Die Sybilla persica

[132] Ein Fluß, der könnte mancherlei erzählen von den Dingen, die er in seinem rastlosen Laufe durch die Zeit und den Raum an seinen beiden Ufern wahrgenommen hat, und seine murmelnden Wellen bewegen sich so geheimnisvoll wie Lippen, die ein Zauberbaum geschlossen hält. Welch ein Wechsel von Bildern aus dem Natur-, dem Völker- und dem Menschenleben spiegelt sich in seiner Flut. Die Weltgeschichte und die Jahrtausende rollen sich neben ihm auf und ab. Welch ein Kontrast, wie der Main aus den rauschenden Wäldern und den dunkeln Felsenschluchten des Fichtelgebirges in die grünen Wiesen des Frankenlandes und dann in dessen Rebenhügel sich hinein windet, an alten ehrwürdigen Städten mit feierlichen Domen, an herrlichen Ruinen gebrochener Abteien, an Dorf und Schloß, an Kloster und Kapelle vorüber, die alle, alle, ihre Geschichte haben, und oft eine recht traurige! bis er sich flach und matt, wie lebensüberdrüßig, dem ehemals »goldenen Mainz« gegenüber in den Rhein gehen läßt, der ihn in rascher Strömung dahinreißt. Ehe es so weit mit ihm kommt und nachdem sich Kloster Engelberg und Schloß Windeck längst nicht mehr in ihm spiegeln, fließt er an Frankfurt vorüber, der alten Stadt der Kaiserkrönung, und an einem schönen Garten im englischen[132] Styl, in dessen Mitte eine elegante Villa liegt. Die Stürme des Spätjahres hatten die Gesträuche bereits entblättert und die spärliche Belaubung der Bäume in kupferfarbene Schattierungen gefärbt. Die Rasenplätze waren durch die eisigen Herbstnebel und Nachtfröste bräunlich geworden und von den Massen der Blumen, die auf ihnen in tausend Farben geprangt hatten, war nichts übrig geblieben, als hie und da eine vereinzelte halberfrorene Georgine. Im Hause selbst war es aber sehr freundlich. Die Blumen, die im Garten fehlten, standen in Fülle in den Zimmern und in den Kaminen glimmte behagliches Feuer. An den Wänden hingen einige schöne Gemälde; auf den Tischen lagen Lithographien, englische Stahlstiche, Journale, die Tagesliteratur Deutschlands, Frankreichs und Englands. Totenstille herrschte im Hause. Die Besitzerin war in die Stadt gefahren, der Salon leer und leer die Zimmer rechts und links. Endlich im letzten Gemach saß ein junges Mädchen, die Tochter des Hauses, die Tochter des spanischen Banquiers Miranes, der mehrere Jahre in Paris gelebt und sich jetzt hier niedergelassen hatte. Das junge Mädchen saß gedankenvoll mit untergeschlagenen Armen vor einer Staffelei, auf der ein herrliches Gemälde, ein Frauenbild in orientalischer Tracht, aufgestellt war. Sie betrachtete aufmerksam das Gemälde. Welch ein Auge! sprach sie zu sich selbst; und welch ein Blick! ein Blick, der alles zu wissen scheint und doch ist er traurig. Wär' ich allwissend .... ich wollte nicht traurig sein! – Sie war allerdings das Bild der Melancholie. Ihre Züge waren von jener edlen regelmäßigen Schönheit, die man an den antiken Statuen bewundert und jener tief tragische Hauch, welcher der Antike[133] ganz eigentümlich ist – von jener Sphynx an, im Sande der ägyptischen Wüste, zu Füßen der Pyramiden, bis zu jener Psyche, die in ihren Bruchstücken eine Perle des Museums zu Neapel und der griechischen Kunst ist – lag auch auf ihren Zügen. Dieser tragische Hauch der Antike gibt ihrer Schönheit, die oftmals herbe erscheinen könnte, einen großen Reiz: sie weckt Sympathie in jedem Menschenherzen, das, seiner Natur nach, durch stille Trauer gerührt wird. Die ganze antike Welt, mir ihren Heroen und ihren Göttern, steht unter der Signatur des Todes: sie ist unerlöst! Wie sollte sie nicht traurig sein? traurig durch jene Melancholie, die unbestimmt ein höchstes Gut ahnt und es nicht zu finden, ja nicht einmal zu suchen weiß. Und eine Unerlöste war auch diese schöne, schwermütige Judith Miranes: sie war Jüdin. Aus ihrem Nachsinnen erhob sie sich mit einer ungeduldigen Bewegung, sah nach der Uhr und murmelte unmutig: Schon halb eins! ob der Ernest heute nicht kommen wird? ich wüßte gar gern, was dies für ein Bild ist! – Sie stand auf, zog graue Vorärmel an, rückte eine zweite Staffelei herbei, auf der ein Rahmen mit Leinwand überspannt sich befand, nahm ihre Palette, Pinsel, Zeichenstift hervor und hatte alles in Bereitschaft gesetzt und wohl zwanzig Mal nach der Uhr geschaut, bis endlich ein Diener die Türe öffnete und der Erwartete eintrat. Es war ein ältlicher Mann, in einem sehr abgetragenen Rock, mit einem äußerst wohlwollenden Gesicht, in welchem nichts Ungewöhnliches war, als ein ungemein klares Auge und eine sehr zart ausgearbeitete Stirne. Judith sagte stolz und hart, und ihr Ausdruck war nicht mehr schwermütig, wohl aber hochfahrend:[134]

»Sie haben mich lange warten lassen, Herr Ernest.«

»Grüß Sie Gott, mein Fräulein! Verzeihung, wenn ich Sie warten ließ,« antwortete er höchst unbefangen. »Sie hätten sich beschäftigen sollen, dann würden Sie ein Stündchen früher oder später gar nicht bemerken. Nun, wie gefällt Ihnen mein Gemälde?«

Mit beiden Händen in den Rocktaschen pflanzte er sich vor demselben auf und betrachtete es vergnügt.

