Zwölftes Capitel
Sankt Nikolaus

[2641] Eines der Gedichte, das Oleander Siegbert zu tröstender Erhebung vorgelesen, hatte gelautet:


Die Sommernacht

Lebe! Lebe! spricht die Sonne.

Aber wenn sich nächt'ge Schatten

Senken auf die Wiesenmatten,

Fühl' ich: Auch im Tod ist Wonne.


Wenn die Sterne niederfunkeln,

Sieh die müden Augen schließen,

Nebel durch die Thäler fließen,

Und die Erde schläft im Dunkeln –


Wenn der Thau den Plan befeuchtet,

Murmelnd alle Quellen gehen,

Und die Blätter leiser wehen,

Das Johanniswürmchen leuchtet –


Wenn aus tiefem Thalesgrunde

Eine Uhr mit fernen Schlägen

Unserm wachen Ohr entgegen

Ruft die mitternächt'ge Stunde –
[2641]

O dann kommt uns doch ein Träumen,

Weht ein Lauschen, spricht ein Rauschen,

Und wir fühlen, Geister tauschen

Nun mit uns in diesen Räumen!


Fühlen, wie die Theuren, Süßen,

Die uns ruh'n im Schooß der Erden,

Wieder scheinen wach zu werden,

Wie sie kommen, wie sie grüßen!


Wie sie lächeln! Sie erscheinen,

Leicht von Silberflor getragen!

Und ihr Grüßen will uns sagen:

Armer Freund, du sollst nicht weinen!


Trau der Nacht, denn nur ein falbes,

Nur ein Zwielicht gibt die Sonne.

Höher ist der Schöpfung Wonne

Und dies Leben nur ein halbes!


Siegbert schrieb dem Bruder ...


Nachdem er seine schmerzlichsten Empfindungen ausgesprochen hatte, verblieb er, Dankmar's Zureden folgend, noch einige Zeit in dem Plessener Pfarrhause, auf dem Zimmer des ihm geistig und gemüthlich verwandten Oleander ... Dankmar schien vielbeschäftigt. Er schrieb ihm herzlich, aber kurz. Die Anfrage wegen Selma's und Ackermann's, die Aufforderung, sich ihnen recht zu widmen, war unterstrichen, aber karg an sich. Doch kam Siegbert nicht so oft nach dem Ullagrunde, weil er wiederum[2642] auch nach der jüngst ihm bewiesenen Theilnahme für sein persönliches Leid bemerken mußte, daß Ackermann gegen ihn zurückhaltend war. Selma empfing ihn freudiger und inniger, der Vater mit Befangenheit ...

An der Ausführung seines ersten Gedankens, unverweilt zum Bruder zu reisen, hinderten ihn Oleander, Zeisel's und manche durch die Jagd dem entlegenen Plessen näher geführte Umwohner, von denen wir nur den Grafen Bensheim und den Freiherrn von Sengebusch nennen wollen. Diese veranlaßten kleine künstlerische Aufträge für die bevorstehende Weihnachtszeit, sodaß sich Goethe's Wort bestätigte, wie bald ein bedeutender, seinem Lebenszweck mit Ernst entsprechender Mensch einem Kreise nützlich, ja nothwendig werden und mit ihm verwachsen kann. Siegbert fand auch hier sowol auf dem Schlosse Bensheim wie bei Herrn von Sengebusch, der hinter Randhartingen wohnte, Frauen, strebsame, ansprechende und der Beobachtung vollkommen würdige. Doch stieß ihn leider fast immer die politische Atmosphäre dieser Beziehungen ab. Er hörte nur engherzige, furchtsame, zornige Äußerungen über öffentliche Dinge und nicht etwa zwischendurch gestreut, sondern als das tägliche geistige Brot dieser Menschen. Wenn die Herren von Zeisel, von Sänger, Graf Bensheim, Herr von Sengebusch zusammen waren, äußerte sich ein Fanatismus, dem Siegbert nicht zu widersprechen wagte, da alle ruhige Erörterung unmöglich war. Da wurden die Zeiten und die Menschen verurtheilt, die jüngsten Staatsmänner[2643] Räuber genannt, Landverderber, die Demokraten verlangte man für vogelfrei zu erklären und oft sagte Graf Bensheim: Todtschießen müßte man sie alle wie die tollen Hunde! Das Peinlichste war für Siegbert, daß auch die Frauen diesen Grimm theilten, ja schürten. Ihnen war der Verlust des Adels, mit dem man in dem ersten Stadium der Revolution gedroht hatte, ebenso verletzend wie die Besteuerungsfrage des Grundeigenthums in ihren täglichen Haushalt eingreifend und sie in einen nicht zu beruhigenden Zorn versetzend. Die Offiziere der »fliegenden Kolonnen« und der kleinen hie und dahin versetzten Garnisonen waren ihnen die willkommensten Gäste. Siegbert konnte bei seinem jeweiligen Zusammentreffen aller dieser reaktionären Elemente die Gefahr ermessen, der bei uns die bessere Begründung der Zukunft noch zu lange ausgesetzt ist.

Betrübend war für ihn, daß Oleander keines politischen Urtheils fähig war und wenn er einmal eine Stimmung über die Zeitereignisse zu erkennen gab, vollkommen mit diesen ultraconservativen Gesinnungen übereinzustimmen schien. Als ihm Siegbert darüber sein Erstaunen ausdrückte, war seinerseits Oleander noch viel mehr verwundert, wie Siegbert, ein Künstler, dem kunstfeindlichen, pietätlosen Geiste der Zeit zu huldigen vermochte!

Siegbert verschwieg nicht, daß er der mächtigen Einwirkung und überzeugenden Beredtsamkeit seines Bruders Dankmar vorzugsweise die Berichtigung seiner[2644] Urtheile verdankte, daß er durch Louis Armand und Max Leidenfrost mit den Arbeitern, ja durch Egon selbst mit einer edleren Theorie über die Gesellschaft, als diese Adligen lehrten, bekannt geworden wäre und misbilligte den Eigendünkel derjenigen schaffenden Talente, die nicht ertragen konnten, daß sich der Lauf der Dinge nach den nächsten Interessen ihres Berufes nicht richtete. Überhaupt, sagte er, wäre ihm das Herleiten einer Meinung aus seinem persönlichen Vortheil gradezu ein Gräuel und diese Frauen, die die Freiheit haßten, weil ihre Männer in die Lage kommen könnten, pensionirt oder in ihren Pensionen besteuert oder in ihren Abgaben an den Staat gesteigert zu werden, diese wären ihm gradezu dem Geiste nach Megären und böse Unholde, möchten sie auch äußerlich noch so reizend und im Übrigen sanft und gefällig sein.

