(LXVII.)
Gelüsten der Schwangern.

[239] Wann sich die Mannspersonen unziemlicher Händel gelüsten lassen / wie wir in vorhergehenden Geschichten angemeldet / so ist es dem Weibervolck noch weniger zu verargen / welche unvollkommen / dem Verstand nach / vollkommen aber in schwangerm Zustande. Alle zwar haben keine so widersinnige Begierden / die meinsten aber und stärcksten von Leibskräften lasen sich der wunderlichsten Händel gelüsten / wie wir derselben etliche auff diesen Schauplatz stellen wollen.

2. Etliche vergleichen die Weiber nach ihrer innerlichen Beschaffenheit mit den Geissen oder Ziegen / welche geile Thiere / wegen ihres gantz hitzigen und scharffen Geblüts / das sie niemals ruhen lässet / und stetig zu steigen und springen treibet. Ihr Hirn soll sich in allem mit der Weiber Gehirn gleichen / weil beedes kleinen Raum und die aufsteigenden Dämpfe nicht kan vergeistern lassen / wegen der genau verschlossnen Hirnschalen. Deßwegen haben auch die Weiber mehr Hauptwehen / als die Männer / deren Hirnschalen meinste theils anderst beschaffen ist. Die Ziegen sind genäschige und feyge Thier / nehren ihre Jungen / sind stoltz und neidisch / daß sie alle der ersten nachgehen und springen; wie auch die[239] Weiber ihnen in diesen allen ins gemein gleichen. Doch ist dieser Unterscheid / daß die Geise Hörner tragen / die Weiber aber andre Hörner tragen machen.

3. Salomon / der sehr viel Weiber gehabt / vergleicht sie mit den Löwen und Tygerthieren / weil sie ihr hitziges / wässeriges und subtiles Geblüt leichtlich zu Zorn und Grimm reitzet / daß sie / wie deß Jobs Haußwirtin / welche ihm der Teuffel zu seinem Anwalt ůbrig gelassen / nachahmen. Daher schliessen die Naturkündiger / daß die melancholischen Weiber die allerverständigsten / die andern aber vielen Schwachheiten unterworffen / und Gott der weisse Gesetzgeber / hat in dem Alten Testament / nicht dem Weib erlaubt / daß sie ihrem Manne einen Scheidbrief geben dörffen / wann es ihr eingefallen / sondern der Mann hat seine unartige Ehegattin / wann keine Besserung zu hoffen / von sich schaffen können. Die Türcken dichten auch in ihrem Alcoran / daß die Weiber ein besondern Paradeis / weil sie sonsten auch in jenem Leben die Männer nicht unbetrübt lassen.

4. Wann nun die Weiber von Natur zu unziemlichen Einfällen geneiget / ist nicht zu verwundern / daß sie zu der Zeit / wann sie schwanger / ihre unordenliche Begierden spühren lassen / und ist diß die Ursache / weil den dritten und vierten Monat der Empfängniß / die Frucht in dem Leib nicht alle Nahrung verzehren kan / daß das übrige gleichsam dumm wird / und die darvon auffsteigende Dünste so seltzames Gelüsten verursachen. Die Aertzte ordnen darfür saure Sachen / als da ist Senfft / Essig / etc. welche solchen Dünsten widerstehen / und den Magen reinigen / und einen Lust zu gesunden Speisen erwecken.

5. Ins gemein aber gelüstet die auff schweren Fuß gehenden Weibspersonen nach Kreiden / nach Kalck / theils nach Kohlen / Wagenschmirig / darauß zu sehen / daß sie ihnen unwissend etwas scharffes zu einer Speise außersehen / und dardurch sich zu heilen suchen. Es ist aber zu verwundern / daß ihnen solches nicht oder selten schadet / sondern ihrer Geburt vielmehr nutzet / ja wann sie ihren Lust nicht büssen können[240] kommen / oder doch derselben ein Merkmahl anhangen / weil die Bildung mit allen Kräfften deß Leibs zu solcher Zeit eussersten Vermögens beschäfftiget sind.

6. Hierzu giebt jhnen auch anlaß / was sie schönes für Augen sehen / dann blinde Weiber dergleichen Gelusten nit vnterworffen. Also hat zu Paris eine reiche vnd vornehme Frau gelustet Genuesische Spitzen von zartem Faden künstlich gemachet / zu essen / vnd zwar in solcher Anzahl / daß sie auff einen Tage für 100. Pistolet / klein zerschnitten gessen / vnd den dritten Tag hernach / wider 100. Pistolet vernaschet / solche auch für eine wolgeschmackte Kost mit vielen Worten herauß gestrichen / vnd gelobt.