»Es ist wunderschön,« sagte Judith, »und auch wunderschön gemalt. Aber wen stellt es vor?«

»Es ist eine Kopie der berühmten Sybilla persica von Guercino, deren Original sich im Kapitol zu Rom befindet.«

»Wer war die Sybilla persica

»Die Sibyllen waren, wie man sagt, hehre Frauen des Altertums, die unter den Heiden den Platz der Propheten im Volke Israel einnahmen und den zukünftigen Erlöser verkündeten. Die Geschichtsforschung verwirft sie. Poesie und Kunst lieben sie.«

»Überall die Spur der Lüge, Herr Ernest!«

»Überall die Spur der Sehnsucht nach Offenbarung, Fräulein Judith.«

»Wenn sie die Offenbarung wußte, warum trauert die Sybilla persica

»Sie trauert um die Sünden der Welt, die den Sohn Gottes vom Himmel herabziehen und an's Kreuz schlagen.«

»Das verstehe ich nicht, oder eigentlich: das verstehen wir nicht!«

»Glaub' es! das Kreuz ist Euch ein Ärgernis; uns ein Geheimnis himmlischer Liebe, voll unsäglich[135] süßer Schmerzen und namenlos herber Wonne, und so hat es auch die Sybilla persica verstanden, obgleich sie nicht Christin war.«

»Sind Sie denn ein Christ, Herr Ernest?«

»Wofür halten Sie mich denn?« fragte er höchst erstaunt.

»Für einen Papisten,« entgegnete sie unbefangen.

Ernest brach in ein schallendes Gelächter aus. Judith sah ihn verwundert an und setzte hinzu:

»Ich habe gehört, das sei eine Sekte, die ihr Oberhaupt, den Papst, anbete und mit dem Christentume, aus dem sie hervorgegangen ist, nichts mehr zu schaffen hätte; und Christen wären nur die, welche vom Papst, als dem Antichrist, nichts wissen wollten. Da ich nun mit den Christen nichts zu tun haben mag, so war es mir sehr angenehm, in Ihnen einen Papisten zu finden. Jetzt bin ich enttäuscht.«

Ernest lachte dermaßen, daß er die Hände in die Seiten stemmte und sich erschöpft niedersetzte.

»Werd' ich endlich erfahren, worüber Sie lachen?« fragte Judith halb lächelnd und halb unmutig.

»Es wäre zu weitläufig, Ihnen das zu erklären,« sagte endlich Ernest, »und trotz aller Mühe würden Sie mich doch nicht verstehen. Aber nicht wahr, jene Erklärung, was das sei, ein Papist, hat Ihnen jemand gegeben, der sich selbst Christ nannte?«

Judith wurde noch bleicher als ihr farbloses Gesicht schon war, und erwiderte: »Ich habe es von einer anderen Person in Paris gehört; denn ich meinesteils bekümmere mich durchaus nicht weiter um die Christen, als insofern es die gesellschaftlichen[136] Verhältnisse meiner Eltern erfordern – und ob sie an den Papst oder an sonst etwas glauben – das ist mir ganz einerlei, und ich spreche nie mit ihnen darüber.«

»In letzterem haben Sie vollkommen recht! Der Glaube will nicht im Salon zwischen einer Tasse Tee und einer Schale Gefrorenem besprochen werden. Er will gelebt sein, Fräulein Judith, gelebt im Salon wie im Dachstübchen, gelebt in der Kirche wie auf dem Markte«

»Erzählen Sie mir lieber von den Sibyllen, Herr Ernest! das freut mich mehr,« sagte Judith und heftete ihr dunkles Auge sinnend auf das Gemälde.

»Die Sage spricht, daß die Sibylle von Cumä zum Beherrscher der alten Roma, zum König Tarquinius kam und ihm ihre prophetischen Schriften über Roms Geschicke um einen ungeheuren Preis anbot. Der König wollte ihn nicht zahlen; da warf die Sibylle drei ihrer Bücher ins Feuer und ging von dannen. Nach einiger Zeit kam sie wieder und bot dem König ihre um drei Bücher verminderten Schriften, aber für denselben ungeheuren Preis an. Der König fand das unsinnig und wies sie ab; da warf die Sibylle abermals drei Bücher ins Feuer und ging von dannen. Und zum drittenmale erschien sie vor König Tarquinius und forderte für ihre drei letzten Bücher den ungeminderten, ungeheuren Preis. Da kaufte sie der König und sie wurden auf dem Kapitol niedergelegt; und Tag für Tag war darin verzeichnet, welche Begebenheiten das heidnische Rom treffen würden, bis es seinen Untergang fand.«

