(XCIII.)
Der betrogene Handelsdiener.

[335] Der kluge Lehrdichter Boccalini sagt unter andern / daß die Treue in Parnasso keine Herberge finden könne / endlich aber ihren Auffenthalt genommen bey deß Acteonis Hunden / die sie gerne neben sich erdultet / etc. Hiemit will er andeuten / daß die Hunde / in ihrem Geschlechte dem Menschen getreuer als die Menschen untereinander selbsten / daß diesem also / bezeugt die tägliche Erfahrung / und unter vielen auch nachgesetztes Exempel.

2. Zu Insprück pflegten zween Kauffherren miteinander gute / wiewohl gewinnsichtiger Freundschafft. Einen wollen wir Rudag / den andern Vital nennen. Ihre Handelschafft war mit Gewürtzen und Specereyen / auß Italien / und lebten diese beede in mehr als Brüderlicher Einigkeit in einem Hauß / sie zehrten auß einem Beutel / sie hatten einen Kram / und beede einige Weiber / die sich (welches selten ist) wol mit einander vertragen konten. Diese Einigkeit hat ihnen auch einen Segen nach dem andern gebracht / nach dem Sprichwort: Fried ernehret / Unfried verzehret. Auß beeden Ehen hatten sie keine Kinder in dem Leben / als Rudag einen Sohn genannt Arcidal / und Vital eine Tochter Hermelina geheisen. Rudag wurde nach etlichen Jahren ein betrübter[335] Wittiber / und wolte ja nicht zu anderer Ehe schreitten / sondern seinem Sohn das Gütlein beysammen lassen / und ihn mit Hermelina verheuraten / welches auch Vitals Gedancken waren. Ob nun wol diese beede von Kindsbeinen neben einander erzogen worden / hat sich doch eine grosse Abneigung Zwist und Streit zwischen ihnen gefunden; massen die Liebe eine Tochter deß freyen Willens / und eine Feindin alles Zwangs und frembder Benöthigung ist / wie vor gedacht worden.

3. Rudag lässet seinen Sohn in die Lateinische Schul gehen / weil solche Sprache / gleich dem Zucker / der niemals keine Suppe Verderbt; ich will sagen / allen und jeden wohl anstehet und dienet. Arcidal war von Natur Ehrgeitzig / sahe die Juristen auf hohen Pferden reiten / und gedacht durch seines Vatters Geld und eignen Fleiß hoch anzukommen / und fande auch seinen Vatern darzu gewogen wie auch Vital / der verhoffte seine Tochter also wol anzubringen.

4. Sie hatten in ihrer Handlung einen Diener / welchen wir mit dem Nahmen Remas wollen bemercken / ein schlechter Gesell von Ankunfft / der durch seine Treu und Arbeit sein Auffnehmen bey dieser Handlung zu haben verhoffte / und weil er ihren Nutzen wol geschaffet / und ihnen nothwendig ware / wurde er in dem Hauß als ein Kind gehalten. Es fůgte sich daß Cornelia deß Vitals Schwester ihren Mann verleuert / der zu seinen Lebszeiten so wol gessen / daß er nach seinem Todt nichts übrig gelassen / als Poliniam ein Tochter / deren Heurathssteure ihre sondere Schönheit war. In dieser doppelten Noth fliehet Cornelia ihrem Bruder Vital / der sie zu sich in das Hauß nimmet / unwissend was Unheil seinem Freunde darauß erfolgen würde; massen Arcidal die Poliniam ersehen und zugleich wegen ihrer übertrefflichen Schönheit / deren Hermilina weit weichen müssen / geliebet / und auch sonderlich stets reitzende Gegenneigung gefunden: eines Theils wegen dieses Jünglings Person und tapferer Gestalt.[336]

5. Rudag war ein hefftiger Mann / der seinen Sohn in einer mehr als vätterlichen Furcht hielte: daß er deßwegen billiges Bedencken getragen seine Liebe zu offenbaren / weil er wol höret / was mit ihme und Hermelina in dem Wercke: Anderseits hatte er von Polinia nichts liebes zu hoffen / als vermittelst ehlicher Verbündniß / und wuste diese listige Dirne wohl / daß der Weg der Wollust / sonder diesen Stab / gefährlich und verführlich: Vital aber hatte / auf gut befinden Rudas die Poliniam mit ihrem getreuen Handelsdiener zu verheuraten in willens / und achtete ihme solches Remas für eine übergrosse Ehre / mit seinem Herrn sich solcher massen zu befreunden. Polinia aber will sich darzu keines wegs verstehen / mit dem Vorwand / daß sie sich nicht zu heurathen gedächte (weil sie nemlich bereit mit Arcidal heimlich verlobt) und auf eine solche Karten / die Freude ihres Lebens nicht wagen und verspielen wolte.

6. Nach dem nun Arcilas lange Zeit auf Verhinderung dieser Ehestifftung gedacht / ersinnet er eine List / welche nit länger dauren konte / als der Weiber Schmincke. Er fügte sich nemlich zu Remas / bekennet ihm die heimliche Verlöbniß mit Polinia / und bittet ihn / die Sache zu verzögern; im Ende aber sie krafft eines Schrifftlichen Gewalts / welchen er ihme unter seiner Hand und Pitschaft einhändigen wolte zu nemen. Vermittelst der Geschencke und Versprechen lässet sich endlich Remas bereden / und sonderlich / weil ihme solcher Gestalt Hermelina bescheret seyn würde / die ihn auch nit wenige Gunstzeichen sehen lassen. Dieses alles nun hette nit erstbesagter masse werkstellig gemachet werden können / ohne Rath und That der Cornelia / die vermeinet ihrer Tochter also einen reichen Mann / und den armen zu einem Ehren Hüter zu haben.

