Achtes Capitel
Das Geheimniß der drei Kugeln

[549] Lasally, Herr von Reichmeyer, der unvermeidliche Guido Stromer, Lasally's Schwester und Madame Pfannenstiel traten hinter dem Gebüsch hervor und wollten, wie sie Melanie und den Fremden allein erblickten, umkehren, als fürchteten sie lästig zu fallen. Sie hatten von ihrer Unterhaltung nichts gehört, wol aber, nach ihrer Rückkehr von einer Spazierfahrt und im Dorfe sich vereinigend, das schöne Paar im Auge behalten und beim Lustwandeln im Garten, der auch von unten her dem Kundigen zugänglich war, so gethan, als würden sie Denen nur zufällig begegnen, die, wie sie wol sahen, ungestört zu sein wünschten ....

Man that nun, als wollte man sich gegenseitig nicht hindern, und verwickelte sich gerade deshalb absichtlich in ein lästiges Gespräch. Um ja nichts zu sprechen, sprach man. Die Gegend, das Wetter, zuletzt sogar die Zeit und ihre Verwirrung mußte den Stoff hergeben, Reden zu wechseln, bei denen man die Absicht, sich nur zu schrauben und auszuhorchen, schlecht verdeckte .... Wer war dieser Fremde? Es peinigte Alle.[549]

Lasally schien in eigenthümlicher Unruhe. Er hielt sich für einen der bevorzugtesten Verehrer Melanie's der sich Hoffnung machen durfte, sie immerhin nach mancherlei flatterhaften Abirrungen zuletzt doch wol noch zu gewinnen. Die Gelegenheit, seine Schwester hierher zu begleiten, unterstützte seine Bewerbung. Auch Reichmeyer wünschte, um Eugen's Finanzen geordnet zu sehen, glücklichen Erfolg .... Lasally schien es Ehrenpflicht, sich jetzt an Melanie zu halten. Er störte absichtlich.

Dazu noch die geldstolze Einfalt der Pfannenstiel und das unruhige Geisthaschen des Pfarrers, dem durch Melanie offenbar eine Verzauberung gekommen war, die ihn aus seinem bisherigen Murmelthierschlafe zu einem nochmaligen Lebensversuche – Beides Ausdrücke von ihm selbst – wecken sollte ...

Melanie, aufgeregt durch das Band des Geheimnisses, das sich eben mit dem bedeutendsten Manne, der ihr je begegnet war, knüpfen wollte, litt entsetzlich unter der Pein dieser Störung. Diese Fragen, die da aufgestellt wurden, wie lästig waren sie nicht! Melanie wurde vor Zorn sogar boshaft, gab schnippische Abfertigungen, hatte aber das Unglück, dadurch die Eitelkeit umsomehr anzustacheln. Froh war sie, als Dankmar wenigstens eine dieser kichernd Zudringlichen mit der Bemerkung abtrumpfte und entfernte, daß er bei dem Namen Pfannenstiel aufhorchte und an den Wächter des Thurms und den Amtsboten gleiches Namens erinnerte. Die Tochter des[550] frühern, Schwester des jetzigen Wirths vom Gelben Hirsch gestand diese Verwandtschaft mit Erröthen ein, sammelte sich aber doch zu einer Antwort, die Dankmarn ein äußeres Interesse an dieser Frau einflößte, was sie schwerlich ahnte ...

Ich besuche meinen Schwager selten, sagte sie, weil er mich an ein Unglück meiner Familie erinnert.

Sie meinen die unglückliche Katastrophe jenes Brandes, sagte Dankmar, bei welchem er vor vielen Jahren den Gebrauch seiner rechten Hand verlor?

Welch ein Brand? fragte sogleich die Gesellschaft.

Auf dem Gelben Hirsch, erzählte der Pfarrer, der nicht gern lange schwieg, brach aus Ursachen, die noch bisjetzt unentdeckt geblieben sind, vor Jahren ein Feuer aus, bei welchem ein junges blühendes Mädchen, die Braut unsers gegenwärtigen Försters, den Tod in den Flammen fand ....

Es war Dies meine Schwester! sagte die Frau des Wirthschaftsraths.

