4. Vrtheil von vorgesetzten Schreiben.

[371] Insonders günstiger Herr.

Was derselbe jüngsthin an N. gelangen lassen / zu Lob der Unwarheit / hat er mir / vermög unser Freundschafft zu lesen mitgetheilet / und habe ich fast nie keine so böse Sache besser verfechten hören / bin deßwegen gewillt meine Meinung / auf begehren / darvon zu stellen / und euch eines bessern zu berichten. Es ist zu wissen / daß unter dem Lügen / eine Lügensagen und die Warheit verschweigen / ein grosser Unterscheid. Lügen ist wann der Krämer zu seinem Nutzen / andre zu betrügen / einem eine schlimme Waar / für eine gute eingeschwetzet / und ist solches eine grosse Sünde. Wann man aber die Unwarheit saget / andern das Leben zu retten / wie dorten die Egyptischen Hebammen / bey Pharao gethan / und Gott ihnen (es seye von den Kindern oder Ammen zu verstehen) Häuser gebauet / scheinet es noch verantwortlicher. Also kan ein Artzt den Krancken / und ein Mutter ihrem Kind wol was fürschwetzen / wann es gleich sich nit also verhält und zu seinen Nutzen dienet. Die Lügen sagen / ist / wann ich unrecht berichtet worden / die Sache aus Irrthum nit recht verstanden / und sage es nach / da es doch erdichtet oder nicht befindlich. Die Warheit verschweigen / wan man auch deßwegen befragt wird / kan mit gutem Gewissen geschehen / wann sonderlich solche deß Königs oder Oberherrschafft Geheimnisse betrifft / wie dorten Tobias sagt / oder daß man deßwegen nicht gefraget wird.

Hierauß ist nun leichtlich zu schliessen / daß die Lügen / welche zu deß Nächsten Nachteil gelanget (dann sonsten solche[371] diesen Namen nit haben kan /) eine Sünde gegen Gott und gegen die Menschen: Gegen Gott / in dem ein solcher Lügner vermeint / Gott der aller Warheit Vater ist / kenne die Boßheit seines Hertzens nit / oder werde sie noch über kurtz oder lang bestraffen / welches sehr ruchlose Gedancken. Gegen die Menschen aber erweiset sich in der Lügen eine Furcht / Zagheit / und gedencket man den Neben Christen zu verleumden / oder sonst zu gefähren. Es muß auch eine solche Lügen ein grösseres Verbrechen seyn / als etwann Scheltwort welchen man wider Scheltwort entgegen setzet / auf eine Lügen aber gehört ein Maulschelle / nach dem alten Sprichwort / weil nemlich der Mund / welcher gesündiget / auch billich gestrafft wird / ob gleich solche Wort mehrmals von Unwissenheit / und nit von Boßheit herrühren. Der Teuffel ist der Vatter Lügen / und hat unsern ersten Eltern die Unwarheit vorgeschwätzt / wer nun sein Jünger ist / der wird billich von jederman verhasset.

Hierauß wird genugsam zu ersehen seyn / daß keine Lůgen zu sagen / und zu dergleichen schändlichen Beschmützung nit still zu schweigen / sondern mit allen Ernst in guten zu verantworten / wann man dergleichen beschuldiget wird. Verbleibe etc.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der grosse Schau-Platz Lust- und Lehrreicher Geschichte, 2 Bde, Frankfurt a.M. und Hamburg 1664, S. 371-372.
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