(CLXXVI.)
Der Gesandten List.

[286] Es wurde ein Abgesandter einer Unwarheit beschuldiget / und weil er überzeugt war / sagte er diese Gleichniß: Wie der weise König Salomon befohlen / man soll das Kind / welches wegen die zwey Weiber bey ihm klagbar worden / zertheilen / hat er solches zu dem Ende gesagt / daß er die Warheit erforschen wollen / und weit ein anders in dem Hertzen / als in dem Munde gehabt: Also muß ein Gesandter sein unschuldiges und einfältiges Vatterland zu retten / solche Weißheit Salomonis gebrauchen / die Warheit zu erforschen / und hernach kan er seine Wort wol wider zurucke nehmen. Etliche beschreiben einen Gesandten / daß er sey eine ansehliche / verständige und beredte Person abgeordnet / für seines Vatterlands Wolfahrt zu lügen / etc.

2. Fernand Mendoza ein Spanischer Gesandter in Engeland / wurde von dem König Jacobo einsten erfordert / und ihm verweißlich aufgerucket / daß seine Gesandte nach Brüssel beruffen / wegen der Pfältzischen Sachen Unterhandlung zu pflegen / unverrichter Sachen aber und unangehöret wieder zurucke gekommen / etc. der Gesandte sagte darauf / er habe die Schnuppen oder Strauchen. Der König fragte: ob solche die Rede hindere? darauf erzehlte er folgende Fabel oder Lehrgedicht. Der Löw forderte zu sich das Schaaf / und fragte / ob er einen übelriechenden Odem habe? Das Schaf sagte ja / unnd wurde wegen der Warheit zerrissen unnd gefressen. Der Wolff antwortete / auf besagte Frage daß zwar sein Odem etwas wenigs übel rieche / aber nicht so viel wie die Thiere sagten: Wegen der Heucheley wurde er auch zerrissen. Nach diesem fragte der Löw auch den Fuxen / welcher gesehen / wie es den beeden ergangen. Dieser antwortete / daß er die Schnuppen habe / und nicht riechen könne. Also sagte er /[287] hab ich auch den Schnuppen / und kan noch meinen König entschuldigen / noch E.M. wegen solches Verlauffs recht sprechen / sondern ich hab die Schnuppen / dieses gefiele dem König / daß er seines gefasten Zorns vergessen / und ist als eine Kunst zu rechter Zeit schweigen.

3. A.R. ein Königlicher Gesandter wurde von etlichen Städtischen Gesandten Willkomm geheissen / und weil er vermeinte / daß es seinen König versprechlich / wann er mit entblöstem Haubt sie anhören solte / jedoch auch nit so unhöflich seyn wollen / und sich mit bedeckten Haubt ansprechen lassen / hat er den Mittelweg ergriffen / und den Hut in der Kammer gelassen / daß er sie also angehöret / als ob er wegen ihrer nicht abgezogen / und wegen seines Königs nicht aufgesetzet.

4. Ein Gesandter von N. hat sich angestellet / als ob er von Jugend auf keinen Wein getruncken / und hat allezeit in gesottnen Wasser Bescheid gethan; als sich nun andre bezechet / ist er nüchtern geblieben / und sich verwundert / daß die Adler (verständige Männer) über einen Weinberg geflogen / und in Kraniche (welche nichts als schreyen können) verwandelt worden. Dieses beschahe bey einem Fürsten / dessen Gnad mit Bescheid thun zu erkauffen.

5. Es kamen auf eine Zeit vornehme Gesandte gen Cassel in Hessen: Als sie nun der Landgraf in beywesen seiner Rähte zur Verhör kommen liesse / die Gesandte aber erstaunten und erstummen / sprach Simon Bieg / einer von den Räthen: Gnädiger Herr ich rieche Feuer. Als nun der Landgraf und seine Leute auß dem Gemach geloffen / sagte er zu den Fürsten: Ihr Fürstliche Gnaden wollen nit erschrecken / sondern nur ein wenig gedulten / biß sich diese gute Leute wieder erholet haben: welches auch geschehen / und haben die Gesandten hernach einen Vortrag gethan / daß sich jederman darüber verwundert.

