Achtes Capitel
Volksahnungen

[1620] Die Trauerkleidung, in der Louise Eisold über die Straße ging, konnte der durch diesen Besuch angenehm überraschten Franziska nicht auffallen.

War doch in der Nacht, als beide Freundinnen den Fortunaball besucht hatten, zur tiefsten Betrübniß und zu einem ewig nagenden Vorwurfe für Louisen der alte Urgroßvater mitten unter seinen Urenkeln still entschlummert!

Einmal nur hatte Franziska Louisen seither gesehen. Zwei Tage nach dem Ball kam sie wegen der Kleider, über deren Benutzung Mademoiselle Florentine, die Putzmacherin, furchtbaren Lärm schlug und mit allen Gerichten der Welt drohte. Louise nahm diese Nachricht ruhig auf und wehklagte nur über den Tod des Alten, der so einsam, so verlassen, so lieblos hatte dahingehen müssen! Die Kinder hatten alle geschlafen, so wie sie sie verlassen hatte, das Jüngste hatte sich nicht geregt, die Uhren gingen wie sie aufgezogen waren, sie war leise und still mit der Morgendämmerung in ihr Zimmer zurückgekehrt, selbst Karl, der früh auf die Arbeit mußte, schlief noch[1620] gegen fünf Uhr. Nur ein Blick auf den Alten zeigte ihr, daß Das kein lebendiger Schlaf mehr war, der so den Körper streckt, so die Züge des eingeschrumpften trocknen Gesichtes spitz hervortreten läßt! ... Sie fühlt auf die Stirn, sie fühlt den Puls, sie betastet die Hände, die Füße, der alte Mann war entschlummert, vielleicht von einem Lungenschlag getroffen. Mit einem Schrei, der ihrem ohnehin bebenden und gepreßten Herzen Luft machte, weckte sie alle Geschwister. Diese fuhren empor. Großvater ist todt! Alle Kinder schrien und weinten. Nur Louise konnte vor innerm Schauder nicht zu Thränen kommen. Sie verurtheilte sich selbst. Sie sah den Alten sich nach ihr noch einmal umblicken, sie hörte ihn rufen, sie glaubte an seinen Uhren zu bemerken, daß er noch einmal aufgestanden war. Sie täuschte sich wol, aber ihre Phantasie malte ihr, daß er Allen vielleicht noch ein Lebewohl sagte, aber sie fehlte, Sie, die die Hüterin, der Schutzengel dieser Räume sein sollte! Erst als die Kinder alle auf ihre Arbeit gegangen waren und die ganz Kleinen ihr ihren wahren Kummer nicht ausfragen konnten, machte sie ihrem Herzen durch Thränen Luft ... Und dann die Sorge des Begräbnisses! Glücklicherweise gehörte der Greis zu einer sogenannten Todtenbrüderschaft, bei der man sich durch Jahresbeiträge ein anständiges Begräbniß sichert. Einige schwarzgekleidete Männer nahmen ihr die Sorge der Beerdigung ab. Mit den schwarzen Kleidern angethan, die sie erst vor kurzem nach beendigter Trauer um die Ältern abgelegt hatte, folgte sie dem Sarge mit ihren[1621] Geschwistern. Jedermann erstaunte, wie sie vor der aufgeschütteten Erde so trostlos weinen konnte. Man glaubte doch, daß ihr eine Last vom Schicksal abgenommen war. Niemand kannte ihren nagenden innern Vorwurf, ihre bittere Reue ... die Vizewirthin Mullrich ausgenommen, die recht hämisch den Kopf schüttelte, als der Sarg durch die schmale Thür auf den vor ihrem Kellerfenster stehenden Leichenwagen gehoben wurde. Ihr Mann, der gerade von der Unternehmung bei der Schievelbein heimkam, hatte wohl gesehen, daß Louise Eisold damals an der untern Ecke der Brandgasse aus einem Fiaker stieg, in dem noch ein andres geputztes Frauenzimmer und ein Soldat saßen ...

Louise, die in allen Dingen entschlossen handelte und Umstände nicht liebte, machte ohne Weiteres die Kammerthür zu, umarmte Fränzchen, nahm sich einen Stuhl und setzte, erschöpft von ihrem raschen Gange, zu ihrer Freundin sich nieder.

Ich habe mir ein paar Augenblicke abgestohlen, sagte sie, und bin froh, dich zu Hause zu finden. Du wirst nicht gewußt haben, wo ich so lange geblieben bin.

Auch ich hatte viel zu thun, sagte Franziska.

Laß dich nicht stören! Arbeite fort! Was wird Das?

Ein Häubchen für eine Nachbarin.

Wie hübsch die Spitzen! Kind, ich komme von Florentinen.

Ach!

Ich denke, die Gefahr ist vorüber. Ich hab' ihr zum[1622] letzten male meine Meinung gesagt und nun sind wir einverstanden.

Gott sei Dank!

Ich sagte ihr: Wenn wir nicht so ehrlich wären, hätte sie's nie zu erfahren brauchen, daß wir mit diesen Kleidern auf dem Fortunaball waren.

Wir hatten sie so gut erhalten!

