Eilfter Auftritt.

[152] Das Theater stellet einen Wald vor mitten in selben ein Wasser, an dessen Gestatt auf einer Seite ein großer, auf der andern Seite ein kleiner Felsen ist, es stehn auch einige Bäume an dem Gestatt zu Ende des Wassers sieht man einen Berg, und oben an dem Firmament die Sonne.

Leander zwey Pistollen unter dem Rock tragend, und Hanswurst geht ihm betrübt, und verwunderend nach.


HANSWURST. Sagen sie mir nur doch, wo sie noch hingehen werden, und was sie denn in Willens haben?

LEANDER. Jetzt geh ich nicht mehr weiter, ich bin bereits an dem Ort, wo ich habe seyn wollen, was ich aber willens bin, das wirst du gleich erfahren sag mir, hast du deinen Herrn recht lieb?

HANSWURST. Ich glaub nicht, daß sie Ursach haben werden daran zu zweifeln.

LEANDER. Theilest du sowohl Glück als Unglück mit deinem Herrn?

HANSWURST. Natürlich! das Glück theil ich gar gern mit jedem.

LEANDER. Bist du bereit deinem Herrn im Leben in allem gehorsam zu seyn?

HANSWURST. Ja mit tausend Freuden, ja!

LEANDER. Bist du auch bereit mir in dem Tod nachzufolgen?

HANSWURST. Wie?

LEANDER. Ob du auch bereit bist deinem Herrn in den Tod nachzufolgen?

HANSWURST ganz langsam. Ja – ja –

LEANDER legt die Pistolen auf die Erd. Wohl! so lasse itzt eine Probe davon sehen. Allo! zieh dich aus!

HANSWURST. Warum? mir ist nicht warm.

LEANDER. Zieh dich nur aus, du wirst es schon sehen, warum du dich aus ziehen sollst; sieh, ich zieh mich auch aus. Er ziehet sich aus.[152]

HANSWURST vor sich. Was soll das werden? Er ziehet sich auch aus.


Leander legt des Hanswurst Röckel auf eine, und sein Kleid auf die andere Seite des Theaters, stellt den Hanswurst zu seinem Gewand, und giebt ihm eine Pistole in die Hand, Hanswurst macht dabey seine Lazzi, sodann stelt er sich zu seinem Kleid, und nihmt gleichfalls eine Pistole in die Hand.


HANSWURST zu Leander. Was soll das werden, wollen wir Vögel schiessen?

LEANDER. Nein! uns wollen wir erschiessen.

HANSWURST legt die Pistole weg, und will sich wieder anziehen. Nein, das laß ich gewiß bleiben.

LEANDER. Halt! zaghafter oder ich schieß dich über Hauffen, heist dieses seinen Herrn lieb gehabt, heist dieses treue Dienste geleist, du willst dich weigern mit deinem Herrn ein gleiches Schicksal zu ertragen, pfuy schäm dich, Bärnheiter!

HANSWURST. Sie werden ja nicht prätendiren, daß ich aus Lieb zu ihnen mich erschienen soll, das ist kein Bedienter schuldig, aber wann ich glaubt hätt, daß das der Ausgang von meinem Dienst wär, so hätt ich darauf angeschlagen, und hätte mehr Besoldung begehrt, und sagen sie mir nur, warum sie sich erschienen wollen?

LEANDER. Fragst du noch? weist du nicht was ich mir in dem Haus des Odoardo, vorgenommen habe, meine Worte sind unveränderlich, und da ich die Angela nicht besitzen kann, so will ich durch einen geschwinden Tod, meiner Quaal ein Ende machen.

HANSWURST. Wegen einem Weibsbild soll ich mich erschienen? das wär die gröste Narrheit, die ich begehen könnt; der alte Odoardo hat mir auch die Colombina abgeschlagen, aber deswegen könts mir nicht traumen, daß ich mich umbringen solt, ich will dem Alten zum Verdruß leben, und wir können ja unsre Liebste gleichwohl noch bekommen.

LEANDER. Nein, das ist nicht möglich! ich kenne den Eigensinn, und den Geiz des Odoardo, und da ich meine Angela nit zu Fan bekommen kann, so soll sie durch meinen Tod erfahren, wie zärtlich ich sie geliebet hab? und du wirst mir Gesellschaft im Tod leisten, denn ich muß einen Bedienten bey mir haben.

HANSWURST. Nehmen sie sich derweil in der andern Welt ein Lehnlaquey auf, bis ich ohne dieß einmal nachkomm.[153]

LEANDER. Nein, du mußt mit mir sterben! bedenk einmal die Ehre, die wir von diesem Tod haben, die Welt wird uns unter die Helden zehlen?

HANSWURST. Es ist mir lieber, die Welt zehlet mich unter die lebendigen Hienzen, als unter die toden Helden!

LEANDER. Du zaghafter, du mußt ja ohne dies einmal sterben! allo, mache fort, oder ich schieß dir die Seele bein Ellebogen heraus.

HANSWURST voller Angst. Potz tausend Fickerment, das ist ja doch nicht erlaubt, einen Menschen mit Gewalt aus Lieb zum Sterben zwingen! das ist ja doch nicht erhört worden.

LEANDER. Schweig, und gieb acht, bleib auf deinem Posto, nihm die Pistolle und ziehl auf mich, alsdenn fange an zu zehlen 1. 2. 3. und sobald du drey sagst, so schiessest du auf mich, und ich werde dich auch Tempo über den Hauffen schiessen.

HANSWURST stellt sich in furchtsame Poßitur, und fangt an eines zu zehlen.

LEANDER. Halt ein, bevor ich sterbe, muß ich noch in dieser Einöde einige Worte meiner angebetteten Angela schenken, du kanst ein gleiches deiner Colombina zu Ehren thun. Angebettete Angela! –

HANSWURST. Verfluchte Colombina! –

LEANDER. Weil ich in meinem Leben dich nicht besitzen kann –

HANSWURST. Ich wolt, daß ich dich in meinem Leben nicht gesehen hätt, aber weil ich dich gesehen hab –

LEANDER. So will aus Treue für dich, weil dich in eines anderen Armen zu sehen mir unmöglich ist –

HANSWURST. So muß ich schandenhalber mit meinem rasenden Herrn –

LEANDER. Meinen Geist aufgeben.

HANSWURST. Mein Geist erschiessen lassen.

LEANDER zu Hanswurst. Nun mache fort, und commandire.

HANSWURST in seiner lächerlichen Poßitur fängt immer an 1. 2. zu zehlen, doch anstatt auf 3. zu kommen fängt er allzeit wieder 1. an, oder zehlt 4. 5. statt 3.

LEANDER. Schweig still, weil ich sehe daß du ein zaghafter Narr bist, so werde ich das Commando führen.

HANSWURST fängt an zu zittern. Jetzt ists aus.

LEANDER. Gib acht, und sobald ich drey sage, so schies auf mich; 1. 2. 3. Er schießt los.


[154] Hanswurst läßt bey dem Wort drey die Pistollen fallen, bevor Leander noch losgedruckt hat, und fällt unter grossen Geschrey auf die Erde; zugleich eröfnet sich die auf der Seite an dem Gestatt stehende grosse Felsen, welche sich in ein Zauber-cabinet verwandelt.


Quelle:
Die Maschinenkomödie. Herausgegeben von Dr. Otto Rommel, Leipzig 1935, S. 152-155.
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