Dankmar besaß nicht seines Bruders Siegbert Weichherzigkeit. Dennoch entging ihm nichts, was nur irgend einer gefühligen Stimmung ähnlich sah. Er bereute in seinem Herzenstakte jetzt die Erwähnung so trauriger Erinnerungen und würde es ganz in der Ordnung gefunden haben, wenn die inzwischen so wohlhabend gewordene »Hirschentochter« sich verstimmt gefühlt und entfernt hätte. Die blieb aber und fand sich gar nicht wenig geschmeichelt, plötzlich der Mittelpunkt eines gewissen[551] Interesses geworden zu sein. Sie erzählte mit der größten Umständlichkeit alle einzelnen Vorkommnisse jenes Brandes, die herrlichen Eigenschaften ihrer ältern unglücklichen Schwester, die Aufopferung der Männer bei der schrecklichen Gefahr, die Verzweiflung des Försters, der mit den Frauen kein Glück haben sollte, denn drei Jahre später wär' ihm eine neue Verlobte im Gebirge von dem jähen Felsrande eines Waldbaches gestürzt und hätte zerschmettert ihren Tod unter den Steinen im fast leeren Flußbette gefunden. Das wäre die Tochter des Sägemüllers oben in der Ullaschlucht, ein Mädchen von zwanzig Jahren gewesen. Sie hätte gerade hier nach Plessen in die Kirche gehen wollen, wo sie zum ersten mal aufgeboten wurde ....

Ich entsinne mich sehr wohl, sagte Guido Stromer, es war ein rührender Anblick! Das schöne sonntäglich geputzte Mädchen hatte sich vielleicht verspätet und hörte schon die Glocken rufen, die den Beginn ihres Ehrentages einläuteten. So nahm sie einen kürzern Weg, hüpfte das Ufer des Waldbaches entlang von Stein zu Stein, Vorsprung zu Vorsprung, bis sie fehltrat, ausglitt, sich nicht halten konnte und in der einen Hand ein gesticktes Taschentuch, in der andern ihr Gesangbuch festhaltend, zerschmettert in der Tiefe lag. Das letzte Bewußtsein schwand in dem doch noch ziemlich rauschenden Wasser. Noch im Tode hielt sie ihr Taschentuch und das Gesangbuch krampfhaft fest. Am Ausgange des Waldes stand der geschmückte, stattliche Jäger, harrte[552] und harrte, der Gottesdienst begann, man schickt in die Sägemühle und erst am Abend entdeckten Kohlenbrenner das geschehene Unglück. Die Fürstin, voll Theilnahme und sinnig wie immer, ließ oben an der Stelle, wo der Sturz begonnen haben mußte, ein einfaches Kreuz mit Erwähnung Dessen errichten, was hier so leidvoll und wie ein schwermüthiges Idyll geschehen war ....

Dankmar's ernstes Nachdenken über die Erzählungen nahm die leidenschaftlich aufgeregte Melanie für eine Erinnerung aus seiner Jugend. Sie hörte Dem, was Alle erschütterte, kaum zu und erwachte erst aus ihrem Träumen und dem trunkenen Einathmen der sie so tief anregenden Erscheinung dieses jungen Mannes, als sie einen Namen nennen hörte, den sie jetzt nicht erwartet hätte. Lasally war nämlich boshaft genug, Melanie grade in dem Augenblick, wo seine Hoffnungen wieder entrückt zu werden schienen in eine ungewissere Zukunft, in dem Augenblick, wo ein unbekannter und ihm nur äußerlich bedeutend erscheinender junger Mann Melanie so mächtig fesseln konnte, sie mit Erinnerungen zu quälen, die ihr schmerzlicher waren, als der Wirthschaftsräthin die an ihren Schwager und ihre unglückliche Schwester. Lasally wollte sie hinabschleudern in das beschämende Gefühl der Abhängigkeit von männlicher Großmuth und so sagte er nach einer Pause, die jene Mittheilung halb vergessener und verschmerzter Unglücksfälle ablöste:[553]

Irr' ich nicht, mein Herr, so sah ich Sie gestern im Walde mit einem Kutscher, in dessen Hände Sie wol nur durch einen unglücklichen Zufall können gerathen sein. Es war ein magerer blasser Mensch mit röthlichem Haar. Als er uns anreiten sah, entsprang er plötzlich. Ich glaube Ursache zu haben, in ihm einen gewissen Hackert zu vermuthen, der erst Schreiber bei des Fräuleins Vater war und nach und nach eine Reihe der verschmitztesten Bosheiten ausgeführt hat, die ihn wol bestimmen konnten, vor uns, die wir ihn sehr gut kennen, die Flucht zu ergreifen ....