7. Nach dem nun Remas Hochzeit scheinbarlich vollzogen / suchte Arcidal einen Aufschub nach dem andern / und wolte zuvor ein Ambt haben / und hernach ein Weib nehmen / etc. Nicht weniger Hinderung hatte auch Hermelina / weil sie Arcidal wie gesagt sehr abgünstig war / und hingegen Theodor[337] einen andern liebte. Nach deme nun die Eltern ihrer Kinder Gehorsam inständig erheischen / brechen sie zugleich / jedoch absonderlich herauß / dz sie zwar einander / als Brüder und Schwester / aber nicht als Mann und Weib lieben wolten noch könten. Zuvor aber hatte Arcidal Hermelinam seine Ehe mit Polinia geoffenbaret / und sie verleiten wollen / sie solt gleichfals Remas freyen / welcher sie sehr liebte / und nicht so kühn ihr sein Gemüth zu eröffnen. Setzte auch darzu / daß solcher Gestalt das Gütlein und die gantze Handlung / nach ihrer Eltern Todt in unverrucktem Wolstande und gesamten Handen bleiben köndte.

8. Hermelina war eine verzagte Weibsperson / und bereit mit Theodor verhängt / daß sie Bedenck zeit der Sache nach zu sinnen nimmt / sich aber zu dem Handel nit abgeneigt vernehmen lässet. In deme nun Theodor / welcher eines Burgermeisters Sohn war / mit ihr zu reden kommet / erzehlet Hermelina / was sie von Arcidal Heurat mit Polinia gehöret hatte / und wurde von Theodor zu verachtung ihres Dieners und Knechts beredet / welcher auch bereit / wiewol trüglicher Weise verehlichet; Ermahnet sie hingegen beständig zu verbleiben in der Liebe / welcher sie ihn biß anhero gewürdiget: Beschwetzet endlich Hermelinam dahin / daß sie in beyseyn seiner Mutter mit ihme eine Winckel Ehe schleisst vollziehet.

9. Die Vätter / Rudag und Vital wollen ihre Kinder endlich zusammen nöthigen; und weil sich Arcidal widersetzte / wird er von seinem Vatter mit Schlägen zu dem Ja-Wort gezwungen. Er sagt zu Hermelina / er wolle ihme von Remas widerumb Gewalt lassen aufftragen / und sie ihme in seinem Nahmen trauen lassen; Hermelina aber bekennet ihm / wie sie Theodor genommen / und das er sich solchen Gewalt außzuhändigen / nicht verstehen wolte. Endlich aber lässet Theodor den gantzen Handel Vital seinem Schwer-Vatter entdecken / und ist nicht zu schreiben / mit was Widerwillen diese Alten ihrer Kinder Boßheit vernommen. Sie wolten von der Obrigkeit bitten / daß man diese Ehen für unbindig und nichtig erkennen solte. Was Unehre aber hätten sie[338] ihren Kindern zugezogen? Sie wolten sie beede enterben? Weme aber die Güter hinter lassen?

10. den Diener Remas / welcher zu diesem Betrug geholffen / jagten sie alsobald auß dem Hause / und muste er die meinste Schuld tragen / weil er abwesend / nachmals aber nach seiner widerkunfft gar in verhafft genommen worden / vorhabens ihn als einen falschen Lügner unnd Kirchen-Rauber / der die Ehe dem Priester abgestohlen / zu zůchtigen. Also ergehet es / wann man dem Raht der jungen folget wie Rehabeam. Cornelia war nit minder sträflich / aber doch hatte sie so viel Verstand / daß sie ihren Gegenschwehr besänfftigen können / und die Ursachen auff sie geschoben / in deme sie ihre Kinder Neigung und von Gott verliehenen freyen Willen wider Gottes Willen und Schickung gewältigen wollen / etc.

11. Endlich mussten sich diese Alten zu frieden geben / und Rudag Polinam für seine Schnur / Vital Theodor für seinen Tochtermann annehmen. Damit aber Remas auch auß dem Gefängniß käme / weil er sich vielmehr betrügen lassen / als betrogen / hat ihn Cornelia / als eine Person / die ihrem Alter und Stande gemässer / als Polinia / geheurat / und ist er dardurch widerum in seinen alten Dienst gesetzet worden / hat auch nicht mit minderer Treue also zuvor / der Handlung abgewartet und vorgestanden.

12. Hierauß fleusst die Lehre / daß die Eltern ihre Kinder wider ihren willen nicht zusammen nöthigen sollen / wie man das Vieh zusammen wirfst / oder die Leibeigenen / nach belieben / kuppelt / sondern ihnen rahten und helffen. Wann sie aber befinden / daß sich die Gemüther nicht zusammen tragen / so ist zu fürchten / es folge keine gute Ehe / oder eine andere Ungelegenheit. Ist sonsten genöthigter Eyd Gott leid / so ist gewißlich auch solche ehliche Trauung / als ein Eyd der für Gott und seiner Gemeine geleistet wird nit angenehm: wann sonderlich die Personen gleiches Stands / Alters / Ehrlichen Herkommens / daß man keine redliche Ursache hat / sie an ihrer Ehlichen Liebsneigung zu hindern.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der grosse Schau-Platz Lust- und Lehrreicher Geschichte, 2 Bde, Frankfurt a.M. und Hamburg 1664, S. CCCXXXV335-CCCXXXIX339.
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