»In den verbrannten Büchern stand vielleicht, wie es sich hätte retten können.«[137]

»Kann sein. Man soll eben nicht feilschen um die Wahrheit. Und mehrere hundert Jahre später, gerade am Tage der gnadenreichen Geburt des Herrn, sagt die Legende, ließ Kaiser Augustus die Sibylle von Tibur vor sich rufen und fragte sie, ob es an der Zeit sei, daß er seinen Platz zwischen den Gottheiten Roms einnähme? das römische Volk wolle ihm göttliche Ehren erweisen. Da stand die Sibylle und schaute gen Himmel und sie gewahrte die Sonne umgeben von einem leuchtenden Zirkel und in der Mitte der Sonne saß eine hehre Frauengestalt, die hielt auf ihrem Schoße ein zartes Kindlein. Die Sibylle deutete auf dasselbe und sprach zum Kaiser: ›Dies Kind ist größer als Du! bete es an.‹ Da entsetzte sich der gewaltige Kaiser und ließ zu Ehren dieses göttlichen Kindes auf dem kapitolinischen Hügel einen prächtigen Altar errichten. Später wurde die Kirche Ara Coeli – Altar des Himmels – dort erbaut und sie steht bis zu dieser Stunde auf dem Kapitol. Aber auf den reizenden Hügeln von Tivoli, über welche die berühmten Cascatellen dahin tanzen, steht der kleine, von jonischen Säulen getragene Tempel, den man den Tempel der Sibylle nennt; denn Tivoli ist das alte Tibur. Mehr weiß ich nicht von den Sibyllen.«

»Aber die Kunst, sagten Sie, habe sie verherrlicht.«

»Und unsterblich gemacht! ja, das ist wahr!« rief Ernest mit funkelndem Blick. »In des erhabenen Vatikans feierlicher sixtinischer Kapelle, in welcher nur an den größten Festen die heiligen Geheimnisse des Glaubens gefeiert werden, haben Perugino und Michel Angelo, der eine mit seinem holdseligen und der andere mit seinem gewaltigen[138] Pinsel, das ganze Epos des Menschengeschlechtes, von der Schöpfung bis zum Weltgerichte, in großartigen Gemälden an den Wänden und der Decke geschrieben, und Michel Angelo's Sibyllen, als die Verkünder des Erlösers in der Heidenwelt, schauen mit den Propheten des Alten Testamentes vom Gewölbe herab auf den Altar des Neuen Bundes, wo das Lamm Gottes im ewigen Opfer geschlachtet wird; auf den mystischen Kalvarienberg, den sie am Horizont der Zukunft mit dem Auge des Glaubens aufsteigen sahen. Und da man in Rom keinen Schritt tun kann, ohne auf Spuren vom Göttlichen im Menschen nach der Gnadenordnung zu stoßen, Spuren, die sich bald als Genie, bald als Seelenadel, bald als Liebeskraft, bald als Geistesgröße aussprechen: so findet man denn auch eine zahllose Menge von Kirchen, welche fromme Andacht gebaut hat, und welche daher, mögen sie groß oder klein sein, ihren Schmuck, ihren Reichtum, ihre Kunstwerke, ja Meisterwerke haben. Ein solches ist in der Kirche Sta. Maria della pace die Gruppe der vier Sibyllen von Rafael. Das sind Fresken, Fräulein Judith! die müssen Sie sehen, um eine Idee zu bekommen, wie warm und lebendig die Freskomalerei auf dem kalten Stein sich ausnehmen kann.«

»Schade, daß ein solches Kunstwerk in einer Kirche versteckt ist,« bemerkte Judith.

»Nicht schade, mein Fräulein! Sehen Sie, die alten Ägypter, ein tiefsinniges Volk, aber wandelnd in den Schatten der Unerlösung, höhlten die Felsen ihres Landes zu Palästen aus, mit Hallen und Sälen, mit Treppen und Säulen; und alle Wände dieser geheimnisvollen Behausung bemalten sie im buntesten Farbenglanz mit tausend Göttergestalten,[139] mit Kriegsszenen, mit Bildern aus dem Volks- und dem häuslichen Leben; dann stellten sie in das allerinnerste und letzte Gemach einen Sarkophag mit der Mumie eines Königs auf, und dann wälzten sie vor den Eingang dieses Grottenpalastes gewaltige Felsblöcke, entzogen ihre Mühe, ihre Arbeit, ihre Kunst jedem menschlichen Auge und fanden es höchst geziemend und gar nicht schade, all' jene Herrlichkeit einer Königsmumie zu weihen. Wie könnten wir den Schmuck unserer Kirchen beklagen, in denen Gott selbst geheimnisvollerweise wohnt und weilt? Übrigens sehen in deutschen Landen nicht wenige Kirchen so aus, als fände man für sie alles gut genug, was der Rumpelkammer angehört, und Motten-, Mäuse- und Wurmfraß, den die Menschen nicht mehr haben mögen, ist beinahe noch zu schön für das Haus und den Dienst des lieben Gottes.«

»Ach, Herr Ernest,« sagte Judith ungeduldig, »Ihre Kirchen, mit oder ohne Mäusefraß, interessieren mich gar nicht.«

