Wie wenn am Feiertage ...

[122] Wie wenn am Feiertage, das Feld zu sehn,

Ein Landmann geht, des Morgens, wenn

Aus heißer Nacht die kühlenden Blitze fielen

Die ganze Zeit und fern noch tönet der Donner,

In sein Gestade wieder tritt der Strom,

Und frisch der Boden grünt

Und von des Himmels erfreuendem Regen

Der Weinstock trauft und glänzend

In stiller Sonne stehn die Bäume des Haines:


So stehn sie unter günstiger Witterung,

Sie, die kein Meister allein, die wunderbar

Allgegenwärtig erzieht in leichtem Umfangen

Die mächtige, die göttlichschöne Natur.

Drum wenn zu schlafen sie scheint zu Zeiten des Jahrs

Am Himmel oder unter den Pflanzen oder den Völkern,

So trauert der Dichter Angesicht auch,

Sie scheinen allein zu sein, doch ahnen sie immer.

Denn ahnend ruhet sie selbst auch.


Jetzt aber tagts! Ich harrt und sah es kommen,

Und was ich sah, das Heilige sei mein Wort.

Denn sie, sie selbst, die älter denn die Zeiten

Und über die Götter des Abends und Orients ist,

Die Natur ist jetzt mit Waffenklang erwacht,

Und hoch vom Aether bis zum Abgrund nieder

Nach festem Gesetze, wie einst, aus heiligem Chaos gezeugt,[122]

Fühlt neu die Begeisterung sich,

Die Allerschaffende, wieder.


Und wie im Aug ein Feuer dem Manne glänzt,

Wenn hohes er entwarf, so ist

Von neuem an den Zeichen, den Taten der Welt jetzt

Ein Feuer angezündet in Seelen der Dichter.

Und was zuvor geschah, doch kaum gefühlt,

Ist offenbar erst jetzt,

Und die uns lächelnd den Acker gebauet,

In Knechtsgestalt, sie sind erkannt,

Die Allebendigen, die Kräfte der Götter.


Erfrägst du sie? im Liede wehet ihr Geist,

Wenn es der Sonne des Tags und warmer Erd

Entwächst, und Wettern, die in der Luft, und andern,

Die vorbereiteter in Tiefen der Zeit,

Und deutungsvoller, und vernehmlicher uns

Hinwandeln zwischen Himmel und Erd und unter den Völkern.

Des gemeinsamen Geistes Gedanken sind,

Still endend, in der Seele des Dichters,


Daß schnellbetroffen sie, Unendlichem

Bekannt seit langer Zeit, von Erinnerung

Erbebt, und ihr, von heilgem Strahl entzündet,

Die Frucht in Liebe geboren, der Götter und Menschen Werk,

Der Gesang, damit er beiden zeuge, glückt.

So fiel, wie Dichter sagen, da sie sichtbar

Den Gott zu sehen begehrte, sein Blitz auf Semeles Haus

Und die göttlichgetroffne gebar,

Die Frucht des Gewitters, den heiligen Bacchus.
[123]

Und daher trinken himmlisches Feuer jetzt

Die Erdensöhne ohne Gefahr.

Doch uns gebührt es, unter Gottes Gewittern,

Ihr Dichter! mit entblößtem Haupte zu stehen,

Des Vaters Strahl, ihn selbst, mit eigner Hand

Zu fassen und dem Volk ins Lied

Gehüllt die himmlische Gabe zu reichen.

Denn sind nur reinen Herzens,

Wie Kinder, wir, sind schuldlos unsere Hände,


Des Vaters Strahl, der reine, versengt es nicht

Und tieferschüttert, die Leiden des Stärkeren

Mitleidend, bleibt in den hochherstürzenden Stürmen

Des Gottes, wenn er nahet, das Herz doch fest.

Doch weh mir! wenn von


Weh mir!


Und sag ich gleich,


Ich sei genaht, die Himmlischen zu schauen,

Sie selbst, sie werfen mich tief unter die Lebenden,

Den falschen Priester, ins Dunkel, daß ich

Das warnende Lied den Gelehrigen singe.

Dort

Quelle:
Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. 6 Bände, Band 2, Stuttgart 1953, S. 122-124.
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