Zwölftes Capitel
Eine Überraschung

[326] Melanie's und ihrer Mutter Schlafzimmer wurden von einem großen Salon getrennt. In diesem pflegten sie sich des Morgens zu begrüßen und gemeinschaftlich zu frühstücken, wenn sie nicht vorzogen, die balsamische Frische der Natur und den Kaffee in dem Garten einzuschlürfen.

Schon lange hatte am nächsten Morgen die Mutter gewartet und sich, als Melanie nicht endlich heiter wie sonst hereinhüpfen wollte, erlaubt, leise an die Thür des Schlafzimmers ihrer Tochter anzupochen. Als keine Antwort erfolgte und sie es acht Uhr schlagen hörte, klopfte sie um halb neun Uhr wieder ein wenig leise an ...

Komm doch herein! rief drinnen Melanie mit leidender Stimme und die Mutter trat ein.

Wie erschrak sie, als sie ihr Kind noch im Bett fand! Melanie erklärte sich leidend. Sie hätte eine unruhige Nacht gehabt, und fühlte sich unvermögend schon aufzustehen.

Die Mutter gerieth in nicht geringe Bestürzung.

Nein, nein, sagte Melanie, bekümmere dich nicht, Mutter! Ich konnte nicht einschlafen. Wie ich so mit müden Augen lag, die sich nicht schließen wollten, glaubte ich,[326] vielleicht wäre die Hitze des Zimmers an dieser Aufregung der Nerven Schuld. Ich stand auf, zog die Vorhänge zurück, daß der helle, volle Mondenschein hereinfiel ...

Da hast du dich erkältet, sagte die Mutter, als Melanie stockte ...

Sie schüttelte den Kopf.

Was ist es denn? Sprich, mein Kind!

Wie ich das Fenster öffnete ..., glaubt' ich unten eine Gestalt zu sehen, die entweder ein Gespenst oder ein Phantom meiner Einbildungskraft war.

Hackert! sagte die Mutter mit blinzelnd zugedrückten Augen und sich abwendend.

Ja Hackert! wiederholte Melanie seufzend. Ob ich sagen soll, daß er in seinem gewohnten nächtlichen Zustande war, weiß ich nicht. Er schien mir wach zu sein. Das Weiße seiner Augen leuchtete mich in der hellen Nacht fast geisterhaft an. Ich schlug entsetzt das Fenster zu. Als ich dann noch einmal hinblickte, war Fritz verschwunden. Ich schlief ein, ward aber so von Träumen geängstigt, daß ich mich jetzt von einem solchen Schlafe mehr erschöpft als gestärkt fühle.

Die Mutter konnte ihr leider Hackert's Nähe bestätigen. Lasally wollte ihn gesehen haben und Bartusch hatte es ihr schon gestern Abend am Theetisch zugeflüstert ....

Du hast keinen Geist gesehen! sagte sie seufzend.

So sind wir denn überall von ihm verfolgt! rief Melanie und warf sich wie verzweifelnd auf eine andere Seite ihres Lagers.[327]

Gutes Kind, begann bekümmert die Mutter, beruhige dich! Ach, es ist über diesen Gegenstand schon soviel von Deinen Ältern gejammert worden, daß deine Klagen unsern Schmerz nicht erreichen! Der Vater nahm Hackert aus dem Waisenhause. Alles, was man von seiner Geburt erfahren hatte, war so dunkel und abenteuerlich, daß er unser Mitleiden erregte. Der Vater brauchte einen Arbeiter, den er sich von unten auf selbst erziehen wollte. Er ließ ihn unterrichten; er arbeitete unter seiner Aufsicht und hat sich früh schon von einer solchen geschickten Anstelligkeit bewiesen, daß er mit des Vaters geheimsten Angelegenheiten vertrauter wurde, als selbst Bartusch es ist. Die Folge davon war die größte Vernachlässigung seiner selbst und eine Vertraulichkeit mit der Familie ...

Schweige! Schweige! rief Melanie mit dem Ausdruck des größten Schmerzes.

Ich denke mit Entsetzen daran, fuhr die Mutter mit bedeutsamem Ernste fort, daß wir so blind sein konnten, in der Freude unsers glücklichen Aufschwunges, im Genusse der vielen Heiterkeit, die uns auf unserm Lebenswege lachte, das Ernsteste zu übersehen, das Gefährlichste, was sich neben uns entwickelte. Dieser Knabe wuchs mit dir auf. Listig wie er war, gewann er bei aller Häßlichkeit, aller Widerwärtigkeit seines Äußern, an die wir uns gewöhnt hatten – die Mutter hob diese Worte besonders scharf hervor – unser Aller Vertrauen. Ob wir, um dich aus einer Kindergesellschaft abzuholen, den Bedienten[328] schickten oder Fritz diesen Dienst verrichten ließen, schien uns unglücklichen Menschen einerlei; ja wir zogen seine Dienstwilligkeit vor, da er verläßlicher schien als Alle und fast im Hause wie dein Bruder gehalten wurde. Unselige Vertrautheit, die ihn ermuthigte, Hoffnungen in ihm nährte und seine Sicherheit bis zum Übermuth steigerte!

Melanie schwieg eine Weile, stemmte ihr schönes Haupt auf eines ihrer Kissen und sagte zu der ängstlich sie anblickenden Mutter:

Und doch war die Strafe, die ihr über ihn nach jener schrecklichen Nacht verhängtet, zu hart! Sie ist die Quelle unausgesetzter Leiden für uns Alle geworden! Aus dem Hause wie ein Dieb geworfen, vom Vater in einem Zorn, den ich nie an ihm kannte, fast mit Füßen getreten, irrte er wie ein rachsüchtiges Thier umher und droht uns mit Allem, was er in unserm Hause erlebte, erfuhr, entdeckt hat ... droht uns ...

Entdeckt hat? unterbrach sie die Mutter erschreckend. Was kann er entdeckt haben als den regelmäßigen Gang eines großen ehrenvollen, vom Fleiß und dem Genie des Vaters geleiteten Geschäfts? Das Einzige, was man fürchten konnte, war der lose freche Mund des frühverdorbenen jungen Wüstlings. Ich zitterte, wenn ich nur daran dachte, wie ...

Die Mutter stockte.

Was dachtest du? sagte Melanie.

Ach, ich will nichts mehr sagen! Laß es gehen![329]

Mit euerm ewigen Gehenlassen! Dieses stete Vertuschen und Verschweigen! Was nur dachtest du?

Melanie –!

Fürchtest du, daß er den Menschen erzählt, wie früh dieser sozusagen Halbbruder, der mit mir aufwuchs, versucht hat ...

Deine Phantasie zu vergiften! Ja, Melanie, wenn die Welt die Bubenstücke erführe –

Mutter! rief Melanie hastig auffahrend, als könnte sie doch die zu gründliche Untersuchung dieser Wunde, die sie selbst veranlaßte, nicht länger ertragen. Schweige! Schweige! Vergiß nicht, daß dieser Unselige vorgibt, mich zu lieben, mir treu sein will mit unglaublicher Anhänglichkeit und niemals wagen wird ...

Anhänglichkeit, die ich Wahnsinn, Frechheit nenne! unterbrach sie die Mutter, vor Zorn sich röthend.

Laß es gut sein!

Die Mutter schwieg auf diese tonlosen Worte und beruhigte sich allmälig.

Erst erwartete sie, daß Melanie ihr zusprechen sollte. Da die Tochter aber in ihrer träumerischen Lage verblieb und mit keinem tröstenden Blicke sich ihrer Pein erbarmte, streichelte die Mutter die heiße Stirn des Kindes und küßte die zarten blauen Äderchen, die sie in Melanie's Augenwinkeln entdeckte.

Weg, weg mit diesen Sorgen, rief sie, sei heiter, Melanie! Noch gestern hast Du alles bezaubert und Dir ja eine ganz neue Eroberung gewonnen. Die gefeierten Ohren[330] des Herrn von Harder haben mehr Wirkung auf ihn gemacht, als wenn Du dem Lieutenant von Aldenhoven gesagt hättest, er gliche dem Adonis. Was willst du mit dieser Eroberung?

Melanie verzog ihre ernsten, schmachtenden und erschöpften Mienen zu einem Lächeln, dem ein wehmüthiger Zug beigemischt war. Ohne auf die Frage der Mutter zu antworten, lenkte sie das Gespräch wieder auf Hackert zurück.

Gern wollt' ich beruhigt sein, sagte sie, beruhigt über Alles, was uns Hackert Schlimmes etwa anthun könnte, wenn ich ihn nur überzeugen könnte ....

