Fünftes Capitel
Die Lauscherin

[1209] O weh, dachte Mullrich, das raubt dir die Nachtruhe. Da soll etwas ausgeführt werden!

Indem hörte er schon die freundlichen und complaisanten Wendungen seiner Frau gegen den Herrn Oberkommissär Pax, den sie zu unterhalten suchte, bis Mullrich sich leidlich angezogen hatte, eintrat und kleinlaut grüßte:

Guten Abend, Herr Oberkommissär.

Guten Abend Mullrich!

Es gibt wol noch etwas?

Der Oberkommissär Pax, ein militairisch sicher auftretender Mann, mit starker Baßstimme, sagte:

Mullrich, ja! Aber Sie können ein paar Stunden schlafen.

Herr Pax, morgen früh um fünf Uhr hab' ich schon Was ...

Mit Kümmerlein die Untersuchung bei der Schievelbein in der Neustraße? Weiß ich schon. Aber es ist heute Nacht großes Gartenfest in der Fortuna. Da gibt's allerlei Leute zu beobachten, die mir soeben signalisirt sind. Es hilft nichts. Sie können zwei Stunden schlafen. Um zwölf[1209] müssen Sie aber in die Fortuna, wo's bis zum Morgen hergeht. Dann machen Sie gleich mit Kümmerlein die Recherche bei den beiden Miethsleuten der Schievelbein und dann können Sie sich den ganzen Vormittag zur Ruhe legen. Hier sind ein paar Signalements, auf die in der Fortuna gepaßt werden soll. Ich werde selbst in der Nähe sein, aber incognito ...

Mullrich nickte etwas verdrießlich und nahm einige dargebotene Papiere an sich, während seine Ehehälfte die Aufträge des Herrn Oberkommissärs mit den ergebensten Interjectionen als: Schön! Sehr schön! Sehr wohl! angenehm ausschmückte.

Der Oberkommissär Pax war der gewandteste Agent der Residenz und ein seltener Glücksjäger in dem Gebiete der praktischen Polizei. In jüngern Jahren Wachtmeister der Cavalerie, dann in gleicher Eigenschaft bei den Gendarmen, hatte er Veranlassung gehabt, der vor zehn Jahren noch weltlustigen alten Charlotte Ludmer jene Aufmerksamkeit zu erweisen, die Heinrichson jetzt ihrer Gebieterin widmete. Aus ihrem Pflegling und Schützling war Pax eine Zeit lang der Anbeter der unternehmenden und unbefangenen Frau geworden; jetzt galt der vierzigjährige, sehr stattliche Mann für ihren Neffen und künftigen Erben. Ihr verdankte er seine Anstellung, ihr eine sehr behagliche Existenz, die ihn jedoch nicht hinderte, seinen Obliegenheiten mit seltener Pünktlichkeit nachzukommen.

Er war der Ludmer und ihren Gönnern anhänglich und[1210] treu. Die Aussicht, einmal die aufgehäuften Ersparnisse der gefährlichen Matrone zu erben, spornte seinen Diensteifer ... Schon hatte ihn Schlurck im Interesse der Geheimräthin unterrichtet, wie er es mit der Haussuchung bei den Wildungens halten sollte.

Aber es gab noch manche andere Gelegenheit, sich seinen Gönnern dienstwillig zu erweisen. Wir haben davon sogleich einen Beweis in der Frage, die er an Frau Mullrich richtete:

Also die Maler-Guste ist ausgeflogen?

Nr. 17 meinen der Herr Oberkommissär? fragte die Alte.

Auguste Ludmer ...

Richtig! Ha! Ha! Die Maler-Guste! Hat sie den Namen? Hier nannten sie die Leute die Brennnessel ... weil ihr Keiner zu nahe kommen durfte. Ja, Herr Oberkommissär, vier Thaler, zehn Groschen und einen alten zerbrochenen Spiegel und einen ...

Sie ist aber nicht nach Hamburg, sie ist hier ... Mullrich ...

Mullrich war etwas schläfrig im Zuhören.

Ja, Herr Oberkommissär, sagte er apathisch ...

Seine Gemahlin griff helfend seine Antwort auf.

Ja? sagte sie. Die Maler-Guste? Nummer 17? Hörst du denn nicht?