»Gut!« entgegnete er gleichmütig; »nun an die Staffelei!«

»Nein, auch das nicht!« rief sie. »Erzählen Sie mir noch etwas von den Sibyllen. Herr Ernest! ich höre gern von großen Frauen reden – und höre es nie!«

»Die Sibyllen sind aber nur dadurch groß, daß sie auf unsere Kirchen und auf den, der sie gestiftet hat, hinweisen, Fräulein Judith. Ihre Größe bestand eben darin, daß sie die Wucht der Offenbarung durch die sündenkranke Welt zu tragen vermochten, und sie waren begnadete Weiber, weil sie die Gebenedeite unter den Weibern, die jungfräuliche Mutter Gottes und den menschgewordenen[140] Gott prophezeiht haben. Diesen Zusammenhang hat die bildende Kunst in einer weltberühmten Kirche Italiens, in Loretto, wundersam schön aufgefaßt und dargestellt. Der Kern dieser Kirche ist das Häuschen, in welchem die allerseligste Jungfrau Maria zu Nazareth lebte und welches in einer Weise, die nur Gott bekannt ist, auf die Höhe des Appenins versetzt wurde. Um dies Heiligtum läuft eine Kolonnade von prächtigen Marmorsäulen und zwischen ihnen stehen paarweise die Propheten und Sibyllen, welche die glor- und freudenreichen Gnaden der Mutter Gottes vorhergesagt haben. Sie bilden gleichsam eine Prozession durch die Jahrtausende bis zu der Stätte, wo das Wort Fleisch ward und im feierlichen Reigen schließen sie sich huldigend dem Gruß des Engels an. Der unsterbliche Meißel von Cioli, Lombardo, della Porta, Sansovino und von anderen berühmten Bildhauern hat sie verherrlicht und sie sich selbst in ihnen.«

»Ich möchte nach Loretto, um das zu sehen!« rief Judith.

»Ich will Ihnen sagen, wie Sie sich dabei zu benehmen haben, Fräulein Judith. Zuerst müssen Sie in eine prachtvolle Kapelle sich begeben, in deren Mitte eine kolossale Schale von Bronze sich befindet, die mit Basreliefs aus der Geschichte des Alten und Neuen Bundes verziert und von vier Engeln getragen ist. Vier wunderbar schöne Statuetten, ebenfalls von Bronze, ruhen am Rande der Schale und sind gleichsam ihrer Tiefe entstiegen. Es sind vier Tugenden und sie heißen Glaube, Hoffnung, Liebe, Beharrlichkeit. Unter dem Glauben stehen die Worte: Nescio falli; er wird nicht getäuscht. Unter der Hoffnung: Nescio flecti; sie[141] wird nicht erschüttert. Unter der Liebe: Nescio scindi; sie wird nicht geteilt. Unter der Beharrlichkeit: Nescio frangi; sie wird nicht gebrochen. In dieser Schale ist Wasser, das mystischer Weise dem Blute des Kreuzes beigemischt ist und die Kraft des heiligen Geistes ruht darauf. Und ein paar Tropfen dieses Wassers auf Ihrem Haupte bewirken, daß Ihre Seele fähig wird, jene Tugenden in sich aufzunehmen. Und dann gehen Sie in die Kirche selbst und schließen Sie sich den Sibyllen und Propheten an, und dann erst werden Sie verstehen, was Sie sehen. Denn jene Schale ist das Taufbecken und jene Tugenden sind die, welche aus der Taufgnade hervorgehen und im großen Umriß angeben, wie das Leben des im Wasser und im Geist Wiedergeborenen sein soll. Gehen Sie aber nur als neugierige Touristin nach Loretto, so ist es in der Tat ganz einerlei, ob Sie dort waren oder nicht.«

»Keineswegs, Herr Ernest! ich bilde meinen Kunstsinn aus.«

»Ist nicht möglich, wenn der innere Sinn des Kunstwerkes selbst Ihnen nicht aufgegangen ist! Können Sie Ihren Geist an einem großen Schriftsteller bilden, wenn Sie nicht im Stande sind, dessen Ideengang zu verfolgen? gewiß nicht! Irgend einen schlagenden Ausdruck, irgend eine überraschende Wendung können Sie ihm entnehmen und dieselben in Ihre Brieflein oder Ihre Albums versetzen, wie exotische Blumen in ein Kartoffelfeld; aber Ihr Geist bleibt arm wie zuvor. Farbenmischung, Gruppierung, korrekte Zeichnung – ja, das können Sie lernen, wenn Sie Kunstwerke äußerlich, in ihrer Technik, studieren; doch Ihre Seele hat nichts davon, und in der Seele werden[142] die großen Kunstwerke, wie überhaupt alles Große, geboren, denn alles Große und alles Schöne ist eine Revelation der ewigen Schönheit, von der Gott eine Ahnung in die Menschenseele gesenkt hat. Weckt die Schönheit eines Bildes, eines Gedichtes, eines Buches, einer Statue nicht himmlische Gedanken im Menschen: so ist entweder der Mensch zu schwach, zu ungebildet, zu verkommen und roh, oder die Schönheit ist eine falsche, trügerische, die den Blendwerken der Sinnenwelt angehört. Die wahre Schönheit soll auf uns wirken, wie der Sonnenstrahl auf die Regenwolke: sie soll auf unsere trübe, graue, tränenvolle Seele ein Stück Regenbogen zaubern; Sie wissen ja, Fräulein Judith, daß er ein Symbol des Friedens ist, den Gott nach der schrecklichen Sündflut mit dem Menschen schloß. Ein Etwas von himmlischem Frieden, von tief innerster Versöhnung mit Gott, wenigstens der Sehnsucht nach, soll das Kunstwerk uns geben.«

