(LXXXII.)
Die freigebigen Cardinäle.

[296] Die Ebreer haben ein solches Sprichwort: Wer Segen oder Wolthat außsäet / der wird Segen einernten. Widerum haben sie zu ihren Weibern zu sagen pflegen: Gib Almosen / damit deine Kinder deß Almosen nicht vonnöhten haben mögen. Ist eben das / was David sagt / daß er deß Gerechten Gutthätigen Samen (oder Kinder) nie habe sehen nach Brod gehen. Gott der Herr hat uns Menschen zeitliche Güter gegeben / nicht zu dem Ende / daß wir derselben mißbrauchen sollen / sondern daß wir unsrem dürfftigen Nächsten / als Verwaltere deß zeitlichen Haabes / darvon gutes thun sollen / wie wir dessen etliche sondere Exempel anführen wollen.

2. Die Wolthätigkeit wird billich für eine Haupttugend gehalten / nicht nur weil sie grossen Häuptern / welche Gott für andern gesegnet / wol anstehet / sondern weil sie das Kennzeichen ist Christlicher Liebe / von welcher unser Erlöser sagt: daran wird man erkennen / wann ihr euch unter einander liebet / daß ihr meine Jünger seyd / unnd verspricht auch solche[296] Schuldigkeit deß Glaubens an dem jüngsten Tage / mit ewiger Gnaden zu belohnen.

3. Solches hat wol verstanden der Cardinal Georg von Amboise / Ertzbischoff zu Roven / da er viel treffliche Kirchenbäue gefůhret / welche seines Nahmens Gedächtniß der Nachwelt hinterlassen. Er hat ein Hauß Gaillon benambt erbauet / und getrachtet anstossende Güter darzu zukauffen. Unter solchen war eines Edelmanns Schloß / der vielmehr schuldig / als er in vermögen hatte. Der Cardinal war ferne von Achabs Begier / der sich deß Weinberges Nabots gelüsten lassen / mit seinem Schaden: liesse aber doch fragen / ob sein Gut feil / etc.

4. Der Edelmann sahe sich von seinen Glaubigern bedrangt / und in Gefahr / daß sein Haab Gerichtlich versperrt / und verkaufft werden möchte. Diesem Unheil zu steuren / wolte der Edelmann sein Schloß versilbern / und dem Cardinal so hoch käufflich überlassen / daß er seine Schuldner bezahlen / seine einige Tochter außsteuren / und die wenigen Tage seines Lebens ehrlich hinbringen könte.

5. Der Edelmann kommet nun mit dem Cardinal selbsten zu reden / und bittet ihn / er wolle seine Güter kaufflich übernemen / und ihm so viel darfür geben / daß er seine Schuldner abrichten / seine Tochter ehrlich außsteuren / könne. Der Cardinal sahe dieses guten Alten bitterlich Weinen / daß er ihm alsobald verspricht / so viel Geld / ohne Zins zu leihen / als er für den Kauffschilling begehrt / und dargegen ein Schuldverschreibung anzunehmen verwilligt / in welcher bedingt / das Geld nach seiner guten Gelegenheit wider zubezahlen; weil er einen so guten Nachbarn nicht verlieren wolle.

6. Man sagt in dem Sprichwort / daß drey böse Nachbarn sind. 1. Grosse Herrn. 2. Grosse Flüsse. 3. Ein grosser Weg oder Landstrassen / dardurch der Aufritt und die Eingehör genommen wird. Der Edelmann nahme diese Nachbarliche Freundschafft mit beeden Händen an / und liesse in die Schuldverschreibung setzen / daß er dem Herrn Verleiher[297] das Geld wider abstatten wolle / wann ihm solches zu heischen belieben würde. Der Cardinal aber wolte es zu seines Schuldners Gefallen gestellet haben. Mit besagtem Vorlehen / zahlt er seine Glaubiger / steuret seine Tochter nach Ehren auß / und bittet den Cardinal zu der Hochzeit / welcher ihr die Schuldverschreibung ihres Vatters / zu Bezeugung guter Nachbarschafft verehret / und zugleich den Besitzer seiner Güter völlig gelassen: hat also lieber den Nachbaren seines angräntzenden Landes / als das Land seines alten Nachbarn haben wollen.

7. Der Cardinal Montalto / deß Pabsts Sixti dieses Nahmens deß Fünfften Bruders Sohn / hat jederzeit grosse Almosen / aber auf eine gar sondere Weise gegeben. Auff einen Tag hat er 25. arme Mägde mit Heuratgut außgesteuret / jedoch unter eines andern Nahmen / damit man ihme nicht dancken / und die lincke Hand nicht wissen soll / was die rechte gethan. Folgendes aber ist noch viel sonderlicher.