Sie übersehen, sagte Oleander, der über die Glut, die in Siegbert's Wangen fuhr, erstaunte, sich aber doch freute, daß es ein Thema gab, worüber der Freund seinen Kummer auf Augenblicke vergaß, Sie übersehen, daß dem zarten Sinne der Frauen doch auch wol das rohe und unheimliche Auftreten der Demokratie, besonders in der communistischen Gestalt, als eine tiefe Verletzung der Sitte erscheinen muß. Wenn Sie sagen, der beschränkte, nur physische Lebenstrieb der Frauen verrathe sich in der conservativen Gesinnung vorzugsweise als Egoismus, so möcht' ich grade an diesem Instinkte doch auch den feinen Takt anerkannt wünschen, daß er die Frauen sehr[2645] bald erkennen, woher den tobsüchtigen Neuerern ihr Bedürfniß des Tobens kommt. Wenn man immer Demokraten sähe wie Sie! Woher kommt es aber, daß diese Lehre grade so viel Gesindel entfesselt hat, grade Die, welche weder für die Kirche noch den Staat, noch die Schule, noch die Gesellschaft ein Interesse haben? In allen diesen hier auf sechs oder acht Meilen in der Runde liegenden kleinen Ortschaften sollen, wie man mich durch Beispiele versichert, grade die den Ton der Auflehnung angegeben haben, die in zerrütteten Verhältnissen lebten und von einem Umschwunge der Eigenthumsfrage zu gewinnen hoffen durften. Denken Sie sich diese tiefe Verletzung des Frauensinnes durch die Eigenthumsfrage! Es ist nicht die Furcht vor dem materiellen Verluste allein, der die der zeitlichen Güter sich vorzugsweise annehmenden Hausfrauen so bedenklich bedrohte; es ist noch weit mehr des Weibes stille Ahnung, daß mit der Verwirrung der Eigenthumsfrage seine eigne sittliche Existenz in Frage gestellt ist. Die Gemeinschaft der Güter würde alle Bande des sittlichen Herkommens auch in gesellschaftlicher Hinsicht sprengen. Sie wissen, daß Goethe sagte, den Frauen müsse vor Allen an einem honetten Hergang aller Fragen in der Gesellschaft gelegen sein.

Siegbert hatte an diesen Äußerungen wenigstens die Freude, daß der Vikar nicht blindlings dem konservativen Dünkel der Vornehmen nachsprach, denen er seither hier begegnet war. Er fand doch, daß er nach einem tieferen Prinzipe für die Meinung trachtete, die bei Jenen so[2646] nackt und baar zu Tage lag. Dennoch widersprach er auf das Lebhafteste.

Ich kann, sagte er, nicht zugeben, daß diese Bewegung immer und überall auf den Kommunismus hinaus läuft. Warum nennen Sie das Äußerste? Müssen auch Sie nicht darunter leiden, daß man Ihre Auffassung der Religion sogleich Pietismus, ja bei Manchem Jesuitismus nennt, und doch sind Sie und die Ihnen Gleichgesinnten von diesem Extrem hoffentlich weit entfernt! Die kommunistische Regung wird über all bald unterdrückt sein, wo sich kräftige Hände finden, die die Zügel der Bewegung in die Hand nehmen und nicht dulden, daß diese Zügel, wie bei einem durchgehenden Pferde, auf der Straße nachschleppen. Oft scheint es mir, als wollte man recht mit Gewalt der Bewegung die fatale Physiognomie aufprägen, als ginge sie nur von den Lumpen aus. Man schuf Bürgergarden und um sie lächerlich zu machen, uniformirte man sie nicht. Niemand dachte daran, sie zu schmücken. Aber unsre Soldaten, wenn sie im Bauernkittel als Rekruten vom Lande kommen, sehen sie vertrauenerweckender aus als die Freischärler? Wer soll das Wort ergreifen, wenn die Würdigen hinter'm Berge halten und sich zu vornehm dünken, mit dem Pöbel zu verkehren? Da kommen denn meist Die hervor, die ohnehin schon in einer steten Unruhe leben, einer geistigen Unruhe, einer gesellschaftlichen Verlegenheit. Die Bankeruttirer sind nicht alle verschuldete Schuldner. Mancher von ihnen verlor nur deshalb, weil sein Geist reger ist als der des[2647] Philisters, der nichts wagt und deshalb immer gewinnt. Kurz die Bewegung geht nur dadurch in den Sumpf, weil man ihr Irrlichter voran tanzen läßt, nicht helle Kerzen, nicht die Lampen der klugen Jungfrauen aus dem Evangelium.

In Dem, was Oleander hierauf erwiderte, zeigte sich, daß er tief in den alten romantischen Anschauungen steckte, die bei ihm eine religiöse Färbung gewonnen hatten. Gegen Ackermann's amerikanische Theorie verhielt er sich wie gegen etwas ihm völlig Antipathisches. Gegen Siegbert's Lehre von einer kräftigen Theilnahme am Staate wandte er Alles ein, was man nur von der Aristokratie des Geistes darüber zu hören bekommen hat. Siegbert, der schon so weit für die Ideen seines Bruders gewonnen war, daß er die gegenwärtige Art Politik zu treiben allerdings als unfruchtbar und gefahrbringend erkannt hatte, Siegbert hoffte, Oleander würde ihm auf halbem Wege in der Bundestheorie Dankmar's entgegenkommen, aber er irrte sich. Oleander wich dem großen Heereszug der Massen und dem Getümmel der großen Landstraßen gänzlich aus und blieb wenigstens für Deutschland dabei, daß wir ein Familienvolk wären und bei einer gewaltsamen übereilten Störung unsrer überlieferten Ordnung nur Gefahr liefen, unser Bestes, unsre geistigen alten Errungenschaften zu verlieren.

Nun, flammte Siegbert auf, dann frag' ich nur, Oleander, ob Sie diese Gesinnung, die ich an Ihnen ehren- und anerkennen will, in dem conservativen Glaubensbekenntnisse[2648] dieser Gräfin Bensheim und ihrer Nichten, in dem Zorne des Herrn von Sengebusch, in dem Ingrimm der Lieutenants wiederfinden, die hier die fliegenden Kolonnen befehligen? Leihen Sie da nicht vielmehr Ihre schöne Idealität einem ganz stumpfsinnigen, rohen, egoistischen Dünkel und dem materiellsten Hochmuthe? Ist Das Politik, was Herr von Sänger spricht? Ist Das nicht die reinste Gedankenlosigkeit?

Oleander räumte dies ein, nannte aber den Royalismus eine politische Religion. Wie in der Religion der Eine sich mehr an das Symbol, der Andre mehr an die innere geoffenbarte Wahrheit halte, so wär' es auch in der Politik. Der Glaube, hier und da, wäre die Grenze des uns Möglichen und geistig Erreichbaren ...

