Sechstes Capitel
Welt und Zeit

[1584] Gute Mutter, sagte Egon nach einer Pause schmerzlichen Lächelns und wehmüthig gen Himmel blickend, ja in seiner bitter getäuschten Erwartung sich zu bekämpfen suchend; gute Mutter, dieses Testamentes hätt' es nicht bedurft, um mich in deine Nähe zu rufen! Das heißt in der That um Christi Willen leiden und sterben! Dies Bild hätte mich, wenn ich von der Krankheit nicht erstanden wäre, mein Leben kosten können.

Dankmar schwieg voll tiefen Mitleids über den getäuschten, von bösen Feinden betrogenen Prinzen ...

Wir sind denn also, sagte er nach einer Weile ruhig, da wieder angelangt, Prinz, wo wir im Thurme standen! Ein neuer Moment ist in dein Leben nicht eingetreten. Es bleibt bei den alten Voraussetzungen und so wird es wol auch bei den alten Entschließungen bleiben müssen. Du fühlst dich stark durch dich selbst! Laß die Vergangenheit und beherrsche die Zukunft!

Da, wo wir im Thurme standen! wiederholte Egon. Dann bin ich dir noch viel zu beichten schuldig.

Ich ahne, was ich noch erfahren sollte, antwortete Dankmar ablehnend. Dein Leben ist nicht ohne Beobachtung[1584] geblieben. Solche Sterne, die einen leuchtenden Namen tragen, schon wenn sie auf die Welt ziehen, verbergen sich niemals ganz, auch wenn die dunkelsten Nebel über sie fallen.

Worauf deutet diese Schmeichelei, Wildungen? fragte Egon.

Die Erwähnung eines Unglücks ist keine Schmeichelei. Und ein Unglück nenn' ich, wenn ich so hoch stehe, daß ich mich nicht einmal mit meinen Thränen verbergen kann. Soll ich dir sagen, was ich Alles von dir weiß, ohne daß ich unter den Spiegeln deines Pavillons saß und dich um die elfte Stunde erzählen hörte?

Also die Welt erfindet über mich? fragte Egon.

Dankmar antwortete, er wolle hören, ob folgende Verhältnisse Erfindungen wären?

Und nun begann er genau und ausführlich zu erzählen, was sich in dem öffentlichen Gespräch über den Prinzen schon festgestellt hatte. Er erzählte ihm seine Geschichte von Lyon an bis zu seiner Ankunft in dieser Residenz. Er nannte ihm Namen und Thatsachen, Louis Armand und Helene d'Azimont, Alles, Alles, selbst daß Louison um die elfte Stunde gestorben war ...

Nichts war der Welt entgangen und wie ein Roman lag es vor Aller Augen.

Als Dankmar geendet hatte, erwiderte Egon nichts. Es hatte ihn tief erschüttert, so offen vor der Welt wie ein aufgeschlagenes Buch dazuliegen und er dankte dem neuen Freunde, daß er aufrichtig und wahr gewesen ...[1585]

Da hab' ich nichts an Thatsachen zu erzählen! sagte er schmerzlich. Die Menschen kennen alle Blätter meines Lebens, was die Summarien anlangt. Die Capitel und die Überschriften sind richtig ... Die innere Verknüpfung aber, der Pragmatismus, ja der Text selbst steht nur in meiner Brust und im Buche des Lebens verzeichnet.

Und doch fühlt die Welt deinen Pragmatismus nach, sagte Dankmar. Freilich Louis Armand ist und bleibt ein unverständliches Capitel

Weil er schwieg, weil er an meinem Krankenlager stand! Aber die d'Azimont redete! Die zeugte also schon für sich in der Sprache ihrer Thränen, in der Beredtsamkeit ihrer Litaneien. Dies Capitel versteht man; denn aus Allem, was ich von dir gehört habe, entnehm' ich die Darstellung der Salons, den blendenden Styl der sogenannten Rechtfertigungen! Rechtfertigungen! Die Thatsachen sind wahr, aber ihre Verknüpfung haben Frauenhände gestrickt.