Wovon? Wovon, Kind? fragte die Mutter erstaunend. Kehrst Du wieder auf diesen unheimlichen Gegenstand zurück?

Melanie gab anfangs keine Antwort, dann aber sagte Sie:

Ich thue Niemanden gern weh.

Aber ich bitte Dich, Kind, Erklärungen! Erklärungen gegen einen solchen Menschen! Ein halbes Thier ist dieser Hackert ....

Mutter!

Ja Melanie! ... Die Mutter ließ sich in ihrer Auffassung nicht stören und hob absichtlich das an Hackert Ungefällige hervor – ja, Melanie, es ist ein Mensch von einer Unreife, die mir ein Grauen einflößt. Dies Haar, dieser Gang, diese Magerkeit! Und diese Bosheit, dies verruchte Herz –[331]

Du übertreibst ....

Nein, Kind, Das ist ein Wesen, wie ich mich entsinne, einst in einer Gesellschaft gehört zu haben, zu der mich Frau von Trompetta mitnahm. Wie hieß das Stück, das der berühmte Dichter vorlas, das Stück, wo ein so unfertiger Halbmensch vorkommt, den ein Zauberer mit seinem Geiste zwickt und zwackt und seiner Rohheit Daumenschrauben anlegt?

Der Sturm! Der Sturm, liebe Mutter!

Der Sturm! Und der böse Gast, den der Zauberer auf der wüsten Insel findet –

Caliban!

Caliban! Das ist's! Ein solcher Caliban ist dieser Fritz, fähig, seine eigenen Geschwister ... zu verzehren, wenn ihn grade Hunger triebe! Ein Halbmensch, ohne Gemüth, ohne Liebe, ohne einen Funken edler Hingebung! Nur sinnlich, nur ein Wesen, das blindlings seinem Instincte folgt ....

Er ist krank ...

Durch sich selbst! Die Zerrüttung seiner Nerven, wer verschuldet sie?

Sein Nachtwandeln ist erst über ihn gekommen, als man ihn so grausam verstieß. Als man ihn vollends mishandelte, als Lasally –

Nein, die Wuth, der angeborene Zorn lassen ihn nicht schlafen ....

O Mutter! Ich weiß, was ihn nicht schlafen läßt! Ich lasse mich nicht irremachen. Ich habe nachgedacht über[332] Fritz. Ich habe über ihn geweint. Das ist der Mensch, wie er frisch und roh aus der Hand der Natur kommt und sinnlich ohne den Sonnenschein des Geistes aufwächst –

Ja! Ja! Sagte Das nicht der Probst Gelbsattel, als der Sturm vorgelesen und Caliban's Charakter erörtert wurde?

Mit diesen Betrachtungen, meinte Melanie, schwatzen wir unser Unrecht nicht weg. Wenn ich ihm sagen könnte: Fritz –

Melanie, fiel die Mutter ein, Du wirst doch keine Erörterungen mit ihm herbeiführen, seinem Wahnsinn keine neue Nahrung geben wollen?

Der Schein, Lasally's empörendes Benehmen zu billigen, drückt mich ....

Nimmermehr! Wie geht Das! entgegnete die Mutter besorgt. Die Mißhandlung, die ihm Lasally angethan hat, war roh, aber sie brachte gute Folgen. Sind wir nicht seitdem vor seinen Nachstellungen bis jetzt sicher geblieben? Konnten wir sonst einen Schritt vorm Thore, im Park thun, ohne ihn aus den Büschen heraustreten zu sehen? Konnten wir das Theater besuchen, ohne beim Nachhausefahren ihn im Gedränge der Menschen an unserer Seite zu finden? Seit einem Vierteljahre ist es jetzt das erste mal, daß er sich wieder in unsere Nähe wagt. Er wird Lasally und seine Jockeys sehen und sich vor ihren Reitpeitschen zum zweiten male in Acht nehmen ....

Erinnere mich nicht, fuhr Melanie entsetzt auf, an diese brutale Scene! Sie hat mir Eugen, den ich seines ehrlichen[333] und offenen Charakters wegen zu schätzen im Begriffe stand, aufs tiefste entfremdet. Ich gestehe, daß ich an Lasally Gefallen hatte. Gerade, daß er als geborener Israelit nicht eine einzige der Eigenschaften zeigte, die man sonst an diesem Volke tadelt oder lächerlich finden will, hatte mich zu ihm hingezogen. Sein trockener Witz ist ganz anders als der Witz seiner Glaubensgenossen. Er gibt sich für beschränkter, ununterrichteter als er ist. Er will, während alle seine Glaubensgenossen nach Geist streben, keinen Geist haben und hat ihn. Wie er mich reiten lehrte, that er es mit soviel Bonhommie, soviel Humor, daß ich ihm wahrhaft gut war. Was soll aus mir werden? Eine Königin? Eine Herzogin? Eine Offiziersfrau? Eine Frau Assessorin? Ah ... Bah! Ich konnte mir denken, der Vater stellt dem Eugen durch meine Mitgift seine Finanzen wieder her, wir bauen eine prächtige Arena, den Tummelplatz der ganzen eleganten Welt, wir verbinden sie mit einer glänzenden Erleuchtung, mit Lauben, mit Treibhäusern für Die, welche nach dem Ritte sich erholen wollen. Mich blendete bei meinem ersten Austreten aus der einfachen bürgerlichen Sphäre, in der wir bisher gelebt hatten und in der ich erzogen war, der Gedanke, durch die Verbindung mit Lasally könnt' ich die Aufmerksamkeit der ganzen Stadt fesseln, mit den schönsten Damen, den elegantesten Männern in Verbindung kommen und mich auf heitere Art durchs Leben tummeln, bis ich freilich durch die größere Bekanntschaft in dieser Sphäre Eugen's, der mich in sie eingeführt hatte, ihrer[334] überdrüssig wurde und es bald bemerkte, wie ich denn doch dabei in der Gesellschaft eine beschattete und nur untergeordnete Stellung erhalten würde. Es war eine Verirrung. Und doch währte es lange, bis sich meine Phantasie von Lasally, dem noch vor wenig Jahren angebeteten Antinous aller Damen, dem galanten kühnen Reiter und gesuchten, bei allen Kunstausstellungen auf ein Dutzend Bildern dargestellten öffentlichen Charakter, lossagte. Erst als ich den Abend in unserm Garten vorm Thore, wo Lasally mit mir scheinbar harmlos lustwandelte und ich plötzlich erzürnt ausrufen muß: Gott, da ist schon wieder Hackert über den Zaun gestiegen! das Bellen der Hunde Eugen's und Hackert's klägliches Geheul hörte, als Lasally selbst, wie ein Rasender, seine ganze Kaltblütigkeit aufgebend, nach der Hecke lief und ich ihm nacheilend sehen muß, wie zwei seiner Bereiter den Unglücklichen mit langen Peitschen grausenhaft mishandeln und Lasally, Eugen Lasally selbst, ihn mit der Reitgerte wie ein Rasender gerade über den Kopf hieb, während die Hunde seine Kleider zerrissen –

Rege Dich nicht auf! sagte die Mutter. Laß die Erinnerung, Melanie! Es ist ein Jahr her. Ich habe damals Noth genug um Dich gehabt, weil ich glaubte, Du würdest von dem Schreck ein hitziges Fieber bekommen.

Ihr verschwiegt mir, daß Hackert auf den Tod lag, sagte Melanie.

Der Vater ließ für ihn sorgen ....

Ich erfuhr später Alles, fuhr Melanie erregter fort.[335]

Von der Kopfwunde hat Fritz die schlimmsten Folgen davongetragen. Doctor Hammer, der ihn im Spital behandelte und mir zufällig in einer Gesellschaft begegnete, erzählte mir, daß er Anfälle von Raserei hätte. Wie ein wüthendes Thier schlüge er dann um sich, fluche allen Menschen und verfalle zuletzt in eine Erschöpfung, die vielleicht eine nie heilbare Nervenschwäche zur Folge haben würde ....

Es ist traurig. Aber was läßt sich thun? sagte die Mutter bestimmt, jedoch ohne Kälte. Und der Vater handelt edel an ihm ....

Doctor Hammer erzählte zuerst von seinem Nachtwandeln – in großer Gesellschaft – vor aller Welt ... Meine Verzweiflung, Das anhören zu müssen! Ich hätte in die Erde sinken mögen –

Schon bei uns hieß es, er wandle bei Nacht!

Nie! sagte Melanie bestimmt.