O mein Freund, sagte er ruhig, prüfen Sie doch! Was ist das Unglück aller unsrer Staaten? Kein andres, als daß sie keine politische Religion mehr haben. Verstehen Sie mich recht! Ich meine hier nichts, was etwa mit Staatsreligion oder Religion überhaupt zusammenhängt. Ich preise nur die Zeiten glücklich, wo die mangelhaften Verfassungen und die unvermeidlichen Ausbrüche verwirrender Leidenschaften gemildert, erträglich gemacht wurden durch jene politische Religiosität, die in unbedingtem Royalismus bestand. Soweit ich den Fürsten Egon zu verstehen glaube, so will er für den bei Seite geworfenen alten Royalismus eine neue politische Religion, d.h. eine moralische Bindekraft des Staates, ein heiliges Joch der Selbstbeherrschung künstlich schaffen.[2649]

Aber wie alle Vernunft, wenn sie noch so geistreich und weise ist, die Symbolreligionen nicht ersetzen kann, so gibt es auch für die geoffenbarte politische Religion des Royalismus, die ihre weiseren und ihre einfältigeren Bekenner hat, keinen künstlichen Ersatz; denn die Pflichtenlehre, die der Fürst aufstellt, ist eine Chimäre, an der er scheitern wird. Die Pflichtenlehre, ohne Symbolik, kann wol eine philosophische Sekte zusammenbringen, Auserwählte, Gleichgesinnte, aber nicht die dem Zufall preisgegebenen großen Massen, die der Natur, der pflichtwiderstrebenden Natur, folgen. Statt des Royalismus kann höchstens die Nationalität eine bindende politische Volksreligion werden, wie in Amerika, vielleicht sogar, wenn es besser regiert würde, in Frankreich.

Und Deutschland? unterbrach Siegbert.

Nun wohl! sagte Oleander. Geben Sie uns nur ein Deutschland! Entfernen Sie mit einem Schlage alle Fürsten! Schaffen Sie aus Deutschland eine Republik. Vielleicht, daß dann Thuiskon der Heilige des Volkes würde und vom Tempel des Wodan unsre Offenbarungen kämen ... ich habe im Politischen nichts dagegen; allein schaffen Sie uns durch einen Zauberschlag diese friedlich geordnete, glückliche auf Vaterlandsliebe und nur auf Vaterlandsliebe begründete Republik!

Mit diesem Freiherrn von Sengebusch und den Lieutenants der fliegenden Kolonnen? sagte Siegbert.

Mit der Proletarierpolitik, mit den Kommunisten, den konstitutionellen Taschenspielern, den Portefeuille-jagenden[2650] Advokaten? parodirte Oleander und Beide brachen ab, weil sie in der That noch nicht einmal über das nächste Prinzip einig waren. Wie Siegbert verlangte, für die edlere Demokratie sollte man ihre Auswüchse dulden, so verlangte Oleander, für die edlere Monarchie sollte man auch den vulgären Royalismus der Beamten, Soldaten und Adligen dulden.

Die Wahlen schürten diesen Streit immer auf's Neue an. Die Agitation war trotz der Jahreszeit, die die Verbindungen erschwerte, überall sichtbar. Die Demokratie blieb im entschiedensten Übergewicht und versprach eine Kammer, noch radikaler als die aufgelöste. Selbst Gemäßigte wie Justus hatten Mühe, gewählt zu werden. Drossel, der Wirth zum Gelben Hirsch, lief ihm fast den Vorrang ab in dem Distrikte, wo er selber wohnte; doch hatte Justus über drei Wahlkreise zu gebieten und mußte sich begnügen, diesmal nur zweimal gewählt zu werden. Dem Ministerium aber trat er seine zweite Wahl nicht wieder ab; lieber noch Drosseln, wenn er diesen nicht für die Aufsicht über seine Besitzungen gebraucht hätte. Egon mußte Befehl geben, ihn, den Minister, anderswo durchzubringen. Er hatte in seinem »Jahrhundert« die konstitutionellen Neunweisen, wie es dort hieß, lächerlich machen lassen und deutlich auf jene eingebildeten Biedermänner hingewiesen, die so glücklich wären, die objektive Wahrheit auch immer da zu finden, wo sie mit der Befriedigung ihrer subjektiven Eitelkeit zusammenträfe. Die ministerielle Presse wurde mit Geist geleitet.[2651]

Siegbert verstand, was ihm Dankmar, der natürlich Egon nicht mehr sah, über dessen rastlosen Eifer schrieb. Er widmet sich ganz seiner thörichten Aufgabe, schrieb Dankmar, er opfert ihr Tage und Nächte, redigirt Noten und Artikel und will das Recht haben, Feinde und Freunde zu brüskiren. Von uns, als Freunden, sprech' ich nicht. Ich suchte keine Beziehung mehr zu ihm. Louis ist so gut wie aus seinem Umgange verbannt. Aber von jenen Freunden sprech' ich, denen er doch dient. Bei Hofe wird er noch angebetet. Die Prinzen müssen sich aber schon gefallen lassen, daß er ihre Urtheile ignorirt. Die Lieblinge des Hofes verletzt er schonungslos. Von dem General Voland von der Hahnenfeder, dessen Einfluß beim Könige weltbekannt ist, hat er geäußert: Er besäße die Beweise in der Hand, daß er es mit der Hierarchie halte. Verdächtige Persönlichkeiten, z.B. jener Franzose Rafflard, wurden ausgewiesen. Besonders scharf bewacht er die Clubs und die Gesellschaften, auch die aristokratischen, und manche heftige Scene ist schon vorgekommen, wenn er zuweilen die sogenannten kleinen Cirkel überrascht und sich Nachrichten über die auswärtige Politik erbittet: er höre, die »kleinen Cirkel« hätten eine Depesche bekommen, die bei ihm ausbliebe. Allein bei alledem erkennt man in ihm den Retter der Monarchie und ist gefaßt darauf, die nächste Kammer wieder zu entlassen und nach Egon's Theorie ein Zweikammersystem zu oktroyiren, eine Kammer der Interessen der Arbeitenden und eine Kammer der Interessen der Arbeitgebenden.[2652] Man versichert, daß Egon dabei alt wird und sehr hinfällig aussieht. Allgemein heißt es, er hätte die Absicht, Melanie Schlurck zur Fürstin von Hohenberg zu erheben. Es würde dies die merkwürdigste Folge sein, die nur einem konsequenten Streben geboten werden könnte. Melanie hielt mich einst für den Fürsten Egon und verliebte sich in mein Incognito. Als sie enttäuscht wurde, behielt sie das Wappen im Auge und wird es erobern. Man sagt, Pauline von Harder, die jetzt Alles in Allem ist und um zehn Jahre jünger geworden sein soll, bediene sich der schönen Melanie, um mit Egon in desto festerer Verbindung zu bleiben; sie verhindere, sagt man, das ehrgeizige schöne Mädchen, sich ihm unbedingt zu widmen und lehre sie die Koketterie, die sie früher in ihrem eignen Leben selbst nicht beobachtet hat. Egon, ermüdet vom Tageslärm, erschöpft von der Arbeit, ruht bei Pauline von Harder, der Feindin seiner Mutter, der Vernichterin ihrer Memoiren, seit ihrer wunderbaren Aussöhnung, jeden Abend wie ihr leiblicher Sohn aus und findet Melanie nur bei der Harder, da dann freilich immer schön, immer reizend, immer liebenswürdig. Lasally ist abgefunden. Schlurck, der Vater, der, wie mir Werdeck nach einem Geschäftsbesuche bei ihm sagte, sehr altern und in seinen Finanzen zurückkommen soll – besonders seitdem sein Faktotum Bartusch fortwährend kränkelt und Geister sieht – Schlurck kann sich mit Egon nicht aussöhnen trotz der Tochter. Es liegt in Egon's puritanischer, mit Sinnlichkeit verbundener Strenge eine unbesiegbare Antipathie[2653] gegen Schlurck's Genußtheorie und unverbesserlichen Indifferentismus. Grade was ihm an Melanie so bequem ist, ist ihm am Vater verhaßt. Auch ist die Frage seiner Finanzen zu wichtig, als daß er nicht in Ackermann das unbedingteste Vertrauen setzen sollte, zumal da Louis Armand über ihn Wunderdinge berichtet hat.