7. Eine andre hat sich gelusten lassen / die Häutlein von den Murmelthierlein zu versuchen / vnd hat sie sehr wolgeschmack befunden. Sonderlich aber lieset man (bey Schenkio Observ. medicinal l. 4.) das die Schwangern / wann sie eine schöne Person entblöset sehen / in jhr Fleisch zu beisen begierig sind / und wann sie nicht darzu gelangen mögen / grossen Schmertzen empfinden / wie er dann erzehlet / daß eine einen Beckenknecht nackend gesehen / und gebetten / ihr Mann solte ihr zu wegen bringen / daß er sie dreymal in seine Schulter beissen lassen. Der Mann giebt dem Beckenknecht Gelt / daß er zum zweyten mahl darein williget / das dritte mahl aber will er wegen deß Schmertzens nicht mehr halten. Was geschicht aber? Das Weib kommt darnider / und gebietet Dreylinge / deren zween lebendig / der dritte aber tod auf die Welt gekommen.

8. Ein andre schwangere Frau hat in den Fleischbäncken üm ein stuck Rindfleisch gekaufft / weil sie aber wenig Gelt / hat sie viel Wort darüber verlohren / daß es der Fleischer hinzwischen einer andern Magd zu gewogen. Darüber sich die Schwangere so entrüstet / dz sie Blut auß der Nase geschweist / und als sie solches von dem obern Lefftzen weg gewischet / hat sie zugleich dem Kind in Mutterleib den Lefftzen hinweg genommen / wie hernach ihr Sohn / der ein gantzes Jahr gelebt / mit Abscheu erwiesen. Dieses ist geschehen zu Heydelberg.[241]

9. Wer will wissen wie dieses geschehen könne / der trincke sich voll / und betrachte bey sich hernach / was für Wort und Wercke er aus verdüsterten Einfällen und Bildungen sehen und hören lässet. Ja / die Trunckenheit beraubt jn aller Sorgen und Gefahr / daß er auch sich nicht scheuet mit dem Tod / der doch der Lebendigen ärgster Feind ist / eine Schantze zu wagen wie die Türcken die mit dem Masla vorsätzig unsinnig werden / wann sie an den Feind gehen sollen.

10. Viel wollen solches der Einbildung nicht beymessen / weil sie zu Zeit der Empfängniß am schwächsten / deßwegen auch das Ehliche Werck der hinfallenden Kranckheit verglichen wird Die Bildungs-Krafft / sagen sie / träget alles was sie empfähet / dem Verstande / als ihrem Richter für / welcher das undienliche / durch seinen Diener / den Willen / wider zu ruck weisen lässet: Das nutzliche aber annimmet. Wie solten dann so seltzame Gelüsten / ob sie gleich die Einbildung gut heisset / von dem Verstand und Willen für nützlich erkennet / und angenommen werden / wann sie keine richtige Ursachen haben?

11. Hierauff ist die Antwort / daß die Bildung nicht in der Zeit der Empfängniß / sondern etliche Tage und Wochen hernach völlig beschehe / und daß niemand in der Welt seye / der allezeit dem richtigen Verstand folge / zu geschweigen / daß solches die Lustgierige schwangern Frauen thun solten / die das beste sehen / und das böse wehlen.

12. Es laufft zu Zeiten auch nicht eine geringe Thorheit mit unter / als wie bey jener Schwäbin / welche gelüstet / daß sie ihrem Manne ein Schock Eyer in das Angesicht werffen möchte. Der Mann hat es / nach eingeholtem Rath eines Artzney-Verständigen gewilliget: da sie dann die Eyer gebracht / und über die 10. derselben ihm in das Angesicht geworffen / daß ihme der Gelbe Safft über die Wangen herab getriefet. Solches Gelusten ist meines Erachtens / mit einer grossen Narrheit vermischet und zu dem Ende ersonnen / daß solche Leute von ihnen haben wollen reden machen. Hiervon ist ein mehrers zu lesen in Guarzoni Seraglio, Cammerarii observ. Spachii[242] Gyniceo, Roder. a Castro, Renchino und allen die von der Weiber Kranckheiten geschrieben haben.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der grosse Schau-Platz Lust- und Lehrreicher Geschichte, 2 Bde, Frankfurt a.M. und Hamburg 1664, S. CCXXXIX239-CCXLIII243.
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