»Haben Sie auch eine tränenvolle Seele?« fragte Judith; »man sieht es Ihnen nicht an, Herr Ernest! Ja, ich meine, der Regenbogen wäre sogar beständig in Ihnen.«

»Mensch – und tränenvolle Seele – das gehört zusammen, seitdem unsere Stammeltern das Paradies verloren haben, Fräulein Judith. Die Schwere des Staubes lastet auf ihr, die Dornen der Erde verwunden sie, die Ringel der Schlange bedrohen sie; welche Last, welche Schmerzen, welche Ängste muß sie mit sich herumschleppen. Siehe, da kommt einer und nimmt ihr all' den Ballast ab, und heilt all' ihre Wunden, und stellt sich zwischen sie und die Schlange, und tröstet sie unendlich liebevoll und zärtlich, und trocknet mit linder Hand all' ihre Tränen ab, und verläßt sie[143] nie und bleibt ihr treuer, ihr ewiger Freund. Nun, Fräulein Judith, das begreifen Sie gewiß: habe ich jemand, der so große und süße Dinge für mich tut und mit so unermüdlicher Zärtlichkeit mich liebt, so frag ich nicht viel nach Tränen und Wunden. Vielmehr freue ich mich ihrer, weil sie mir immer neue Liebesbeweise des geliebten Freundes bringen, und daraus mag denn wohl so etwas wie ein Regenbogen in meiner Seele entstehen, zu der sie das graue Gewölk, und der Freund den Sonnenstrahl der Liebe hergibt.«

»Aber, Herr Ernest, wen haben Sie denn zum Freunde?« fragte Judith gespannt.

»Den menschgewordenen und gekreuzigten Gott der Offenbarung, Fräulein Judith.«

Sie wendete gleichgiltig ihr schönes Haupt ab und sagte mit eisiger Kälte: »Graues Haar und eine solche Liebesschwärmerei: reimt sich das Herr Ernest?«

»Erst recht, Fräulein Judith,« entgegnete er gelassen. »Die irdische Liebe erstirbt, wenn die Rosenwangen verblühen und wenn auf Rabenlocken der Schnee des Lebenswinters fällt, und an etwas so Vergänglichem mit Schwärmerei zu hängen, ist allerdings der Erfahrung und dem Ernst des grauen Haares nicht anständig; denn wenn das Herz still steht, das von solcher Liebe erfüllt war, so ist es Staub und bleibt im Staube. Aber mit meiner Liebe ist es ganz anders! die zerreibt nicht das Herz, sondern lebt und webt darin fort und fort, und immer flammender und inniger, je weißer mein Haar wird. Und steht das Herz einst im Tode still, was geschieht? es fliegt ein Schmetterling daraus empor, die Psyche, die Liebe meiner Seele, die Seele meines Wesens; und der Schmetterling,[144] der noch mit schwerem Flügelschlag fliegt, weil Erdenstaub ihm die Schwingen beschwert, sinkt in eine Region von lodernden Flammen hinein, die nicht ihn, sondern nur das Irdische, das an seinen Flügeln klebt, verzehren und dann ihn frei lassen, daß er auffahre zu den immerblühenden Rosen der Ewigkeit, zu den verklärten Wundmalen des gekreuzigten Gottes.«

Judith schüttelte langsam den Kopf und sagte: »Eine solche Liebe verstehe ich nicht! aber von der Staubesliebe will ich so wenig wissen, als Sie.«

»Das ist leichter gesagt als getan,« entgegnete er.

»Ich habe mir aber fest vorgenommen,« rief sie heftig, »keinen Menschen auf der Welt zu lieben.«

»Oho! Fräulein Judith! das ist ja ein formidabler Vorsatz!« sagte Ernest lachend. »Wie alt sind Sie?«

»Achtzehn Jahre.«

»Gut, gut! ein paar Jahre Geduld, und Ihr Vorsatz verschwindet.«

»Nein!« rief sie noch heftiger und ihr sammetschwarzes Auge sprühte Funken; »nie! Herr Ernest! niemals. Ich will nicht lieben, denn lieben tut weh – und ich will nicht, daß ein Mensch mir weh tue; ich will nicht leiden.«

»Ohne Leid und ohne Liebe lebt man hienieden nicht!«

»Nun, so mögen andere durch mich leiden, wenn ohne Leid nicht gelebt werden kann!«

»Immer bessere Vorsätze, Fräulein Judith! Wenn Sie das alles ausführen, werden Sie auf einer erstaunlichen Höhe – der Unmenschlichkeit anlangen.«

»Meine Eltern nehme ich aus,« sagte sie.[145]

»Das ist etwas Trost,« entgegnete er lächelnd. »Aber nun genug des Geplauders! Der Unterricht darf nicht versäumt werden.«

»Es kann Ihnen ja ganz einerlei sein, wofür Sie Ihre Bezahlung bekommen, wenn Ihr Gespräch mir besser gefällt, als Ihr Unterricht,« sagte Judith mit dem schneidenden Hochmut, der sie zuweilen abstoßend machte.

