Der Stieglitz und der Sperling

[158] Der Schönen nach der Welt,

Die unser Lob erhält

Und, voller Dankbarkeit,

Uns holde Mäulchen leiht,

[159] Die jeder, der recht liebt,

Ihr zehnfach wiedergibt;

Der weiht sich insgeheim

Ein jugendlicher Reim,

Den, ohne Neid und Groll,

Kein Alter lesen soll.


Du kennst den stillen Wald,

Der Freuden Aufenthalt,

Die Einsamkeit und Nacht

Nur Kennern schöner macht.

Dort, wo ich dir im Thal

Die letzten Küsse stahl,

Dort ahmet Laub und Bach

Den Schmätzchen rauschend nach;

Dort lockten Lieb' und Mai

Die Vögel jüngst herbei.


Man sagt, daß in der Schaar

Ein junges Weibchen war,

Ein Vogel deiner Art,

Nett, schalkhaft, hüpfend, zart,

Der kaum das Nest verließ,

Die ersten Federn wies,

Dem, der ihn artig fand,

Nur spielend widerstand,

Und dennoch meisterlich

Der Leidenschaft entwich.


Ein Stieglitz, dessen Tracht

Die Vögel neidisch macht,

Klagt seufzend seine Pein,

Und hofft erhört zu sein.

Ach! spricht er, lenkte sich

Doch deine Huld auf mich;

So würde meine Treu'

Mit jedem Tage neu,

Die deiner Artigkeit

Mein Herz auf ewig weiht!


[160] Wenn meiner Töne Spiel

Dir jemals wohlgefiel;

Wenn vielen reizend klang,

Was dein Verehrer sang:

So soll der ganze Hain

Hinfort ein Zeuge sein,

Daß mir kein Lied entfällt,

Das nicht dein Lob enthält.

Der nahe Wiederhall

Vermehr' es überall!


Ein Sperling ruft ihm zu:

Ich singe nicht wie du.

Wer aber zweifelt dran,

Daß ich gefallen kann?

Die mir sich frei ergibt,

Wird auch von mir geliebt,

Und die geliebet ist,

Wird oft von mir geküßt,

Und die mein Kuß belehrt,

Ist hundert Lieder werth.


Wer glaubet, daß ein Kuß

Viel Süßes wirken muß,

Viel seltne Lust verspricht,

Mich dünkt, der irret nicht.

Das Weibchen sah allein

Die große Wahrheit ein:

Des Sängers Treu' und Kunst

Erwirbt nicht ihre Gunst.

Ein schneller Seitenblick

Verräth des Sperlings Glück.


Sie schwingt sich bald empor,

Kömmt ihrem Spatz zuvor,

Und fliegt mit frohem Sinn

Zur hohlen Weide hin.

Er nimmt sie in sein Nest,

Und hält ein Liebesfest,

[161] Dem keine Freude fehlt,

Weil die nur ihn erwählt,

Die in der ganzen Schaar

Die Allerschönste war.


Der Adler herrscht und raubt,

Das ist der Macht erlaubt;

Der königliche Pfau

Trägt seinen Schweif zur Schau;

Der muntre Kranich wacht;

Der Falk' siegt in der Schlacht;

Die kleine Nachtigall

Scherzt mit dem Wiederhall:

Ein Sperling liebt, und küßt;

Sagt, ob er glücklich ist?


Quelle:
Friedrich von Hagedorn: Sämmtliche poetische Werke, Leipzig o.J, S. 158-161.
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