8. Eine alte und arme Wittib zu Rom / pflegte sich mit ihrer Handarbeit kümmerlich hinzubringen / war auch mit so schweren Kranckheiten behafftet / daß sie selten ihr Brod gewinnen konte / und von ihrer eigener Tochter elendig unterhalten werden muste. Sie war von ehrlichen Eltern / hatte einen feinen Mann gehabt / daß sie sich zu betteln geschämet / und sich lieber mit Thränen Brod speisen wollen. Uber das hatte sie Schulden gemacht / und nach dem sie einsten in einer schweren Kranckheit fast alles verkümmert / was sie geltgültiges in dem Hause gehabt / hat ihrer Glaubiger einer unbarmhertzig auf sie getrungen / und bezahlt seyn wollen.

9. Hierzu kame noch ein andere Anfechtung / daß sich etliche Buler üm ihre Tochter anmeldeten / welche ihr für ihre Ehre Geld angebotten. Weil sie aber in der Furcht GOttes aufferzogen worden / und der Satan nur über die Unkeuschen Gewalt hat / wie Tobias sagt / in dem 6. Cap. am 17. Vers. ist sie bestanden in der Anfechtung / und ob sie wol Arm / waren sie doch Reich genug / weil sie Gott fürchteten. Diese Wittib[298] nun wurde durch einen Geistlichen beredet / das sie solte den Cardinal Montalto / als einen freundlichen und allen Armen wolthätigen Herrn anflehen. Ob sie nun wohl mit solchen Leuten zu reden nicht gewust / hat sie doch die Noth kühn gemacht / daß sie die 5. Kronen / so sie ihrem Haußherrn schuldig / mit einem Fußfall begehret. Der Cardinal schreibt ihr einen Zettel auff 50. Kronen. Sie will aber so viel nicht annehmen / weil sie nicht mehr als 5. Kronen begehret. Hierüber fragte der Zahlmeister den Cardinal / ob er vielleicht verschrieben? Der Cardinal sagt Ja / es sey ein Irrthumb hierbey vorgangen / und nimmt den Zettel wider / setzt noch ein o. hinzu / daß sie also 500. Kronen zu empfangen / und befahle absonderlicher dieser Wittib das Gelt nach Hauß zu tragen / wann sie es nicht wolte annehmen.

10. Uber dieses versprach ihr der Cardinal durch einen seiner Diener / wann ihre Tochter sich verehlichen solte / ihr eine Außsteuere zu verschaffen / doch solte sie von den Gelt / welches ihr den ausser 5. Kronen nach Hauß getragen würde / niemand Meldung thū. Diese Wittib war in solcher Bestürtzung / dz sie nit gewust / was sie sagen / oder wie sie dancken solte 50. Kronen / sagte sie endlich / wären ihre Außsteure gewesen / und würde ihre Tochter nun hiervon auch so viel haben können / daß also fernere Begnädigung deß Cardinals nicht von nöthen.

11. Es hat sich auch zugetragen / daß eben dieser Cardinal etliche Geistliche / welche zu ihrem Kirchen-Bau eine Steuer von hundert Kronen begehrten / mit harten Worten abgewiesen / durch einen Frembden aber ihnen tausend einhändigen lassen. Die sonst ungültige oo. erhalten das schätzbaren und verborgenen Gedächtniß einer so feltenen Freygebigkeit. Fürsten und Herren werden gebohren wie andere Menschen / sie essen / trincken / schlaffen und sterben gleich andern: Durch Wohlthätigkeit aber können sie ihnen einen unsterblichen Nachruhm erwerben / welches andere geringe nicht fähig sind.[299]

12. Dieses hat auch wol gewust der hochgelehrte Cardinal Bellarmin / und zu sagen pflegen / daß ihm GOtt viel Zeitliches zu getreuen Händen habe anvertrauet / daß er andern darvon gutes thun / und in seines Nächsten Hände soll Wuchern lassen. Alle arme Geschlechte in Capua hat er bereichert / ja nicht nur seinen Freunden / sondern auch seinen Feinden alle Wolthat erzeiget / unter welchen nicht der letzte war Johann Barclai / deß Wilhelmi / welcher gifftig wider ihn geschrieben / leiblicher Bruder. Solchen hohen Tugenden soll ein jeder in seinem Stande nachahmen und wann er Reich ist reichlich / wann er Arm ist / das wenige geben mit gutem Hertzen.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der grosse Schau-Platz Lust- und Lehrreicher Geschichte, 2 Bde, Frankfurt a.M. und Hamburg 1664, S. CCXCVI296-CCC300.
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