»Mit nichten, mein Fräulein,« erwiderte Ernest ruhig. »Ich habe mich gegen Ihre Eltern verpflichtet, Ihr Talent für die schöne Malerkunst auszubilden, und eine Verpflichtung ist heilig. Wollen Sie aber nicht länger bei mir Unterricht nehmen, so sagen Sie es nur. Dann komm' ich nicht wieder. Aber die Sibylla persica lasse ich Ihnen doch sehr gern zum Kopieren – und wenn sie fertig und gelungen ist, schicke ich Ihnen auch meine Sibylla cumana, Kopie nach Domenichino, welche von einigen der persica noch vorgezogen wird.«

»Sie sind ein prächtiger Mann, Herr Ernest! wir müssen gute Freunde bleiben!« sagte Judith und die Lehrstunde begann. –

Judith war ein sehr verwöhntes Kind, besonders seitdem sie das einzige und ihre ältere Schwester etwa ein Jahr vorher gestorben war. Ihre Schönheit, ihre Talente waren so ungewöhnlich, daß ihre Eltern die glänzendsten Hoffnungen für die Zukunft ihrer Tochter hegten und der Vater sich bemühte, derselben eine solide Basis im Sinn der Welt zu geben, nämlich ein großes Vermögen. Darauf war sein ganzes Streben gerichtet. Das Streben seiner Frau ging dahin, sich und ihrer Tochter die Vorzüge der Genüsse einer glänzenden Existenz zu verschaffen, und blendend wie ein Meteor[146] in der Welt zu erscheinen. Sie selbst war noch schön und sie hing mit Leidenschaft an Luxus, Eleganz und allen Arten und Abarten modischer Verfeinerung. Dies zu bedenken, anzuschaffen, einzurichten füllte ihre Zeit dermaßen aus und nahm alle Stunden, die nicht den Pflichten und Freuden der Gesellschaft gewidmet waren, so ganz in Anspruch, daß sie sich nur noch mit der Leitung ihres Hauses, doch unmöglich mit der Erziehung und Bildung ihrer Tochter abgeben konnte. Sie hielt derselben die besten Lehrer und Meister, gab ihr in London eine Französin, in Paris eine Deutsche zur Gouvernante, und als Judith bei sechszehn Jahren fünf Sprachen redete und schrieb, eine ganz brillante Stimme hatte und ein ungewöhnliches Talent für Malerei entwickelte, frohlockte die Mutter über ihr Meisterwerk von Erziehung. Die Seele ihrer Tochter war ihr gänzlich fremd; oder besser gesagt: sie wähnte, daß die Summa des Erlernten, durch das Urteil des Verstandes gelichtet und geordnet, das geistige Sein ihrer Tochter ausmache; sie hielt Bildung für Seele. Übrigens liebte sie Judith zärtlich, kam allen Wünschen zuvor, erfüllte jedes Begehren und bedauerte nur immer, daß Judith nicht das enorme Vergnügen empfinde, welches sie selbst bei jeder Art von geselliger Unterhaltung, und bei allem, was Tand und Flitter war, mit vollen Zügen genoß. Judith war ernst und blieb ernst, im Salon ihrer Mutter, im Theater, auf dem Ball; sogar bei der Toilette, wenn die reizendsten Kleider, Blumen und Bänder ihr zur Auswahl vorlagen; sogar bei den Huldigungen, welche die junge Männerwelt ihr darbrachte. Sie wußte, daß sie schön und daß ihr Vater reich sei; sie wußte, daß man damit in der Gesellschaft[147] herrscht; sie sah durchaus nicht ein, weshalb sie sich geschmeichelt fühlen sollte, wenn andere das anerkannten. Ihr mit äußerem Glück überschüttetes Dasein ermattete sie, ohne zufrieden zu stellen. Aus dieser bleiernen Windstille konnte wohl ein Sturm der Leidenschaft jäh auffahren und da, wo ein Charakter jeden inneren Halt entbehrt, furchtbare Verwüstung anrichten. Judith hatte das erlebt an ihrer Schwester, die in einem solchen Sturm zugrunde ging und mit zwanzig Jahren am gebrochenen Herzen starb. Die Tiefe des Jammers und das Wie und Warum war ihr wohl nicht klar; allein es genügte, um ihr einen Abscheu vor Verhältnissen beizubringen, in denen so viel Verrat und Lüge zu Hause sein konnten. Judith hatte mit zärtlicher Liebe an ihrer Schwester gehangen; deren Verlust erbitterte sie, wie der Tod jeden erbittern muß, der glaubenslos an einem teuren Grabe steht. Kein Funke eines religiösen Trostes leuchtete ihrem Herzen. Ihre Eltern gehörten dem Rationalismus an, der sich im Judentum sowohl als im Christentum überall breit macht, wo der Erdgeist im Menschen gepflegt und wo dessen Wirken und Walten als die höchste Bestimmung des Menschen verherrlicht wird. Man ist reich, man ist klug, man ist gebildet, man ist angesehen, man zählt in der Gesellschaft; das alles hat man erlangt ohne Gott; höheres als das gibt es nicht: also weshalb sich um Gott bekümmern? Ohnehin ist es so ziemlich erwiesen und abgemacht, daß nicht bloß der alte, außerweltliche, persönliche Gott längst von seinem Nimbus entkleidet und von seinem Thron verschwunden ist, sondern auch, daß er aufgehört hat, als Weltseele des Alls sein Dasein zu fristen, welches man ihm in dieser Form eine[148] Zeitlang gönnte, weil man durch sie leichten Kaufs zum Anteil am göttlichen Sein gelangte, was für manche etwas Schmeichelhaftes hat. Aber auch die Weltseele ist der Welt entschlüpft und nichts übrig geblieben, als die Materie, seitdem die Erforschung der Natur, ihrer Kräfte und ihrer Gesetze eine sehr bewunderte Schule bildet, die es sich zur Aufgabe macht, die Schöpfung von der Offenbarung abzulösen, die Geschichte der Menschheit, welche deren Zusammenhang beweist, beiseite legt, mit dem vereinsamten Ich an das Studium des Universums geht, insofern dieses nicht über die fünf Sinne und deren Erfahrungen und Schlüsse hinaus reicht, und dann, bewaffnet mit Lupen, mit Seziermesser, mit Fernröhren, mit Destillierkolben und ungeheurem Apparat der Wissenschaft die Bildungen der Natur so sicher und fest auf ihren Gesetzen von Maß und Zahl und Kraft beruhend findet, daß sie in dieser abgerundeten und geschlossenen natürlichen Vollkommenheit einen Grund zu finden wähnt, um mit dem Astronomen Lalande zu erklären: »Ich habe den Himmel durchsucht und nirgends die Spur Gottes gefunden.« Dies ist nun gar nicht überraschend; mit Lupe und Fernrohr entdeckt man Gott nicht. Sehr überraschend ist aber der Schluß, den jene Schule daraus macht: Also gibt es keinen persönlichen, außerweltlichen Gott, Schöpfer und Gesetzgeber dieser Natur. Ebensogut könnte ein Kind sagen, nachdem es das Einmaleins durchgerechnet hat: Das ist ganz richtig und keine Spur von Gott ist darin; also gibt es keinen Gott. Am allerüberraschendsten würde es sein, daß eine solche Schule gläubige Adepten findet, wüßte man nicht, daß der Erdgeist, der in jeder Menschenbrust sich regt, wenn er nicht von[149] geheiligter Willenskraft gebändigt wird, die Brücke schlägt, auf der die Lehren, die ihm zusagen, ins Menschenherz einziehen. Aber geheiligt wird der Wille nur dadurch, daß er sich aus freiem Entschluß Gott unterwirft, und solche Unterwerfung bewirkt nur der Glaube an eine göttliche Offenbarung, weil in dieser eine göttliche Liebe sich offenbart. Doch von der wußte Judith nichts. Sie lebte unter dem Einflusse einer tiefen Glaubenslosigkeit, die ihr Innerstes zu einer Felsenöde, starr, kalt und einsam machte.

