, der unter Ihnen steht, keinem Handwerker, keinem Mitgliede der Arbeitervereine, am wenigsten jenen Künstlern, mit denen Sie seit einiger Zeit verkehren. Schauspieler haben noch immer von ihrer alten gesellschaftlichen Lebensstellung soviel an sich haften, sind noch so beengt und eingeschüchtert von dem alten Vorurtheile, das ihren Stand verfolgte, daß Sie in dieser Sphäre bei jedem Worte des[2908] Vertrauens, das Sie schenken, voraussetzen müssen, man brüste sich mit ihm. Nur die Schauspieler, die eine un-bestrittne Meisterschaft besitzen – und wie wenige sind Deren! – rühmen sich ihrer Protektionen nicht; auch sind zuviel unter ihnen Freimaurer, vor denen wir uns aus Gründen zu hüten haben. Wenn Sie den Grundsatz festgehalten hätten, daß der Gesell nur einen Meister gewinnen soll, nie der Meister Gesellen, so würd' ich nicht nöthig haben, Sie auf's Ernstlichste zu warnen. Sie stehen auf der Liste der von den Behörden Beaufsichtigten. Ihre Reden in den Arbeitervereinen müssen Sie einstellen. In dieser Weise wirken Sie nichts und entziehen der guten Sache Ihre frische Kraft, deren Misbrauch auf der Breterwelt hoffentlich nur ein vorübergehender sein wird.«

Leidenfrost trug diesen Brief so komisch vor, daß er trotz seines ernsten Inhaltes Lächeln erregte. Alle Drei seiner Bundesgenossen gestanden zu, daß er eine wenn auch einseitige, doch gute Lektion bekommen hätte. Man rieth, von wem dieser Brief kommen könnte. Wer weiß, ob nicht von Jagellona Kaminska! sagte Dankmar und verrieth damit, daß der Major seiner Frau wol geplaudert hätte. Leidenfrost erröthete fast und Werdeck lehnte jeden Verdacht der Indiskretion ab. Louis Armand aber erschrak so heftig über diesen Namen, den Dankmar nannte, daß er sich nicht länger halten konnte, sondern seine Vermuthung aussprach, wohl gar mit dieser Polin verwandt zu sein. Die Genealogie des jungen Franzosen wurde erörtert, die Familientradition bis auf ihre ersten[2909] Ursprünge verfolgt und zu allgemeinster Überraschung stellte sich über allen Zweifel heraus, daß die Majorin von Werdeck die Tochter jenes Stanislaus Kaminski war, der 1794 nach der Schlacht von Maciejowice von den Russen gefangen, nach Sibirien geschleppt wurde und auf einem Fluchtversuche im Jahre 1812 um's Leben kam. Ein Enkel des glücklicheren Thaddäus Kaminski war Louis Armand. Voll Liebenswürdigkeit umarmte der Major seinen Anverwandten und drang in Louis, ihn seiner Gattin vorstellen zu dürfen. Nur aus Schonung für Leidenfrost brach man diese Erkennungen ab, die den Blick wie auf einen wunderbaren Baum eröffneten, dessen Äste und Zweige, wenn auch vom Blitze gespalten, doch sich zu nahen wußten und in inniger, neuer Verschlingung auf dem uralten Stamm die heiligen Schauer weckten, die wir vor dem geheimnißvollen Walten in Zeit und Raum empfinden.

Wer nun auch dieser strenge Warner sein möge, lenkte Dankmar ein, die Schutzgeister der Todten oder der Lebendigen, die schon aus allen Zeiten und Zonen über uns zu wachen scheinen, sie haben einen Satz ausgesprochen, den ich denke in unser Ordensbuch aufzunehmen. Kein Meister soll Gesellen, sondern Gesellen sollen immer nur Meister werben! Darin find' ich, übertragen auf alle Gesellschaftsstufen, eine große Bürgschaft richtiger und zuverlässiger Wahl. Wie gern kommt der Untergeordnete Dem entgegen, von dem er Beweise der Gunst und Herablassung erwarten kann! Im Gebiete der Materie, der physischen Kraft, mag das stärkere Prinzip die schwächeren[2910] Atome an sich ziehen. Da, wo der Geist walten soll, müssen wir es, wie dereinst in Galiläa Fischer, dahin bringen, daß den Fischern Schriftgelehrte folgen. Ich denke, wir erheben diesen Satz zu einer Ordensregel: Jeder, der in diesen Bund eintritt, muß von Einem vorgeschlagen sein, der nach dem gesellschaftlichen Maaßstabe unter ihm steht.

