Alexanders Rede an seine Soldaten

bei Issus

[8] Erhaben glänzend sieht, und wie ein Gott

Auf seine Scharen Alexander hin,

Wo jeder Spieß dem weit zerstreuten Feind

Vereint durch gleichen Mut die Flucht empfiehlt.

Sein scharfer Heldenblick belebt das Heer,

Das jede drohende Gefahr vergißt.

Sein rasches Pferd, das Siegesfreude schnaubt,

Trägt ihn durch ihre Glieder; dann spricht er:

Ihr Mazedonier, ihr deren Mut

Athen einst, das an Tapferkeit euch glich,

Unwissend schwacher Flucht, bezwang:

O tapfre Krieger, die ihr Philipps Thron

Befestigtet, um auch mir treu zu sein!

Es hob sich euer Schwert, ihr wart nicht mehr

Mit dichten Mauren, voll von Tod, umringt.

Erst fiel Böotien; die stärkste Stadt

Daraus (stark war der Mauren Wehr)

Auch sie fiel gänzlich unter euren Fuß. –

Und, Krieger, wie begierig waret ihr,

Weit von dem Hellespont im Orient

Euch Siege zu bereiten; mutig flog

Die Zierde meines Reichs mir zu, um treu

Kein Schwert des Kriegs, und nicht Gefahr zu scheun.

Und nun, ihr tapfre Mazedonier,

Hier ist der Sieg, hier eures Muts Triumph –

Der Sieg, der schon aus euren Augen blickt,[9]

Wird des Tyrannen hartes Sklavenjoch,

Womit er all dies Volk despotisch plagt,

Zerreißen, und ihr, Freunde, werdet sein

Und jedes Name wie einst Herkules.

Seht, wie ein jedes Volk euch Sieger nennt,

Wie es gehorsam euern Arm verehrt,

Der keine Fesseln braucht; ein jeder dient

Euch willig. – Kinder, glaubts, kein Thrazien,

Kein steinigtes Illyrien wirds sein,

Nein! Baktra, und das schöne Indien,

Des Ganges Fluren sind der Sieger Sitz:

Da ist der Lohn der Sieger Überfluß.

O! Helden! seht, wie euer schöner Sieg,

Wie er zu glänzen angefangen hat:

Seht, euer Rücken, nie von Flucht befleckt,

Hat lauter Ruhmstrophäen hinter sich.

Und du, mutvolle Schar von Griechenland,

Du wirst zu deinen Füßen ausgestreckt

Die Schößlinge von Xerxes Übermut

Und all die grausame Verwüster sehn.

Dein Vaterland, dein Wohnsitz – war er dein?

Wem war die Quelle deines Wanderers,

Wem deine Saat? – war sie des Schweißes Lohn,

Den ihrer Mutter Bau dich kostete? –

Sie sinds, durch ihre Menge fiel dein Volk;

Der Götter Hallen, welche du verehrst,

Und deren Heiligkeit nur sonst der Raub

Zum Schauer anderer antastete,

Die lagen da, verheert, von Blut bespritzt,

Und von der Asche deiner Stadt bedeckt.

Ihr, Söhne Thraziens, ihr deren Hand

Nur tapfre Waffen eures Sieges kennt,[10]

Seht, wie der Feind von Gold belastet ist,

Euch, Brüder, ziert es besser, denens nicht

Die Weichlichkeit als Sklaven geben wird,

Euch mahnts an euern Mut, an euren Sieg.

Geht, raubt den Memmen ihre Last, ihr Gold,

Bewohnt, statt eurer nackten Hügel Eis

Und alt bemooste Felsen, eures Feinds

Vergnügenvoller Fluren Fruchtbarkeit.

Quelle:
Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 1, Stuttgart 1946, S. 8-11.
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