»Haben Sie viel Leid im Leben gehabt, Herr Ernest?« fragte Judith, nachdem sie eine Weile schweigend gearbeitet und den Schluß des Gespräches überdacht hatte.

»Nicht der Rede wert, Fräulein Judith! Das Leid, das vor uns liegt, erscheint uns hoch wie ein Berg; hinter uns – ist's ein Maulwurfshaufen.«

»Doch nannten Sie es vorhin eine Lebensbedingung.«

»Gewiß! Wenn's kein Leid gäbe, woran sollte es sich bilden, das selbstsüchtige Menschenherz? Leid tut ihm weh und im Weh denkt's an Gott; und je mehr es eingenommen wird von diesem Gedanken, desto heilsamer ist ihm das Leid gewesen. Sie meinen aber wohl, weil ich ein Maler bin, so ein Stückchen von einem Genie, müßt' ich ganz idealische Leiden gehabt haben. Fehlgeschossen! Ein bischen Hunger und Kummer, einige Ängste und Nöten – Punktum.«

»Auch Hunger, Herr Ernest?«

»Warum nicht, Fräulein Judith? Ich bin ein armer Bauernbube, der älteste von elf lebenden Kindern, aus Berchtesgaden, wo man gar geschickt ist im Holzschnitzen. Das trieb auch der Vater und[150] ich half ihm fleißig, suchte aber immer mein Schnitzwerk zu kolorieren, was mir verboten wurde. Allmählig entdeckte man Talent in mir; ich fand Gönner und Beschützer; ich kam nach München, lernte, arbeitete. Ich ging nach Italien, wie es alle Künstler zu machen pflegen, studierte dort in den verschiedenen Städten die verschiedenen Malerschulen; schlug mich durch, manchmal mühselig genug, mußte Geld verdienen und in die Heimat schicken, denn ein Schlagfluß lähmte den Vater, die Mutter konnte mit all' den Kindern nicht ohne meine Hilfe fertig werden, und als sie starb, die brave, fromme Mutter, konnten's die armen Kinder noch weniger werden. Da hieß es denn arbeiten, Fräulein Judith, vom Morgen zum Abend, bei knapper Kost, bis mir die Augenlider und der Arm schwer wie Blei waren, und Gott danken, wenn ich nur immer Arbeit hatte. Deshalb verlegte ich mich auf's Porträtieren; die Arbeit geht so leicht nicht aus, denn die Leute sind so erpicht darauf, ihr Gesicht gemalt zu sehen, als ob sie nie in den Spiegel geschaut und nie die Wahrheit von ihm erfahren hätten, daß es eigentlich nicht der Mühe wert sei, solch ein Alltagsgesicht zu verewigen. Nun, ich danke dem lieben Gott für diese allgemein grassierende Ophthalmie und malte, malte, malte ....«

»Aber das muß ja sehr Ihr schöpferisches Talent gehemmt haben,« unterbrach ihn Judith.