Sodann schrieb noch Dankmar, der Bruder möchte Erkundigungen einziehen über den wahren Zusammenhang einer sonderbaren Begebenheit, die sich mit Louis, dem blinden Schmied Zeck, der tollen Ursula Marzahn und einem alten Gauner, Namens Murray, im Walde bei Plessen zugetragen hätte. Louis hätte davon nur dunkel gesprochen und doch hätte er von diesem Vorfall Sonderbares vernommen. Endlich schloß der Brief mit den kurzen lakonischen Worten: »Hast du nichts aus Rom gehört? Und warum so ein sylbig über Selma?«

Von Rom hörte Siegbert genug durch die Fürstin Wäsämskoi, die eine unermüdliche Correspondenz führte. Selma sah er zu flüchtig und besorgte fast, daß der Bruder voraussetze, Selma wäre ihm selbst nicht gleichgültig. Es wäre dies derselbe Irrthum gewesen, in den auch Frau von Sänger verfiel, die natürlich über Siegbert's längeres Verweilen in der Gegend sehr glücklich war. Anfangs mußte Siegbert gestehen, daß sie eher betroffen schien über sein Bleiben als erfreut. Er äußerte dies gegen Oleander, der ihn längst mit dieser Frau neckte und ihn mit Scherzen, die eigentlich nicht in seiner Natur lagen, aufzuheitern suchte.[2654]

Oleander erwiderte darauf, daß er fast glauben möchte, jeder ganz ausgekostete Schmerz hinterlasse eine so volle süße Sättigung des Gemüthes, daß man nicht gern vernehme, der Schmerz wäre umsonst gewesen.

Diese junge schöne Frau, sagte er, die nicht ganz so oberflächlich ist, wie sie mir alle neben Selma erscheinen – auch das kleine Fränzchen hat etwas Sinniges und ein innerlich beschauliches Leben – diese einschmeichelnde Frau von Sänger hat sicher heftig darunter gelitten, als Sie von ihr schieden ...

Und nun komm' ich wieder, ergänzte Siegbert mit einiger Bitterkeit, entdecke sie drüben bei Zeisel's, sie fällt aus den Wolken. Sie noch hier? In Trauer? Was fehlt Ihnen? Ihre Mutter starb! Sie Unglücklicher! Sie Armer! Aber Sie bleiben bei uns! Sieh! Sieh! Wie lange? O Das ist schön! Und warum ihr Schreck? Das liebesieche Herz hat schon einen der jungen Krieger gewählt, die bei Freiherrn von Sengebusch im Quartier liegen.

O, o! sagte Oleander erschreckend. Sie verleumden!

Geben Sie Acht, wenn wir morgen beim Grafen Bensheim zu Tisch sein werden! Ich bin ein Träumer, wie Sie, aber meine Kunst zwingt mich doch, die Physiognomieen zu studiren.

In der That mußte Oleander Siegbert Recht darin geben, daß Frau von Sänger schon wieder mit einem der Offiziere intriguirt war, die die Cirkel der Umgegend seit der ungesetzlichen Selbsthülfe der Landbewohner belebten. Er fand sie verlegen, erröthend über Siegbert's[2655] Eintreten, erröthend, wenn dieser mit ihr sprach, er fand den Offizier gegen Siegbert, in dem er ohnehin den Demokraten voraussetzte, ganz besonders gereizt und von der täglichen Gewohnheit, mit Waffen umzugehen, einen sehr unedlen Gebrauch machend. Oleander konnte nicht widersprechen, als Siegbert in Bezug auf einige nahe an Herausforderung streifende Äußerungen zu ihm sagte:

Erkennen Sie daraus eines der Motive, das freie Gemüther treiben kann, den ganzen Ton dieser privilegirten Klassen widerlich zu finden? Was kann aus solchen brutalen Gesinnungen entstehen? Die höher gestellten Offiziere verbergen freilich, daß sie diese Art und Weise billigen, allein im Stillen haben sie fast alle ihre Freude daran. Die Zahl derjenigen Offiziere, die ich mir denke wie Max von Schenkendorf, wie Theodor Körner, wie Scharnhorst, ist sehr gering. Können Sie den Demokraten verdenken, daß man diesem Corpsgeiste grade eine Niederlage, wie einer andern Armee einst bei Jena, gönnt! Und ich weiß nicht, ob ich mich täusche. Ich glaube in der That, daß diese Gesinnung, vor den Feind geführt, vor einen nationalen, von Hochgefühl durchdrungenen Feind, sich nicht lange über die ersten Vorpostengefechte hinaus bewährt und daß im Kriege nur die Armee unüberwindlich ist, die auch im Frieden von ernster und bescheidner Männlichkeit durchdrungen wird.

Siegbert war so erfüllt von der Trauer um seine Mutter, so sanft auch im Geiste hinübergezogen in die Ferne, wo unter schönerem Himmelsstriche Olga lebte, daß ihm jede[2656] weitere Beachtung durch Frau von Sänger lästig gewesen wäre. Und dennoch erlebte er, daß die leichtsinnige junge Frau ihm einen Zettel in die Hand drückte, worin sie bat: »Morgen Nachmittag um drei Uhr; ich beschwöre Sie. Henriette.« Siegbert sagte Oleandern nichts von dieser Aufforderung, nichts von diesem Rückfall in die alte Gesinnung. Er hatte im ersten Augenblicke einen förmlichen Widerwillen gegen die unbesonnene Frau. Dann stand es wenigstens fest bei ihm, daß er nicht nach Randhartingen fuhr, nicht der Aufforderung Folge leistete. Am andern Tage kam aber die Dankmar'sche Wahrheit von den »verdammten Anstandszärtlichkeiten«! Er fuhr doch nach Randhartingen und fand Henriete von Sänger in Thränen. Sie war allein. Ihr Mann in Geschäften über Land. Sie erzählte ihr ganzes Leben, wie sie wegen Armuth diese unglückliche Heirath hätte schließen müssen und nun ihr Dasein, ihre Jugend, ihr Glück rein an Nichts hinauswürfe. Sie gestand ein, daß sich jener junge Krieger um ihre Gunst bewürbe, sie zu einer Scheidung veranlassen, entführen wolle und ähnliche excentrische Dinge, die Siegbert um so mehr erkälteten, als er hören konnte, sie würde ihren Himmel nur in ihm, in seinen reinen blauen Augen, finden. Die Thränen, die dabei flossen, waren schwerlich ganz unecht. Sie kamen aus dem wirklichsten Bedürfniß dieser Frau, die sich durch das Geständniß ihrer Schwäche erleichtert fühlte und vollends gestärkt durch Siegbert's Zuspruch, da er das Meiste von Dem, was sie äußerte, ernst nahm und ihr viel Gutes[2657] und Mildes sagte. Unstreitig hatte sie das Bedürfniß der Scenen. Sie wollte von Siegbert wenigstens das Zugeständniß ihrer verfehlten Bestimmung, eines höheren, bedeutenderen Berufes und war zuletzt vollkommen befriedigt, als Siegbert, doch rücksichtsvoll und weich geworden, tröstend von ihr schied. Es war weder von einer Flucht mit ihm oder dem Offizier oder einer Scheidung oder sonst einer gewaltsamen Unternehmung noch die Rede. Sie blieb ruhig die Frau Hauptmann und Rentmeister von Sänger, lebte aber in diesen kleinen ungeduldigen Wirbeln und Strudeln der Leidenschaft und Selbstaufregung so lange fort, bis die junge Generation auch sie überholen wird und auch sie im Arzte oder Geistlichen ihre letzten Tröster findet.

