Der Morgen

[316] Uns lockt die Morgenröthe

In Busch und Wald,

Wo schon der Hirten Flöte

Ins Land erschallt.

Die Lerche steigt und schwirret,

Von Lust erregt;

Die Taube lacht und girret,

Die Wachtel schlägt.


Die Hügel und die Weide

Stehn aufgehellt,

Und Fruchtbarkeit und Freude

Beblümt das Feld.

Der Schmelz der grünen Flächen

Glänzt voller Pracht,

Und von den klaren Bächen

Entweicht die Nacht.
[316]

Der Hügel weiße Bürde,

Der Schafe Zucht,

Drängt sich aus Stall und Hürde

Mit froher Flucht.

Seht, wie der Mann der Heerde

Den Morgen fühlt,

Und auf der frischen Erde

Den Buhler spielt!


Der Jäger macht schon rege

Und hetzt das Reh

Durch blutbetriefte Wege,

Durch Busch und Klee.

Sein Hifthorn gibt das Zeichen;

Man eilt herbei:

Gleich schallt aus allen Sträuchen

Das Jagdgeschrei.


Doch Phyllis Herz erbebet

Bei dieser Lust;

Nur Zärtlichkeit belebet

Die sanfte Brust.

Laß uns die Thäler suchen,

Geliebtes Kind,

Wo wir von Berg und Buchen

Umschlossen sind!


Erkenne dich im Bilde

Von jener Flur!

Sei stets, wie dies Gefilde,

Schön durch Natur;

Erwünschter als der Morgen,

Hold wie sein Strahl;

So frei von Stolz und Sorgen

Wie dieses Thal!


Quelle:
Friedrich von Hagedorn: Sämmtliche poetische Werke, Leipzig o.J, S. 316-317.
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