Woher kannst Du Das so bestimmt versichern?

Nie! sag' ich! wiederholte sie der staunenden Mutter. Sein damaliges Nachtwandeln war etwas Anderes .... Und nun genug davon!

Melanie schwieg und warf sich auf die Seite, den Kopf tiefer in das Kissen wühlend.

Die Mutter, des Justizraths »gutes Hannchen«, gehörte zu den Wesen, denen nichts unbequemer war, als eine allzu tiefe Erforschung von Dingen, die nur auf Unerfreuliches führen konnten. Sie war eine durchsichtige, verständige, scharfblickende Frau. Sie ahnte durch Inspiration rascher[336] Etwas, als manche schwerfällige Untersuchung langsam ergab. Aber sie liebte es, sich über Das, was ihr möglich, ja wahrscheinlich dünkte, dennoch keine Rechenschaft abzulegen. Sie wollte das Geschick immer nur en profil, nie en face sehen. So ließ sie denn auch über dies sonderbare »Nie« getrost den Schleier fallen. Sie wußte, daß in ihrer unverzeihlichen Sorglosigkeit Melanie neben Hackert aufgewachsen und von dessen zügelloser Frühentwickelung in bedenkliche Gefahren gerathen war, von denen das aufgeregte, ebenso über die Liebe früh nachgrübelnde Mädchen noch »zur rechten Zeit« wie der Vater damals sagte, befreit wurde .... Und so alles Unangenehme vertuschend, verwischend, beschwichtigend sprach sie mit heiterm Ton:

Laß Das nun gehen, Kind! Wir hätten einen solchen Caliban nie ins Haus nehmen sollen! Es geschah. Es sollte so sein. Wir hatten Mitleid mit dem ungewissen Schicksal eines vor dem Waisenhause einst ausgesetzten Findlings, hielten ihn höher, als wir ihn hätten halten sollen, und müssen uns vorwerfen, daß wir nicht strenger wachten, als er anfing auf schlimmen Wegen zu gehen und sich und Andere zu verderben. Geliebt kann er dich nie im Ernste haben; denn seine Aufführung bewies es nicht. Es kam später Alles zu Tage, was er war und wie er auf die Zerstörung seiner Jugend wüthete! Jeannette hat viel gebeichtet. Er verwandelte Tag in Nacht und Nacht in Tag. Am Bureau neben dem Vater schlief er mit offenem Auge. Da mußte er in den Nächten wol mit geschlossenen Augen[337] wachen. Die Lection, die ihm Lasally gab, war nicht nach unserm Sinne, sie war grausam; aber sie hat ihm gezeigt, daß wir ihn nicht fürchten, mag er auch noch soviel drohen, noch soviel mit seiner Kenntniß der Geheimnisse des Vaters prahlen. Wir boten ihm, wenn er uns nicht mehr belästigen wollte, Geld an; er nahm nicht mehr, als wir ihm früher schon ausgesetzt hatten, bis er eine Stelle fand. Und doch, sagt man, soll er so träge sein, daß er nicht die geringsten Anstalten trifft, seine Zukunft von der Abhängigkeit, die ihn an den Vater fesselt, zu befreien. Ach! Kind, es war immer eine böse Natur! Bald Verschwender, bald geizig. Bald offen, bald hinterlistig. Und welche maßlose Eitelkeit! Ich will nicht davon sprechen, daß er mit seiner abschreckenden Figur, seinem rothen Haar, seinen abgerissenen Stiefeln und seiner unausrottbaren Unreinlichkeit sich einbilden kann, noch einen Eindruck auf Dich zu machen .... Ist es nicht die tollste Eitelkeit, daß er uns hat sagen lassen, er schone den Vater bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahre, wo ihm Dieser versprochen hätte, ihm das Geheimniß seiner Geburt zu entdecken?

Der Vater weiß darum, sagte Melanie.

Nicht ein Wort weiß der Vater, sagte ihre Mutter. Er hat einzelne Anzeichen, einzelne kleine Zufälligkeiten entdeckt (z.B. einen zerbrochenen, bei dem Findelkinde gefundenen Ring), die auf ein nicht ganz gewöhnliches Herkommen dieses Menschen schließen lassen; aber die wenigen Worte, die der Vater einmal bei guter Laune darüber fallen ließ, haben ihm so den Kopf verwirrt, daß er[338] sich einbildet, sicher ein Baron zu sein. Genug von ihm! Steh' nun auf! Sei heiter! Genieße das himmlische herrliche Wetter! Sieh! Sieh! Die goldene Sonne!

Damit riß die Mutter die Vorhänge auf, der lichte Sonnenschein fiel in das dunkle, plötzlich erhellte Zimmer.

Auf! Auf! Tummle dich, Melanie! ermüdete die Mutter nicht zu rufen. Nimm an mir ein Beispiel! Schon war ich im Bade! Schon trank ich Wasser an der frischen Quelle im Garten. Wasser, Sonne, Luft, Licht, Blumen! ... Mädchen, weißt du denn nicht mehr, was schön und jung macht, schön und jung –

Erhält! fiel Melanie schmeichelnd ein, wandte sich und reichte der frisch und rosig strahlenden Mutter die Hand.

Indem klopfte es.

Wer klopft?

Eine Stimme wisperte am Schlüsselloch:

Darf ich?

Jeannette?

Nein, sagte die Justizräthin; es ist Bartusch.

Stör' ich? rief Bartusch durch das Schlüsselloch. Kommen Sie heraus! Es sind merkwürdige Briefe vom Justizrath da.

Vom Vater?

Die Mutter ging hinaus.

Nach einigen Secunden kam sie wieder und rief:

Melanie! Denke dir, wer angekommen ist?

Erschrecke mich nicht! Ich rathe nicht gern. Meine Nerven sind angegriffen ...[339]

Der Prinz Egon!

So? Das wissen wir ja schon.

Prinz Egon von Hohenberg!

Angekommen? In der Residenz?

Nein, hier! Hier auf dem Schlosse.

Sonderbar, wie diese Worte auf Melanie wirkten! Sie kannte den Prinzen nicht und mußte eher im Interesse ihrer Familie vor ihm auf der Hut sein, als dabei interessirt, ihn gerade hier zu sehen, wo sie Alle von seinem Eigenthum fast Besitz genommen hatten .... Dennoch sprang sie jetzt aus dem Bette, ließ Hackert Hackert sein, kümmerte sich nicht mehr um Lasally, nicht um den Intendanten, vergaß die Nacht, vergaß ihr Kopfweh, vergaß ihre Schlaflosigkeit und trieb nur die Mutter an, ihr zur nothdürftigsten Toilette beizustehen. Wie ihre Füße in die seidenen Pantöffelchen schlüpften, die leichten Nachtgewänder abgeworfen wurden, wie sie an den Toilettentisch eilte und sich in flinkester Behendigkeit Angesicht und Nacken benetzte, wie sie dazwischen an dem Schellenzug riß, um den Bedienten das Zeichen zum Serviren des Frühstücks zu geben ... man hätte nicht glauben sollen, daß Dies dasselbe Wesen war, das noch eben wie leblos, ganz in Träumerei und Erinnerung versunken, zwischen den grünseidenen Couverten des Bettes gelegen hatte. Das einzige Wort: Ein Prinz, der Prinz Egon, ist hier auf Hohenberg! hatte sie elektrisirt. Sie herzte die Mutter und tröstete sie mit den Worten:

Laß es nun gut sein, sonst muß ich über mich selbst[340] lachen! Ja! Ja! Wasser! Luft! Sonnenschein! Die Mutter hat Recht.

Damit drängte sie die kleine runde Mama, die schon so frisch, so sauber ausschaute, durch die Thür und hüpfte ihr mit den Worten nach:

Nun guten Morgen, Bartusch, was haben Sie? Was schreibt Papa? Wo ist hier ein Prinz? Wer hat den Prinzen? Her mit ihm!

