[1] Es war die Nacht vorbey/ das frühe Pferdgetümmel

Gieng vor der Sonnen her/ am liechtbegläntztē Himmel.

Die Welt war von dem Schlaf zur Arbeit aufgewekkt/

Das Feld war mit dem Tau durchsafftet und bedekkt.

Der Tag war jetzt am tag – – –


Als sich FLORIDAN/ mit niemanden/ als seinen freyen Gedanken/ begleitet/ hinter seiner geringen Heerde zu denen gewönlichen Trifften truge. So viel ich/(sagete er zu sich selbst/ nachdem er den ersten Fus ausser seiner Hürde gesetzt/) aus gegenwärtiger Morgenwitterung abnehme/ so wird der gütige Himmel unsre Auen und Heerden mit einem heiteren Tag/ uns Hirten aber mit einem muntern Geizt/ zu Fortsetzung unsrer freymütigen Lustgedichte/ erfreulich beschenken. Möchten doch (fuhre er fort/ nach einem geraumen Stillschweigē) meine wehrte Weidgenossen für dißmal sich mir bald zugesellen/ ihr Felder/ was Lust soltet ihr alsdann eure Schäfere in eurem Schos verüben sehen.

Damit triebe er fort/ und truge ihn der Weg auf den bekanten Baumplatz. Ihme beliebte solchen zu begrüssen/ dann er hielte es für unbillich/ diese irdische Beseeligung unangeredet hinter sich zu stellen: Anmutiger Ort/ fienge er an/ wer dich unter die anmutigsten dieser Gegende zälet/ thut dir in Warheit nicht unrecht. Ein Mund voll meines Lobs ist deiner unwehrt/ weil dich ja deine fürtreffliche Bewandniß selbst lobet. Dort wächset deine Pegnitz deine Vfere/und schmeißt ihre Strudeln[1] wider dieselben/ dem Ansehen nach ergrimmet/ weil sie ihr/ weiter zu gehen und deine Stämme zu beküssen/ beharrlich verbieten. Hier weiden deine zierreicheste Gärten/ unsre Augen/deine Kleereiche Matten/ unser Wollenvieh/ und deine beschattete Rasenhügel/ unsre ermüdete Glieder. Was soll ich mehr sagen? Deine Stämme/ wie richtig halten sie ihre Schichtordnung/ wie Kertzengerad steigen sie in die Luft/ ja sie wollen alda gleichsam üm eine Wette zanken/ welcher mit seinen Gipfeln denen Wolken am nächsten kommen. Daß ich ümgehe deine drey silberspritzende Springbörner/deren Quelle mit kunstmässigem Aufsteigen und Wiederabglitzschern ein überliebliches Geräuschel machet. Ich wünsche aber/ daß alle diese deine Lust so lang möge bekleiben/ als lange seyn wird das Lobgedächtniß derer/ die dich vordessen mit kunstpreislichen Reimen freudigst beschenket und besungen.

In solchen näherte er einer Brükke/ welche nächst dabey befindlich/ und ihme ihren Rükken freywillig darbote/ woferne er sich über das Wasser wolte tragen lassen. Er weigrete sich aber nicht/ als den seine Füsse ohne das hinüberriefen/ doch schriebe er zu vor/ vielleicht zu Abstattung seiner Dankpflege/ an derer Länebalken einen folgende Reimen:


Wer hat dich schlechtes Holtz/ euch lastbejochte Fichten

Mit kluger Meisterhand am ersten eingesenkt?

Wer hat die starke Stütz in Teuffen erst verschränkt/

Vnd überhergelegt der Bretter breite Schichten?

So kan man trokknes Trits die sichren Schritte richten/

Auf Achelous Hals/ der seine Fluht nicht lenkt/

Beschauen von der Höh/ was diese Balken tränkt/

Wir können dessen Brast belachen und vernichten.

Wann dorten unverletzt das blaue Saltz durchpflüget

Ein daumendikker Baum/ der Wellen Wut besieget/[2]

So laufft man auf der See mit unbenetztem Fus:

Hier wird uns festes Land der nimmerstille Fluß/

Die Fluht ist unsre Bahn. Weil Welt und See wird leben/

Wird beyder Künstler Ruhm auf Erd und Wasser schwebē.


Nach diesem zoge er ein kleines Geiglein hervor/ und vermälete deren Tohn (weil es noch früher Tag/ und die Sonne gar neulich zu Wagen gestiegen) folgendes Morgenlied.


1

Frisch auf mein Sinn/ ermuntre dich/1

Weil dort die Morgensonne sich

Zeigt auf vergüldtem Hügel/

Es hüpfet ob den Büschen ümm/

Vnd singet Gott mit krausser Stimm

Das leichte Luftgeflügel.

Schläfer/ Schäfer sind geflissen

Zu begrüssen

Trift und Auen/

Dir und ihnen sich zu trauen.


2

Dir/ dir/ dir hier/ O Gott/ stimmt an/2

Was schwebt/ was webt/ was beben kan/

Ein Loblied deiner Güte.

Auch mich soll nichts beschämen nicht/

Daß ich vergesse meine Pflicht

Vnd dankbares Gemüte.

Höre/ mehre diß Erklingen/

Laß mein Singen

Dich jetzt preisen/

Vnd dir Ruhm und Ehr erweisen.


3

Das Leid der Nacht ist überhin/

Wer macht/ daß ich entkommen bin[3]


Aus tausendfachen Strikken? 3

Da mich ümfieng des Todes Bild/

War deine Hand mein starker Schild/

Dein Schutz wolt mich beglükken.

Pfeilen/ Seilen böser Leute/

Die zur Beute

Mich erwälet/

Hat ihr Werk der Nacht gefehlet.


4

Du Held und Hüter unsrer Wacht/

Der du nicht schläfest in der Nacht/

Dein Gnaden Aug bleib offen/

Beug ferner allem Vnfall für

Vnd öffne meines Hertzens Thür

Zu fest gefastem Hoffen.

Ende/ wende meine Schmertzen

In dem Hertzen

Ob den Sünden/

Laß mich deine Gnad empfinden.

Fußnoten

1 Morgengruß zu singen im Thon: Wie schön leucht uns der Morgen usw.


2 Op. in Zlatna R. 395. aus dem Bartas.


3 Virg. 6. AE. alta quies/ placidæque similima morti.


Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer/ Sigmund von Birken/ Johann Klaj: Pegnesisches Schäfergedicht. Tübingen 1966, S. 1-4.
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