Mein Freund, sagte Dankmar in einem ernsten Tone, der ihm seit einiger Zeit zur andern Natur geworden war; mein Freund, wenn der Mann liebt, verfällt er dem Urtheil Derer, denen die Liebe ihr ganzer Lebensberuf ist. Wir können über Auffassungen unserer Herzensangelegenheiten streiten, wie viel wir wollen; die Frauen lassen sich ihr Urtheil nicht nehmen und bleiben bei dem gemeinsamen Interesse, das sie alle verbindet. Ich habe diesem Urtheil nachgesprochen. Man bricht den Stab über dich und deinen Glauben und deine Irrthümer. Ganz so wie[1586] man urtheilt, gab ich dir den Bericht. Ich halte Das für das erste Erforderniß eines Freundes, der den Namen verdient.

Und ich danke dir dafür, wie schmerzlich es mir auch ist, mich nicht der Welt nach meiner Auffassung zu zeigen.

Das wirst du für die Zukunft in deiner Hand haben. Du bist nun hergestellt, die Welt erwartet dich; ich sagte dir offen, wie der Boden aussieht, auf den du trittst. Dies sind die Thatsachen, die man von deinem früheren Leben glaubt bestätigt zu finden. Willst du sie wahrmachen? Willst du sie gelten lassen oder verändern? Das steht in deiner Macht.

Was urtheilt man über die d'Azimont? fragte Egon und stützte den Kopf auf und blätterte in dem Thomas a Kempis mit einer Resignation, als erschien' er sich bestimmt, nur zu leiden und sich zu täuschen.

Man findet sie so liebenswürdig, antwortete Dankmar, daß alle Welt wünscht, sie trennte sich von ihrem Gemahl und Euer Verhältniß würde ein legitimes.

Wünscht man Das wirklich? sagte Egon lächelnd.

Noch mehr! Man fürchtet, daß Louis Armand diese Vereinigung hindert und dich in Richtungen treiben wird, die mit deinen hiesigen Lebensbedingungen im grellsten Widerspruche stehen.

Fürchtet man Das? Wünschen! Fürchten!

Ich habe Männer von hoher Stellung folgendermaßen reden hören: Dieser Prinz Egon von Hohenberg ist nun gesund und wird bald in die Gesellschaft treten und sich[1587] ohne Zweifel an der Lösung unserer Wirren betheiligen. Schlimm, wenn er sie vielleicht noch vermehren sollte! Es fehlte uns nur noch, daß ein so hochgestellter junger Adliger mit diesem Namen, mit diesen glorreichen Familienerinnerungen, nachdem schon einige junge Adlige und Fürsten uns Verwirrung genug gebracht haben, in Deutschland als Communist auftritt!

Entsinnst du dich denn nicht unserer Gespräche auf der Reise? warf Egon hin.

Die Gräfin d'Azimont, fuhr Dankmar nichtachtend fort, wird für deinen guten Genius gehalten. Man hebt hervor, daß sie eine Aristokratin auch der Gesinnung nach ist. So sehr Eure Beziehung gegen die Grundsätze verstößt, die jetzt in unserer Gesellschaft vertreten werden, so wird man sie doch dulden, anerkennen und ihr Ziel, die eheliche Vereinigung, befördern, wenn sie es durchführt, dich von deinen französischen Bahnen zu trennen. Man nennt dich schon ehrgeizig: man behauptet, du strebtest nach Popularität. Man fürchtet, du würdest durch Aufstellung eines neuen Parteiprincipes die Verwirrung vermehren, die so schon an dem Grundbau und dem Fachwerke unseres Staates mehr rüttelt und ihn dem Sturze näher gebracht hat, als es äußerlich beobachtet werden kann.

Dankmar gab diese Fingerzeige so ruhig, so maßvoll, so bei aller Strenge duldsam, daß Egon statt der Antwort auf diese Thatsachen selbst sich nur an Den hielt, der sie ihm mittheilte.