Bartusch war schon ganz in seiner gewohnten Toilette. Einfach, aber sauber. Weiße Halsbinde, weißes Vorhemd, schwarze Weste, grauer Überrock, weite lichte Beinkleider, Schuhe mit grauen Kamaschen. Er wiederholte die Zeichen, die Stillschweigen bedeuten sollten, mit um so größerm Nachdruck, als ein Diener in Schlurck's geschmackvoller Livree eintrat und das Frühstück beim offenen Fenster auf einem runden Tische auftragen wollte, an dem zwei Sessel standen. Bartusch ließ ihn gewähren. Als er gegangen war und einige kleine Befehle, die Melanie's Ungeduld folterten, für die Wirthschaft mitgenommen hatte, schloß Bartusch wieder behutsam das Fenster und zeigte einen Brief, der diesen Morgen von der Residenz mit einem Expressen angekommen war, viele geschäftliche Anweisungen des Justizraths und unter Anderm auch folgende Stelle enthielt:

»Schließlich, liebster Bartusch, mach' ich Sie auf ein merkwürdiges Gerücht aufmerksam, das hier zu meiner Kenntniß gelangte. Prinz Egon ist vor einigen Tagen hier angekommen und hat sich, wie man für gewiß behauptet,[341] in einer Verkleidung nach Hohenberg begeben. Zu welchem Zwecke ist mir unbekannt. Wenn er wirklich streng incognito reist, um uns wahrscheinlich zu belauschen und sich Hohenbergs Zustände anzusehen, würde Ihnen eine genauere Beschreibung seiner Person, die ich nicht einmal ganz geben kann, wenig nützen. Doch dürfte es immer rathsam sein, wenn Sie sich merken wollten, daß Prinz Egon mir allgemein jetzt als ein ziemlich schlankgewachsener, doch nicht übergroßer junger Mann von mehr lichtbraunem als blondem Haar geschildert wird. Seine Augen wären braun, seine Hände und Füße zierlich, was weiß ich von den Schönheiten allen, die er besitzen soll und über die man am besten thäte, erst bei den schönen Frauen in Paris Erkundigungen einzuziehen.«

Überflüssige Anmerkung, die wol von Ihnen kommt? unterbrach Melanie den schmunzelnden Vorleser ...

Dieser fuhr fort:

»Das Beste an der Sache ist, daß ich ohne Zweifel den Prinzen Egon auf seiner Incognitoreise gesehen habe. Im Heidekruge, bei dem ehrlichen Manne, dem Volksfreunde Justus, der mich mit seiner Verwendung für meine schönauer Wahl betrügen und sich selbst wählen lassen wird, lernt' ich einen jungen Mann kennen, dessen Äußeres vollkommen den mir gemachten Schilderungen entspricht. Er fiel mir im Gespräch sogleich durch geistvolle Wendungen sehr auf, und da er liberale Ansichten aussprach, bin ich überzeugt, daß es der Prinz war, den die diesseitige Gesandtschaft in Paris sehr oft als einen Communisten[342] bezeichnet hat. Soviel ich aus Champagnernebeln her mich entsinne, hatte dieser Fremde hellbraunes Haar, trug sich mit einem der modernen Bärtchen, deren Namen ich nicht kenne, war ohne Stutzerei gutgekleidet und sprach höchst angenehm und fertig. Folgen Sie diesem Signalement. Forschen Sie Egon's Schritten nach. Begierig bin ich, was der Prinz in Hohenberg beabsichtigt. Möglich, daß seine geheime Besichtigung der Familienbesitzungen ihn bestimmen könnte, die Verwaltung derselben noch einmal zu versuchen und sich mit den Gläubigern seines Vaters abzufinden. Sie fühlen, daß mir mit einem solchen Entschlusse wenig gedient sein kann, denn er würde meine Administration aufheben, die doch, so Gott will, bei der jetzigen Lage der Dinge einige dreißig Jahre über mein kühles Grab noch hinausdauern könnte. Also beobachten Sie ihn und schlagen Sie in unserm Verhalten zu ihm den Weg ein, der Ihnen der nützlichste scheint. Entdeckt er sich nicht, so wär' es am gerathensten, ihn harmlos von selbst aufzusuchen und unter irgend einem Vorwande im Schlosse anständig zu fesseln, ohne daß man dabei sein Incognito verletzt. Vielleicht hilft dabei meine gute und kluge Melanie ...«

Helfen? Ich? sagte Melanie fast erröthend.

»Melanie«, fuhr Bartusch zögernd fort; »der ich übrigens wünschen muß ...«

Die Mutter nahm den Brief, den ihr Bartusch jetzt zum Einsehen hinreichte, zögernd.

Melanie, gespannt und ungeduldig wie sie war, wollte[343] kein Geberdenspiel und sagte, indem sie den goldenen Kaffeelöffel vom Munde absetzte und in die Tasse senkte:

Was soll es denn mit der guten klugen Melanie? Was ist ihr zu wünschen?

Sie kann es hören, meinte die Mutter, die weiter gelesen hatte. Ich sagte ihr ja schon, welche Belästigungen uns bevorstehen, da sich Hackert erlaubt hat, hierher zu folgen. Der Vater warnt uns vor ihm, da er ihn auf dem Heidekruge gesehen hätte und vermuthen müsse, er würde die Dreistigkeit haben, sich hierher zu begeben. Er bedauere, schreibt er, nicht gefragt zu haben, auf welche Veranlassung Hackert im Heidekrug wäre ...

Lassen wir Das, sagte Melanie, und bleiben wir beim Prinzen Egon stehen. Was weiß man von ihm? Ist Jemand angekommen, der dem Signalement ähnlich sieht? Schöne Kennzeichen sind das! Wer findet sich aus solchen Allgemeinheiten zurecht? Lichtbraunes Haar, zwischen blond und braun in der Mitte spielend – ein unglaubliches Phänomen! Und die kleinen Hände und Füße, der namenlose Bart und die Französinnen, die Papa wol hätte auslassen können! Er meint die Gräfin d'Azimont, von der ich schon gehört habe ....

Bartusch unterbrach sie mit dem Bemerken, es fände sich in dem wider Schlurck's Gewohnheit sehr langen, aber durch die Wichtigkeit der Veranlassung begründeten Briefe noch ein interessantes Postscriptum.

Wie in einem Frauenzimmerbriefe? sagte Melanie.

Während sie ihr feines von der alten Brigitte jeden[344] Morgen frisch gebackenes Weißbrot zerkrümelte, las Bartusch:

»Nachträglich noch eine Notiz für die Erkennung des Prinzen. Soeben war Frau von Trompetta bei mir, um einmal wieder eine ihrer tausend Unterschriften zu sammeln. Sie antwortete mir auf meine Frage, ob sie nichts Genaueres über die Äußerlichkeit des Prinzen Egon wisse, er ähnele, sie sagte es freilich mit sonderbarer Neckerei, dem jungen schönen Maler Siegbert Wildungen ....«

Siegbert? unterbrach Melanie erstaunend ....

»Siegbert Wildungen, den ich mich entsinne einige mal bei uns zum Thee gesehen zu haben. Und in der That ....«

Sie erfinden da Etwas, Bartusch, sagte Melanie und riß den Brief an sich.

Sie konnte nun selbst weiter lesen:

»In der That entsinne ich mich, daß mein räthselhafter Fremder im Heidekrug, nach dessen näherm Reisezweck, Namen und etwaniger Gesellschaft ich mich leider zu erkundigen vergessen habe, mir den Eindruck einer großen Ähnlichkeit mit Jemanden machte, den ich erst kürzlich mußte gesehen haben. Möglich, daß sich mir die Gesichtszüge des jungen Malers Wildungen von den kleinen Theegesellschaften eingeprägt haben. Ich könnte Ihnen von Egon's hiesigem Auftreten mancherlei Wunderliches erzählen, besonders von seinem Reisebegleiter, einem Franzosen, Namens Louis Armand; doch verspar' ich Das auf Eure Rückkunft. Behandeln Sie den Prinzen mit Discretion und tragt Alle dazu bei, Kinder, daß der Haß, mit[345] dem er den Namen Franz Schlurck verfolgt, sich mildere und die ungemein wichtige Verständigung, die ich mit ihm durchführen muß, vernünftig abläuft .... In großer Eile!« ....

Siegbert Wildungen! wiederholte Melanie noch einmal mit einem Ausdruck ihrer Gesichtszüge, der vielleicht sagen sollte: Wie mischt sich dieser reine Name in meine Lust und meinen Frohsinn?

Diese Trompetta! sagte sie zur Mutter. Es ist kein Wort wahr, daß Prinz Egon dem Maler Siegbert Wildungen ähnlich sieht; sie wollte mir nur den Stich geben: Bedenke, wen du schonen solltest! Bedenke, wer dich zu lieben vorgiebt! Der sanfte gute Siegbert!

Die Mutter zog eine Miene und nannte fast verächtlich den jungen Maler geradezu den Ritter Toggenburg aus dem Atelier.

Ich wette, diese verschmitzte Trompetta wollte mir sagen lassen: Melanie, verlieb dich nicht in den Prinzen, nicht in die Excellenz, den Gatten meiner guten Freundin Pauline von Harder, sondern denk' an Siegbert! ... Bei all ihrer Heiligkeit hat sie nichts als Romane im Kopf.