Passen Sie in der Fortuna auch auf die Maler-Guste ... Sie soll auf ganz neue Sprünge gekommen sein ... bemerkte Herr Pax.[1211]

Sie wird doch noch einmal ans Spinnrad müssen! meinte Mullrich, nun sich sammelnd.

Seine Gemahlin schwieg jetzt. Sie kannte den Haß des Oberkommissärs gegen ein Mädchen, das mit vollem Rechte behaupten konnte, die Nichte der Madame Ludmer zu sein, während der Herr Oberkommissär, der sich den Neffen derselben nannte, nicht die mindeste Verwandtschaft mit jener tollen und wilden Maler-Guste in Anspruch nehmen durfte. Früher, als dies bildschöne Mädchen den Künstlern Modell stand und sich eines »soliden« Rufes erfreute, konnte ihr der Oberkommissär wenig anhaben; seitdem sie aber aus mancherlei Ursachen immer mehr gesunken war, hatte er Grund, eine unausgesetzte Hetzjagd auf sie anzustellen, wodurch sie zuletzt veranlaßt wurde, in diese dunkle, abgelegene Brandgasse, in diese armseligen Familienhäuser zu ziehen, wo es ihr schlecht genug ergangen sein mußte, trotzdem, daß sich Bartusch für ihre noch immer nicht ganz zu Grunde gerichtete Schönheit interessirte.

Auguste Ludmer war durch eigenthümliche Schicksale, die wir noch näher werden kennen lernen, ein Beispiel jener jammervollen Versunkenheit geworden, in die die haltlose Irrfahrt durch unser Leben und seine Bedrängnisse ein ursprünglich nicht schlechtes weibliches Wesen führen kann ...

Der Oberkommissär schärfte Mullrich ein, ein »fixes« Auge auf die Maler-Guste zu haben ... sie behielt diesen Namen, obgleich sie schon seit langer Zeit der Künstlerwelt[1212] entrückt war und ihr nur noch in einigen üppigen Bildern angehörte, zu denen sie früher die Anschauung ihrer schönen Formen geliefert hatte ...

Es war schon völlig dunkel geworden, aber das scharfe Auge des Oberkommissärs entdeckte durch das Schaufenster die Beine eines Mannes, mit dem er in ziemlich naher Verbindung stand ...

Ist Das nicht? ... sagte er.

Herr Schmelzing! Soll ich rufen? Herr Schmelzing!

Der Oberkommissär schärfte noch einmal die Signalements dem bewährten Vizewirthe ein und wandte sich zum Gehen mit den Worten ...

Teufel, steckt doch hier Licht an! Man bricht sich ja den Hals bei Euch!

Frau Mullrich führte den Herrn Oberkommissär an ihrer eigenen pechschwarzen Hand durch die pechschwarze Finsterniß der Treppe, die aus dem Keller aufwärts führte, während ein grinsendes Gesicht von einer sich bückenden Gestalt auf der Hausflur in die Wohnung des Vizewirthes fragend niederschaute ...

Mullrich hörte oben den Schreiber Schmelzing dem Herrn Oberkommissär die Honneurs machen.

Beide verschwanden.

Mullrich wollte, als seine Gattin zurückkehrte, nun seufzend und wehklagend in sein Bett zurückkehren und holte nur noch seine Brieftasche aus dem Rocke, um die wichtigen Signalements hineinzulegen.

Die verdammte Tänzerei da in der Fortuna! brummte[1213] er zornig. Alle Welt schreit über Noth und Elend und auf so ein Gartenfest gehen sie und jubeln, als wenn es Tresorscheine geregnet hätte. Leg' mir nur den guten Leibrock heraus! Im Staat soll man auch erscheinen, damit man nicht gleich die Zuchthausschlüssel bei Unsereinem rasseln hört.

Das Elysium ist bankrott, sagte seine Gemahlin tröstend, die Fortuna wird auch nicht lange machen. Wo nur der Hitzreuter wieder das Geld her hat! Das soll ja eine Pracht in der Fortuna sein ... Der Kümmerlein erzählt ja die blauen Wunder davon!

Mullrich schwieg.