Ich bewundere ... sagte er und stockte.[1588]

Was? fragte Dankmar.

Nichts, als dich, dich selbst, Wildungen! Wie verschmitzt du bist! Wie fein zugespitzt du das Alles vorträgst! Man glaubt einen König der Salons zu hören oder einen Diplomaten.

Statt dieses etwas zweideutigen Lobes, antwortete Dankmar lächelnd, möcht' ich lieber hören, was wol Prinz Egon zur Widerlegung aller dieser nur fraubasenhaften Befürchtungen thun wird?

Vor allen Dingen, mein Freund, sagte Egon, werd' ich mich inniger und wärmer denn je an meine Lieben anschließen. Ich habe einen neuen mir ebenbürtigen Freund in dir gewonnen und in Louis Armand besitz' ich etwas, was du mir nicht einmal sein kannst. Ich bin hier so gut wie fremd. Meine Angelegenheiten treff' in der größten Unordnung. Ackermann erstrebt das Beste, aber ich kenne die Chimärensucht der neuen theoretischen Ökonomen aus meinen englischen Studien. Nur die großen englischen Grundbesitzer sind im Stande, von der alten überlieferten Weise, die Erde zu bebauen, manchmal abzuweichen und mit Maschinen Versuche anzustellen. Das Zehnte bewährt sich nicht. Die Einigkeit zwischen Ackermann und Herrn von Zeisel, dem nominellen Verwalter des Ganzen, so zu sagen das alte Ministerium, scheint nicht die größte zu sein. Schlurck, mir längst verhaßt, ist abgeschüttelt, aber er hielt die Ansprüche der Gläubiger meines Vaters zurück: ich fürchte, sie werden nun zudringlicher und begehrlicher als je werden. In dieser[1589] schwierigen Stellung ist mir eine solche uneigennützige, zwischen Freund und Diener schwankende Hingebung, wie die meines Louis, Goldes werth, denn der gute Mensch ist ohne Ansprüche und fügt sich in jede Rolle und wäre es die des Lakaien. Ich kann ihn nicht entbehren, Wildungen. Ich theile seine communistischen Grundsätze nicht, aber ich ehre viele seiner Principien und werde für sie insoweit zu wirken streben, als ich, wie ich dir schon auf unserer Reise sagte, für eine größere Heilighaltung der Arbeit bin.

Wenn ich den Prinzen kenne, hab' ich oft den Leuten gesagt, so ist er ein Aristokrat, wie Ihr es nur selber seid! ...

Dankmar warf diese Bemerkung leicht, doch nicht ohne einen forschenden Blick hin.

Ich bin kein Aristokrat! wallte Egon fast vorwurfsvoll auf. Ich will, daß Gedanken herrschen, nicht Überlieferungen. Die Politik, wie sie in Frankreich getrieben wird, gefällt mir nicht im mindesten. Aber auch die deutsche ist mir verhaßt, die zumal, die hier bisher das Ruder führte. Säß' ich in einer Kammer, ich würde, wie jetzt die Dinge stehen, zur Opposition gehören.

Vergib mir, sagte Dankmar, als er bemerkte, daß Egon zu lebhaft wurde und sich über sein Antlitz eine plötzliche Röthe zog; vergib mir, daß ich die Schonung des erst Genesenden vergessen habe. Diese Dinge sind wichtig, aber aufregend.

Doch nicht! Doch nicht, Wildungen! sagte Egon und bat[1590] nur den Freund, ihm zu gestatten, daß er sich auf ein Kanapé streckte. Er forderte ihn auf zu rauchen. Er bot ihm türkische Cigarren an und erstaunte selbst, daß Louis Armand Alles so hergerichtet hatte, wie er es zu seinem nächsten Bedürfniß stündlich nur wünschen konnte.

Wie sieht es denn in der Welt aus? sagte er. Sind die Kammern zusammengetreten? Steht das Ministerium noch?

Es wird, sagte Dankmar, die Cigarre ablehnend, mit den Kammern fallen, die sich eben versammeln. Man macht ein neues Ministerium aus der Kammermajorität. Dies regiert vierzehn Tage. Dann kommen einige Forderungen, die die Krone stellen wird. Das Ministerium wagt sie nicht an die Kammer zu bringen und dankt theilweise ab. Einige, die mehr Muth haben, bleiben und verstärken sich durch Offiziere, Chefpräsidenten, Bankiers ... Man wird dies Ministerium das Ministerium der Thaten nennen. Man fordert jetzt, was die Krone anfangs nur wünschte. Die Kammern, doppelt durchwühlt an sich und vollends noch durch den Ärger der abgetretenen Minister, verwerfen diese Forderungen. Sie werden aufgelöst; alle Freiheiten werden für unbestimmte Zeiten suspendirt und man wird regieren, wie es eben geht und so lange es geht, bis der Cirkel durch eine neue Kammerwahl wieder von vorn anfängt oder ein großes politisches Ereigniß dazwischen tritt. Jede tiefer eingreifende Unternehmung für den Handel, die Gewerbe, für das moralische Leben, für Kunst und Wissenschaft ist dabei suspendirt,[1591] wenn nur die Steuern eingehen und die Beamten ihre Besoldung erhalten.

Mir aus der Seele geschildert! rief Egon. Und nur zu wahr, zu wahr! Welch' ein Zustand in diesem gegenwärtigen Europa! Die Völker preisgegeben, wie im Mittelalter, den zufälligsten Persönlichkeiten! Welch' ein Versteckspiel mit diesen Constitutionen, die nur dazu da sind, eine Überwucherung von Ehrgeiz in den dilettirenden Staatsmännern zu wecken! Dies Heer von Advokaten, Journalisten, Beamten, Geistlichen, Soldaten, die sich, weil sie einmal gewählt und genannt wurden, als Volksvertreter, Volksführer, nun sich einbilden, zeitlebens unentbehrlich zu sein, von Ministerportefeuilles träumen und nicht ruhen, bis die Reihe der Schicksalsgunst immer wieder an sie kommt! Das ist wieder das alte Faustrecht in vollkommener Ähnlichkeit, nur daß die Waffen die des dienenden, biegsamen Geistes wurden, die der Feder, des Wortes; es ist der Krieg Aller gegen Alle, den ein furchtbarer, türkischer Despotismus einst beendigen wird, wenn die Guten nicht zusammentreten und selbst die ewigen Güter der Menschheit von den Gefahren befreien, die diese bei solchem Spiele laufen müssen.

Also wo liegt die Schuld? Oben oder Unten?

Überall!

Und die Besserung?

Darüber denk' ich täglich nach, sagte Dankmar. Bald möcht' ich diesen ganzen Bau zertrümmern und ihn neu errichten, bald seh' ich mich nach einem minder radikalen[1592] Heilmittel um. Ich finde keins, das in den Verhältnissen und in den Dingen liegt. Jeden klugen Einfall überbietet gleich ein noch klügerer. Alles, was Weisheit scheint, ist sogleich schon List. Ich suche einen Ausweg und finde ihn nur in dem Menschen und seiner eigenen freien Beschränkung. Geb' uns Einer die und gesegnet sei sein Name in Ewigkeit!

Amen! Amen! fiel Egon eben so feierlich ein. Der Thomas a Kempis hier neben uns thut schon seine Wirkung. Wir blicken gen Himmel und verlangen Wunder. Die Menschen! Eigene freie Beschränkung! Großer Gott! Wildungen, ist dir's noch nie klar geworden, daß die Menschen Bestien sind? Nur wer gearbeitet hat und sich dann ausruhen will, ist gutmüthig. Der fleißige Mensch ist ein Kind. Wenn ich Sonntags auf der Chaumière mit Louison und ihren Freundinnen tanzte, dünkten wir uns Götter, und alle Die hatten Theil an diesem bescheidenen irdischen Himmel, die ihre sechs Tage Arbeit hinter sich hatten. Die aber, die in die Clubs liefen und Zeitungen lasen, saßen mürrisch und tranken mehr Wein, als sie bezahlen konnten. Louis Armand sagt zwar, die Verfassung der Erde müsse nur auf die halbe Pflichterfüllung begründet werden, sonst wäre dies Dasein eine Hölle. Das bestreit' ich ihm und verweis' ihm oft, wenn er statt zu arbeiten Verse macht und Aufsätze über das Loos der arbeitenden Klassen schreibt und mehr träumt als er sollte.

Ist Das nicht aber auch eine Arbeit, dies nothwendige[1593] Träumen? fragte Dankmar, der die Verse: Des Volkes Tochter, arme Bettlerin! von seinem Bruder kannte.

Die man nicht überwuchern lassen darf! antwortete Egon. Alles drängt sich jetzt nach geistiger Arbeit und behauptet, die wäre eben so schwer und anstrengend wie die materielle. Aber ich frage: Wenn Alle Buch führen wollen, wer wird die Werthe erzeugen, die die Feder verrechnet? Nein, Wildungen, sage Denen, die meine Freundschaft für Louis Armand fürchten, ich bin kein Communist! Aber auch die hier übliche Landespolitik veracht' ich, und wenn mir Gelegenheit geboten würde, Das zu sagen, was ich denke, würd' ich allerdings den Adel und seine Aufgabe anders bestimmen, als es diese trägen Drohnen der Gesellschaft thun.

Ich darf nicht fortfahren, bemerkte jetzt Dankmar. Ich sehe, wie dich der Gegenstand ergreift. Glücklich werd' ich sein, mit einem Manne von deiner wunderbaren Lebenserfahrung einen dauernden geistigen Verkehr zu unterhalten. Aber für heute geh' ich ... Ich bin es dir schuldig.

Du hast mich angeregt, nicht aufgeregt, sagte Egon liebevoll. Du wolltest mir die Aufgabe meines Lebens zeigen und mich auf den Empfang der Welt vorbereiten. Ich danke dir herzlich dafür.

Wann wird Helene d'Azimont erlauben, daß ich dich wiedersehe? fragte Dankmar den Hut ergreifend und eine Menge schöner Dinge über die Reize dieser Dame, ihre Bildung, ihre Liebenswürdigkeit wiederholend.[1594]

Helene? Hat sie etwas zu erlauben? unterbrach ihn Egon ... Heut' um vier Uhr, bitt' ich dich, sei an dieser Stelle! Ich soll auf Schloß Solitüde fahren. Begleite mich mit Louis, wenn dir der Handwerker nicht anstößig ist.

O, Freund!, sagte Dankmar, Der, den du liebst, den liebe auch ich. Willst du aber nicht noch einen andern Menschen, der viel besser ist als ich, in unsern Bund aufnehmen? Es ist mein Bruder Siegbert, älter als ich, edler, tüchtiger, schwärmerischer, ganz deiner Liebe werth, und wenn er einmal die Gräfin oder dich selbst malt, wirst du sein Talent schätzen lernen.

Dein Bruder! Seid mir Beide willkommen! rief Egon. Oder denkst du wieder: Wenn es Helene erlaubt? Welch' ein Wort war Das? Menschen, spottet meiner nicht, sondern habt Mitleid, daß uns die schwachen Augenblicke in solche Bahnen führen!

Paradiesesbahnen! ergänzte Dankmar. Ich sah sie flüchtig und war bezaubert ...

Sie ist schön! lauteten Egon's langsam und nachdenklich bestätigenden, empfundenen, aber doch kargen Worte.

Schönheit, wenn sie dauernd zu fesseln im Stande ist, kann nicht ohne Herz sein; sagte Dankmar und erwartete eine Antwort.

Egon schwieg aber. Er umarmte noch einmal den Freund, begleitete ihn mit den Worten: Habt mich lieb! Ich bedarf es! an die Thür und rief ihm, als Dankmar schon ging, noch nach:[1595]

Um vier nach Solitüde mit dem Bruder!

Dankmar nickte. Als er auf der Straße im Freien war und den Weg zur Fürstin Wäsämskoi einschlug, wo sein Bruder seit einiger Zeit fast täglich zu Mittag speiste, sammelte er alle die Eindrücke, die ihn da in so rascher Aufeinanderfolge bestürmt hatten.

Von seiner eigenen Angelegenheit hatte er nicht reden können und noch nicht mögen.

Er war es also! sagte er sich. Es ist der Freund aus dem Thurme von Plessen, der dich seinen Posa, sich meinen Carlos nannte! Es ist der Egon, um den du mit Melanie Versteck spieltest und dich selbst auf's Spiel setztest! Es ist Egon von Hohenberg, der Fürst, der Flüchtling oder Schwärmer, der Aristokrat in seiner modernsten Fassung! Umwoben von Poesie, auf die Höhe der Zeit sich stellend, fühlend mit dem Volke, für das Volk und doch ... Aristokrat?

Dankmar gestand sich, daß Egon einer der liebenswürdigsten Menschen war, die er je gesehen hatte, und doch war ihm ein fremdes Element in die Erinnerung an den Thurm von Plessen gedrungen. Er suchte nach einer Formel, die diesen Charakter bezeichnen sollte und fand sie nicht. Schon daß er dem weiteren Nachforschen entsagen und um Frieden zu gewinnen sich ganz an jenen Ackermann und die Vorstellung, wie wohl Selma in weiblicher Verklärung vor ihm stehen würde, verlieren konnte, schien ihm, als er so zu den Wäsämskoi's hinwanderte, ein ernstes mahnendes Zeichen ...[1596]

Egon aber, auch in sich etwas erkältet, erbittert durch die Enttäuschung über das Bild und daß er um ein Phantom so prasselnd wie ein Strohfeuer mit seiner Phantasie hatte vor fremden Menschen auflodern, ja um dieses Nichts, um diese Qual mit der bigotten Lebensauffassung seiner Mutter, Alles, Ehre und Leben, hatte auf's Spiel setzen können, Egon, jetzt glühend nur durchlodert von Helenen d'Azimont, jetzt nur erfüllt von der ganzen auf das Herz stürmenden Macht männlicher Sehnsucht, warf, dem Leben und seiner Vergangenheit wiedergegeben, alle Fragen, alle Skrupel, alle lästigen Empfindungen von sich und schrieb auf das schon angefangene Blättchen:

»Weißt du einen Platz, Helene, wo der ermüdete Flüchtling sein Haupt an ein warmes Herz legen kann, o so nenn' ihn mir! Soll ich mit schwankendem Tritt dich selbst aufsuchen, so erwarte mich heute noch nicht, ich bedarf fremder Hände, die mich führen. Willst du aber selber kommen, so wirst du das wehmüthige, vom Schmerz halbgebrochene Auge des Freundes finden, wirst Liebe finden, wenn die Menschen lieben können, die zum Strome sagen: Führe mich wohin du willst, ob zum Tode, ob zum Leben, nur führe mich zur Ruhe! Dein Egon!«

Diesen Brief sollte der Bediente, der mit seiner Besorgung beauftragt wurde, erst gegen vier Uhr abgeben, wenn der Wagen vorrollte, der Egon und die Freunde nach dem Lustschlosse des Königs, Solitüde, fahren sollte.[1597]

Bis dahin bedurfte Egon ernstlich der endlichen Erholung von den Eindrücken, die für seinen Zustand schon zu lebhaft auf ihn eingestürmt waren.

Er sank todtmatt auf sein Lager in dem noch dunkeln mit Teppichen belegten Hinterzimmer und verbot jetzt unter allen Bedingungen, ihn durch irgend etwas bis um drei Uhr zu wecken.[1598]

Quelle:
Karl Ferdinand Gutzkow: Die Ritter vom Geiste. [Band 1–3], Frankfurt a.M. 1998, S. 1584-1599.
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