Und, Fräulein Melanie, sagte Bartusch, hier ist noch eine frühere Stelle des Briefes, die wir übersehen hatten.

Ich will nun nichts mehr wissen, antwortete das Mädchen träumerisch, von der Erwähnung Siegberts erschreckt.

Vorher noch, fuhr Bartusch fort, ohne sich irremachen zu lassen, vorher noch, sagte der Justizrath – die Erwähnung[346] des Fritz machte, daß wir die Stelle übersprangen ....

Welche denn?

»Die Anwesenheit des Prinzen von Hohenberg hinge vielleicht auch mit der Entführung des Mobiliars seiner Mutter zusammen. Die Trompetta hätte erzählt, er wäre darüber bis aufs äußerste entrüstet. Frau von Trompetta hätte bemerkt, man beabsichtige bei Hofe vielleicht die schönsten Andenken dieser Einrichtung dem Fräulein Friederike Wilhelmine von Flottwitz zu verehren, als Anerkennung für ihre landesrettende Hingebung an das Kriegsheer und die Stiftung des weiblichen Reubundes ....«

Der Vater schriebe Das? rief Melanie lachend; von dieser blonden Magdalena? Das sind satyrische Arabesken!

Sie nahm den Brief, fand die Stelle wirklich und setzte mit nicht ganz scherzhaftem Zorne hinzu:

Soll die Flottwitz vielleicht in die Lage kommen, auch zu dem Prinzen Egon in Beziehungen zu treten? Gebt Acht, Das wird eintreffen! Ihm raubt ein liebloser Vater die theuersten Andenken an seine Mutter. Der alte Fürst, der Alles verspielt und vergeudet hat, opfert auch noch die letzte Erinnerung an die Mutter seines Sohnes. Der Hof rettet ihn durch eine Summe auf jene Einrichtung, und statt sie dem Sohne zurückzugeben, schenkt man das Beste davon meiner blonden Freundin Friederike Wilhelmine, die es darauf anlegt, eine geschichtliche Person zu[347] werden. Das seh' ich vor mir! Der Prinz bittet um die Erlaubniß, bei ihr diese Reliquien noch einmal betrachten zu dürfen. Er sieht die Briefbeschwerer und Crucifixe und küßt die Stickereien, und vergißt sich und küßt auch die Hand der Flottwitz, die ihn erobern wird mit Gott für den König, das Vaterland und für – sich! Nein, nein, diese Verschwörung ist entdeckt, die Fäden sind in unserer Hand und wir benutzen sie so, daß der Prinz Egon nicht der Gräfin d'Azimont, nicht der Flottwitz gehört, sondern zu unserer Fahne schwört, und Das gleich. Fort Bartusch, holen Sie ihn nur her! Wo ist der Prinz?

Die Mutter rief lachend:

Gemach! Gemach!

Es ist mein Ernst, sagte Melanie, sprang empor und stampfte mit komischem Zorn so auf, daß die alten verwitterten Dielen von den kleinen Pantöffelchen zitterten.

Nur ruhig! Nur behutsam, bitt' ich, meinte Bartusch, der gewohnt war, sich immer streng an des Justizraths Befehle zu halten. Discretion!

Vor allen Dingen weiß man ja noch gar nicht, bemerkte die Mutter, ob der Prinz Egon wirklich hier schon angekommen ist.

Darüber, sagte Bartusch pfiffig, darüber kann ich Bericht erstatten ....

Rasch! Bartusch; Sie schleichen wieder wie ein Maulwurf!

Muß ich nicht? Müssen meine Morgenrapporte nicht von einer gewissen systematischen Gründlichkeit ...[348]

Nichts von Gründlichkeit! Die Mutter erläßt Ihnen heute Ihre gewöhnliche Spionage! Also ...?

Erstens hätt' ich denn zu melden, fing Bartusch behaglich an, daß die alte braune Kuh, die Frau Justizräthin so lieb haben ...

Was? sagte Melanie und warf sich in ein Canapee. Fort doch mit der alten braunen Kuh!

Laß ihn nur, meinte lächelnd die Mutter. Es ist besser, in solchen Dingen nichts zu übereilen. Du weißt, wieviel dem Vater an der Administration liegen muß ....

Aber die alte braune Kuh! ...

Die vorgestern vom grünen Abhang fiel, ist wiederhergestellt; der blinde Schmied curirte sie ... sagte Bartusch und erfreute dadurch die gutmüthige Justizräthin.

Weiter!

Zweitens, die kranke Frau Müllerin –

Bartusch! Ich sterbe ...

Laß doch Kind! Was ist mit der Frau Müllerin?

Sie will nicht aus der Mühle ...

Wirklich nicht?

Sie will da sterben, wo sie gelebt hat.

In dem dumpfen, feuchten Gemäuer? Bei dem ewigen Klappern der Räder? Bei dem Schaume, der fast auf ihre Betten spritzt? Wie kann da die Frau je gesund werden?

Hannchen Schlurck war wirklich außer sich über diese hartnäckigen Gewohnheitsmenschen; aber Bartusch sagte:

Leben in der Mühle und sterben in der Mühle. Doctor[349] Reinick meinte auch: Diesen Leuten ist in solchen Sachen nicht beizukommen.

Melanie konnte über die Spannung, in der sie Bartusch erhielt, nicht entrüsteter sein als ihre Mutter über Menschen, die an der Schwindsucht leiden und nicht das Geringste für das Einathmen einer gesunden Luft thun ....

Drittens, der Bauer Sandrart ...

Ach! Ach! schmachtete Melanie, fast verzweifelnd.

Der Bauer Sandrart ist absolut nicht zu bewegen, vor uns die Mütze abzunehmen, wenn wir in den Ullagrund fahren.

Warum nicht? sagte die Mutter aufwallend.

Der Justizdirector meint, es wäre nun einmal der reichste, freieste und impertinenteste Mensch im ganzen Fürstenthum .... Jetzt, da sein Sohn in der Garde sogar Sergeant geworden wäre, käm' ihm Keiner gleich, es wäre denn der Fürst von Hohenberg selbst ....

Egon, heißt der! Gott sei Dank! Sie lenken ein! Bleiben Sie auf der Fährte!

Oder der Feldwebel seines Sohnes, der in der dritten Compagnie des Leibregiments steht, unter dem Major von Werdeck ...

Bartusch!

Gegen solchen Trotz und den Stolz der Dummheit vermag keine Drohung Etwas; sagte Bartusch immer ruhig.

Berichten Sie's nur, beschied die Mutter, Herrn von Reichmeyer! Er war über diesen Sandrart am meisten indignirt ....[350]

Was das Schloß anbetrifft, fuhr Bartusch unerschütterlich fort, so scheinen Herr und Frau Commerzienrath von Reichmeyer sehr angenehm geruht zu haben. Sie sind schon früh im Felde spazieren gegangen, haben mit Arbeitern herablassend gesprochen und sich die Wirthschaftsgebäude wiederholt angesehen. Man kann daraus schließen, daß von dieser Seite der Gedanke, Hohenberg anzukaufen noch immer nicht ganz fallen gelassen wird.

Die Mutter nickte ....

Lasally – fuhr Bartusch fort ...

Was Der gethan oder nicht gethan, können Sie überschlagen! rief Melanie, aufs Äußerste gereizt.

In der That weiß ich auch nichts Weiteres von Lasally, sagte Bartusch gemüthlich, als daß er noch schläft und sich gestern Abend über Ihre Coquetterie bitter beklagt hat. Ein Opfer derselben –

Mehr Thatsachen, weniger Betrachtungen!

Ein Opfer derselben, wiederholte Bartusch sehr nachdrücklich, der Pfarrer ...

Guido Stromer ...

Guido Stromer soll gestern Nacht noch Veranlassung zu einer häuslichen Scene gegeben haben. Ob Eifersucht der Gattin, Verzweiflung über seine seit dem Tode der Fürstin nicht mehr besonders gesicherte Lage oder ob die Wirkung des Champagners –

Bei diesen Vermuthungen klopfte es. Man wollte die Störung nicht, deshalb sprang Melanie, ihr ungeordnetes Haar zusammenraffend und über die halboffene Brust[351] zusammenschlagend, an die Thür des Zimmers, um zuzuriegeln. Doch war es nur ihr Mädchen Jeannette, die, schon zierlich geputzt, einen großen Blumenstrauß in der Hand hielt. Das Geschenk kam vom Pfarrer und war als Morgengruß für Fräulein Melanie Schlurck bestimmt. Jeannette lächelte bei dieser Meldung etwas maliciös.

