(CII.)
Joh. Arnds Paradiß-Gärtlein.

[5] Es werden viererley Wunderwerck gezehlet. I. Würcket Gott Wunderthaten / ohne zuthun natürlicher Affterursachen / als da ist die Aufferweckung der Todten / die Versetzung der Berge / die Stillstehung und zurück Weichung der Sonnen. II. Wann Gott natürliche Würckungen übernatürlich außrichtet / als da ist die Heilung der Krancken / die Verdorrung des Feigenbaums / welches wol ohne Wunder geschehen könte / aber nicht zu so geschwinder Zeit / und urplötzlich. III. Wann Gott den natůrlichen Mitteln übernatürliche Krafft gibt / als da ist die Heilung deß außsätzigen Nahamans / die Süßmachung der Wasser in der Wüsten. IV. Wann Gott die natürliche Mittel zu einem solchen Ende gebrauchet und verordnet / welche darzu dienlich / aber nit gebrauchet werden / ohne seinen Befehl / als das Pflaster von Feigen / welches die Geschwer zu zeitigen pfleget / Hiskia auffgelegt. Die Löwen so die Samaritanischen Knaben gefressen / die Schlangen / welche die Ebreer gebissen. Unter welche Zahl nachgesetztes Wunder gehöret / wollen wir dem Leser zu beurtheilen ůberlassen.

2. Im Jahr 1624. zu Zeit der Eroberung der untern Pfaltz / als Friedberg / Braunfels / Gelnhausen / etc. mit Spanischem Volck besetzt worden / ist Zacharias von Brechen / ein Päpstischer Leutenant nach Langen Gönß zu herbergen (oder wie man zu reden pfleget / zu quartiren) kommen. Dieser war ein Eiferer in seiner Religion / aber mit Unverstand / wie Paulus redet / zum Röm. 10.2. daß er auch nicht wollen geschehen lassen / daß einer von seinen Soldaten in eine Evangelische Predigt gienge.

3. Der Pfarrer zu Langen Göns. M. Justus Gelfuß benamt / ist eben damals über Feld gewesen in seinen Ampts-Geschäfften. Als nun die Soldaten auch das Pfarrhaus heimgesucht / name der Trompeter Johann Arnds Paradiß-Gärtlein / 1621. zu Jehna bey Johann Betthmann gedruckt / und in schwartzes Leder gebunden / mit sich in das Wirtshauß /[6] für die lange weil darinnen zu lesen. Also muß der Soldaten Gottesfurcht eine Kurtzweil seyn. Der Leutenant ersihet den 7. Jener besagten Jahrs / daß sein Trompeter in dem Betbuch lieset / reisset ihm deßwegen das Buch aus den Händen / und eylet der Küchen zu; der Trompeter folget ihme auff dem Fusse nach / und bittet umb sein Buch.

4. Die Wirtin hatte das Feuer in dem Ofen geschüret / daß er liechter Lohe brennete / und weil sie den Leutenant sahe auff den Ofen zu gehen / vermeinte sie / daß ihnen in der Stuben zu warm / und möchte sie ob dem Einheitzen schelten / gienge deßwegen auß der Küchen. Der Leutenant wirffte besagtes Büchlein in das Feüer / und gehet darvon / sagend zu dem Trompeter / nun wird es zu Aschen / so kanst du es wiedersuchen / und darinnen lesen. Der Trompeter betraurte sein Büchlein / daß es die Wirtin hörte / und beklagte / daß der Leutenant / solcher Gestalt Gottes Wort / auß welchem dieses Büchlein gezogen / zu dämpfen begehrte.

5. Dies Leutenant hatte zwo Töchter / deren die eine die Geistliche Bücher verachtete / sagend / daß dieses das sechste / so ihr Vatter verbrennet hätte. Uber etliche Stunde wil die Wirtin den Soldaten zwey Hüner an dem Spisse braten / und in deme sie die Kalen auß dem Ofen nimmet / bringet sie zugleich das Büchlein mit herauß / welches / wie sie vermeint / längst verbrannt / und zu Aschen worden / daß es zerfallen werde / wann man es betasten würde.

6. Als sie es aber genauer betrachtet / findet sie / daß es an dem Leder / Blättern und Bändern gantz unversehret / und sagt darauff mit Freuden zu ihrer Tochter: Lieben Kinder / schaut / wie Gott die drey Männer in dem Feuerofen erhalten also hat er auch dieses Büchlein in der Glut nicht verbrennen lassen; So last uns nun bey dem Wort GOTTES auch beständig verbleiben / etc. Beschleußt auch bey ihr dieses Büchlein zu beharrlichem Andencken auffzubehalten / und täglich zugebrauchen.

Als dieses der Trompeter verstanden / hat er gesagt /[7] es seye unmöglich / daß das Büchlein nicht solte verbrannt seyn / dann es der Leutenant vor anderhalb Stunden in die heisse Flammen geworffen. Nach dem es aber die Wirtin vorgewiesen / hat er bekennet / daß Gott ein Wunder gethan / und keine natürliche Ursachen solches in dem Feuer erhalten können. Dieses Büchlein ist zu Butzbach in der Fürstlichen Bibliotheca oder Bücherschrein noch zu sehen. Der Leutenant ist hernach zu Cölln an einer hitzigen Kranckheit gantz rasend gestorben. Mercure Francois tom. X. f. 309.

7. Mit diesem schönen Büchlein hat sich fast dergleichen auch in Schlesien zugetragen / 1645. den 25. Weinmonats zu Creutzendorff / unfern von Lischwitz. Ein Quartiermeister vom tapffern Herrn Obristen Joachim Ernst Görtzki / (der noch lebet / und diesen Verlauff / mit eydlicher Bejahung vielen von seinen Befehlhabern erzehlet) hat seinen Wagen / durch Brand verlohren / in dem das Fewer durch einen Jungen verwarlost worden / und das gantze Hauß / darinnen der Wagen gestanden / eingeäschert. Das Feuer war bey Nachts außkommen / und hatte dermassen überhand genommen / daß alle Rettung zu spat.

8. Folgenden Tags / als der Quartiermeister nach zerschmoltzenem Zinn und Kupffer / welches er auff dem Wagen gehabt / nachsuchte / fande er sein Büchlein / vorbesagtes Paradiß-Gärtlein Johann Arnds gantz unversehrt / wie es zuvor gewesen / daß man auch keinen Brand daran riechen können. Dieses Büchlein hat er einem Leutenant verehrt / der es gegen ein Pferd vertauschet. Solcher Verlauff ist dem gantzen Görtzkischen Regiment / auch vielen Bürgern zu Lischwitz wissend / daß an dieser Begebenheit keines weges zu zweiffeln.

9. Wider die Schrifften Johan Arnds findet auch die Verleumbdung selbsten nichts zu sprechen; ausser daß etliche sagen / er wolle gar zu fromme Leute haben / und können die Menschen nicht Engelrein seyn / etc. Dergleichen hat man fast von Catone gesagt / daß er zu dem Röm. Pövel geredet / wie zu den Bürgern in Platonis[8] Regiment / welches ihm aber vielmehr zu einem Ruhm / als Nachtheil gereichet.

10. Johann Arnds Gottseeligkeit hat sein Leben und sein seeliges End bezeuget. Er ist ein armer Schüler gewesen / und der vornehmste Prediger in dem Lüneburgischen Lande worden: wie ihme dann Gott alle Zeit erwehlet / was vor der Welt veracht gewesen. Seinem Beruff hat er fleissig und eyferigst abgewartet / sehr Geistreiche Schrifften geschrieben / und auß der Heil. Schrifft zusammen gezogen / ist auch von seinem Gn. Fürsten und allen seinen Zuhörern hertzlich geliebet / und nach seinem seeligen Hintritt schmertzlich betrauret worden.

11. Den Abend / an welchem er verschieden / hat er auß dem 143. Psalm gebettet: HERR gehe nicht ins Gericht mit deinem Knechte. Darauff ihm ein anderer Kirchendiener geantwortet: Joh. 5.24. Wer Christi Wort höret / und glaubet dem / der ihn gesandt hat / der hat das ewige Leben / und kommet nicht in das Gericht. Nach diesen Worten ist er ein wenig eingeschlaffen / und als er wieder erwachet / hat er gesagt: Wir sahen seine Herrligkeit / eine Herrligkeit / als deß eingebornen Sohns vom Vatter / voller Gnad und Warheit. Seine Haußfrau hat ihn gefragt / wann er solche Herrligkeit gesehen? hat er geantwortet: jetzt habe ich sie gesehen / Ach welche eine Herrligkeit / die Herrligkeit hat kein Aug gesehen / kein Ohr gehöret / und ist in keines Mensche Hertz kommen. Seine letzte Wort waren: Nun hab ich überwunden.

12. Ist also nicht zu zweiffeln / der gütige Gott habe ein gnädiges Wolgefallen an Johann Arnds Christlichem Leben / seeligen Tod / und Geistreichen Schrifften / wie auß vorhergehenden zweyen merckwürdigen Erzehlungen zu sehen. Gewißlich wird niemand dieses Paradiß-Gärtlein / ohne Hertzens Bewegung und Besserung deß Lebens / oder Stärckung deß Glaubens durchlesen können.


Warumb kan doch nicht verbrennen /

Dieses kleine Paradeiß?[9]

GOTTES Wunder zuerkennen /

Deß Geheiß zu seinem Preiß

1. Mos. 2.10. Macht / daß Edensquellen Flut

Leschet alle Feuers-Glut.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der grosse Schau-Platz Lust- und Lehrreicher Geschichte, 2 Bde, Frankfurt a.M. und Hamburg 1664, S. 5-10.
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