Melanie schoß auf Lasally einen vernichtenden Blick, der Dankmarn befremdete. Jetzt begriff er fast, warum Hackert ihn gebeten hatte, ihn hier nicht in der Eigenschaft eines Dieners aufzuführen und so groß war seine Antipathie gegen den kalten Ton der eben gehörten Bemerkung, daß er, trotz des Verdachtes, den ihm die im Walde von Heunisch gefundenen Kugeln einflößten, Hackert in diesem Augenblick zu seinem besten Freunde, ja zu einem Baron und Seigneur hätte machen mögen ...

Sie irren! sagte er, eingedenk des kalligraphischen Hackert'schen Zettels. Ich führte mein kleines Fuhrwerk selbst. Die beiden Gefährten waren ein Handwerker, dessen Fußwanderung mir leid that, den ich aufnahm und vorhin im Thurm leider unter zweideutigen Inzichten wiedergefunden habe; der Andere, auf den Ihre Beschreibung paßt, ist ein junger Mann, den ich im Heidekrug[554] fand, gerade im Begriff, hierher nach Hohenberg zu reisen in Zwecken, die ich nicht kenne. Ich vermuthe, es ist ein Jagdliebhaber.

Herr von Reichmeyer lachte laut auf und Lasally sagte etwas maliciös:

Er verließ Ihren Wagen, angezogen wahrscheinlich von einem Wilde, das er zwischen den Schatten der Bäume entdeckt zu haben glaubte.

War er bewaffnet? fragte Frau von Reichmeyer sehr besorgt.

Du hörst ja, liebe Schwester, sagte Lasally, er war diesmal ein Jäger ohne Flinte. Er sprang vom Wagen, aus freier Hand einen Hasen zu schießen ....

Dankmar, der nicht begreifen konnte, wie man dazu kam, ihn über Hackert so scharf und beleidigend ins Verhör zu nehmen, fixirte Lasally mit unwilligem, zornfunkelndem Blick.

Melanie, die zwischen diesen Männern eine Scene fürchtete, trat dazwischen und wollte den Streit scherzhaft wenden, indem sie sagte:

Ich bitte! Ich glaube, wir vergaßen die Herren bekannt zu machen ... Herr Lasally! Herr Wildungen!

Dankmar, der fühlte, daß er bei seiner Aussage bleiben mußte, wandte sich unmuthig ab und sagte:

Herr Lasally! Warum soll ich von dem jungen Mann nicht annehmen, daß er die Jagd liebt? Er war vielleicht doch bewaffnet. Hier sind noch drei Kugeln, die Herr Hackert im Wagen zurückließ. Wollen Sie sie ihm[555] zurückerstatten? Ich bedauere, ihn nicht wiedergesehen zu haben ....

Als Dankmar die Kugeln vorzeigte, erschrak er über die mächtige Wirkung dieser Mittheilung.

Lasally, der sich erhitzt hatte, erblaßte. Der Commerzienrath griff nach dem Blei und rief entsetzt:

Es sind dieselben!

Frau von Reichmeyer hielt sich halb ohnmächtig an dem Pfarrer, der wie Dankmar und die Wirthschaftsräthin von Alledem nichts begriff und Melanie, todtenblaß, biß die Zähne zusammen, indem sie Lasally mit halb erstickter Stimme zurief:

Es ist empörend!

Daß man Hackerten in diesem Kreise haßte und fürchtete, war Dankmarn nun gewiß, wenn er auch die Gründe dafür nicht begreifen konnte und sich im Gegentheil sagen mußte, daß Schlurck auf dem Heidekrug sich gegen den Nachtwandler äußerst liebevoll benommen hatte.

Lasally war doch nicht der Mann, sich vor einer Kugel zu fürchten, selbst wenn man annehmen wollte, daß Hackert ihm eine zugedacht hätte? Dankmar wußte zu gut, daß der Unbewaffnete eher feig als unternehmend war. Und doch dieser Schreck vor den drei Kugeln? Selbst Melanie, die von Ungeduld und Verzweiflung über die lästigen Intermezzi gefolterte Melanie, schien diese Furcht zu theilen. Was war es mit den drei Kugeln?