Aber betrügen wollten wir sie nicht. Die fünfzehn Thaler, die sie mir seit Jahren schuldet und die ich doch nie wieder bekomme, würden den Flitterstaat vollkommen bezahlen, allein was sollen wir damit? Ich gehe sobald auf keinen Ball wieder ... Und du?

Erinnere mich nicht –!

Genug, sie nimmt die Kleider wieder, ja kaum hatt' ich sie hingeschickt, so hängen sie schon prächtig wie das Allerneueste in ihrem Magazin und zwei vornehme Damen sah ich, die sie sehr bewunderten, sich Blumen als Besatz bestellten und die Überwürfe zu förmlichen Kapuzen umnähen lassen. Ich sah dem Handel ruhig zu und schüttelte für mich den Kopf, welch' ein Ausbund die Florentine ist! Du hättest sie reden hören sollen! Das Neuste, das Schönste, Sie werden reizend aussehen, meine Gnädige, wie ein Engel, ach, wie ein Engel ...! Wie die Damen fort waren, lachte sie und machte hinter ihnen eine lange Nase. Auf meiner Rechnung strich sie doch fünf Thaler als bezahlt aus!

Fünf Thaler!

Sie verkaufte beide Toiletten für dreißig Thaler.[1623]

Und doch fünf Thaler für dich? Das heißt zwei ein halb für dich und zwei und ein halb ...

Wo denkst du hin!

Ich kann es Louise! Mein Onkel der Förster ist hier, er hat mir einen Louisdor geschenkt. Das sind noch über fünf Thaler.

Meine Rechnung bekäm' ich von der Florentine doch nie bezahlt. Laß! Laß! Laß!

Um so mehr! Sieh, da ist das schöne Goldstück!

Fränzchen zog ihr Nähkästchen auf, wo neben den beiden Gedichten ihr bescheidenes Geldbeutelchen lag.

Louise wollte aber nichts nehmen ...

Louise, begann Fränzchen, was war Das nur in jener Schreckensnacht? Die Lichter erlöschten, der Tag schien in den Saal, mich hatte der Sergeant am Arm, du hieltest den Unglücklichen, der dich den ganzen Abend allein beschäftigte und den Alle einen Nachtwandler nannten ... der Vorfall mit der Auguste Ludmer, wie das geputzte Mädchen heißen soll, die Polizei, der Mann mit der schwarzen Binde ... ach, ich kann dir nicht sagen, wie mir Das noch heute Alles im Kopf wirbelt und summt! Vorher der Lärm im Garten, das Geschrei, das Jammern, die drei schwarzen, berußten Menschen, die mit eisernen Stangen am Zaune lagen, der Große, mit den hohen Schultern, – einen solchen Buckligen hab' ich mein Lebtag nicht gesehen ... wäre Der ausgewachsen, das hätte einen Riesen gegeben ... ein Glück, daß der liebe Gott auf Den die Hand legte und ihm sagte: Duck' dich! Nein, Louise, es ist mir[1624] über diese Nacht noch heute so wüst im Kopf, daß ich ordentlich den Verstand verliere, wenn ich zu lange daran denke.

Liebes Kind, manchmal hab' ich ihn schon verloren und rede wahnwitzig ...

Louise! Was sprichst du?

Mein Elend ist grenzenlos; sagte Louise. Und nicht weinen dürfen! Warum nicht weinen? Die Stickereien könnten leiden, wenn sie feucht werden. Ha, ha, Fränzchen, Das ist eine schöne Welt!

Spotte nicht, Louise! Glaubst du nicht an Gott und eine Bestimmung?

Louise blickte düster und grübelnd vor sich hin. Sie faltete ihre Hände mit den schwarzen Handschuhen und legte sie gedankenvoll in den Schooß. Die beiden Locken, die sie hinterm Ohr trug, glitten herab über die Brust, die sich mit schwerem Seufzer hob. Die edle Stirn, die feine Nase, die Lippen konnten für ein Marmorbild gelten. So steinern und starr war ihr Ausdruck. Dann wie von innerer Glut erhitzt, sprang sie auf, riß den mit schwarzem Bande besetzten Strohhut vom Kopfe, eine schwarze seidene Echarpe von den Schultern, warf Beides auf das Bett, gleichgültig, ob die Gegenstände so oder so fielen und stützte das bleiche Haupt mit dem Arm auf die Lehne des Stuhles, in den sie sich niederwarf.

Louise! sagte Fränzchen mit Vorwurf über diese Heftigkeit, legte ihre Arbeit auf den Tisch, glättete die Echarpe aus und legte sie sauber aufs Bett und daneben[1625] den Hut, den sie gerade bog und seine Bänder durch die Finger gleiten ließ ...

Manchmal, begann Louise nach einer Weile, manchmal bringen mein Wilhelm und Karoline von den Zeitungen, die sie nicht haben verkaufen können, einige Blätter mit und ich lese darin, bis sie Morgens wieder in die Druckerei müssen abgeliefert werden. Gestern Abend, Alle schliefen, da schrieb ich mir doch eine Stelle auf, die in einem Winkel der großen neuen Zeitung: »Das Jahrhundert« stand. »Das verschlossene Jenseits«, hieß es da, »entriegelt der Tod Derer, die uns schon vorangingen. Strahlender öffnen sich die dunkeln Pforten der Zukunft, wenn uns die abgeschiedenen Geister unserer Lieben winken und heimlich und leise wie im Abendwinde rufen: Ach folge doch nach!« Der Name des Mannes, der unter diesen Worten stand, wird mir ewig theuer bleiben, Guido Stromer!

