Die Thiere

[100] An Herrn C.L. Liscow.


Der Freiheit unverfälschte Triebe

Erhöhn den Werth der Wahrheitliebe,[100]

Die deine Seele stark gemacht.

Dein glücklicher Verstand durchdringt in edler Eile

Den Nebel grauer Vorurtheile,

Des schulgelehrten Pöbels Nacht.


Was Haller und die Wahrheit preisen,

Mein Freund! das wagst du zu beweisen:

»Wer frei darf denken, denket wohl.«

Laß deinen Ausspruch mich vertraulich überführen,

Ob ich die Urtheilskraft in Thieren

Bejahen oder läugnen soll.


Zwo Ratzen, die der Mangel plagte,

Und hungrig aus den Löchern jagte,

Entdeckten unverhofft ein Ei.

Das Ei war ihnen g'nug. Es wissen viele Weisen,

Ein Manzel selbst, daß, die zu speisen,

Kein großes Mahl vonnöthen sei.


Sie wollen froh zum Essen schreiten;

Allein, es läßt sich jetzt von weiten

Der Erbfeind ihres Volkes sehn.

Es schleicht ein Fuchs heran; und guter Rath wird theuer,

Er frißt die Ratzen, und säuft Eier;

Wie läßt sich's unberaubt entgehn?


Die eine legt sich auf den Rücken

Und hält mit unverwandten Blicken

Das Ei mit ihren Pfoten fest.

Die andre weiß darauf, mit glücklichem Bemühen,

Sie bei dem Schwanze fortzuziehen;

Und so erreichen sie das Nest.


Wer lehret aus gewissen Gründen,

Daß Thiere bloßerdings empfinden?

Hat hier die Ratze nicht gedacht?

Verrieth die Rettungsart, die sie so wohl erlesen,

So schön vollführt, kein geistig Wesen,

Das zweifelt, forscht, und Schlüsse macht?


Zeigt sich in keines Thieres Ränken

Die Kraft, was möglich ist, zu denken,[101]

Des Menschen Leitstern, der Verstand?

Kennt man von ihrem Thun noch keine tiefre Quelle,

Als die Erwartung solcher Fälle,

Die jedes andern ähnlich fand?


Die besten Mittel weislich wählen,

Durch Klugheit nie den Zweck verfehlen,

Das kann der stolze Mensch allein.

Pflegt diese Fertigkeit nicht Thieren beizuwohnen?

Warum denn müssen die Huronen

Durch Biber-Witz beschämet sein?


Wann fürchterliche Fluten schwellen,

Wann die Gewalt vereinter Quellen

Um Quebec wühlt, und Felder frißt;

So wird im Strom ein Haus durch Biber aufgeführet,

An dem der Strom die Kraft verlieret,

Das rund, umpfählt und sicher ist.


Die Vorderfüße scheinen Hände,

Und flechten aus den Binsen Wände,

Die auf sechs festen Stützen stehn.

Es kann ihr Wunderbau ein dreifach Stockwerk zeigen,

Und jeder Biber höher steigen,

Wann Eis und Wellen weiter gehn.


Sie wählen nahe Pappelweiden,

Die sie mit scharfem Zahn durchschneiden:

Doch ihre Mühe wird verkürzt,

Und sie erwarten stets den Beistand starker Winde,

Der plötzlich in die Wasserschlünde

Die halb durchnagten Stämme stürzt.


Es werden die, so Arbeit hassen,

Der Schmach und Faulheit überlassen,

Und man verbannt sie aus dem Staat.

Ein ächter Biber muß sein Amt getreu verwalten,

Bald bauen, und bald Wache halten,

Und melden, wann ein Mensch sich naht.


Wer war der Plato dieser Thiere?

Wer lehrte sie, was ich hier spüre:[102]

Kunst, Ordnung, Witz, Bedachtsamkeit?

Soll man die Fähigkeit, wodurch sie dieses können,

Gefügter Theile Wirkung nennen?

Wo ist ein Uhrwerk so gescheidt?


Entdeckt man weiter nichts an ihnen,

Als die Bewegung der Maschinen,

Der Urtheil und Bewußtsein fehlt?

Cartesius bejaht's; doch ist im Recht zu geben?

Die Wahrheit mag den Zweifel heben,

Die Frankreichs Phädrus uns erzählt.


Aurorens Feind, ein Freund der Nächte,

Ein Thier aus traurigem Geschlechte,

Ein Kauz, der schlauste Bösewicht,

Ward in dem Nest ertappt; das steckte voller Mäuse,

Die waren feist, und hatten Speise,

Doch ihre Füße fand man nicht.


Sie wurden hier vom Kauz ernähret,

Der ihre Brüder längst verzehret,

Und nun für sie den Weizen stahl.

Aus Vorsicht lähmt' er sie, weil, die er sonst gefangen,

Ihm wieder unverhofft entgangen:

Jetzt fraß er sie, nach sichrer Wahl.


Hat dieser Schlecker nichts ermessen?

Auf einmal alles aufzufressen,

Das war zu ungesund, zu viel.

Er spart; er will die Maus, eh' er sie mästet, lähmen,

Und ihr zur Flucht die Mittel nehmen.

Wie kam's, daß er darauf verfiel?


Quelle:
Friedrich von Hagedorn: Sämmtliche poetische Werke, Leipzig o.J, S. 100-103.
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