6. Als der König in Hispanien / der II. deß Namens das Königreich Portugal unter sich bringen wollen / hat er ein grosses Heer geworben unter den Hertzog von Alva / nicht mit Gewalt dasselbe einzunehmen / sondern sich nur wegen solches fürchten zu machen / damit seine[288] Freundlichkeit und Mildigkeit Gnade finden müste. Zu diesem Ende schickte er den Hertzog von Ossuna / und Herr Christoph von Mora in Portugall / mit den grossen Herren zu handlen / ihnen seinen rechtlichen Zuspruch zu weisen / und sie mit guldnen versprechen zu bewegen / daß sie sich unter seine Regierung begeben und ihm die festen Plätze deß Landes einraumen solten. Diese Abgesandte haben solchen Befehl meisterlich außgerichtet / und in gar kurtzer Zeit das gantze Königreich / ihrem Herrn unterworffen / mehr versprochen / als sie ihren Herrn zu halten geraten. Nachdeme nun der König selbsten zu Lisboa gewohnet / und sich Portugesisch gekleidet / dardurch die Neigung dieses Volcks meistentheils gewonnen / sind die Grossen deß Landes gekommen / und haben sich / wegen versprochener Gnaden angemeldet. Der König hatte die ermeldten Abgesandten von sich geschicket / und von ihnen zuvor folgenden Rahts sich erholet.

7. So viel ihrer grosse Dienste und Beschenckungen erheischt / hat er an den Gewissensraht gewiesen / und sich ihres Verdienstes gantz unwissend gemachet. Sie wurden aber abgeredter massen / also abgefertiget / daß sie für eine Genade halten müsten / daß man die vermeinte Dienst- und Wolthat nit mit Ernst abgestraffet: In dem man ihme zu verstehen gegeben / daß sie diesem ihren rechten Herrn sich nit widersetzen können / ohne sträfliche Ungehorsam; wann sie aber vermeinet / daß der Antonio ihr rechter Herr / so hätten sie als Abtrünnige / Eid- und Pflichtvergessene Leute ihren natürlichen Herrn schändlich verkauft / und also wiederum sträflich gehandelt; doch wollte ihr allergnädigster König / seine Regierung nit mit Blutstürtzen anfangen: und ihnen auß angeborner Milde verzeihen. Sind also mit leeren Händen abgezogen / und wolte niemand von der Gesandten Versprechen wissen.

8. Die alte Hertzogin von Braganza hat erstbesagter König durch den Hertzog de la Cerda, einen Herrn auß Königlichen Geblüt geboren / besuchen lassen / der ihr den Titel Durchl. nit gegeben / deßwegen sie ihm auch nit mit der Excellenz / wie gebräuchlich / begegnet / sondern ihre Antwort mit[289] erhabener Stimme angefangen und geendet: Ach Gott / ach mein lieber Gott / etc. lässet mich der König besuchen? Ach getreüer Heiland / gedencket seine Mayestät an mein Person? etc. mit dergleichen hat sie den Gesandten wieder abgefertiget / welcher seinen König hinterbracht / daß er von der Hertzogin gehalten worden / als wann der König unsren Herr Gott hette hingeschicket / da ein andrer / der wegen deß Titels geeiffert / grosses Unheil hette verursachen können.

9. Ein Stättischer Gesandter hatte an einen Ort ein memorial oder Denckzettel eingegeben / und unterschiedlich mahlen um Antwort und Bescheid angehalten / jedesmals aber hören müssen / es seye sein memorial verlegt oder gar verlohren worden / deßwegen er solches Titel mit roter Dinten geschrieben / und auf befragen / warum solches geschehe / geantwortet: daß solches so bald nicht mehr könte verlegt / sondern unter allen andern erkennet werden möchte.

10. Ein Gesandter hat einen andern zu beschimpffen / auf dem Gemachstuel angehöret / und solchen hernach hinweg zu tragen befohlen: der andre aber hielte den Diener mit dem Stuel / und setzte sich auch darauf / den empfahenen Schimpf zu rächen.

11. Ein Gesandter hatte alles sein Vermögen verzehret / und als er / wegen seines Verdienstes / zu der Gesandschafft gebraucht werden solte / muste er schweren / seines Herrn Sachen so fleissig und treulich vorzustehen / als seinen eigenen; nachdem er aber den Fürsten in grosse Schulden gesetzet / und viel durchgebracht / sagte er / daß solches seinen Pflichten gemäß / weil er dem Seinigen auch also vorgestanden.

12. Ein Schweitzerischer Gesandter war über der Tafel bey dem Abbt zu S. Galle / und als ihn der Abbt fragte / wie es seinem Weib und Kindern gienge? ob sie wol auf? wie viel derselben? etc. vermeinte der Gesandte / er müste deßgleichen thun / und fragte den H. Abbt wieder wie sich seine Haußfrau befände? wie groß sein ältster Sohn? Hierüber wurde der Abbt schamrot.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der grosse Schau-Platz Lust- und Lehrreicher Geschichte, 2 Bde, Frankfurt a.M. und Hamburg 1664, S. 286-290.
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