Damit wiederholte sie noch einmal jene kurze Sentenz, in der wir einen der ersten schriftstellerischen Versuche unsres Guido Stromer kennen lernen.

Die, die gestorben sind, Louise, schalt sie Franziska, rufen dir nicht: Folge nach! Sie sagen dir: Bleibe! Sorge für die Nachgelassenen! Erziehe sie! Sei ihnen Mutter!

Louise lächelte bitter. Ihr ganzes Wesen verrieth Schmerz und Verzweiflung.

»Heimlich und leise«, sagte sie träumerisch, »wie im Abendwinde: Ach! folge doch nach!«[1626]

Du denkst an deine Ältern, an den alten Großvater, der dir in der Nacht starb, wo du nicht an seinem Lager stehen konntest ...

Warum ist man leidlich tugendhaft? sagte Louise bitter und hörte nicht auf Fränzchens Einreden. Warum hat man ein Gewissen? Wie ich dann erst das Kind glücklich und gesund neben meinem Bette schlafend fand, mocht' ich auf die Kniee fallen, so dankt' ich Gott! Jeden Schläfer sah ich an und betete. Die Gardinen zog ich zurück, damit der erste Sonnenstrahl auf jedes ruhig schlummernde Antlitz fiel! Da steh' ich bei dem alten Mann. Er sieht so bleich, so starr, ich berühre ihn. Er ist todt! Warum belog ich mich nicht und sagte: Fataler Zufall! Ich las noch eine andere schöne Stelle von diesem herrlichen Guido Stromer. Er sagt: »Es läßt sich leider nachweisen, daß nur Die Menschen eine ewige Größe erschwangen, die auf der Leiter ihrer Thaten selten zurücksehen und in ihr Inneres nie.« O, Das ist dunkel! Aber ich verstehe es schon! Man ist und wird nichts, wenn man so dumm ist gut zu sein!

Du verwirrest dich, Louise! Warum liest du solche schreckliche Sachen! Ergib dich deinem Schicksal! tröstete Fränzchen.

Ich trag' es ja! sagte Louise kopfschüttelnd. Aber manchmal kommt ein Geist über mich, den ich gar nicht nennen und fassen kann. Da ist's mir, als sollt' ich an einer Säule rütteln, so groß und stark wie sie am Schloß stehen. Ich möchte das Haar aufbinden und über die Straße rennen[1627] und den Untergang der Welt oder den Anfang einer neuen ausrufen!

Die Last deiner Sorgen drückt dich und du liebst unglücklich, Louise.

Louise erschrak. Dann aber raffte sie sich auf und sprach leiser:

Wer sagt Das?

Ist es dankbar von dem kranken Mann, antwortete Fränzchen, dem du soviel Sorgfalt schenktest, daß er dich verläßt? Ich habe dich nicht fragen mögen, Louise! Du bist heimlich und dein Zorn erschreckt mich oft. Ich weiß nicht einmal, ob dieser Hackert es um dich verdient. Im Hause des Justizraths Schlurck ist er nicht gut angeschrieben; das weiß ich von Jeannetten ...

Weil sie ihn gequält, gefoltert haben, fiel Louise ein. Diesen Menschen behandelten sie erst wie einen Sohn und erzogen ihn. Wer verdenkt es ihm, als diese hoffärtige, stolze, kalte Tochter in ihrer ersten Gefallsucht ihn ausfrägt, was Liebe ist, daß er's ihr sagt und an seinem eigenen Beispiel betheuert? Sie kommt zum Bewußtsein, trägt den Kopf hoch, darf ihn hoch tragen, aber will nun nichts mehr wahr haben, was sonst zwischen ihnen gegolten hat. Er vergrämte sich und wachte die Nächte, wenn sie von den Bällen heimkam; er will ihr nur das Licht vortragen. Sie erinnert sich aber auf Nichts mehr. Sie will nicht hören, daß sie mit ihm Versteck spielte und in ihrer Wildheit Nachts mit ihm durch die Straßen lief in Knabenkleidern. Weil sie jetzt Offiziere, schöne Cavaliere[1628] zu Dutzenden um sich hat, ist ihr der Mensch, den sie gefragt hat: Fritz, sag mir, was Liebe ist? ein Gegenstand des Abscheues und des Schreckens geworden. Längst hätte man ihn aus dem Hause geworfen, wenn ihn der Vater nicht liebte, als guten Arbeiter, klugen, gewandten Kopf, vielleicht fürchtete als verteufelten Pfiffikus, der seine niederträchtigen Schliche durchschaut! Ha! Hackert hat mehr Witz im kleinen Finger als mancher Professor im Kopf, und wenn man gewollt hätte, wäre mehr aus ihm geworden als ein unglücklicher Mensch. Wie schreibt Der schön! Wie kann Der lustig sein! Wie toll sind seine Scherze! Ja, sein Haar ist roth, er ist einer von den Gezeichneten. Sind die alle so schlimm? Du nennst Danebrand, der ihn auf dem Fortunaball herausschlug ...