Noch räthselhafter wurde Dankmarn das Geheimniß, als Lasally einen in der Nähe befindlichen Jockey, der zu[556] seinen mitgebrachten Leuten gehörte, anrief und ihn fragte:

Ist den Pferden nichts? Was lauft Ihr da herum? Warum nicht im Stall? Was hab' ich Euch gestern Nachmittag eingeschärft?

Der Reitknecht gab jede nur wünschenswerthe gute Auskunft über die vier schönen Reitpferde, die Lasally von der Residenz mitgeführt hatte.

Herr von Reichmeyer fragte, ob sie Hackert's nicht ansichtig geworden wären?

Die Antwort lautete, daß man ihn allerdings dann und wann am Schlosse hätte umherschleichen, auch mit dem Kammermädchen des Fräuleins, Jeannette, sprechen sehen, doch wären sie Alle auf der Hut, ihn bei erster Annäherung niederzuwerfen. Die Pferde wären im sichersten Gewahrsam ....

Die Kugeln beweisen seine schlimme Absicht. Es sind dieselben wie früher, sagte Reichmeyer.

Warum denn dieselben? Warum denn? rief Melanie. Ich beschwör' Euch, laßt diese Unwürdigkeiten.

Mein Herr! sagte Lasally jetzt zu Dankmarn im entschiedenen aber sehr höflichen, fast versöhnten Tone; mein Herr, ich ehre die gute Meinung, die Sie von einem der abgefeimtesten Bösewichter haben. Sie kennen ihn eben nicht. Würden Sie die Gefälligkeit haben, mir diese drei Kugeln zu lassen?

Dankmar gerieth nun in Verlegenheit. Er hatte das Eigenthum an diesen Kugeln auf nur völlig äußere Anzeichen[557] hin – ja er mußte sagen nur auf die Vision der Ursula Marzahn unter dem Ebereschenbaume – Hackerten zugeschrieben und nun begründete sich auf diese willkürliche, wenn auch sehr wahrscheinliche Annahme eine förmliche Anklage ...

Er lehnte nun die Herausgabe der Kugeln ab und streckte die Hand, sie wieder an sich zu nehmen. Er bat darum.

Lasally aber verweigerte sie aufs entschiedenste und sagte kategorisch:

Haben Sie keine Sorge für Ihren Schützling, mein Herr! Er ist zu feig, von diesen Kugeln einen offenen und ehrlichen Gebrauch zu machen. Wissen Sie aber, wozu diese Kugeln dienen sollten? Ich will es Ihnen sagen. Zum teuflischsten Morde an armen, edlen, unschuldigen Thieren! Wissen Sie, daß ich in einer Nacht drei meiner schönsten Pferde – ich bin der Stallmeister Lasally – habe müssen niederschießen lassen, weil sie toll wurden, toll durch eine Ursache, die wir nicht entdecken konnten?

Lasally zitterte. Seine Schwester bat ihn, sich zu beruhigen. Melanie wandte sich ab. Die Übrigen hörten gespannt zu, Dankmar mit einer Theilnahme, die ihn seine eigenen Angelegenheiten und die des Gefangenen im Thurme für einen Augenblick fast vergessen ließ.