»Ganz recht, mein Fräulein, und das war vielleicht mein größtes Leid, mein schwerster Kampf; denn es war ein Etwas in mir, das sich zu höherem Schaffen erschwingen wollte und sich ducken mußte; mußte, weil Gott von mir verlangte, nicht daß ich ein großer Maler, sondern ein treuer Sohn und[151] Bruder sei. Und sehen Sie, Fräulein Judith, den Willen Gottes zu tun ist süßer, als des heiligen Vaters Vatikan mit Fresken auszumalen wie ein zweiter Rafael. Kurz, ich sorgte für meine ganze Familie und half sieben Brüdern und drei Schwestern zu einem ehrlichen Fortkommen. Alle sind rechtschaffene Leute geworden und hängen an mir wie an einem zweiten Vater. Einige sitzen auf einem grünen Zweig, andere auf einem dürren – wie das so geht in einer zahlreichen Familie! Mein Pinsel tut noch immer seine Schuldigkeit. Aber meine jüngste Schwester, die Klara, hat mich auch königlich belohnt.«

»Das glaub' ich nimmermehr!« rief Judith. »Dann würden Sie nicht in diesem kalten Nebelwetter ohne Paletot im Sommerrock gehen.«

»Was Rock! was Paletot! Nein, Fräulein Judith, einen Lohn, der durch Schneiderhände – unbeschadet dem Respekt vor dem ehrsamen Handwerk! – einen Umweg macht, hat die Klara zu gering für mich erachtet. O nein! die Klara ist ein Nönnchen geworden bei den ehrwürdigen Frauen Benediktinerinnen auf dem Nonnberg zu Salzburg, und betet Tag und Nacht für mich armen Sünder.«

Judith sah ihn starr an, als erwarte sie einen Aufschluß, eine Erklärung dieser Worte. Aber Ernest, der immer so sprach, als gebe es auf der ganzen Welt nur gute katholische Christen – Ernest schwieg und es flog nur ein Blick voll seliger Freude aus seinem lichten Kinderauge dankbar zum Himmel auf.

»Sie sind sehr exzentrisch, wie man in der Welt sich auszudrücken pflegt, Herr Ernest,« sagte sie endlich.[152]

»Exzentrisch sein, bedeutet außerhalb des Zentrums oder ohne Mittelpunkt sein,« erwiderte er. »Es kommt also ganz darauf an, was man zum Mittelpunkt des Menschenlebens oder Wesens setzt. Die Welt nimmt an, ihre Gesetze, ihre Vorschriften wären das notwendige Zentrum, um welches man sich zu bewegen habe. Da ich nun das nicht tue, so mögen Sie mich meinethalben exzentrisch nennen, Fräulein Judith! ich weiß ja doch, daß ich mein Zentrum, und zwar ein ganz festes, unerschütterliches, in Gott habe.«

»Da Sie es so schön finden, daß Ihre Schwester Nonne ward, warum sind Sie denn nicht Mönch geworden?«

Ernest lachte hellauf und erwiderte: »Weil es zweierlei ist, etwas schön zu finden und schön zu sein. Ich mit meiner Wanderlust, mit meinem ungebundenen Sinn – ein Mönch, der unter dem Gehorsam und nach der Ordensregel lebt! nein, das ist mir nie eingefallen. In's Heiligtum muß man durch die Gnade berufen werden, nicht sich hineindrängen.«

»Und an wen ergeht ein solcher Ruf?«

»An die, welche Gott so lieben oder so lieben wollen, daß sie sich mit der Welt und ihren Gestalten nicht befreunden mögen.«

»Das wäre etwas für mich,« sagte Judith, »wenn ich einen Gott hätte, den ich lieben könnte. Aber auf solche phantastische Träumereien laß' ich mich nicht ein.«

Ein Wagen fuhr vor; Türen öffneten sich. In einen superben persischen Shawl gehüllt, mit Boa und Muff von Zobel, rauschte Madame Miranes durch die Gemächer und ins Zimmer ihrer Tochter. Die Lektion war zu Ende. Ernest verbeugte sich[153] tief vor der prächtigen Dame, die ihm in ihrer Art recht gut gefiel, denn sein Wohlwollen umschloß alle Geschöpfe Gottes. Sie entließ ihn huldreich und er dachte auf dem Heimweg bei sich selbst: In einem Gemälde, als die stolze Königin Vasthi, würde sie sich trefflich machen! recht eine Gestalt für den Pinsel des Veronese![154]

Quelle:
Ida Gräfin Hahn-Hahn: Gesammelte Werke, Band 1, Regensburg 1900, S. 132-155.
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