Mit dem Beginn des Dezembers wollte denn Siegbert endlich aufbrechen und in die Residenz zurückkehren. Einige Arbeiten, die er begonnen, waren vollendet, auch an äußerem Erträgniß war dieser Landaufenthalt nicht unergiebig gewesen. Das Wetter hatte sich gemildert. Dem Frost war Regen gefolgt. Die Wege waren zwar vollends jetzt nicht einladend, aber die mildere Luft that wohl. Am achten Dezember wollte er nun ganz bestimmt reisen ...

Es war am sechsten, am Nikolaustage, als Abends Siegbert und Oleander in der Wohnstube der Pfarrerin saßen und sich mit den Kindern unterhielten. Hedwig und Waldemar zeichneten Figuren mit Siegbert; das Kleinste spielte, das Vierte war im Ullagrunde ...[2658]

Oleander saß verstimmt und in sich versunken da. Ein Buch war vor ihm aufgeschlagen. Er las zuweilen, lehnte sich dann wieder zurück, schlug die Arme übereinander oder stützte das Haupt auf ...

Siegbert verstand seinen Kummer. Oleander lebte nur seiner Dichtung, seinem Amte und dem Schmerz, daß ihm nicht gelingen konnte, von Selma Ackermann irgend ein Zeichen der Gunst zu gewinnen. Siegbert war nicht wieder im Ullagrunde gewesen. Er hatte inzwischen versucht, dem Vikar eine größre Aufmerksamkeit auf sein Äußeres beizubringen. Er selbst, gewohnt, den Leib für einen Tempel der Seele zu halten, trug sich, ohne auf Eleganz Anspruch zu machen, geschmackvoll. Oleander gewann nun schon etwas von dieser gewissenhaften Sorgfalt der körperlichen Pflege. Auch wurden seine desfallsigen Bemühungen, wie er selbst erzählte, scherzend im Ullagrunde anerkannt. Eine günstigere Wendung seiner Hoffnungen gestaltete sich aber darum noch immer nicht. Die Gleichgültigkeit Selma's war so auffallend, daß, wenn sie wirklich ein andres Bild im Herzen trug, Siegbert wol Recht hatte, sich nach einer letzten flüchtigen Begegnung in Plessen, wo wieder des Bruders nicht gedacht wurde, zu sagen:

Wie lieblich ist die Treue eines unschuldigen Herzens! Wie scheint an Selma Alles spröde, so gewidmet und aufbewahrt nur für den Einen, dem ihr ganzes Leben gehört! Wie fern, wie abwesend dieser Blick des Auges! Wie erschrickt sie, wenn man sie anredet und sie nicht[2659] sogleich die an sie gerichteten Worte versteht, weil sie zerstreut war! Das ist die fromme Andacht der Liebe, die ihrem Heiligsten jeden Gedanken, jeden unbewachten Augenblick des Selbstgespräches der Seele widmet! Ob wol Olga so lieben könnte, ob sie wol so liebt oder, aufgewühlt in ihrer kindlichen Frühreife, erschreckt, beunruhigt, wildgehetzt von fremden Leidenschaften, schon außer sich lebt, statt sinnig in sich zurückgezogen!

Oleander las in einer Schrift der neuen philosophischen Schule, der kritischen oder chemischen, wie er sie nannte. Chemisch deshalb, sagte er zu Siegbert, weil diese Philosophen des absoluten Nichts die Liebigs der unsichtbaren Welt sind. Wie die chemische Retorte Urstoff auf Urstoff entdeckt und diesen immer wieder auf's Neue zerlegt, so hat der philosophische, gemüthlose Verstand der neuesten Schule Alles durch die Kritik bis zum vollkommensten Nichts aufgelöst und ich staune hier eben über den Dünkel, mit welchem in diesem Buche alle Beweise für die Unsterblichkeit der Seele widerlegt werden und der Verfasser nun auch glaubt, die Unsterblichkeit der Seele selbst widerlegt zu haben.

Siegbert schwieg. Er kannte diese Schriften. Leidenfrost liebte sie und empfahl sie mit Eifer und doch widerstanden sie auch ihm, obgleich er Oleandern in seiner Entrüstung nicht Recht geben mochte.

Warum müssen wir nur, fuhr Oleander, während Siegbert den Kindern, die schwiegen, vorzeichnete, aber ernst zuhörte, warum müssen wir nur an so viel Renommisterei[2660] im Geistigen leiden, an so viel gemüthloser, affektirter Prahlerei! Wie diese Philosophie sich berufen dünkt! Wie sie aufräumt! Wie sie durch den Erfolg ihrer kritischen Operationen immer übermüthiger wird und sich doch dieser Freude über das absolute Nichts schämen sollte! Diese Menschen lachen über den Unsterblichkeitsglauben, sie bemitleiden den vulgären Wahn unsrer romantischen Physiologie! Wenn sie noch die Achseln zuckten und sagten: Die Materie bedingt den Geist und mit dem Zusammenfallen der Materie hört dies Denken und Bewußtsein leider auf! Nein, sie fühlen sich so froh, so stolz, so gehoben durch die Thatsache des künftigen Nichts, daß ich vor einer Zukunft schaudere, wo diese Lehre in den jungen Gemüthern aller Orten Raum gefunden hat! Denn die Jugend läuft Dem nach, der den Säbel auf der Straße klappern läßt und die Mütze recht verachtungsvoll über einem Ohre trägt.

Siegbert äußerte ein Wort, das er auf eine ähnliche Erwiderung von ihm selbst einst von Leidenfrost gehört hatte.