Da sieht man die Ursache des gestrigen Zanks, bemerkte Bartusch, als Jeannette auf später beschieden wurde und sich mit feiner Miene entfernt hatte; im Entzücken über den erlebten Abend wurde von ihm beschlossen, heute früh wieder ein Blumenbouquet hierherzusenden, und dieser Plan gab ohne Zweifel die Veranlassung zu einem Ausbruch längst verhaltener Gefühle.

Während die Mutter den großen frischduftenden Strauß zertheilte, um ihn vorläufig in die kleinen Wassergläser, die mit dem Frühstück gekommen waren, setzen zu können und kein weiteres Klingeln erst nöthig zu haben, sagte Melanie, die das Geschenk mit aufrichtiger Theilnahme entgegengenommen hatte:

Und wer weiß, kluger Mann, ob diese Blumen nicht heute ganz früh in der Stille im Pfarrgarten gepflückt wurden, während die gute treue Gattin und die fünf Schreihälse von Kindern noch schliefen! Laßt mir den Pfarrer!

Und die gestrige Scene? fragte die Mutter.

Die stille Frau, die hier saß, als könnte sie nicht Fünf zählen und zu Allem lächelte, sagte Bartusch, hat einen Anfall von Leidenschaft gehabt und sehr geweint. Stromer[352] aber schlug auf die Tische, drohte mit allen möglichen Entschließungen und die Kinder, aufgeschreckt aus den Betten, in denen sie schon schliefen, warfen sich zwischen die beiden Streiter und suchten Frieden zu stiften, bis die Hunde der Mühle anfingen zu bellen und die Eheleute zur Besinnung auf die geistliche Würde des Hauses zurückriefen. Die Frau schwieg, aber, wie sie gesagt haben soll, nur aus Schonung für die kranke Müllerin.

Unglückliches Bild der Ehe! seufzte Melanie's Mutter, die zwar aus ihrem eigenen Leben solche Scenen nur von ganz früh kannte, die Welt aber hinlänglich beobachtet hatte, um dergleichen Nachspiele zu einem heitern gesellschaftlichen Abende, wo der Mann mit der Frau, die Frau mit dem Manne nicht vollkommen zufrieden war, zu verstehen.

Melanie aber, aufgeregt, sagte noch nachdrücklicher:

Laßt mir nur den Pfarrer gehen! Guido Stromer kommt mir vor, wie ein Apfelbaum, dem, nachdem er lange keine Früchte getragen hat, plötzlich einfällt, im November zu blühen! Der Mama gesteh' ich's, er hat mir gar nicht misfallen. Er ist nicht schön und schon über die Jahre hinweg, wo man noch eines angenehmen Eindrucks durch sein Äußeres gewiß ist, und dennoch besitzt er eine Frische, die auf ein nur gehemmtes, nicht erstorbenes Bedürfniß zur Lebensfreude schließen läßt. Ich denke der Zeit, wo die kleinen Linien, die ich da im Spiegel im Zorn über Bartusch's mich quälende Grausamkeit schon mit feinen Strichen auf der Stirn und den Schläfen gezeichnet[353] sehe, einmal auch garstige Furchen sein werden, die weder Schminke noch ein Schönheitswasser fortjagen kann! Da wär' es vielleicht nur der Verstand, der sie auslöscht. Jung erhält nur der Geist. In dem Pfarrer schlummert viel.

Das du doch nicht etwa wirst wecken wollen? sagte fast erschrocken die Mutter.

Warum nicht ich? Jeder! antwortete Melanie. Guido Stromer hat große schöne Augen, die er oft so gewaltig lüftet, als sollte man in eine ganz helle Krystallwelt sehen, auf der Alles anders aussieht, wie auf der unsern. Wenn der Mann mich lange und prüfend betrachtet, fühl' ich Etwas von den Vampyren, die schon mit ihren Blicken Andern das Leben aussaugen. Verpflanzt doch nur einmal einen solchen Mann, wie mir Siegbert Wildungen ja von einem lateinischen Schulmeister, dem großen Winkelmann, erzählt hat, verpflanzt ihn aus einem Städtchen in der Priegnitz oder Altmark von seinen Büchern und seinen häuslichen Jämmerlichkeiten hinweg nach Rom und zu den Göttern Griechenlands .... Doch wohin verirr' ich mich? Was sind Ihnen, Bartusch, die Götter Griechenlands! Bellen Sie weiter, alter Cerberus!

Das Gebell der Hunde, fuhr Bartusch fort, indem er an den kleinen Backwerkresten kaute, die sich noch auf den Tellern fanden; das Gebell der Hunde kann indessen auch von mancherlei Abends und über Nacht angekommenen neuen Besuchern und Durchreisenden des Orts herrühren.[354]

Endlich! Endlich!

Da ist zuvörderst zu erwähnen, sagte Bartusch, daß mitten in der Nacht eine Depesche an den Herrn Intendanten einlief, deren Inhalt sich aus der großen Eile abnehmen läßt, mit der heute schon in aller Frühe das Geschäft der Einpackung begonnen hat.

Daher also das frühe Hämmern und Poltern, das mich nicht mehr einschlafen ließ? sagte Melanie und trat ans Fenster.

Himmel, rief sie, was soll der geschmacklose Wagen?

Man legte die Gardinen zurück und entdeckte im innern Hofe einen langen und breiten Transportwagen der Art, wie man sie in großen Städten bei Umzügen braucht. Die Pferde waren ausgespannt. Hinten der weitläufige Raum halb geschlossen. Zu gleicher Zeit sah man auf dem andern Flügel schon die Excellenz mit ihren beiden Bedienten in voller Thätigkeit, Befehle ertheilend, hier und da beim Emballieren zur Behutsamkeit mahnend, sonst aber schon in gewählter Toilette und die Gelegenheit wahrnehmend, ob der geöffnete Zipfel des Vorhangs an dem schon lange von ihm fixirten Fenster nicht Etwas von seinen weiblichen Bewohnern zeigen würde. Als er eben grüßen wollte, ließ die Mutter rasch den Vorhang fallen und Melanie rief lachend und mit komischem Pathos hinter dem schützenden Versteck:

Bist Du es denn, Mann mit den himmlischen kleinen Ohren? Alp meiner Seele, der mich eine Nacht gekostet hat, die ich auf dem Kalender unserer jungen Liebe als[355] eine verlorene ausstreichen muß! Blinzle nicht so gefahrvoll herüber! Mäßige das Feuer Deiner Augen, vortrefflicher Don Quixote! Fürchtest Du nicht, daß ich, angezogen von dem süßen Lächeln Deines mit so kunstvollen pariser Zähnen geschmückten Mundes zu Dir hinüberfliege und da das prächtige Buch in dem grünen Sammeteinband mit dem goldenen Schnitte Dir aus der Hand reiße und rufe: Mein! Mein? Ja mein, weil Du es berührtest! Schlag es nur auf, Mann! Lächle nur! Es ist die Bibel, das Buch aller Bücher, worin das Hohe Lied Salomonis steht, das ich singen werde zur Geige und Flöte, wenn ich komme, um Deine kleinen Ohren mit Rosen zu umkränzen! Da notirt er es in einem langen Buche, vielleicht gerade Nummer sechzig, die eine schnöde Anspielung auf Deine Lebensgeschichte enthält! Aber Bartusch, Mutter, seht nur, es ist ein Staatsdiener, der das Vertrauen seines Fürsten verdient, selbst die verwesten Blumen, die da noch in der chinesischen Vase stehen, betrachtet er, ob sie dem Staate verfallen sind oder nicht? Nimm sie! Nimm sie! Es sind ja die vortrefflichsten Strohfäden für das Haar unserer neuen Ophelia, meiner Freundin Friederike Wilhelmine von Flottwitz, die aus Liebe zum Prinzen Egon, wollt' ich sagen Ottokar, dem Oberbefehlshaber der bewaffneten Macht, bereits närrisch geworden ist ....

Kind! Kind! sagte die Mutter, nimm Dich nur selber in Acht! Das Abentheuer mit dem Incognito bringt Dich um alle Vernunft. Es ist nichts damit; denn Bartusch scheint[356] uns zu foppen und von einem Fremden mit lichtbraunem Haar nichts zu wissen.

