(X.)
Der unerkante Bruder.

[45] Die Armut ist kein Laster / sondern ein Art deß Außsatzes: dann gleich wie die Gesunden die Aussätzigen und Siechen fliehen; also vermeiden die Reichen der Armen Gesellschafft. Wann der Reiche aufstehet zu reden / so höret ihm jedermann gerne zu; wann aber der Arme den Mund aufthut / so fragt man: Wer ist der? Der Reichthum kennet die Armut nicht / damit sie solcher nicht zu Hülff kommen darff; und scheinet / daß deß Armen Mangel ein Sand- und Brandmahl seye / welches ihn verächtlich mache da doch etliche / wiewol nicht viel Arme / ein bessers Leben führen / als die Reichen insgemein. Das Geblüt / sagt man in dem Sprichwort / trüget nicht: aber die Armut straffet das Geblüt gleichsam Lügen / wie aus nachgehender Geschicht zu verstehen seyn wird.

2. Hygin und Delio / Brüder und Kauffherrn zu Meiland / (ich sage Herren / dann der Orten die Kauffmannschafft den Adelstand nicht vernachtheilet / wie in Teutschland) hatten mit einer Gesellschafftshandlung grossen Reichthum erworben / und wurden endlich / nachdem sie sich beederseits verheuratet / gedrungen / ihr Gewerb abzutheilen: Darvon Delio seinen Antheil versilbert / und sich nach Palermo erhoben / alldar eine absonderliche Handlung anzufangen / und seinem Weibe zu Gefallen / in ernannter Stadt häußlich zu wohnen. Hygin der Erstgeborne hatte mit seinem Eheweib viel Kinder erzielet / 2. Söhne und etliche Töchter / Rospe und Antoniel. Die Söhne begaben sich gleichfalls auf die Handelschafft / und weil Delio zu Palermo keine[45] Kinder hatte / begehrte er einen von seines Bruders Söhnen an Kindsstatt aufzuerziehen.

3. Hygin schickte ihm Antoniel / den Jůngern / und verhoffte / daß er mit der Zeit auch Delio Erb werden solte / wie auch erfolgt; gestalt er von Delio als ein Sohn gehalten / in seinen Geschäfften verschicket / und seinen Nutzen glücklich geworben / daß sich Delio Vermögen reichlich gemehret / und er nicht Ursach das seine / so ihm Antoniel sammlen helffen / an einem andern zu verwenden.

4. Antoniel war in dem zehenden Jahre / aus seinem Vatterland nach Palermo gesendet worden / daß er sich seiner Geburtsstatt schwerlich erinnert / und die Sprache und Sitten eines gebornen Sicilianers angenommen hatte / zu dem hatten ihn die vielfältigen Raisen in Africa und Græcia verschlagen und vorsinnig gemacht / daß ihm in diesem sein Bruder / der allezeit hinter dem Ofen sitzen geblieben / nicht zuvergleichen. Nach etlichen Jahren geht Hygin den Weg aller Welt / und verlässt viel Kinder / daß ob wol Antoniel nach Meiland zu raisen begehrt / seines Erbtheils habhafft zu werden / hat ihn doch Delio nit von sich lassen wollen / und ihn vertröstet / ein mehrers als sein Antheil betreffe / zu hinterlassen / wie er auch in Verfassung seines letzten Willens gethan / und nach verlauff etlicher Monden diese Welt gesegnet.

5. Ob nun wol Antoniel reichlich begütert / so hat er doch / aus Geitz / oder süssem Verlangen / sein Vatterland wieder zu sehen / eine Raise nach Meiland angetretten / und ist mit den Florentinischen Galeren nach Livorno / von dar nach Genua geschiffet; beladen mit vielem Gold und Silber / seinen Bruder Rospe und andre Geschwisterig zu verehren / benebens auch in Handelssachen sich mündlich mit seinen Bekanten zu berathschlagen / und berichtet solches alles guter Meinung seine Befreunde; sonderlich aber Rospe.

6. Als er nun unterwegs / fallen ihm thörichte Gedancken ein / nemlich er wolle probiren / wie seine Verwandte gegen ihm gesinnet sind. Seine Eltern waren todt; er erinnerte[46] sich nur seines Bruders / welchen er durch den Briefwechsel kennte; von den andern Gesippten wuste er wenig. Dieser Meinung bedeckte er sich mit alten Lumpen / kommet nach Meiland zu Rospe / und erdichtet folgende Begebenheit.