Nun wohl! sagte er. Ist denn aber dieser Stolz so verächtlich? Man hat die Unsterblichkeit der Seele deshalb gelehrt, weil sie zur Tugend nöthig wäre. Ist es denn aber kein Fortschritt, wenn die Tugend um ihrer selbstwillen geübt und an künftige Belohnung nicht mehr gedacht wird?

O, rief Oleander, wenn sie nur tugendhaft wären! Wenn sie nur wirklich die Bescheidenheit verklärte! Wenn sie[2661] nur aus der Erkenntniß ihrer eignen leersten Zwecklosigkeit und der mit dem letzten Athemzuge eintretenden Vernichtung die Aufforderung zur Demuth schöpften! Nein, ich kenne von Tübingen, von Halle, Berlin, Wien her eine Menge dieser neuen Philosophen der Kritik und des Chemismus! Diese jungen Ärzte der neuen Schule, wie verächtlich und frivol sprechen sie von dem Körper! Er ist ihnen eine Uhr. Wo wir früher göttliche Immanenz sahen, wo wir ein Geheimniß in den Nerven ahnten, sehen sie nur den Mechanismus des Blutumlaufes und seiner Störungen. Das Mikroskop hat sie übermüthig gemacht, wie Laplace übermüthig durch das Teleskop wurde. Dieser Franzos behauptete alle Sterne gesehen zu haben, aber nirgends auf ihnen Gott. Dieser Bemitleidenswerthe erhob sein Teleskop zum Gott und die neue Naturphilosophie macht aus dem Mikroskop den Schöpfer. Es ist der Dünkel der Gelehrsamkeit, der Herzlosigkeit, des eingebildeten Studiums. Und darin erkenn' ich Gottes Finger! Unsre Welt wird immer elender und erbärmlicher, unsre Schaffenskraft in geistigen Dingen immer geringer und gemeiner werden. Ein solcher Atomismus, der nicht an die jenseitige Bestimmung des Menschengeschlechts glaubt, kann auch für das diesseitige Leben nichts schaffen. Warum erleben wir, daß diese Hände, wo sie Staat, Kirche, Gesellschaft berühren, nichts hervorzubringen vermögen? Warum sind sie von der Poesie verlassen und müssen auch deren ewige Berechtigung läugnen? Warum haben sie noch nichts gefertigt, als[2662] kritische Analysen und da, wo sie schaffen wollten, hohle Phraseologie!

Siegbert fühlte sein Herz vielen dieser Ausrufungen vertraut und doch erschreckte ihn, daß Oleander solche Thatsachen nur benutzte, um sich dahin zurückzuziehen, wo der unbedingte Glaube waltete. Er sagte:

Lieber, ich folge Ihnen gern, wenn Sie sagen, daß die neue Schule etwas Brüskes, Herzloses und Unschöpferisches hat. Ich habe sogar einen Freund, Namens Leidenfrost, der in der absoluten Verneinung jeder Zukunftshoffnung seine Menschenwürde findet und grade durch sie für die Tugend, für die Todesverachtung ein erhebendes Prinzip zu haben behauptet. Aber ich kann mit dieser Meinung nicht gehen. Ich denke, wie es hundert verschiedene Sittengesetze gegeben hat, die alle die Probe der Kritik nicht bestanden und der innere kategorische Imperativ des Herzens: Übe die Tugend! doch unläugbar ist, so ist auch trotz der Unwissenschaftlichkeit aller Beweise für das Dasein Gottes oder die Unsterblichkeit der Seele der kategorische Demonstrativ, wie ich ihn nennen möchte, dieser Thatsachen in unsrer Brust nicht auszurotten. Ich glaube nicht daran, daß diese Erde mit ihren Menschenbewohnern nur eine Stufenfolge der Schöpfung ist, die in sich selbst abstirbt und daß wir nur der Dünger immer neuer Schöpfungen sind. Welches die Form unsrer Verklärung sein wird, das weiß ich nicht. Ich denke, Gott wird schon eine Wesenkette neuen Lebens wissen, in der wir, wenn auch in Substanzen, die wir[2663] nicht ahnen können, uns als Fortsetzung unsres hiesigen Lebens erkennen. Wer kennt die Geisterringe, die das All umschließen! Aber, mein Freund, mit diesem Zugeständniß ist Gefahr verbunden. Ich kann mit Denen nicht gehen, die sich nun gleich rechts wenden und dann sagen: So bleibt uns nur der Glaube! Ich gehe mit Denen nicht, die links das absolute Nichts wollen. Wo gibt es also einen Mittelweg?

Es gibt keinen Mittelweg! sagte Oleander und fügte scherzend hinzu:

Gott oder Satan!

Sie lächeln selbst, Oleander! fiel Siegbert ein. Und doch sind Sie auf dieser äußersten Alternative. Ich glaube an den Mittelweg. Ich glaube an die Möglichkeit, daß wir das Alte kritisch überwinden und für den Geist, der uns diese Überwindung lehrte, doch auch eine Symbolik erfinden, auch eine Religion stiften. Ich will Gebundenheit des Gefühls und auch ein Maaß des Gedankens. Ich will, daß man sich im Staate und in der Religion gebunden fühlt, gebunden durch die ewige Schranke, die wir nicht überspringen können. Aber diese Gebundenheit muß keine traditionellen Formen mehr haben, in der Religion nicht die christliche Theologie mehr, in der Politik nicht mehr das feudale Staatsrecht. O mein Freund, ich weiß wohl, daß die Weltwirkung Christi kein Genius mehr heraufzubeschwören vermag, kein Wettkampf eines Märtyrers vermag noch mit Christus in die Schranken zu treten, es fehlt uns Symbol, Religion, Form, Kirche und Staat[2664] für Das, was unsre Meinung ist; aber hoffen wir doch, verzagen wir nicht; auch die neue Religion, die neue Politik wird ihre Formen finden. Nicht umsonst ist uns von Christus die künftige Herrschaft des Geistes verheißen worden.

Oleander schwieg und wollte in seinem Buche weiterlesen, als man einen Wagen rollen hörte. Er fuhr rasch von der Gegend des Amtshauses herunter und die Frau Pfarrerin, die mit weiblichen Arbeiten beschäftigt am Tische saß, behauptete, es müßte Herr Ackermann sein. Der Wagen hielt vor dem Pfarrhause. Die Kinder sprangen hinaus. Es war Ackermann, Selma, Fränzchen und die kleine Clara Stromer, die mit einem Korbe in's Haus traten.

Guten Abend, ihr Kinder. Guten Abend, Herr Oleander! Guten Abend, Herr Wildungen! So still hier? Kein Jubel? Keine blechernen Trompeten? Keine Trommeln?

Und schon hatte Selma den Korb, den Fränzchen trug, aufgedeckt und trommelte auf einem kleinen Tambourin, und Clara, die in das Geheimniß eingeweiht war, zog Hedwig und Waldemar heran, um ihnen die übrigen Herrlichkeiten zu zeigen.

Es ist St.-Niklastag, sagte Oleander, glücklich durch den unerwarteten Besuch.