Doch! fuhr dieser aus seiner Fassung nicht zu bringende Mann fort; wir haben nunmehro die Wahl zwischen drei fremden Personen, die seit gestern Abend angekommen sind. Denn den Kurier, der wahrscheinlich wegen der hier vermutheten Anwesenheit des Prinzen Egon zur schleunigsten Beschlagnahme der drei Zimmer der Fürstin gerathen hat, rechne ich nicht ....

Rechnen Sie ums Himmels willen nicht! rief Melanie ungeduldig. Sagen Sie, wer von den Dreien dem Siegbert Wildungen ähnlich sieht?

Ich kenne den jungen Maler nicht, bemerkte Bartusch; aber eine gewisse Person, die man gestern tief in der Nacht hier ums Schloß hat schleichen sehen und die durch dieselben Hunde, die ich schon aus zwei andern Ursachen bellen ließ, verscheucht wurde, kann es nicht sein. Sie hatte rothe Haare ....

Das war Hackert, sagte die Mutter unmuthig ....

Melanie schwieg.

Er muß sich den Garten heraufgeschlichen haben, verschwand auch dorthin, als die Bedienten des Intendanten, die drüben in den Zimmern abwechselnd wachen, ihn entdeckten, das Fenster öffneten und anrufen wollten. Wo er Obdach gefunden, weiß man nicht; auch Niemand sonst hat ihn irgendwo im Dorfe unten gesehen.

Mutter und Tochter schwiegen ernst.

Dann, fuhr Bartusch, die Pause benutzend, fort, dann[357] ist zu nennen ein älterer Mann, der in der Krone unten angekommen mit einem allerliebsten Knaben. Der Fremde nennt sich Ackermann. Herr Ackermann soll sich geäußert haben, er käme von einer weiten, weiten Reise und hat hier im Dorf Aufsehen gemacht durch das viele Seltsame und Abenteuerliche, das er gestern Abend den Leuten im Wirthshause von Amerika erzählte. Nun ja! Das fehlte uns noch, daß zu allen Calamitäten, die wir schon auf dieser Herrschaft zu überstehen haben, sich noch das Auswanderungsfieber gesellte und durch irgend einen gewandten Agenten, Das wird Herr Ackermann sein, die Leute vollends zu ihrer Arbeit keine Lust und Liebe mehr behielten! Ich ließ darum schon heute in aller Frühe genauer nach diesem Herrn Ackermann forschen und erstaune, daß auch er, wie der Letzte und Beste von Allen, über Die ich zu berichten habe –

Endlich der Prinz? unterbrach ihn Melanie mit äußerster Ungeduld.

Nun wol, sagte Bartusch, der Prinz, glaub' ich, ist da. Aber Sie würden mich außerordentlich verbinden, wenn sie in dem äußern Antheil, den Sie an diesem Abenteuer nehmen, mein Fräulein, nicht vergäßen, wie streng die Vorschriften des Justizraths sind und wieviel möglicherweise darauf ankommen kann, ob und wie wir hier mit dem Erben der fürstlich Hohenberg'schen verwickelten Masse zusammentreffen.

Ja, Melanie, sagte nun die Mutter, durch Hackert's Erwähnung streng und ernst gestimmt; laß Bartusch seine[358] ganze Meinung sagen, damit wir wissen, wie wir uns zu verhalten haben .... Des Vaters halbe Existenz beruht auf dieser Administration.

Melanie, befriedigt schon von der Thatsache, daß der vielbesprochene und abenteuerliche Fürst nun wenigstens da war, nahm aus einem der Gläser einige Blumen des Pfarrers und schwebte, ihren Duft einathmend und in sorgloser Spannung sich wiegend, im Zimmer leise auf und ab. Die Melodie, die sie dabei trällerte, störte nicht.

Der dritte Fremde, berichtete Bartusch, kam denn also gestern Nachmittag in einem kleinen Einspänner mit einem sehr ermüdeten Pferde an.

Gestern Nachmittag? unterbrach Melanie. Mit dem kleinen Wägelchen, das wir im Walde trafen? Wir ritten pfeilschnell vorüber. Aber es waren zwei Herren –

Einer nur! sagte Bartusch.

Es waren zwei, erklärte Melanie. Einer faßte nach den Zügeln des scheugewordenen Pferdes, die ihm entfallen waren. Der Andere, der Andere in einer blauen Blouse, war gleichfalls im Wagen aufgesprungen und half ihm. Wir ritten zu schnell, um genauer zu beobachten. Mein Schleier flatterte zu sehr im Winde, die Mienen konnt' ich nicht unterscheiden. Auch waren Beide jung und der Eine ... der Eine schien mir viel eleganter, als für den schlechten Wagen paßte ....

Von Zweien weiß ich nicht, sagte Bartusch. Der da unten in der Krone abgestiegen ist, hat in der That lichtbraunes Haar, zarte Hände, modernen Bart und gleicht[359] ganz dem Signalement, das uns der Justizrath vom Prinzen gegeben hat. Bald nach ihm kam auf der andern Straße von Randhartingen her der Amerikaner, der sich Ackermann nennt, mit einem Knaben. Der wahrscheinliche Prinz hat keinen Namen genannt. Die eingeschlafenen Gewohnheiten des Nachtbuchs in den Gasthäusern haben ihn auch nicht aufgefodert, einen zu nennen. Beide, der Braunblonde und der Amerikaner, schienen sich fremd und doch haben sie gemein, daß sie sich mit auffallendem Eifer nach den kleinsten Details des Schlosses und der Familie Hohenberg erkundigten. Und noch mehr, Beide fragten nach dem blinden Schmied im Dorfe ....

Nach Dem frägt ein Jeder, der mit einem eigenen Wagen kommt und sein Pferd beschlagen lassen will.

O nein –

Sei doch ruhig! sagte die Mutter ernst; und laß Bartusch reden!

O nein, nahm Dieser wieder seine Ermittelung des Thatbestandes wie ein Jurist auf; nicht wegen der Pferdehufe geschah Das. Der Amerikaner fragte nach dem Schmied Zeck und nach dessen alter Schwester, die im Walde beim Förster Heunisch wohnt. Der Prinz aber, wenn er es ist, machte sich mit demselben alten Schmied Zeck zu schaffen, indem er behauptete, ein Schrein der ihm gehöre, wäre kürzlich von einem Fuhrmann, der ihm das Frachtstück aus der Stadt Angerode hätte überbringen sollen, bei einer Reparatur seines Wagens hier entweder verlorengegangen oder nach allen Anzeichen[360] gestohlen worden. Den Lärm wegen jenes Schreins kennen Sie ja! Wie kommt der Prinz zur Kenntniß dieses Vorfalls? Welchen Antheil hat er daran? Ja noch mehr, wie konnte er zu dem alten Zeck sagen: Der Schrein ist gefunden worden, bemüht Euch nicht, mir den Jammer wieder auszumalen, an dem noch Peters krank darniederliegt! Ich reise morgen zurück und lasse den Schrein mir von Dem zurückstellen, der ihn gefunden hat, dem Justizrath Schlurck.

Wie, Schlurck? rief Melanie's Mutter und auch Melanie, die von dem ganzen Vorfall nichts wußte, blickte staunend ....

Ich entsinne mich des Morgens, sagte Hannchen Schlurck, wo das Geschrei eines Fuhrmanns das ganze Schloß in Aufruhr brachte. Wir hatten unsern verunglückten Ball gehabt, auf dem nur die Bürgerlichen aushielten. Schlurck war trotzdem von der heitersten Laune. Nachdem wir kaum vom ersten Schlaf erwachten, wird es unter unsern Fenstern laut. Ein Fuhrmann hat, um die Hitze zu vermeiden, in der Nacht statt am Tage fahren wollen. Beim Herabfahren vom Berge, dicht an der Schmiede, bricht die Achse und der Wagen schießt über ihn her. Erst muß er eine Weile so gelegen haben, bis das Bellen seines Hundes die Leute weckt. Noch war hier oben Alles wach. Der Schmied wird aus dem Schlafe gerüttelt. Man packt den Wagen ab. Der Fuhrmann wird in die Schmiede getragen. Man stellt seinen Wagen wieder her. Der arme Mensch kommt zur Besinnung, ladet wieder[361] auf und vermißt einen Schrein, um dessen Wiedererlangung der Mann fast wahnsinnig wird. Er beschwört Alles, was lebt, um sein verlorengegangenes Frachtstück, klagt den Schmied an, das Schloß, das ganze Dorf. Der Justizdirector wird geweckt, man nimmt ein Protokoll auf, der Fuhrmann reist unverrichteter Sache in Verzweiflung wieder ab, und nun sagt Prinz Egon, wenn er es ist, das geraubte Gut befände sich in den Händen meines Mannes? Wie ist das möglich?

