(XIX.)
Der danckbare Knecht.

[78] Das Sprichwort trifft nicht allezeit ein / welches saget: viel Knechte / viel Feinde. Es finden sich auch in dem geringen Stand hohe und tugendliebende Geister / die sich über Verhoffen empor schwingen / und ihrem Herrn offt getreuer sind / als die Ordnung der Liebe / so bey sich selbsten anfängt / erfordert: ich will sagen / daß etliche Knechte bey ihren Herren Leib und Leben / Gut und Blut auffsetzen / wie auß nachgehender Erzehlung zu vernehmen seyn wird.

2. Roderico / ein Spanischer Herr / der seinem König grosse Dienste geleistet / wurde endlich einer Verrätherey fälschlich beschuldiget. Die Spanier sind sehr getreue Leute / und so wol gegen ihren Herrn / als gegen ihre Freunde / das man ihnen zu trauen gute Ursach hat. Doch sind sie Menschen / und kan ein ungefähres Unglück die Lügen und Verleumdung für scheinbare Warheit geltbar machen / wie auch geschehen / daß Roderico von Hoff entweichen / und sich auff Einrathen seiner Freunde / deß Königs Ungnade zu entfliehen / in eine andere Statt begeben müssen.[78]

3. Diese seine Abwesenheit mehrte sein Verdacht / und ermangelte es niemals an den Hoffschrantzen / die sich auff den Unterdruckten groß machen wollen / und nach der Abwesenden Aembter streben. Diese falsche Glücks-Freunde bringen es dahin / daß Roderico das Leben abgesprochen wird / ob er wol keine Schuld / ausser gar zu grossen Reichthum hatte / der dem König dardurch heimgefallen.


Glück ist ein Glas das leicht zerbricht /

in dem es gläntzet daurt es nicht.


4. Dieser Roderico hatte einen getreuen Diener / Namens Ferrier / welchen er wegen wolverhaltens zu seinem Hoffmeister gemachet / und über alle seine Güter gesetzet hatt. Dieser hatte sich von langen Jahren her mit Ehren bereichert / viel gespart und wenig verzehrt / und theils auch durch Roderico Freygebigkeit ein ziemliches Gütlein gesamlet: Massen nichts neues / daß die Herren verarmen und die Diener reich werden / nachdem diesem oder jenem das Glück günstig oder ungünstig ist.

5. Dieser Ferrier nun hatte seines Herrn Geheimniß alle erlernt / und gewust daß er unschuldig an bezüchtigter Verrätherey / und wolte deßwegen nicht von ihm aussetzen / sondern alles sein Vermögen bey ihm wagen. Erstlich sendet er ihm seine Barschafft / nachmals das Gelt / welches er aus seinem beweglichen Haab / so er versilbert / erlöset / und bemühet sich mit Gefahr seines Lebens / die Unschuld seines Herrn zu erweisen. Aber vergebens.

6. Hierbey liesse es der getreue Knecht nicht verbleiben / sondern verkauffte auch sein Hauß und Hof / und bringt solches Gelt seinem Herrn / von welchem er sein Auffnehmen gehabt / und erbietet sich für einen leibeignen Knecht zu dienen / wann ihm mit Verkauffung seiner Freyheit geholffen seyn würde. Wie diese Danckbarkeit von Roderico auffgenommen worden / ist leichtlich zu gedencken.

7. Endlich aber haben sich die trüben Wolcken widerum geheitert / und ist durch sondere Schickung GOttes der die[79] Unschuldigen zu retten pfleget / Jean Garcias / deß Roderico Ankläger / der berührten Verrätherey überzeuget / und Roderico als seines Königs getreuer Diener erfunden worden. Nach solchem hat der König Roderico in höhere Ehre als zuvor gesetzet / das abgenommene wider erstattet / und ihme seine Besoldung mildiglich gemehret / daß er Mittel gehabt seinen getreuen Ferrier aus dem Schaden zu heben / und die erwiesene Wolthat danckbarlich zu erwidern; wie er auch gethan / und zu thun schuldig gewesen.

8. Dieses Exempel hat billich nicht sollen verschwiegen bleiben / und der Nachwelt zu lobwürdiger Folge hinderlassen werden. Man findet wenig fromme Knechte / weil viel böse Herrn sind. Wann wir sie als leibeigne halten / so müssen sie uns als ihre Eisenmeister hassen: thun wir ihnen guts / so werden sie uns nichts böses thun. Wann wir sie lieben / so werden sie zu der Gegenliebe beweget werden / und gewinnet das Laster einen bösen Außbruch / wie im Gegenstand die Tugend ein erfreuliches Ende erwartet.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der grosse Schau-Platz Lust- und Lehrreicher Geschichte, 2 Bde, Frankfurt a.M. und Hamburg 1664, S. LXXVIII78-LXXX80.
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