Auf einer Partie in den am Wasser gelegenen Fichtenwald, begann Lasally, – Sie werden ihn aus der Residenz kennen – auf dieser Partie, wo eine Gesellschaft von Damen und Herren im sogenannten Jagdhause von den[558] elegantesten, preiswürdigsten Pferden stieg, um eine Stunde im obern Stock zu frühstücken, vernachlässigten meine Leute die Aufsicht auf die draußen festgebundenen Pferde. Wir kommen nach einer Stunde herab, wir wollen aufsteigen und finden drei meiner Thiere in der sonderbarsten Aufregung. Sie schleudern mit dem Kopf, schnauben mit den Nüstern, schlagen wild aus und Niemand wagt, sie zu besteigen. Wir erkundigen uns, was geschehen ist. Niemand weiß eine Auskunft. Wir glauben, die Thiere scheuen vor irgend einem uns selbst fremden Gegenstande. Wir binden sie los und machen das Übel ärger. Zorn erst über die Thiere, dann über meine Leute ergreift mich. Niemand weiß, was den Pferden geschehen ist. Ich besteige endlich mein liebstes Roß, um es zu bändigen. Es wirft mich fast ab, rennt wie rasend davon und wirft sich der Länge nach in den Weg mit dem Kopf gegen eine Eiche bohrend. Die Gefahr für uns selbst, bei dem Ausschlagen und wilden Toben, wuchs. An ein Besteigen war nicht mehr zu denken. Meine Leute unternahmen, um das Versehen zu büßen, die schwere Aufgabe, die drei Thiere in die Stadt zu geleiten, während die nun plötzlich Unberittenen auf einem in der Nähe gemietheten Leiterwagen bis zu dem Stadthore zurückfuhren. Schon unterwegs brach sich mein Renner beide Schenkel und blieb für todt liegen. Mit genauer Noth kamen die beiden übrigen, auf den Straßen wie rasenden und tobenden und von einem Volkshaufen verfolgten Thiere in den Stall. Die Knechte haben Lebensgefahr überstanden. Dort, wo wir nun Ruhe[559] hofften, begann von neuem erst der Schrecken. Die Thiere schlugen über die Stangen, die sie trennten, rissen sich von der Kette los und verwundeten sich in wilder Wuth so heftig, daß ich die Heilung aufgeben mußte, selbst von Zorn übermannt, ein Doppelpistol ergriff und mit einer Ladung in blinder Wuth sie niederschoß. Bei der Obduction entdeckte der Veterinärarzt in den Ohren jedes dieser Thiere eine kleine Kugel, die, hinuntergeglitten bis ans Hirn, sie rasend gemacht hatte. Mein erster Gedanke, wer diese teuflische That vollbracht haben konnte, war aus Gründen, die Sie nicht wissen können, Hackert. Und nun urtheilen Sie, ob diese drei Spitzkugeln, die, wie Sie sagen, diesem uns hierher nachgeschlichenen, Böses im Schilde führenden Menschen gehören und völlig jenen andern ähnlich sind, mich nicht mit Schaudern erfüllen sollen und bestimmen müssen, meine Thiere zu hüten, zugleich aber auch diese Kugeln als gerichtliches Zeugniß in Verwahrsam zu nehmen?

Lasally schwieg, noch zitternd. Er konnte gewiß sein, auch Dankmarn erschüttert zu haben.

Dankmar war erblaßt. War es das Entsetzen von einer an den armen edlen Thieren begangenen so ruchlosen Frevelthat, war es die wie ein lähmender Schlag ihn treffende Vorstellung, daß er noch vor zwei Tagen ein Roß aus desselben ihm hier begegnenden Mannes Marstall Hackerten zur Obhut übergeben hatte, – er mußte sich an einer ihm grade nahestehenden Marmorvase halten, um nicht seine Empfindungen zu sehr zu verrathen ....[560]

Entsetzlich! sprach er dumpf vor sich hin. Dann aber doch aufgeschreckt von einem Unrecht, das er Hackerten thun könnte, indem er doch nur seiner Vermuthung folgend diese Kugeln als wirklich von ihm herrührend bezeichnet hatte, fragte er:

Sind Sie aber auch ganz gewiß, daß gerade Hackert Ursache haben kann, sich auf eine so nichtswürdige empörende Art an Ihrem Eigenthum zu rächen?

Als Lasally diese Frage belächelte und die beiden Reichmeyers den uns bekannten Vorfall der Züchtigung andeutend, diese Ursache verkleinern und geringfügig darstellen wollten, rief Melanie mit glühender Entrüstung, sich stolz erhebend und aufrichtend wie eine Königin, ein stolzes, wie Glocken tönendes:

Ja! Er hatte sie!

Alles blickte auf Melanie und war von dem Ausdruck ihrer Mienen, die einen nie an ihr gekannten hoheitsvollen Ernst verriethen, so staunend ergriffen, daß unwillkürlich eine feierliche Pause eintrat.

Als Niemand etwas erwiderte, sagte sie, den gespannten Ton fallen lassend und mit gemildertem Ausdruck, fast scherzend:

Und jetzt wünsch' ich, ja befehl' ich: Genug hiervon![561]

Quelle:
Karl Ferdinand Gutzkow: Die Ritter vom Geiste. [Band 1–3], Frankfurt a.M. 1998, S. 549-562.
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