Siegbert besann sich auf diesen Tag, an dem er in seiner Kindheit immer schon eine Vorfreude der Weihnacht genossen und erinnerte sich seines guten Vaters, der in einem nach außen gekehrten rauhen Pelzschlafrocke und verhüllten Kopfe den Niklas spielte. Zu Denen, die solche[2665] alte Sitten und Unsitten aus zärtlicher Schonung der »lieben Kleinen« verwarfen, gehörte er nicht. Siegbert gedachte wehmüthig der Angst, die die Mutter hatte, wenn sie beteten und sich nicht recht klar werden konnten, ob sie sich wirklich zu fürchten oder nur so zu stellen hätten; denn der Vater war ja wol sogleich erkannt.

Selma erzählte den staunenden und über die kleinen Geschenke jubelnden Kindern, sie hätte alle diese Sachen vom heiligen Nikolaus bekommen und fragte dann:

War er denn noch nicht da? Er sagte doch, er woll te heute alle Kinder besuchen und sehen, ob sie geschickt wären und beten könnten? Auch den großen Kindern da, Herrn Siegbert und Oleander, drohte er mit der Ruthe! Gott sei Dank, er kommt wol nicht.

Indem pochte es aber draußen an der Hausthür donnernd.

Die Kinder horchten erschrocken auf ...

Als Ackermann, der mit väterlicher Freundlichkeit auf den Scherz einging, bemerkte, ob Das wol der Niklas wäre, und das Pochen sich wiederholte, wollten sie sich verstecken.

Wer geht hinaus und öffnet?

Die Frau Pfarrerin hatte keinen Muth; der räthselhafte Ankömmling klopfte so stark, daß sie zitterte.

Oleander, der gespannt war, was da kommen sollte, ging und öffnete.

Sogleich hörte man auf dem Vorplatz eine gewaltige Klingel schellen und eine hohle rauhe Stimme rufen:[2666]

Sind hier Kinder?

Wie die Kinder dies bezügliche Wort hörten, wollten sie sich hinter der Mutter verstecken.

Oleander erschrak selbst über den mit Ackermanns einverstandenen, ihm aber nicht erkennbaren Besuch.

Die Thür ging auf und eine tief in Pelzwerk gehüllte und wol mit einem gebrannten Korke schwarzbemalte Figur trat herein. Der Kopf war von Damenshawls wie mit einem Turban überwunden. In der Hand trug der Wilde eine große Ruthe aus Besenreisern und in der andern einen Sack. Die lange Stange hatte er draußen stehen lassen.

Ernst blickte sich der unheimliche Gast im Zimmer um. Selma, um seinen Scherz zu unterstützen, schrie und lief sich zu verstecken.

Du schon wieder da? sagte der Niklas und rannte ihr mit der Ruthe nach, um ihr auf die Finger zu klopfen.

Die Kinder wagten kaum hinter der Mutter hervorzukriechen. Nur Waldemar war etwas kecker und wollte den Niklas am Pelze zupfen.

Da hatt' er einen Schlag auf die Finger weg.

Zugleich warf aber der schlimme Heilige doch aus seinem Sacke Nüsse, Äpfel, Lebkuchen in Fülle. Das lockte die Kinder, aber so wie sie etwas erhaschen wollten, setzten sie sich der großen drohenden Ruthe aus ...

Der Kleinste, Oskar, weinte. Hedwig nahm sich seiner an und suchte den Zorn des Niklas durch ein Gebet zu beschwichtigen, das sie rasch herstammelte.[2667]

Da sagte der Niklas mit einer rauhen, Siegbert und Oleander und der Frau Pfarrerin völlig unbekannten Stimme:

Seid ruhig, ihr Kleinen! Ich weiß, daß ihr beten könnt und geschickt seid! Auf die großen Kinder ist es abgesehen. Hier! Da versteckt sich ein rechtes altes Kind, das sich in der Welt herumtummelt, die Schule und das Elternhaus schwänzt ... Wart', Gesell! Sag' deine Lection her!

Damit hatte der Niklas Siegberten so eingeschlossen, daß dieser in der That vor der Ruthe sich nicht bergen konnte.

Siegberten war es, als sollt' er trotz der Verstellung die Stimme kennen. In der Eile rieth er hin und her. Aber der Niklas ließ ihm nicht Zeit zu fragen, sondern verlangte einen Spruch.

Siegbert warf den ersten besten Schulvers hin.

Der Niklas sagte:

Siehst du, trivialer Schulschwänzer, Besseres kannst du nicht? Treibst dich herum, jagst Nebelbildern nach und vernachlässigst die Ölfarbe! Schäme dich, Portraitklexer!

Jetzt gewann Siegbert einen Paß, dem seltsamen Niklas zu entwischen, der nun Oleandern vornahm.

Oleander unterstützte die Vermuthung der Frau Pfarrerin und der Kinder, daß dies wol gar der Vater wäre, Guido Stromer selbst, der die Seinigen zur Weihnachtszeit überraschen wollte. Ach wie schlug der verlassenen[2668] Frau das Herz! Sollte er's sein? Guido? Aber seine Stimme ist nicht so rauh! Dieser Humor nicht im Mindesten von seiner Art! Aber vielleicht hat sich sein Wesen in der Stadt geändert? Er ist fröhlicher geworden? Kinder, seid artig, betet, es ist der Vater!

Der Niklas verfolgte Oleandern, dessen lange Figur sich beim Entschlüpfen komisch genug ausnahm und wirklich von Selma nicht ohne Spott belacht wurde. Siegbert selbst mußte lachen, wie der lange lyrische Vikar sich duckte und zur Freude der Kinder seine Angst übertrieb, während er doch wirklich beklommen war.

Du Stellvertreter des Stellvertreters des Herrn, sagte der Niklas, was kannst du sagen? Liest du auch Alles aus Büchern ab, wie deine Kollegen? Bist du auch so ein Hasenfuß, der die Privat-Seelsorge der Weiblein Nachmittags mit ihnen beim Kaffee pflegt und lieber Whist spielt, als im heiligen Augustinus liest?

Oleander schwang sich hinter Siegbert her und schützte diesen vor, um sich vor der Ruthe zu retten. Mit einer Anspielung auf Siegbert's Trauer sagte er nun rasch:


Nicht allzu große Lust im Glücke!

Nicht allzu großen Schmerz im Leide!

Dann lacht nach jeglichem Geschicke

Der Hoffnung wieder grün die Weide!


Das geht allenfalls! sagte der Niklas. Etwas sentimental zwar! Etwas Freude mit schwarzem Krepp! Aber es sind ländliche Anschauungen! Die grüne Weide ist die Hauptsache![2669] Oder du denkst wol, Niklas wäre ein Bauer oder ein Viehzüchter? Wart'! Wart'! Aus Schonung für die Waise da – er zeigte auf Siegbert – will ich deinen Spruch gelten lassen; da hast du einen Lebkuchen, einen Reiter zu Pferde und noch einen, ein Wickelkind! Laß dir's recht viel Kindtaufen bedeuten!