Der Fremde scheint darüber so beruhigt zu sein, fuhr Bartusch ebenfalls erstaunt fort, daß zuvörderst dem alten Zeck ein Stein vom Herzen gefallen ist ....

Der alte Schmied, sagte die Mutter, hat ein unheimliches Aussehen und erinnerte mich, ich muß es wol sagen, oft an Hackert. Doch achtet man ihn allgemein. Gehört er nicht zu den Frommen, wie auch seine Schwester im Walde?

Die Hexe? ergänzte Melanie. Als wir gestern beim Förster vorbeiritten, graute uns vor dem Gruße der Alten, die unter den Tannen am Wege saß, wie eine der alten schottländischen Nornen ....

Wenn diese Leute den Schrein genommen hätten? meinte die Mutter.

Der blinde alte Zeck? bezweifelte Melanie.

Wie käme aber der Vater dazu? Habt Ihr auf seinen Wagen einen solchen großen Schrein, der außerdem noch ganz sonderbar ausgesehen haben soll, aufladen sehen?

Nein! war die Antwort.[362]

Und wenn ihn Schlurck auch gefunden und Ursache hätte, es zu verschweigen, da er vielleicht einen irgendwo vermißten Gegenstand entdeckte, wo hätte er ihn finden sollen? Es war zwei Uhr, als sich das Unglück mit dem Fuhrmann ereignete. Der Schrein ging um zwei Uhr verloren. Schlurck hatte schon lange vor ein Uhr die jüngere forttanzende Gesellschaft verlassen, die Justizdirectorin, die sich mit den Adeligen entfernen zu müssen glaubte, früh nach Hause begleitet und mußte längst wieder zurück sein, da man den Weg hin und her von der Zeisel'schen Wohnung in einer halben Stunde macht ....

Mußte zurück sein! sagte Bartusch mit einem Ernste, dem ein boshaftes Lächeln folgte.

Melanie's Mutter fixirte ihn.

Mußte? sagte sie erröthend ....

Es trat ein peinlicher Augenblick ein. Offen lagen da plötzlich gewisse geheime Schäden dieser frivolen Familie, die bisher vom absichtlichen Nichtwissenwollen verdeckt waren .... Schlurck verehrte Frau von Zeisel .... Frau von Zeisel war ohne ihren Mann vom Balle gegangen .... man konnte Vermuthungen Raum geben .... man konnte Schlüsse ziehen .... man konnte ...

Genug! rief Melanie; weg mit Eurer abscheulichen juristischen Untersuchung! Ist es nicht, als säße man hier auf dem Armensünderstuhl und müßte seine unschuldigsten Erlebnisse zu Protokoll geben! Schämen Sie sich, Bartusch, mit Ihrer grübelnden Weisheit, die doch nichts zu Tage fördern wird, als daß Sie unter Thoren der Thörichtste[363] sind. Ein Schrein – eine Justizdirectorin – zwei Uhr – was ist das Alles? Gehen Sie hinunter in die Krone, richten Sie an den hellbraunen Lockenkopf, der uns hier Fallen legen, auf falsche Fährten bringen und dem Vater, den er haßt, schlimme, böse Streiche spielen will, den Gruß meiner vortrefflichen Mutter, Johanna Schlurck, geborenen Arnemann, aus, und sagen Sie ihm: Diese noch junge, schlanke, sehr liebenswürdige Johanna Schlurck hätte eine Tochter, die verhältnißmäßig jünger, noch schlanker, aber nicht liebenswürdiger wäre als die Mama, und sich erkundigen müsse, ob ihm gestern im Walde mit seinem störrischen Thiere keine Unannehmlichkeit widerfahren wäre? Verstehen Sie? Und die Antwort darauf, fahren Sie fort, die Antwort, würden die Bewohner des Schlosses lieber von ihm selber hören, falls er geneigt wäre, bei uns heute einen Löffel Suppe zu essen. Bürgerlich um halb zwei Uhr. Bist du's zufrieden, Mama?

Die Mutter war noch erschüttert davon, daß Bartusch auf die Artigkeit anspielen konnte, die der Justizrath der Frau von Zeisel erwies ....

Einen Korb nehmen wir nicht, fuhr Melanie den Unmuth verscheuchend fort. Das ganze Getriebe von Intriguen zwischen den Häusern Hohenberg und Schlurck, alle diese Feindschaften lass' ich nicht aufkommen. Der Vater soll uns keine Vorschriften ma chen, die wider die Natur der Frauen gehen. Hier lebe die Galanterie! Sie machen sich sogleich auf den Weg, Bartusch, bei Strafe meiner Ungnade, und knüpfen die Verbindung auf feine diplomatische[364] Art an! Lächeln Sie mir aber nicht etwa, wie's im Hamlet heißt, als wollten Sie sagen: Wir wissen recht gut, Sie sind Prinz Egon, aber wir drücken die Augen zu! Oder: Wir scheinen dumm und sind klug! Wir wollen Sie nur nicht kennen! Verstehen Sie? Nicht so! Will der Prinz sich verborgen halten, so nehmen Sie ihn ernst und heilig für Das, wofür er sich ausgibt, und wär' es ein gewöhnlicher Kammerjäger, der hier oben auf dem Schlosse nur die Ratten und Mäuse verjagen will ....

Wer weiß, ob Das nicht seine wahre Absicht ist! sagte die Mutter, die sich jetzt erst sammelte.

Nein, ich stifte Frieden zwischen den Häusern Friedland Piccolomini! sagte Melanie und drängte Bartusch zur Thür hinaus, indem sie ihm noch nachrief:

Halb zwei Uhr steht die Suppe auf dem Tisch!

Bartusch zögerte.

Melanie gab ihm kein Gehör mehr. Sie drückte gewaltsam hinter ihm die Thür zu.

Mutter! sagte sie, jetzt gilt es schön sein!

Sie klingelte und rief ihrem Mädchen.

Bartusch wollte draußen immer noch zweifeln, klopfte, begehrte Einlaß, erinnerte immer noch an das doch nur im Allgemeinen zutreffende Signalement ....

Melanie rief hinaus:

Wir werden bald wissen, woran wir sind. Der Wink der Trompetta soll nicht verloren gehen ....

Leiser und fast für sich setzte sie hinzu:

Wir werden ihn sehen und uns bald überzeugen, ob er[365] einem jungen Manne ähnlich sieht, den wir ja wol sehr genau kennen, dem guten Siegbert Wildungen.

Damit denn ging Bartusch. Melanie bedeckte die Mutter mit zärtlichen Küssen, umarmte sie, tanzte mit ihr und suchte sie möglichst aufzuheitern. Davon, daß der Geist der Wahrheit, des Ernstes und der heiligen Pflichterfüllung bestimmt schien, hier den von uns geschilderten frivolen Lebensprincipien eine tiefe Demüthigung zu bereiten, konnte sie keine Ahnung haben ...

Nicht ohne einen Anflug von Rührung ließ die ernstgestimmte Mutter die Liebkosungen ihres Kindes geschehen und folgte dann der Auffoderung, gemeinschaftlich zu berathen, wie dieser Mittag angeordnet, vor allen Dingen, welche Gäste noch und welche Kleider gewählt werden sollten.

Indem Beide mit der inzwischen eingetretenen Jeannette in das Garderobezimmer traten, schritt Bartusch nachdenklich die Anhöhe herab dem Wirthshause von Plessen zu, genannt: die Krone.


Ende des ersten Buches.[366]

Quelle:
Karl Ferdinand Gutzkow: Die Ritter vom Geiste. [Band 1–3], Frankfurt a.M. 1998, S. 326-367.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die Ritter vom Geiste
Die Ritter Vom Geiste (5-6); Roman in Neun Buchern
Die Ritter Vom Geiste: Roman in Neun B Chern
Die Ritter Vom Geiste: Roman in 9 B Chern, Volume 1
Die Ritter Vom Geiste: Roman in Neun Büchern, Volume 2 (German Edition)
Die Ritter Vom Geiste: Roman in Neun Büchern, Volume 6 (German Edition)

Buchempfehlung

Gryphius, Andreas

Leo Armenius

Leo Armenius

Am Heiligen Abend des Jahres 820 führt eine Verschwörung am Hofe zu Konstantinopel zur Ermordung Kaiser Leos des Armeniers. Gryphius schildert in seinem dramatischen Erstling wie Michael Balbus, einst Vertrauter Leos, sich auf den Kaiserthron erhebt.

98 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon