(CI.)
Das löbliche Almosen.

Viererley Sachen sind in dieser Welt / welche der Mensch eigenthumlich sein nennen kan.

I. Die Güter des Verstandes / als Tugend und Wissenschafft / welche nach erlittenem Schiffbruch unvernachtheilt / mit uns an das Uffer schwimmen / und uns nicht verlassen biß in den Todt.

II. Die Güter der Seelen / welcher wir in diesem Leben / durch ein gutes Gewissen zu besitzen anfangen / in jenem ewigen Leben aber völlig habhafft werden sollen. Hiervon sag unser Erlöser / Luc. 16.12. So ihr mit dem ungerechten Mammon nicht trew seyd / wer wil euch das warhafftige vertrawen, und so ihr den frembden (Gůtern die nicht euer eygen seynd) nicht treu seyd / wer wil euch geben (oder vertrauen) das jenige / das euer ist? Verstehe die himmlische Seelen-Güter / darzu ihr von GOtt erschaffen.

III. Ist unser die Zeit / welcher Verlust wir nicht wieder ersetzen können / und ob zwar solches Gut sehr schätzbar / so ist doch von uns nichts unwerther geachtet / in dem wir solche mit nichts thun / übel thun / und frembder Händel Verrichtung / unbedachtsam verlieren. Deßwegen jener Kirchenlehrer fragt: Wie wol der reiche Mann würde seine Zeit anwenden / wann er der Höllen Straffe erlassen / wieder auff Welt leben solte?[1]

Es ist auch IV. unser / was wir aus Christlichem Hertzen den Armen mittheilen / dann uns zu solchem Ende Gelt und Gut gegeben / nicht / daß wir damit brassen und prangen sollen / oder unser Vertrawen darauff setzen / sondern daß wir Christo in seinen Gliedern darmit dienen und helffen sollen. Hiervon sagt Syrach am 17.18. Gott behält die Wolthat deß Menschen (in frischer Gedächtnis / sie mit der Zeit zu belohnen) wie einen Sigelring (den man am Finger träget / und stäts für Augen hat.) Die Hand des Armen ist Gottes Schatzkasten / wer sein Gelt darein leget / der bewahret es wol. Weil wir nun den Ersten Theil unsers Schauplatzes / mit dieser Christlöblichen Freygebigkeit außgeschlossen / wollen wir zu dem Eingang dieses andren Hunderts / dergleichen löbliches Almosen auch auff der Schwelle weisen.

3. Ein reicher Kauffmann ruffet in der Offenbahrung Johannis dem / der vorüber gehet / also zu / Ich rathe dir / daß du Gold von mir kauffest / das mit Feuer durchleutert ist / daß du reich werdest / und weisse Kleider tragest / daß nicht offenbahret werde die Schande deiner Blösse. Wie dieses Gold und die weisse Kleider durch Wolthätigkeit gegen die Armen zu erkauffen / hat sonderlich verstanden / der hochgelehrte und fromme Cardinal Robert Bellarmin / dessen treuhertzige Mildigkeit gegen die Armen / in einem kleinen Italiänischen Büchlein / von seinem Leben gerühmet / und auch dieses Orts vermeldet werden soll.

4. Wie er den abgekommenen und verarmten Geschlechtern zu Capua wieder auffgeholffen / ist zuvor vermeldet worden / und sind dergleichen viel heimlich Arme aller Orten / die der leidige Krieg in grosse Dürfftigkeit gesetzet / und so viel ärmer zu achten / weil sie der Arbeit nicht gewohnet / auch kein Handwerck erlernet haben. So viel nun derselben gefunden werden / so wenig sind hingegen anzutreffen / welche dergleichen Frey- und Wolthätigkeit zu erweisen pflegen / und heist es nach dem gemeinen Sprichwort: Der Geber ist gestorben / der Schencker ist verdorben / etc.[2]

5. Vorbesagter Cardinal / hat nie keinen Armen leer lassen von sich gehen: für seiner Thür hat er stündlich lassen Brot außtheilen / und sich der Armen Gegenwart erfreuet / sie freündlich gegrüsset / sie angehöret / ihre Bittschrifften angenommen / unnd ihnen sast über Vermögen von seinem Haab mitgetheilet. Als nun seine Diener auff eine Zeit etliche Bettler zurücke weisen wollen / hat er sie abgemahnet / und zu sich beruffen / sagend: Es bedunckt mich / ich sehe den Herrn Christum in dem Fleisch / wann ich einen Armen sehe. Als er auff eine Zeit einen neuen Diener angenommen / der einen unverschämten Bettler / so sich zu dem Cardinal getrungen / zu Boden gestossen: hat er ihm hart darum zugeredet / dem Gefallenen auffgeholffen / und reichlich beschencket.

6. Den dritten Theil seiner Einkunfften hat er jährlich den Armen außgetheilet / er ist in der Armen Häuser herum gegangen / er hat die Krancken und Gefangenen in den Spitälen und Kärckern besuchet / ihnen durch die dritte Hand Unterhalt verschaffet / damit sie ihm nicht dancken solten / daß er wol mit dem Apostel hätte sagen können: Wer ist schwach / und ich werde nicht schwach / wer wird geärgert / und ich brenne nicht / etc. 1. Cor. 11.29. In diesem hat dieser Cardinal / dem alten frommen Bischoff rühmlich nachgefolget / welchen deßwegen so viel Land und Leute anvertrauet worden / daß sie Mittel solten haben / die Armen / Kirchen und Schulen zu unterhalten. Wie es heut zu Tage beschiehet / und was Glück bey den mißbrauchten Kirchen-Gütern / erzeigt die Erfahrung.