Der Niklas jagte nun noch Ackermann, Selma, Fränzchen – mit denen er jedoch im Einverständnisse war – auch die Frau Pfarrerin, die nur immer dabei blieb: Das ist Herr von Zeisel – nein! Das ist – der Doktor Reinick! Nein! Das ist – Himmel, wer ist's nur? Die sonst so stille Frau war ganz alarmirt. Ihre wahren Gedanken, die sie mit den Kindern theilte, daß es der Vater wäre, wagte sie der Täuschung wegen nicht auszusprechen.

Zu Ackermann sagte der Vermummte:

Über's Jahr komm' ich wieder und wehe dir, Taschenspieler, wenn du mir nicht aus diesem Apfel, der sechs Körner enthält, sechshundert Äpfel gewonnen hast!

Zu Selma:

Wart', daß ich dich nicht mitnehme auf mein Pferd und dich in Höschen Pagendienste verrichten lasse bei der Königin Saba von Arabien.

Und zu Fränzchen:

Louise Eisold läßt dich grüßen und um ein neues Lied nach der Melodie: »Des Volkes Tochter, arme Bettlerin« bitten. Aber ich werde Euch anstreichen, so zu lügen, ihr verdammten schönen Proletarierinnen ihr! Singen vom Elend und naschen am liebsten Lebkuchen![2670]

Siegbert konnte nicht errathen, wer der Vermummte war; denn die Stimme blieb verstellt und sein Spiel wurde fast künstlerisch behandelt.

Als Niklas noch der Pfarrerin und den Kindern einige leichte Ruthenstreiche versetzt, dabei immer geklingelt und mit seinem Sack gerasselt hatte, faßte er zuletzt das unterste Ende desselben, schüttete die ganze Bescheerung auf den Fußboden und während Jung und Alt danach haschte, sich drängte, stieß, war er verschwunden.

Jetzt erst war das Gelächter und die Freude groß. Siegbert sollte rathen und besann sich nicht. Sein Bruder konnte es nicht gewesen sein. Er würde die Stimme erkannt haben ... Indem brachte ein Hausknecht aus der Krone die Botschaft, ein fremder Herr wäre angekommen, der ihn zu sprechen wünschte; er zeigte auf einen Zettel, auf dem »Leidenfrost« geschrieben stand.

Jetzt hatte Siegbert die Aufklärung.

Hat er den Weg als Heiliger gefunden, der uns prügelte, sagte er lachend, so kann er es jetzt auch als reuiger Sünder, um uns abzubitten. Der Tolle soll nur zu uns kommen. Ich komme nicht zu ihm und wenn er in hundert Kronen wohnte.

Leidenfrost war es wirklich, der dann in einem abgetragenen Sammetkittel kam. Er grüßte wie ein völlig Fremder und führte seine Rolle des Nichtwissens, des Erstaunens, der vollkommensten Nichtbetheiligung eben so gut durch wie vorhin seinen Niklas, den er durchaus nicht wahrhaben wollte.[2671]

Ich ein Niklas? sagte er befremdet mit einer völlig andern Stimme. Ich so frech, Sie hier Alle mit Ruthen zu peitschen? Wie könnt' ich daran denken! Ich habe das Glück, Ihre werthe Bekanntschaft zu machen, Herr Oleander und Frau Pfarrerin, in Folge des angenehmen Auftrags, in dieser unangenehmen Jahreszeit die von Herrn Ackermann bestellten Maschinen durch Dick und Dünn hierher zu begleiten. Gewisse innere Stimmen sagen zwar, ich hätte diesen Auftrag mit besondrer Vorliebe für den Flüchtling Siegbert Wildungen übernommen, den wieder zu sehen mein Herz labt und der trotzdem, daß er eine Mutter verloren hat, doch schon wieder, wenn nicht lachen, doch lächeln kann. O lächelte die Sonne so durch Wolken und trocknete die Wege! Vergeben Sie meine Fußbekleidung! Ich versichre Sie, daß diese Stiefeln wirklich von Leder sind.

Die Pfarrerin bot Thee oder jedes ihr sonst in der Eile mögliche Nachtessen an, aber man schlug die Einladung aus und wollte in den Ullagrund zurück. Leidenfrost begleitete die Rückfahrenden, versprach aber morgen nach erster Auseinandersetzung der bereits in den Wirthschaftshäusern Ackermann's untergebrachten Maschinen, sich in Plessen sehen zu lassen. Ackermann kehrte diese Anordnung um und lud die Pfarrerin, die Kinder, Oleander und Siegbert liebevollst und herzlichst für morgen zu Tisch.

Nun wohl – sagte Leidenfrost; dann sorgen Sie nur für ein kleines Kämmerchen zum Rauchen und zu stillem[2672] Zwiegespräch mit dem neugierigen Siegbert. Wir haben Viel und nichts Geringes zu berichten.

Wie lange bleiben Sie, Leidenfrost? fragte Siegbert.

Bis übermorgen!

Dann reisen wir zusammen zurück.

Wenn Sie keinen Anstand nehmen, sich dabei von den beiden Maschinenarbeitern Alberti und Heusrück begleiten zu lassen –

So sind wir vier und bilden ein vierblättriges Kleeblatt!

Diese Bemerkung betonte Siegbert mit einigem Nachdruck, den Leidenfrost verstand und dazu bedeutsam lächelte. Diese Mienen reizten Siegbert so, daß er die Zeit bis zum morgenden Mittag kaum erwarten konnte und bis in die Nacht Oleandern, der in Leidenfrost nun auch den Unsterblichkeitsläugner gleich persönlich kennen gelernt hatte, mit Schilderungen über das Leben und die Talente dieses Sonderlings, für seinen humoristischen Freund erst langsam gewinnen mußte.[2673]

Quelle:
Karl Ferdinand Gutzkow: Die Ritter vom Geiste. [Band 1–3], Frankfurt a.M. 1998, S. 2641-2674.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die Ritter vom Geiste
Die Ritter Vom Geiste (5-6); Roman in Neun Buchern
Die Ritter Vom Geiste: Roman in Neun B Chern
Die Ritter Vom Geiste: Roman in 9 B Chern, Volume 1
Die Ritter Vom Geiste: Roman in Neun Büchern, Volume 2 (German Edition)
Die Ritter Vom Geiste: Roman in Neun Büchern, Volume 6 (German Edition)

Buchempfehlung

Jean Paul

Flegeljahre. Eine Biographie

Flegeljahre. Eine Biographie

Ein reicher Mann aus Haßlau hat sein verklausuliertes Testament mit aberwitzigen Auflagen für die Erben versehen. Mindestens eine Träne muss dem Verstorbenen nachgeweint werden, gemeinsame Wohnung soll bezogen werden und so unterschiedliche Berufe wie der des Klavierstimmers, Gärtner und Pfarrers müssen erfolgreich ausgeübt werden, bevor die Erben an den begehrten Nachlass kommen.

386 Seiten, 11.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon