Der Bär und der Liebhaber seines Gartens

[117] Ein unerfahrner Bär voll wilder Traurigkeit,

Den in den dicksten Wald sein Eigensinn verstecket,

Vertrieb, unausgeforscht, durch Klipp' und Berg gedecket,

Wie ein Bellerophon die Zeit.


Hier sträubet sich der Petz; er liebt nur diese Kluft,

Und meidet stets die Spur der Bären, seiner Brüder.

Mit Brummen wälzt er sich im Felsen auf und nieder;

Sein schwaches Haubt scheut freie Luft.


Dies macht ihn ganz verwirrt. Ihm gleicht vielleicht die Zunft

Der Weisen dunkler Art, der schweren Sonderlinge;

Die fliehen Licht und Welt, und haschen Wunderdinge;

Nur nicht die Gabe der Vernunft.


Einst, da er saugend sinnt, wird ihm sein Lebenslauf

(Wenn das ein Leben ist) auf einmal sehr verdrießlich.

Er will gesellig sein; dies hält er für ersprießlich.

Und kurz: er macht sich taumelnd auf.


Wohin? das weiß er nicht: das Glück mag Führer sein,

Das Glück, der Thoren Witz. Nicht weit von seiner Höhle

Lebt' ein bejahrter Mann mit einer trägen Seele,

Fast wie der Petz, stumm, und allein.


Auch der sucht keinen Scherz, der andern artig scheint.

Was Herbst und Sommer zollt, des grünen Frühlings Gaben

Vergnügen seinen Fleiß. Ich müßt' ein mehrers haben:

Was aber? Einen klugen Freund.


Der Fluren bunter Schmelz entzücket das Gesicht;

Pomonens Ueberfluß kann tausend Freude machen;

Man darf mit Blum' und Frucht vertraulich reden, lachen;

Doch nur in Fabeln: weiter nicht.


Nicht wahr? die Einsamkeit ist nicht auf ewig schön.

Unmitgetheilte Lust muß Ueberdruß erwecken;

Der bringt den Greis ins Feld, um Menschen zu entdecken.

Mein Timon wird zum Diogen.
[118]

Er wandert nach dem Forst; hier irrt er hin und her,

Und mißt und sucht die Bahn auf unbekanntem Stege.

Zuletzt begegnet ihm, in einem hohlen Wege,

Ein andrer Eremit, der Bär.


Er stutzt. Was soll er thun? Zur Flucht ist keine Spur.

Er fasset sich; hält Stand: das wird gut aufgenommen.

Petz sieht ihn gnädig an, und spricht: Mein Freund, willkommen,

Besuche mich, und eile nur.


Der Greis versetzt gebückt: Die Gunst verpflichtet mich.

O würde mir erlaubt, in meinem nahen Garten

Mit einem schlechten Mahl gehorsamst aufzuwarten!

Der Vorzug wäre königlich.


Ich habe Milch und Obst; zwar weiß ich gar zu wohl,

Die Kost ist ziemlich schmal für euch, ihr Herren Bären;

Ihr Großen dieser Welt, ihr könnet besser zehren:

Doch auch mein Honigtopf ist voll.


Der Vorschlag wird beliebt; noch zeigt sich nicht das Haus,

Da die Bekanntschaft schon recht preislich angegangen.

Es will sogar der Bär den neuen Freund umfangen;

Doch der bedankt sich, und weicht aus.


Bald haben diese zween den schönsten Bund gemacht.

Sie bleiben ungetrennt, und werden Hausgenossen.

Der eine pflanzet, impft, und wartet seiner Sprossen;

Der andre legt sich auf die Jagd.


Unwissenheit und Ernst schließt öfters beider Mund;

Ihr Umgang nähret sich durch beider stumme Blicke.

Man machet sich die Lust aus diesem Eintrachtsglücke

Einsilbigt, auch nur selten, kund.


Petz kehret einmal heim; da schlummert sein Orest

Zur schwülen Mittagszeit. Er gehet bei ihm liegen,

Bewacht den Schlafenden, zerstreut den Schwarm der Fliegen,

Der seinen Wirth nicht ruhen läßt.


Er schnappt, fängt, scheuchet, lauscht, gafft nach dem Alten hin,

Und sieht auf dessen Stirn sich eine Raupe regen;

Ha! brummt er: dir will ich das Handwerk zeitig legen!

Geschmeiße, wißt ihr, wer ich bin?
[119]

Er holt den größten Stein; und, weil er's treulich meint,

So muß durch einen Wurf so Raup' als Greis erkalten.

Fürwahr, den klugen Feind muß man für schädlich halten;

Doch ja so sehr den dummen Freund.


Quelle:
Friedrich von Hagedorn: Sämmtliche poetische Werke, Leipzig o.J, S. 117-120.
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