7. Wolermeldter Cardinal hatte einen Sonnenzeiger an seinem Hause / weil nun das Eisen von dem Winde unnd der langen Zeit ledig worden / hat ihn der Cardinal wieder machen / und die Uhr wieder vernewren lassen wollen: weil aber der Mahler und Schlosser zwo Silber Kronen gefordert / hat er gesagt / daß er solches Geld besser anlegen / und den Armen geben wolte / weil dieses gar keine nöthige Sache. Hat also in seinem[3] Hauß gesparet / was er dem Dürfftigen freygebig zugeworffen.

8. Auff eine Zeit hatte er eine Geschwulst in dem rechten Schenckel / deßwegen ihme die Aertzte gerathen / er solte einen weiten Strumpff anziehen: solchem zu folge / hat er befohlen / man solte einen von seinen ledern Strümpffen weiter machen / und ein Stück darein setzen. Der Kammer-Diener sagt / daß diese Strümpff des flickens nicht werth / und daß er solche bereit 18. Jahr gebraucht. In dem nun der Cardinal / auff seinem Befehl beharret / bringt ihm ein Jüngling einen Bettel-Brieff / und giebt vor / daß seine Mutter unter Wegs erkranckt / und bittet umb ein Almosen. Ob nun wol alle Umstehende dieses für einen Betrug gehalten / hat ihme doch der Cardinal zween Ducaten verehret / fůr sich aber nicht zehen oder zwanzig Kreutzer auffwenden wollen.

9. Einen gantzen Winter hat der Cardinal kein Feuer in seinem Zimmer anzünden lassen / und so viel das Holtz gekostet / hat er Almosen gegeben. Von seinem Tisch hat er die Speise / welche niemals stattlich gewesen / mit den Pilgerleuten und Armen getheilet / wann er Krüppel oder Lahme auff der Gassen liegen sehen / hat er sie in seiner Kutschen in den Spital führen lassen / ja sie zu Zeiten / zu sich in eine Senfften genommen / und in seinem Pallast versorget.

10. Auff eine Zeit hat ihn ein Armer umb 12. Kronen angesprochen; weil er nun so viel nicht bey sich hatte / hat er den Ring von dem Finger abgezogen / und gesagt / er solte solchen verpfänden / er wolte ihn wieder lösen. Einem andern hat er sein silbernes Dintenfäßlein geschenckt. Zu letzt hat er auch nur mit einem Pferde gefahren / das andere verkauffen / und was erlöste Gelt unter die Armen außtheilen wollen sagend: Wer gegen die Armen freygebig ist / gegen dem ist Gott noch viel freygebiger. Es ist aber dieser Cardinal nicht auff seine gute Wercke gestorben / sondern gut Evangelisch / auff das Verdienst Christi / wie in vor angezogenem Büchlein Iacobi Fuligatti gemeldet wird.[4]

11. Die Papisten beschuldigen uns / daß wir Evangelische nichts auff das Almosen halten / weil ihrer viel den Armen wenig / die meisten gar nichts geben / und ist nicht an / daß wir hierinnen ins gemein / lässig sind; lehren aber nicht / daß solches recht und wol gethan sey. Dann gleich wie der Glaubige Gott vertraut / und wol weiß / daß es ihme nicht manglen wird; also setzet der Geitzige sein Vertrauen auff seinen Schatz / der ihm sein Hertz gestohlen / und hoffet / es soll ihn der Mammon ernehren wann etwann unser Herr Gott sterben möchte. Also hat einen solchen ruchlosen Wahn gehabt Nicolaus Machiavel / der gesagt hat / man soll den Armen nicht geben / weil man dardurch ihr elendes Leben verlängere. Etliche halten die Betler ins gemein für lose Gesellen / die des Almosens unwürdig / wann aber Gott ihnen nichts geben solte / als was sie verdienen / so solten sie noch viel dürfftiger und ärmer werden.

12. Das Almosen und die Liebe des Nächsten ist eine Prob deß seeligmachenden Glaubens / und ist es den Reichen gebotten / daß sie als getrewe Haußhalter den Armen / das übrige nicht vorenthalten sollen. Also sagt Syrach 4.8.10. Höre den Armen gern / und antworte ihm freundlich und sanfft. Halte dich gegen die Waisen wie ein Vatter / und gegen ihre Mutter wie ein Haußherr / so wirst du seyn wie ein Sohn deß Allerhöchsten. Liebes Kind / sagt er in eben diesem Capitel / laß den Armen nicht Noth leiden / und sey nit hart gegen dem Dürfftig / verachte den Hungerigen nicht / und betrübe den Dürfftigen nicht in seiner Armuth / etc.

Ja wann uns nichts zu solcher Mildigkeit vermögen solte / so wäre genug die grosse Widergeltung / welche uns Christus versprochen am Jüngsten Tag / da er auch einen kalten Trunck Wassers / den wir umsonst haben / und wol umbsonst geben können / nit unbelohnet lassen wird. Matt. 24.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der grosse Schau-Platz Lust- und Lehrreicher Geschichte, 2 Bde, Frankfurt a.M. und Hamburg 1664, S. 1-5.
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