Seine Gemahlin war etwas eifersüchtig und hörte ungern, daß es in der Fortuna so wild und zügellos herging, ungern, daß dort Alles von Krystall und Bronze, gemalt und von Gaslicht erleuchtet sein sollte ... Mullrichs lustiger College, Kümmerlein, hatte ihr schon die verfänglichsten Sachen von der Fortuna erzählt.

Mullrich wollte schlafen und antwortete nicht.

Die Gemahlin, die zwar von ihrem Gatten voraussetzte, daß er sehr tugendhaft war, von Kümmerlein aber oft gehört hatte, daß dieser die vielen delikaten Begegnungen seiner sittenbefördernden Praxis zu manchen unerlaubten Abenteuern und Abirrungen auszubeuten wußte, fragte:

Was ist denn Das für eine Frau Schievelbein in der Neustraße?

Während Mullrich nun von einer Vermietherin brummte,[1214] von einer Haussuchung bei einem Maler oder Referendar, von Beschlagnahme von Bildern und ähnlichen ihm gegebenen Winken, schlug seine plötzlich etwas gereizte Ehehälfte Licht an und wollte eben die kleinen Läden der Kellerfenster schließen, als sie auf einen Tritt hinaufsteigend, überrascht äußerte:

Sieh! sieh! Da steht ja wieder der junge Herr von heute Vormittag auf der Straße und lauert. Der paßt auf 86 oder 87. Ich komme dahinter. 87 ist nicht ganz ohne. Das schlägt die Augen nieder und trübt kein Wasser und dem Riekel hab' ich gleich angesehen, daß die Thür zwischen 86 und 87 aufgewesen ist. Wenn ich doch einmal dahinter käme – aber! Du, Mullrich! Du, Mullrich! Schläfst du schon? Schläft der schon! Schnarcht schon wie ein Ratz! Jetzt kann ich nicht hinauf zu ihr ... Schlaf du und noch Einer! Hör'! Wie er sägt! Die Eier machen ihn immer schläfrig. Er soll auch nicht so starkes Bier haben, wie seit ein paar Tagen. In der Fortuna mag ich ihn gar nicht. Bei dem verdammten Hitzreuter gibt's Punsch und Kuchen. Und so traktirt werden die Polizeidiener da, daß ihnen zu Hause nichts mehr schmeckt. Kümmerlein ist verdorben genug ...

Und so fort und fort plauderte Frau Mullrich mit sich selbst, indem sie ihr Dreierlicht ausputzte und sich anschickte, ein paar alte vom Trödel gekaufte Pantoffeln durch hintern Ansatz von Leder wieder in ein paar Schuhe umzuwandeln. Sie setzte für diese einem ihrer Miethsleute bestimmte Arbeit eine Brille auf, nahm ihr Dreierlicht[1215] und stellte es hinter eine Glaskugel, die mit Wasser gefüllt war und an einem Riemen auf einer pyramidenförmigen Erhöhung einer Schusterbank stand. Das Lampenlicht fiel durch diese Kugel rund und klar auf den in einen neuen Schuh zurückzuverwandelnden alten Pantoffel. Dabei richtete sie durch das halb offengelassene Bret der Fensterlade unverwandt auf den draußen wartenden Herrn den Blick. Dieser stand mit einem leichten Spazierstöckchen und schien seine Ungeduld durch ein Liedchen wegzupfeifen, wenn er nicht alle die Menschen musterte, die in der geräuschvollen, menschenüberfüllten Straße an ihm vorübergingen oder in Nr. 9 selbst eintraten. Frau Mullrich achtete schon auf diese letzteren nicht mehr. Erst um 10 Uhr, wenn sie das Haus schloß und die Pfennige bezahlt werden mußten, fing eigentlich ihr großes Controlegeschäft an.

Heute aber fesselte sie doch von den Passanten ein kleines Paar, dem sie, von ihrem Schemel aufspringend, durch das Fensterchen, das zur Hausflur führte, nachrief:

Heda! Line! Willem!

Ein Knabe von zwölf Jahren in einer Blouse und ein kleines Mädchen von etwa acht Jahren wandten sich um und blickten niederwärts zu dem kleinen Schaufenster der gefürchteten Vizewirthin, vor dem man in diesem Hause gern rasch vorüberschlüpfte.