Dieser Satz war neu und sehr ernst. Leidenfrost machte auch gleich seine gewohnten Schwierigkeiten und sprach vom Staatskalender, von der vierzehnstufigen russischen Dienstordnung, allein Werdeck, der in der Einschachtelung der höhern und geringern Grade aufgewachsen war und vom Zusammenhang seiner Gattin mit Louis Armand, von den Schicksalen, die dieser über die Kaminski'sche Familie erzählt hatte, noch überrascht war, bestätigte allmälig auch Dankmar's Äußerung über die große und immer täuschende Konvenienz der Geringern gegen Höhere im weitesten Umfange.

Was hülfe es uns, sagte er, unser Kapitel mit Theilnehmern und Ordensrittern zu überladen? Die neuen Templer würden keinen Raum finden, der sie Alle aufnähme! Wir müssen das Gewinnen von Novizen schwerer machen als das Anwerben von Rekruten. Wir brauchen ein ganzes Leben, einen ganzen Menschen, dem wir das Handgeld zahlen, nicht blos einen herablassenden Handschlag und einige gewinnende Vertraulichkeiten. Unter mir kenn' ich genug, die mir folgen würden; aber diese sollen mich gewinnen, sich selbst mir nähern. Ich möchte[2911] mich an den Obersten von Neidhard wagen, einen Mann ohne Vorurtheile, an den General von Rauten, einen tiefsinnigen Denker, dem ich nur das Einzige vorwerfe, daß er dem General Voland von der Hahnenfeder zu nahe steht ...

Dem Krypto-Jesuiten? sagten fast Alle einstimmig.

Merkwürdig, fuhr Werdeck fort, wenn über einen Charakter ein so allgemeines Urtheil feststeht, so muß Etwas wahr an dem Gerücht sein, das ihn verfolgt. Und doch ist Poesie und Schwung in diesem General, der dem Könige so nahe steht und seine jugendliche Einbildungskraft gefangen hält. Er strebt in Allem nach dem Außergewöhnlichen und gleicht doch einer kalten metallenen Mauer, von der man immer abgleitet. General Rauten vertraut ihm wie einem Evangelium. Was Voland sagt, ist ihm der Ausspruch eines Sehers. Er vergleicht ihn oft mit den Augurn, die Roms Schicksal aus dem Fluge der Vögel oder dem Appetit gewisser Hühner weissagten ...

Vertrauen Sie sich diesem General nicht, Major, sagte Dankmar; er würde Voland zu gewinnen suchen und wir würden plötzlich, ohne es zu wissen, von den Jesuiten regiert, wie es so oft die Freimaurer wurden, die nicht ahnten, welcher Wolf in ihren Schaafstall eingebrochen war und friedlich mit ihnen aus einer Krippe fraß.

Werdeck fand sich aus der Idee, General Voland zu gewinnen, nicht leicht heraus. Man sah, daß ihn gerade das im militairischen Stande noch bewahrte allgemeine menschliche und höhere Ideelle an Voland fesselte. Inzwischen[2912] erklärte Louis, daß er, der auf einer so tiefen Gesellschaftsstufe stünde, offenbar das glücklichste Feld der Wirksamkeit hätte, dennoch würde er große Vorsicht anwenden. Voll Sehnsucht dachte er an Oleander. Ihm wollte er suchen brieflich immer näher zu rücken.

Und was denken Sie zu thun, Leidenfrost? fragte Dankmar.

Sie wissen, lieber Wildungen, sagte Leidenfrost, ich gehöre zu Denen, die eigentlich an eine Klärung unsrer Zeit erst dann glauben wollen, wenn sie einmal recht tüchtig umgerüttelt worden. Indessen will ich an Ihren Geistesbarrikaden bauen helfen und meine schönen strategischen Kenntnisse, die ich mir Abends mit Schwefelhölzchen, die meine Truppen vorstellen, erworben habe, in die Schanze schlagen. Ist man mir auf den Fersen, so wird es von Nutzen sein, daß ich mit drei meiner tüchtigsten Arbeiter nach Plessen zu reisen habe, um dem Generalpächter Ackermann die von ihm bestellten Maschinen zu überbringen, die den großen Richelieu und Sully, Prinz Egon genannt, aus seinen Schulden retten sollen. Vergeben Sie, Armand, daß ich einen Mann, dem ich nicht mehr über den Weg traue, Ihnen zu Gefallen mit den größten Staatsmännern der Franzosen vergleiche ...

Louis mußte einräumen, daß der Plan, Egon zum Vertrauten einer so schwärmerischen Einwirkung auf die Zeit zu machen, wohl unter den jetzigen Verhältnissen aufzugeben sei ...

Um von Egon abzubrechen, fragte Dankmar den Major,[2913] ob denn auch er noch nicht die Einwirkungen der weitern Ausbreitung der Idee von der kämpfenden Geistesbrüderschaft erfahren hätte?

Allerdings, sagte dieser lächelnd und zog zum Erstaunen der Andern gleichfalls einen Brief hervor.

Es ist, sagte er, hier schon wie mit jener Kugel, von der Wallenstein spricht: Einmal aus dem Laufe – wie heißt die Stelle, Leidenfrost?

Sie mag heißen wie sie will, Major, sagte dieser, sie paßt nicht mehr, wenn man in der Armee meine neue unverbesserliche Zündnadeltheorie einführte. Bringen Sie mich nicht auf Theatercitate! Sonst erleben Sie meine Unterhaltungen mit dem Geheimrath über die Armatur des Dreißigjährigen Krieges und das Kommisbrot für Wallenstein's Lager ...

O ein andermal! Wir halten Sie bei'm Worte, Leidenfrost! Gelegenheit durch Lachen sich aufzuheitern werden wir noch oft genug finden.

Der Brief, Major! drängte Dankmar.

Der Major gab Dankmarn einen Brief, der so lautete:

**** »Bereiten Sie sich auf eine Katastrophe vor! Ihre Gesinnung ist der Armee ein Gräuel! Ein Offizier, von Adel, in unmittelbarer Nähe des Hofes, bei einer bevorzugten Truppengattung, aufgewachsen in dem esprit de corps unbedingter Hingabe an die Interessen des alten Feudalstaates, neigen Sie sich zu den Anschauungen der Neuzeit, verlangen militairische Reformen, verspotten ehrwürdige Institutionen, bezweifeln die nachhaltige[2914] Schlagfertigkeit der jetzigen Heereseinrichtung und äußern sich öffentlich über die Stellung des Kriegers, die Sie in der Mitte zwischen Disciplinar- und Staatsbürgerpflichten unglücklich nennen! Da man weiß, daß Sie für offne Rügen Ihrer Gesinnung die übliche Genugthuung fordern würden und es die kleinen in den Kafés und auf der Wachtparade schimpfenden und bramarbasirenden Junker vorziehen, ihr Blut nur auf dem Felde der Ehre zu verspritzen, so ist fast anzunehmen, daß die Briefe, die auswärtige Flüchtlinge an hiesige Demokraten, in denen Ihrer als eines Bundesgenossen und schlagfertigen Verschwörers Erwähnung gethan wird, geschrieben haben, unechte, untergeschobene sind. Ordnen Sie Ihre Papiere! Entfernen Sie Alles, was Sie irgendwie belasten dürfte! Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Sie wegen gewisser vorgefundener Briefe binnen Kurzem vor ein Militairgericht gestellt werden.«

Die Bestürzung, die dieser Brief bei den Freunden hervorrief, war nicht gering. Man begriff nicht, wie der Major dabei so ruhig bleiben und sagen konnte:

Anfangs hielt ich diese anonyme, mit unserm Zeichen versehene Mittheilung für einen Scherz. Seit ich aber finde, daß Alles, was man in dieser Form auch Ihnen mittheilte, auf vernünftigen Grundlagen beruht und von einem wirklichen Wohlwollen eingegeben ist, seh' ich diese Warnung schon ernster an. Indessen bin ich durch nichts beunruhigt. Die einzige Konspiration, in die ich mich eingelassen habe, ist die unsrige. Sie beruht auf[2915] Ideen und entbehrt jeder Form. Ich erkenne schon lange die geheimen Spuren eines mir immer näherrückenden tiefangelegten Planes, der von jenen unglückselig verblendeten Reubündlern ausgeht, deren Gesinnung überall dahin verzweigt ist, wo aus einer öffentlichen Kasse ein Gehalt gezahlt wird oder durch die neue Umwälzung irgend ein altes Recht verloren ging. Weil ich erklärt habe, daß man vor dem Geist der Zeit nicht erschrecken, ihn zum Durchbruch kommen lassen und dann erst aus diesem Geist selbst regeln, dann erst mit wahrer Liebe zur Freiheit die Freiheit lenken müsse, bin ich verhaßt, verfolgt und es soll mich nicht wundern, wenn man irgend etwas ersänne, um mir, wenn nicht meine Ehre, doch diesen Rock, den ich im Dienste des Vaterlandes zu tragen glaube und auf den ich stolzer bin, als diese kindischen Alten und diese jungen Greise auf ihre Schnüre und Achselbänder, vom Leibe zu ziehen. Wehe aber Denen, die sich in ihren Intriguen nicht vorgesehen haben! Ich bin durch die Disciplin nicht entmannt. Ich fühle etwas von jenem selbstständigen Soldatengeiste in mir, der mit dem Degen in der Faust sein Recht vertheidigt und im Grunde nur so lange dient, als er dienen will und muß. Die Krieger im Mittelalter waren Männer, selbstständig, frei, sie dienten um Lohn und konnten scheiden von ihren Verpflichtungen, wenn sie kein Geld mehr nahmen. Diese neuen Armeen, die das Kabinetsinteresse geschaffen hat, sind die wahren Plagen der Menschheit. Unglückliche bedrängte Zeiten schufen sie. Sie mußten da sein, um einige neuere[2916] Staaten zu erretten, einige Völker von ihren fremden Unterjochern zu befreien. Damals waren es bewaffnete Völker, bewaffnete Bürger. Mußten diese Armeen nun bleiben? Mußte der Begriff der allgemeinen Volkswehr für ewige Zeiten festgehalten und nur zum Besten der Kabinete ausgebeutet werden? Diese Armeen sind die gefährlichsten Störungen unsrer Ordnung und ehe sich nicht alle Völker Europas darüber verständigen, was Krieger sein sollen, wozu man Armeen unterhält, ehe nicht, da friedliche Verständigung hierüber kaum möglich ist, dies ganze furchtbar gespannte Verhältniß einmal von selbst zusammenbricht, eher kommt nicht Friede Freiheit, Glück auf diese Erde. Ich bin ein Atom in dieser Betrachtung. Aber den Muth, der Dummheit der Masse gegenüber mit Hussen's o sancta simplicitas! auf einem Scheiterhaufen immerhin in furchtbarster Minorität zu stehn, den hab' ich und sehe den Intriguen dieser Menschen, die ihr Lebtag nur den Weibern, dem Spiel, der Trivialität nachjagten, getrost entgegen.

Werdeck war von dieser Erklärung so aufgeregt, daß er, obgleich von seiner Ruhe sprechend, doch mit glühendem Antlitz in dem kleinen Zimmer auf und nieder ging ...

Ich fühle, fuhr er, als die Freunde besorgt schwiegen, ich fühle, was an diesem meinem Aufenthalt unter Ihnen, meine Herren, für meine Position bedenklich ist! Man hält mir jenen Corpsgeist entgegen, der mir es unbedingt verbieten solle, Andre aufzusuchen als Meinesgleichen.[2917]

Wie die Jesuiten in Freiburg erzogen werden, chinesisch abgeschlossen, so sollen wir Offiziere leben! Warum denn? Warum denn mit gebrochenem Herzen unter der Fahne stehen? Ich bin vom Adel, meine Vorfahren bedeckten die Schlachtfelder vieler Campagnen, soll ich die Erbschaft der alten Vorurtheile übernehmen und diese tolle Einbildung meiner Standesgenossen dadurch unterstützen, daß ich meinen Verstand a priori gefangen gebe und die Anmaßungen vertheidige, die immer auf Rechnung der Ordnung und wieder der Ordnung und des göttlichen Rechtes gehen? Nein, ich weiß es leider, ich bin ein weißer Rabe in der Armee und nie auch werd' ich dazu kommen, ein revolutionärer Offizier wie Cromwell oder Napoleon zu sein, aber dies fühl' ich, wenn ich von der Glorie des Kriegerstandes träume, denk' ich eher an Cromwell und Napoleon als an unsre Wachtparadengenerale, die loyale Adressen unterschreiben, jeden Civilisten spießen wollen und sich mit Frau und Kind bei allen konservativen Demonstrationen nur wie für ihren Schlafrock und ihre Pantoffeln betheiligt haben.

Dieser Erguß eines gereizten Wahrheitsdranges wurde auf eigenthümliche Art unterbrochen. Der Briefträger kam und brachte Dankmar Wildungen eine couvertirte Einladung zum nächsten Reubund-Balle.

Wie kommt der Glanz in unsre Hütte? sagte Leidenfrost.

»Eingeführt durch den Vorstand,« bemerkte Louis, die Karte von allen Seiten betrachtend.[2918]

Dankmar aber sagte halb staunend, halb lachend:

Sonderbar, das ist bereits die zweite Einladung. Vor vierzehn Tagen erhielt ich die erste, die ich nicht benutzen konnte. Und auch diese wird liegen bleiben.

Man rechnet auf Ihre Erbschaft, sagte Werdeck. Wenn diese in die Bundeskasse flösse, Freund! Sie dürften Ordensstatuten schreiben, welche Sie wollen, nur eine Aussteuerkasse, nur eine Rentenanstalt damit verbunden ... o das Geld! das Geld!

So viel ist klar, bemerkte Dankmar und schloß die gegenseitigen Mittheilungen, wir sind schon von einem räthselhaften Gespinnst bedenklich umwoben. Unser Schicksal haben wir nicht mehr frei in unsern Händen. Beobachtet wurden wir längst, aber jetzt merken wir sogar die thätigen Eingriffe in unsre Entschließungen. Aufforderung genug zur Vorsicht! Unsre Bundesidee wollen wir sich von selber fortpflanzen lassen, noch ohne Form und Verabredung, bis die Zeit da ist, einmal einen Tag, irgendwo im Auslande oder an einem sonst verschwiegenen Orte auszuschreiben und da zu sehen, wer sich findet, wer sich schon auf uns bekennt. Könnt' ich an einem solchen Bundestage sagen: Hier habt Ihr die elastischen Springfedern, die leider auch der Gedanke bedarf, um sich oben zu erhalten! Hier habt Ihr Mittel, um dulden zu können, verfolgt zu werden und Die zu trösten, die um unsertwillen leiden! Hier leg' ich die Erbschaft der alten Templer den neuen zu Füßen, die erworbenen Güter des alten Kreuzes den Bekennern des neuen –[2919]

Bitte! rief Leidenfrost, nicht so viel Wind! Das Papiergeld fliegt davon. Es ging mir jüngst so mit zwei Thalerscheinen, als ich auf der neuen Brücke stand und in meinem Portemonnaie einen Dreier für einen Armen suchte. Ehe der Bügel zuklappte, schwammen die Vögel schon den Strom der Vergessenheit hinunter.

Dankmar, der sich nicht stören ließ, fuhr aber fort:

Wenn ich mir dächte: Man gründete Schulen für freie Religionsbekenntnisse, stiftete Stipendien auf Universitäten für bestimmte Aufgaben unabhängiger Wissenschaftlichkeit, arbeitete den Jesuiten entgegen, die sich überall Kirchen kaufen können, um zu predigen, während die ganze deutsch-katholische Bewegung gescheitert ist an der Armuth ihrer Bekenner! Keine Kirche that sich auf. Kein großer gefeierter Theolog konnte sichergestellt werden. Keine neubegründete Schule konnte Freiunterricht gewähren, während alle alten Institutionen, die sich überlebt haben, gleichsam ihre dürren Arme ausstrecken und nur um des Mammons willen, den sie in vollen Truhen besitzen, die Massen an sich ziehen!

Werdeck schüttelte Dankmarn die Hand.

Verzagen wir nicht! Es kommt ein Geistesfrühling!

Ergriffen schlugen Alle ein.

Gedenken wir des Fünften im Bunde, Siegbert's! sagte Leidenfrost. Wir Alle sind zu stürmisch! Louis Armand und Siegbert sind unsre sanften Johannesjünger! Ihre Wege sind die der Liebe! Sie wirken vielleicht mehr als wir![2920]

Damit gingen die Freunde. Werdeck zu seiner Gattin, um ihr den neuen Verwandten anzukündigen und sie auf seinen Besuch vorzubereiten, Leidenfrost in die Willing'sche Anstalt, um dort den Tag seiner Abreise zu vernehmen. Dankmar und Louis wollten forschen, wo Otto von Dystra wohne. Leidenfrost konnte es ihnen schon sagen: In der Stadt Rom.

Louis und Dankmar gingen in die Stadt Rom.[2921]

Quelle:
Karl Ferdinand Gutzkow: Die Ritter vom Geiste. [Band 1–3], Frankfurt a.M. 1998, S. 2898-2922.
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Die Ritter Vom Geiste: Roman in Neun Büchern, Volume 6 (German Edition)

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Strindberg, August Johan

Inferno

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Strindbergs autobiografischer Roman beschreibt seine schwersten Jahre von 1894 bis 1896, die »Infernokrise«. Von seiner zweiten Frau, Frida Uhl, getrennt leidet der Autor in Paris unter Angstzuständen, Verfolgungswahn und hegt Selbstmordabsichten. Er unternimmt alchimistische Versuche und verfällt den mystischen Betrachtungen Emanuel Swedenborgs. Visionen und Hysterien wechseln sich ab und verwischen die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn.

146 Seiten, 9.80 Euro

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Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

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Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

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