7. Mein Herr Rospe / sagt er / Ihr sehet für euren Augen den armen und Elenden Antoniel euren leiblichen Bruder / welcher sich kaumlich erinnert / dieser seiner Geburtsstatt. Hygin unser Vatter hat mich / wie ihr wisset / zu Delio seinem Bruder und unserm Vetter nach Palermo gesendet / der mich als einen Sohn aufferzogen / und in seiner Handlung für einen Diener gebrauchet. Ich habe ferne Raisen verrichtet / und an meiner Treu und Fleiß nichts ermanglen lassen / welche er auch zu erwidern gewillt / mich zu seinem Erben eingesetzet hat / wie ihr auß meinen Brieffen werdet verstanden haben. Nach seinem tödlichen Hintritt aber haben sich mehr Schulden gefunden / als die Verlassenschafft abzuführen vermögt / und hab ich einer schmählichen Gefängschafft durch die Flucht entkommen müssen; massen auch ich nit wenig Schulden in Sicilia hinderlassen. Von den Kauffleuten kan man mit Fug sagen / daß keiner vor seinem Todt glücklich zu schätzen / und decket solcher die Karten auff / welche man zuvor durch nachsetzen und darauff bieten / hat verbergen können. Ihr wisset lieber Bruder / in was gebrechlichen Gefäsen wir unser Glück tragen / wie leichtlich wir von den Freunden betrogen / von den Feinden beraubet / und von dem Meer gefähret werden. Diesem nach bin in ich leider gedrungen worden / meinem Erbtheil von unserm Vatter Hygin abzuholen / mich darmit deß Hungers zu erwehren.

8. Diese Rede hat Antoniel mit so guter Art abgeleget / daß Rospe nicht Ursach gehabt an seinen Worten zu zweiflen. Ob nun wol sein Hertz Zeugniß gegeben / daß dieses Antoniel sein Bruder / hat ihm doch solches der Geitz der Gestalt erhärtet daß er ihn darfür nicht erkennen wollen / sondern als einen Landbetrüger mit vielen betraulichen Worten abgewiesen. Antoniel aber hatte hierüber sein[47] Freudenspiel / und flehete je mehr und mehr seinen Bruder; bittend er solle ihm Feder und Dinten geben / er wolle mit seiner Hand erweisen / daß die Schrifft seinen Briefen / welche er vor diesem an ihn abgegeben / gantz gleich werde.

9. Rospe fürchtet die Warheit / und wolte ihn nit zu dieser Prob kommen lassen / damit er ihm nit einen Theil von der vätterlichen Verlassenschafft zuschreiben möchte: Laufft also zu der Obrigkeit / und bringt zuwegen / daß Antoniel als ein Betrüger in Verhafft genommen wird. Als nun diese beede Brüder gegeneinander abgehöret werden / findet sich die Warheit / und ziehet Antoniel die Bettlers-Larven ab / lässet seine Diener aus dem Wirtshauß kommen / und erweiset / daß er solches alles seinen Bruder zu versuchen gethan / und daß er der reiche Antoniel wäre / welchen Delio zum Erben aller seiner Güter eingesetzet. Uber diesen Beweiß zeigte er seines Vattern Hygius / und Rospe Briefe vor / und wurde auch von andern fremden Kauffleuten erkennet.

10. Also ist Antoniel der Verhafft erlassen worden / und verehrte seinem Bruder die halbe Verlassenschafft ihres Vatters. Nachdem er nun eine geraume Zeit sich zu Meiland aufgehalten / und von dem Parlament zu Palermo noch fernere unlaugbare Urkunden erlanget / hat er sich wieder dahin erhoben / und seinem Bruder die Reu / so Gewinnsichtigen Verfahrens hinterlassen / uns aber die Lehre / daß man arme Freunde nicht verachten / sondern daß unsere Christliche Liebe bey ihnen mit Trost- und Hülffleistung anfangen soll. Das Unglück ist eine Prob der wahren Freund / wie Petrarcha sagt / daß der Wein Freunde mache / aber die Thränen selbe bewähren / und ist eine Prob rechtschaffner Demuth / seinen armen Freunden rathen und helffen / oder ja dieselbe für gesippte und verwandte erkennen / wie David sagt: Wer bin ich HERR / und was ist meines Vatters Hauß / daß du mich von der Herde genommen / und über dein Volck zu einem König gesetzet. Also hat Joseph der Königliche Stadthalter in Egypten seine arme Brüder nit[48] verschmähet / welche doch Hirten und seinem Volck ein Greuel waren. Wer die seinen / wann sie gleich arm sind / nit versorget / ist ärger als ein Heyd / und hat den Glauben verlaugnet / sagt der Apostel Paulus und Johannes: Man soll nicht lieben mit Worten und dem Munde / sondern mit dem Wort und in der Warheit / etc.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der grosse Schau-Platz Lust- und Lehrreicher Geschichte, 2 Bde, Frankfurt a.M. und Hamburg 1664, S. XLV45-XLIX49.
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