War Das Danebrand? Der gute Schleswiger, der für Euch arbeitete? Den du deinen Ältern zu heirathen gelobtest, weil er ihnen versprochen hatte, für Karl so lange die Stelle des Vaters offen zu halten?

Nun, was sagt' ich, daß ich gelesen habe: »Nur Die kommen auf, die auf der Leiter ihrer Thaten selten zurücksehen und in ihr Inneres nie.«

Franziska Heunisch vergegenwärtigte sich aus ihren eigenen Empfindungen vollkommen diejenigen, die Louise Eisold haben mußte. Das Unglück, einem so unschönen Manne wie Danebrand durch Älternwille und Dankbarkeit gehören zu sollen, mußte sie für ein junges, gefälliges Mädchen als eine große Aufgabe anerkennen, doch da sie selbst, freilich unendlich lieblicher und reizender als die[1629] ernste, bleiche Louise, in der Lage war, zwischen zwei schönen und gefälligen Männern mit ihrem Herzen in der Mitte zu stehen, so begriff sie doch nicht, wie das wenig Anziehende in Hackert's äußerer Erscheinung für Louisen Veranlassung einer unglücklichen Leidenschaft sein konnte. Sie deutete Dies mit großer Schonung auch ihrer Freundin in den zartesten Worten an.

Fränzchen verstand eben Louisen nicht.

Louise Eisold war eine seltene Erscheinung. In diesem Mädchen zitterten alle Regungen des neueren Volksbewußtseins. Ihr Herz war von dem Hauche der Zeit bewegt wie eine zitternde Silberpappel. Ach, und nur die weiße Seite der Blätter kam immer zum Vorschein, wenn sie bebten, der Schmerz und eine gewisse todesfreudige Ahnung. Louise Eisold gehörte zu den Armen, für die recht ein neuer Christus hätte kommen müssen, wie Jesus sagte: Den Armen wird das Evangelium gepredigt! Ihre Seele hatte Schwingen, aber sie stieg mit ihnen nicht empor; sie fühlte nur die gewaltige Schwungkraft dieser Fittiche, die Luft lag zu schwer auf ihnen, sie konnte, den Vögeln der Wüste gleich, nicht aufwärts. Über die Sitte, die Religion, den Staat zuckte es in ihr an Gedanken krampfhaft. Sie darbte sich die Pfennige ab, um alle Jahre einige male auf der obersten Galerie das Theater besuchen zu dürfen. Wie zehrte sie von dem empfangenen Eindruck! Wie wählte sie, wenn die Groschen beisammen waren, bis ein solches Stück gegeben wurde, wo ihre Nerven hoffen durften zu zittern, ihr Herz sich zu dehnen,[1630] ihre geheimsten Ahnungen von leidenschaftlich bewegten Künstlern ausgesprochen zu werden! Schon ihre Ältern hatten, da sie gemischter Ehe waren und von der katholischen Pfarrei der Residenz viel Behelligung erfuhren, sich an die deutschkatholische Richtung angeschlossen. Louise Eisold, die nicht einmal in dieser Richtung ihre volle Befriedigung fand, las und hörte nur von freien Gemeinden, so war sie auch schon darauf bedacht, ihre Versammlungen aufzusuchen und sich mit ihren Geschwistern in ihre Register einschreiben zu lassen. Sie fand hier etwas, was sie erregte, erschütterte, über das Gemeine erhob. Sie durfte da nicht nur lieben, sie wurde auch ermuthigt zu hassen. Ja der Haß, Das linderte! Dies volle Ausströmen eines zornentflammten Gemüthes, Das war ihr Bedürfniß! Was sich in Euch längst verwischt hat durch die Bildung, die historische Kritik, die bei Euch längst eine ruhige Reflexion geworden ist, Das war bei Louise Eisold noch in lodernder Flamme. Der Papst, Rom, die Hierarchie und im Politischen die gleichen Traditionen des monarchischen Principes waren ihr im Grunde der Seele so verhaßt, wie wir in unserm Egoismus nur Das hassen, was sich unserm nächsten Vortheil entgegenstemmt. Louise Eisold hatte in den Tagen der Revolution in der Nähe der Barrikaden gestanden. Ihr Enthusiasmus veredelte den Rausch gemeinerer Naturen, die sie zum Kampfe anfeuerte. Sie trug Steine, sie rettete Verwundete, sie half, wo ihre durch den Moment dreifach gesteigerte Kraft zur Hülfe ausreichte. Eine theatralische[1631] Eitelkeit war ihr dabei fern. Sich in Männerkleider zu werfen, mit einem befiederten Hute zu kokettiren, die Amazone zu spielen, Das würde ihr elend erschienen sein. In ihr lebte nur die Sache. Die Liebe zum Volke, dem sie angehörte, hob ihre Brust, sie war die eigenthümliche Verklärung alles Dessen, was unklar, unsicher und doch so tief geahnt und tief gefühlt in dem modernen Bewußtsein der Volksmassen schlummert.