Da steht er ja vor der Thür ... sagte die Alte.

Wer? fragten die Kinder.[1216]

Der Herr, der zu Eurer Louise wollte!

Zu Louisen? fragte Wilhelm und ging etwas nach vorn, um einen solchen Herrn, der zu seiner Schwester Louise wollte, sich erst anzusehen.

Der junge Mann war etwas weiter gegangen und schlenderte in einiger Entfernung auf und ab.

Zu Louisen kommt kein Herr! sagte Wilhelm fast verächtlich zu Frau Mullrich und ging weiter in den Hof.

Linchen! Linchen! rief aber die neugierige Vizewirthin mit verstärkter Stimme und reckte den gelben magern Hals durch das Schaufenster ...

Linchen, wie Mädchen, neugieriger, blieb stehen und folgte nicht so rasch dem Bruder.

Linchen komm' mal her! Kennst du den Herrn nicht? rief die Alte.

Linchen blieb unbeweglich.

Er war wol bei Euerm Fritz? Was? Komm doch, Kindchen!

Linchen sagte immer noch nichts.

Er will wol auch zu Eurem Fritz? Was? Ist denn die Küchenthür bei Euch auf jetzt, die in Fritzens Kammer führt? ...

Linchen war diskret und schwieg, blieb aber doch stehen.

Na, der Herr will wol zu Fritzen. Komm doch ein Bischen näher, Kind! Zeig doch 'mal deinen Korb! Was hast du denn heute schon verdient?

Nun wollte Linchen rasch davonlaufen. Es war dem[1217] kleinen achtjährigen Kinde schon zu oft geschehen, daß die Mullrich ihr den Verdienst an der Thür abgenommen hatte und sich selbst für kleine Schulden aus Nr. 87 bezahlt machte. Die Kleine fürchtete, daß ihr heute dies Schicksal wieder begegnen würde und lief davon.

Bleibst du Range! kreischte aber die Alte jetzt aus dem Fenster, mit voller Kraft ihrer hektischen Lungen. Ihr lag daran, Bartusch etwas über Fritz Hackert berichten zu können. Bleibst du! Willst du her? Soll ich –

Dies Soll ich? – begleitete ein rascher Griff nach ihren eigenen Pantoffeln, von denen der des linken Fußes schon drohend zum Schaufenster hinauslangte.

Linchen war wie vor Todesschreck im Hofe still gestanden und wandte sich halb neugierig, halb ängstlich um, als sie die Worte aus der Alten Munde ihr nachgekreischt hörte:

Willst du her! Hier sind ja zwei Groschen für den alten Mann. Da! zwei Groschen! Nimm!

Zwei Groschen für den alten Mann? Das waren freilich verlockende Worte für das Kind.

Linchen kam etwas näher.

Komm, Linchen! Komm! Bist ja so hübsch gekämmt! Macht dir Louischen die Locken? Komm, Hinkelchen. Der alte Mann hat zwei Groschen zu Gute für die Uhr, die er mir gestern ausgeblasen hat. Da!

Linchen kam nun näher und hielt die Hand hin.

Während die Alte unter ihre Schürze griff, an der sie eine Geldtasche befestigt hatte und mit dem Gelde klapperte,[1218] sprach sie auf dem Tritt, der zu dem Fensterchen führte und zu der Hausflur hinaus:

Großväterchen hat mir die Uhr ausgeblasen – zwei Groschen – warte nur, ich suche sie eben – Sag' einmal, kennst du den Herrn draußen?

Das Kind sah auf die Straße und schüttelte den Kopf.

Zwei Groschen, fuhr die Alte immer suchend fort; er hat die Uhr schlagen lassen, sie blieb immer stehen – sag's mir, es ist Louischens neuer Liebhaber? Was? Der ist schön! Nicht wahr, der rothe Fritze gibt ihm wol den Hausschlüssel von Schmelzing ... Was?

Das Kind langte nach den zwei Groschen und antwortete nichts.

Ja, ja, die Uhr – sie ist ein Familienstück; aber im Keller ist's zu feucht, sagte der Alte mit dem Zopf ... Wo war denn Fritze dieser Tage? Vier Tage nicht zu Hause gewesen ... Klettert er denn noch manchmal bei Nacht? Was?

