Betrachtung der Majenblumen

[25] Nach der Stimme: Hertzlich thut mich erfreuen/ etc.


1

Wir wollen uns erfreuen

ob dieser Majenzeit:

da sich pflegt zu verneuen

der Erden grünes Kleid.

Die Sonn in Zwilling stralet:

die Schönheit der Natur

mit guldnen Flammen malet

der freyen Felder Flur.


2

Es muß dargegen weichen

deß Salomonis Kleid;

der Blume kan nicht gleichen

deß Königs Herrlichkeit.

Die reine Lilje stehet

von aller Sünden frey:

der König sich vergehet

mit viel Abgötterey.


3

Indem die Westen schertzen

mit diesem Blumen-Plan/

vergleich ich mit dem Hertzen

die rohte Tulipan:[26]

So bald sie nur genossen

den höchsten Sonnenschein/

so wird sie aufgeschlossen

wie frommer Hertzen Schrein.


4

Es hat der Nord beraubet

den falben Rosenstock;

den nun der Maj belaubet

mit einem Dörner-Rock/

der weißlich-roht gestücket

mit mancher Rosen-Blüt:

Der Hoffnungs-Trost erquicket/

wann wir deß Jammers müd.


5

Der angenehme Majen

erwecket neue Lieb/

daß Thier und Menschen freien

aus holdem Gegentrieb.

Deß Höchsten reicher Segen

hat die Geschöpff ernehrt/

und hat sie allerwegen

zu unsrem Dienst vermehrt.


6

Was webet und was schwebet/

befeucht der Majentau/[28]

mit neuer Kraft belebet/

und schmeltzet in der Au:

Also wird uns verneuen

an jenem jüngsten Tag

Gott! der pflegt zu erfreuen

in aller Angst und Plag.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Christliche Welt- und Zeitbetrachtungen. München 1962, S. 25-29.
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