Da sagte sie nun auch über Hackert:

Ach, Fränz, was ist äußere Schönheit! Und wär' ich reizend wie du, wär' ich so schön wie Melanie Schlurck, die Kalte, die Hoffärtige, ich liebte nur einen Mann von starkem Geist. Was läge mir an Danebrand's Gestalt? Aber er hat nur die körperliche Kraft und ein gutes Herz und das ist Alles.

Und das ist Alles, Louise? Nur ein gutes Herz? fragte Franz, fast geängstet.

Das allein kann ich nicht lieben, Franziska! fuhr Louise bitter fort. Ich weiß es nicht, ob Hackert gutmüthig ist, manchmal zeigt er ein Herz. Aber er ist wahr, er ist wild, struppig, wie sein Haar. Kaum daß er ein Wort redet. Er wirft sich auf's Sopha, springt wieder auf und stampft mit dem Fuß und wettert. Er hat mich kaum beachtet. Als man die Eisenstäbe vor sein Fenster schlug, sah er mich zum ersten male an und weinte. Geh' ich noch immer um? fragte er mit zitternder Stimme. Ich erzählte ihm, wie man ihn noch kürzlich getroffen hätte, am Rande der Galerie, die auf ein Dach führt. Es ist mein ruheloser Geist![1632]

sagte er und schluchzte fast. Er wurde wie ein Kind und erzählte mir, wie ihm Das gekommen wäre und wen er liebe. Und wenn ich sie einst sähe, sagte er, und sie in meinem Arme mir nur eingestehen wollte: Ja Fritz, es ist wahr, du warst es, der mich küssen lehrte! Dann wollt' ich alle Fesseln sprengen. Alle Kronen der Welt aus Himmelshand schlüg' ich aus, wenn ich Das nur hörte; Licht und Glanz fiele in mein Leben, ich würde rasen, jubeln und mich in den Strom der Freude werfen. Nehmt mich! Bindet mich! Macht aus mir was Ihr wollt! Ich will falsches Geld münzen, will stehlen, lügen, mit jedem ehrlichen Manne oder auch einem Gauner Freundschaft trinken und endlich einmal etwas ergreifen auf dieser Welt, das mich hält, wenn sie nur sagte: Fritz, ich war die Melanie, die ... – Ach, Franziska, dieser Augenblick mußte damals gekommen sein, als ich dich auf den Fortunaball holte. Am Morgen war er sanft und demüthig, freundlich gegen gute Menschen, die sein Bestes wollten, und am Abend kam er nach Hause in einer Aufregung, so stolz, so spöttisch, so tückisch, als gehörte die Erde sein. So lange er bei uns wohnte, lebte er wie ein scheues Wild, das vor den Menschen flieht. Er sagte, er fliehe die Höhlen des Verbrechens, er fühle sich nicht stark, mit seinem Vortheil einen moralischen Zank anzubinden. Er wisse noch nicht, wohin er umschlagen sollte. Wenn man die Menschen hasse, könne man nicht suchen, ihnen durch Tugend zu gefallen. Oft erzählte er mir von den Bällen, wohin ihn zweideutige Menschen einlüden, und Das wußt' ich, daß[1633] er einmal nach irgend einer glücklichen Begegnung mit Melanien das Leben von der leichtesten Seite wieder nehmen würde. Da kommt er an jenem Abend, stößt Liebe und Güte von sich und antwortet fast wie Einer, der auf jede vernünftige Rede unvernünftig genug sagt: Laßt mich, ich muß tanzen! Da hielt es mich nicht. Ich mußte ihm folgen und Gott sei gedankt, ich rettete ihm sein Leben.

Ganz gut, gut, sagte Fränzchen, aber wie kann man nur so wilde Feinde haben! Sie sagte Das mit Anspielung auf den Überfall und als wenn Hackert diese Feinde verdiente.

Kluge und ungewöhnliche Menschen müssen Feinde haben, antwortete Louise. Sie finden aber auch Freunde.

Danebrand war edel genug, Den zu schützen, den du liebst, und Hackert war so undankbar, dich zu verlassen ... sagte Fränzchen sich erhitzend, da sie die Neigungen ihrer Freundin nicht theilte.