Linchen Eisold blieb diskret ...

Ich schenke dir zwei Pfennige, Linchen, wenn du mir sagst, wer der Herr ist ...

O Armuth! Was ist dein Loos! Zwei Pfennige! Wer widerstünde da und thäte, was nicht gerade Unrecht scheint!

Ich kenn' ihn ja nicht, Frau Mullrichen! sagte das Kind nun beredtsam mit einem durch zwei Pfennige geöffneten Munde. Aber als ich heute das Essen für Karl'n holte,[1219] sagte mir Riekchen, es wäre bei Fritzen ein schöner Herr zwei Stunden gewesen und er hätte auch unsere Louise gesehen und am Abend wollt' er wieder kommen, um uns Alle zu besuchen und noch einen andern schönen, jungen Herrn mitbringen. Wie ich's Karl'n sagte, war der recht neugierig und meinte, er hält Nichts von den Herren, die der Fritz Hackert kennt.

Sieh 'mal an! Sagt' er Das? He? Höre Linchen! Wenn der Herr zu Euch kommt und ... Der andere auch; erzählst mir doch morgen, was sie gesprochen haben. Willst du?

Da schwieg nun Linchen wieder.

Ich wollte dir ja zwei Groschen für den Großvater geben! ...

Und zwei Pfennige! sagte das Kind, das seinen Vortheil festhielt.

Und zwei Pfennige – Willst du mir morgen Alles sagen, was die Herren oben angegeben haben?

Linchen schwieg.

Noch einen Pfennig geb' ich dir, Linchen! Was? Willst du?

Linchen lachte nun ... aber sie schüttelte doch den Kopf, daß die Alte ungebehrdig wurde und schrie:

Wetter! Range! Mach, daß du fortkommst! Was hältst du mich hier auf?

Mit diesen zornigen Worten schlug die Alte das Fenster zu, hörte mit dem Geldklappern auf und stieg den Tritt hinab an ihren Schusterplatz.[1220]

Linchen, die sich gefreut hatte, außer ihrem heutigen Verdienst, ihrem Großvater noch zwei Groschen zu bringen, blieb traurig stehen.

Was willst du? schrie die Alte, die jetzt für Bartusch's späten Abendbesuch schon Klatschgift genug hatte und sah wieder hinaus.

Linchen zögerte noch immer ...

Willst du nun gehen! rief Frau Mullrich und sprang zum Schustersitze, um einen in der Arbeit begriffenen Pantoffel zu holen ...

Was ist denn? Was soll's denn? sagte in diesem kritischen Augenblicke eine energische Stimme auf der Hausflur. Sind wir Ihnen etwas schuldig?

Nein bewahre, Musje Eisold! antwortete die Alte demüthig und schlug rasch das schon geöffnete Fenster zu. Bitte! Bitte!

Frau Mullrich hatte große Furcht vor dem jungen stämmigen Manne von kaum funfzehn Jahren, der seine Schwester an der Hand faßte und mit ihr in die hintern Höfe ging.

Es war dies der junge Maschinenarbeiter Karl Eisold, der älteste Bruder der mehrerwähnten Louise Eisold, ein hübscher, frischer, aber von seiner schweren Arbeit etwas ermüdeter junger Mann.

Frau Mullrich hatte doch einige gute Thatsachen erfahren und war in der größten Spannung, als in der That zu dem Herrn auf der Straße sich ein zweiter gesellte, diesem herzlichst, ja überschwänglich die Hand schüttelte und[1221] ihn dann in die Hausflur zog. Ein rasselnder Wagen schien sie zu bestimmen, in dies Obdach zu treten.

Als Frau Mullrich nun gar merkte, daß unter der Hausflur diese schönen, jungen Herren laut zu sprechen anfingen, blies sie rasch ihr Licht hinter der Wasserkugel aus, schlich auf den Fenstertritt und lauschte geduckt, was diese mit Nr. 86 und 87 verkehrenden Menschen da im Dunkeln nun besprechen würden.[1222]

Quelle:
Karl Ferdinand Gutzkow: Die Ritter vom Geiste. [Band 1–3], Frankfurt a.M. 1998, S. 1209-1223.
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