Er hatte Recht, antwortete Louise nach längerem schmerzlichen Sinnen, mein Loos ist geworfen. Am Morgen nach dem Fortunaball, wie ich an der Leiche stand, kam er und sah mich weinen. Er war eben erst gekommen und erfuhr's schon im Hause unten, was geschehen war. Louise, sagte er, ich verlasse Sie! Sie haben mir große Freundschaft erwiesen! Sie haben mich heute vielleicht vom Tode gerettet. Aber der Rausch, der mich gestern wahnsinnig machte, ist heute vorüber. Ich besinne mich auf meine Pflichten und will den Versuch machen,[1634] ein anderes Leben zu beginnen. Ich schwieg; ich fühlte selbst, daß ich mehr gethan hatte, als mich ihm achtbar erscheinen ließ. Fränzchen, es gibt Beweise der Liebe, die zu viel sagen, und so war mir's um's Herz. Ich saß auf dem Bett des Todten und weinte. Hackert reichte mir seine Hand und dankte für alle meine ... Güte, wie er's nannte. Er wollte mir beistehen bei dem Leichenbegängniß. Ich sagte: Ich danke Ihnen, Hackert, ich habe Brüder und Danebrand. Auf den Namen Danebrand sagte Hackert: Ich schäme mich dieser Nacht und verdiene Ihre Theilnahme so wenig, daß ich anfangen will, an meine Besserung zu denken. Es hat mir Jemand Verwendung und Thätigkeit versprochen. Ich will sehen, wie lange sich mit den Menschen gehen läßt, ohne sich selbst zuwider zu werden. Ich fragte: Doch um Gottes willen nicht Pax? Doch nicht die Polizei? Er schwieg und sagte: Lassen Sie mir nur meinen Weg! Die Miethe zahl' ich so lange fort, bis sich ein Anderer für mich gefunden hat. Ich sagte wie der: Hackert, lassen Sie Das! Nein, Louise, Sie sind arm und Ihr Alle bedürft es! antwortete er, gab mir dann Geld, dann die Hand und ging ruhig aus der Thür. Am meisten wußt' ich wohl, daß er sich seines kranken Zustandes wegen, der auf dem Balle sich wieder gezeigt hatte, schämte ... Ich hatte den Todten, Hackert zog in der Stille aus und Danebrand kommt wieder ... weil ich ihm nun doppelt danken muß.

Das ist zu traurig, sagte Franziska und hielt die Hand ihrer bitterlich weinenden Freundin, die ihren neuen[1635] Kummer, daß Hackert vielleicht gar in die Hände der Polizei gerathen war, noch einmal aussprach.

Schmelzing, fuhr sie dann fort, Schmelzing zog dann auch aus. Ich war froh, ihn los zu sein, den neugierigen Schleicher, der, obgleich taub, nur horchte. Nach einigen Tagen kam ein Miether, über den ich anfangs erschrocken bin. Erinnerst du dich vom Fortunaball des Mannes mit der schwarzen Binde?

Den die Polizei festnahm? sagte Fränzchen erschrocken.

Mit dem frechen, goldbehangenen Mädchen?

Die sind doch nicht ... bei dir eingezogen?

Nur er, antwortete Louise. Er hatte acht Tage gesessen, sagte er, ganz unschuldig, wie er versicherte ...

Louise! Solche Menschen nähm' ich nicht in meine Nähe! rief Fränzchen und ließ vor Schreck fast den Mund offen, daß die weißen Zähne glänzten.

Es ist ein feiner, artiger alter Mann, sagte Louise rasch, in dem sich die elende Polizei doch wol geirrt hat.

Wenn schon! Aber das Frauenzimmer!

Sie heißt Auguste Ludmer und ist eine Tochter eines ehemaligen Beschließers im Gefangenhause zu Bielau, sagte Louise. Ein verwildertes Mädchen, das früher in unserm Hause Nr. 17 wohnte und keinen guten Leumund hat. Sie ist schon am Tage nach dem Fortunaball sogleich freigelassen. Was sie mit dem Engländer – er heißt Murray – vorhatte, weiß ich nicht. Er ist entweder geizig oder sparsam; darüber bin ich nicht im Reinen. Als ich ihn an[1636] das Mädchen erinnerte, seufzte er. Ich erklärte ihm, daß ich wohl ihn, aber diese Person nicht aufnehmen würde. Er blickte dabei scharf unter seiner Binde hervor und antwortete: Sie haben da zwei Kammern! Seh' ich aus wie ein Mann, der noch auf schlimmen Wegen Frauenliebe sucht? Wenn das Mädchen bei mir ist, steh' ich für ihre Tugend. Er sah mich dabei so fest, so streng an, Fränz, daß ich den Blick niederschlug. Es war mir fast, als hört' ich die Worte aus der Bibel: Wer unter Euch sich rein dünkt, werfe den ersten Stein auf sie! Er verlangte, wenn das Mädchen zu ihm zurückkäme, daß ich ihr Schmelzing's Kammer gab. Da ich noch keinen rechten Muth dazu hatte, sagte er: Soll die Schmach der Sünde denn ewig sein, ein Verbrechen nie vergessen werden? Franziska, wie mich der Mann darauf angesehen hat, werd' ich in meinem Leben nicht vergessen. Er wurde größer an Figur. Durch die schwarze Florbinde schimmerte das eine Auge durch, als wollt' er mich durchbohren. Aber nicht voll Wuth war der Blick, sondern voll Schmerz. Wissen Sie, mein Kind, fuhr er fort, daß ich die Polizei nicht habe überzeugen können, warum ich arm leben will und eine von Gold behangene Buhlerin am Arme hatte; wissen Sie, daß ich gezwungen wurde, ein Haus als Wohnung zu wählen, wo ich unter den Augen einer heimlichen Aufsicht stehe? Man nannte mir dieses. Ich protestirte wegen Augusten, die bei mir bleiben und tugendhaft leben wollte. Man lachte mich aus. Je mehr ich gegen dies Haus sprach, desto kürzer war der Bescheid, ich wäre für einige Zeit ein[1637] Observat und müßte hier wohnen. Dies Haus ist bewacht. Hier nebenan wohnte noch vor kurzem ein Spion, Namens Schmelzing. So bin ich hergezogen. Nehmen Sie mich also nur, mein Kind, und wenn jenes unglückliche Mädchen kommen sollte, so verstoßen Sie sie nicht. Ich muß sie für verloren halten, aber käme sie zu mir zurück, so hätte sie viel überwunden. Sie würde am Orte ihrer Schande arm und sehr, sehr gering leben müssen.

Und nun? fragte Fränzchen fast zitternd über die Gefahren ihrer Freundin und bei sich überlegend, ob sie nun wol jemals wagen könnte, sie zu besuchen.

Murray wohnt bei uns, sagte Louise, das Mädchen ist aber nicht gekommen.

Und vor einem solchen Nachbar fürchtest du dich nicht?

Er ist am Tage nicht viel zu Hause, liest des Nachts, schläft bis späten Morgen und lebt still und einsam..

Ich könnte des Nachts nicht ruhig schlafen, meinte Franziska.

Warum? Ich halte ihn für einen weisen Mann. Er sprach mit solchen Worten, wie sie mich immer erschüttern. Er kennt ganz das Elend der Menschen und weiß, wie nahe das Unglück an den Rand des Verbrechens führt.

Franziska gedachte jetzt plötzlich der Verse Louis Armand's. Jetzt verstand sie sie schon besser. Jetzt, erregt von der höheren Begeisterung und thatkräftigen Schwärmerei, die in Louisens Augen lagen, konnte sie nicht umhin, die Worte vor sich laut hin zu sprechen:
[1638]

Des Volkes Tochter! Arme Bettlerin,

Du bist nicht arm, was auch dein Elend spricht!

Die Nachbarin ließ ihre Truhe auf,

Greif zu! Zum Bagno geht dein Lebenslauf –

Und wenn zum Tod – nur stolz! Und weine nicht.


Was? rief Louise. Was summst du da?

Wie Louise diese Worte hörte, horchte sie hoch auf. Erschüttert und ergriffen fragte sie, was Das für ein Lied wäre? Und Fränzchen, voll Wehmuth und durch die warme Hingebung der unglücklichen Freundin innerlichst selbst erschüttert, zog ihr Nähkästchen auf und wollte ihr das Gedicht des Handwerkers geben. Sie vergriff sich aber und gab ihr Heinrich's Verse. Louise las davon eine halbe Strophe.

Nein, rief sie, Das ist Wasser, Das sind die Feuerworte nicht! Wo hast du die?

Fränzchen sah nach und verbesserte rasch ihren Misgriff, indem sie die rechten Verse aufschlug.

Ah! rief Louise, las und sprang auf; Das sind Worte des Lebens, die vom Himmel kommen!

Und mit zitternder Stimme, bebend vor innerer, das ganze Herz umwühlender Bewegung, las sie die Verse mit steigendem Affekte auch im Vortrage laut und nachdrucksvoll und steigerte sich in ihrer grenzenlosen Nichtbefriedigung in eine so schwindelnde Höhe der Leidenschaftlichkeit, daß sie vor Wehmuth laut zu schluchzen anfing und gerade die Absicht des Dichters erreichte, der[1639] der Proletarierin verbieten wollte, zu weinen, während sie dennoch weinte.

Franziska hatte auf der Zunge einzugestehen, wie sie in den Besitz dieses Gedichtes gekommen wäre. Auch sie hatte das Bedürfniß, sich in die theilnehmende Brust einer so gefühlsstarken Freundin auszuschütten. Diese aber, da eine Thurmuhr gerade laut in der Nähe schlug, sagte:

Franziska, ich muß nun gehen und für unser Mittagessen sorgen. Seit dem Fortunaball ist mein Karl finster gegen mich. Er hat bei Willing's zuviel Schlimmes über mich hören müssen! Ach, auch darum muß ich Danebrand freundlich sein! Erzähl' mir, was du auf dem Herzen hast, am nächsten Sonntag. Wir wollen in's Feld gehen. Ich thu's der Kleinen wegen und auch Line und Wilhelm haben am Sonntag keine Zeitungen auszutragen. Ich trage das Kleine. Du nimmst Heinrich und Riekchen an der Hand. Danebrand trägt in einem Ranzen, was wir im Walde verzehren können. Oder ist dir Das zu arm, Fränzchen? Du bist vornehm! Wie schöne Kleider du hast und wie schön du bist!

O Louise, sagte Fränzchen erröthend, was sprichst du! Ach, ich will schon glücklich sein, mit dir gehen zu können.

Willst du? Nächsten Sonntag?

Ich hole dich ab ...

Nein, nein, nicht in unser schlimmes Haus! Wir kommen um zwei Uhr am nächsten Sonntag dich hier abzuholen. Und bringe mit, wen du lieb hast! Den Sergeanten, nicht wahr?[1640]

Nein! sagte Franziska entschieden und bestimmt.

Von Dem sind die feurigen Verse nicht! Wo hast du sie her? Willst du mir versprechen, mir sie abzuschreiben?

Ich schreibe sie dir ab!

Ach, Fränzchen, sonst las ich solche Flammenworte einmal über und sie hatten sich mir gleich eingeprägt, wie in Erz gebrannt. Jetzt drückt auf meine Gedanken soviel, mein Kopf geht so wirr, daß ich das Leichteste nicht behalten kann. Und dann muß ich's Abends lesen, wenn Alles um mich still ist, die Kinder schlafen, die paar Uhren picken, die ich noch immer aufziehe – ich will Die verkaufen, die noch da sind und die dem Großvater gehörten, die andern haben die Leute zurückgeholt ... ach, es ist mir oft, als wenn der alte Mann im Zimmer huschelt und kein Weiser rückt an, ohne daß ich nicht denke: Den hat er mit seiner todten Hand eben gerückt und nun wird er gleich schlagen lassen! Und immer ist's mir, als schlüg' es vier. Ich sehe Hackerten die Kinder schlafen bringen und höre nicht, wie der Alte ruft: Louise komm doch und drück' mir nur die müden Augen zu!

Beide Mädchen weinten ...

Als Louise aufstand, den Hut und die Echarpe holte und zum Abschied sich rüstete, griff Fränzchen ganz verstohlen in ihr Tischchen, holte das Goldstück und wollte es mit bittender Miene, ohne ein Wort zu sagen, in Louisen's schwarze Handschuhe gleiten lassen, deren einen sie in der Aufregung sich ausgezogen hatte und eben wieder anzog. Louise lehnte aber lächelnd diesen Beweis von[1641] geräuschloser, mit einem einzigen stummen Blick der Bitte ausgesprochenen Herzensgüte ab.

Ich bin glücklich, sagte sie, daß ich dir anzeigen konnte, wir haben die Bosheit der Florentine abgeschüttelt. Es geht jetzt so leidlich! Lieber Himmel, von den Begräbnißgeldern des Alten haben wir ja noch gerade soviel übrig behalten, als ich an Florentinen verliere. Gott ist in großen Dingen, wo wir Hülfe von ihm erwarten und denken, es müsse durchaus nach unserm Wunsche und Willen gehen, fast immer hart und unerbittlich, und in kleinen Dingen, wo er Verlust durch Gewinn wie durch einen Zufall ausgleicht, ist er wieder so grundgütig, daß wir uns beschämt fühlen und unsern Kleinmuth bereuen. Bis Sonntag schreibst du mir das göttliche Gedicht ab und wenn du was recht Gescheutes anstellen willst, so bringe Den mit, der es gemacht hat, und wär's ein Student!

Mit dieser, unter Thränen hervorblitzenden Schelmerei schied das aufgeregte Mädchen. Sie umarmte Franziska und ging ohne viel Rücksicht auf die hinter ihr herbrummende, durch dies Ignoriren verletzte Frau Tischlermeisterin Märtens durch deren Zimmer rasch davon. Man hörte, wie sie das Gitter der Küche zufallen ließ und unverweilt die Treppe hinuntersprang.

Für Fränzchen hatte dieser Besuch die wohlthätige Folge, daß er ihr Kraft gab, fest auf ihrem Gefühle zu beharren.

Hatte sie geschwankt, ob sie nicht den Onkel, der so gut[1642] war und nichts Unangenehmes im Leben leiden mochte, beim Abschied durch die Bereitwilligkeit erfreuen sollte, Heinrich Sandrart's Bewerbung sich gefallen zu lassen, so war ihr von Louisen's heldenmüthigem Wesen eine wunderbare Kraft zugeströmt. Lag nicht in Allem, was dies Mädchen ihr erzählt und von ihren stillen Herzenskämpfen mitgetheilt hatte, das volle, große, gewaltige Geständniß, daß sie ein unaussprechliches Bedürfniß einer großen und feurigen Liebe hatte? Sie vergegenwärtigte sich, wie oft ihr diese arme Arbeiterin, die vor einem Übermaß von Pflichten kaum zu sich selber kommen konnte, gestanden hatte, daß in ihr ein nicht zu bewältigender Drang der Liebe läge! Sie hatte früher dies Geständniß nicht fassen können, jetzt fühlte sie den übermächtig stärkenden Hauch einer reinen, dem Herzen befehlenden Willenskraft. Daß Louise jemals dem Danebrand gehören würde, glaubte sie nicht. Sie sah in Allem, was der Freundin seit dem Fortunaball geschehen war, nur eine Art Sühne für das Unrecht, das sie bei ihrem tugendhaften Pflichtgefühle begangen zu haben glaubte. Aber Das wußte sie auch, ganz würde sich dies starke Herz niemals unter das Joch der Rücksichten beugen. Das ist nur, sagte sie, eine Zeit der Trauer, die sich Louise auferlegt hat, aber unwahr gegen sich selbst wird sie niemals werden. Die lügt nicht, wie ich nicht lügen will!

So fand sie nach einiger Zeit, während Frau Märtens brummte und über das abscheuliche, »keinem« Menschen »ästimirende« unhöfliche »Subjekt«, die Louise Eisold,[1643] polterte, die »die ganze Suppe« mit dem »Sprachmaitre« und Herrn Sandrart und der Reise nach Hohenberg nicht etwa eingebrockt, sondern »eingefädelt« hätte, der Onkel Heimisch.[1644]

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Karl Ferdinand Gutzkow: Die Ritter vom Geiste. [Band 1–3], Frankfurt a.M. 1998, S. 1620-1645.
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