(CLIV.)
Der Türckische Pilgram.

[200] Diese erstermeldete Rähtsel ist von der dritten Art / und bestehet in vergleichen deß Türckischen Lügen Propheten Mahomets / mit einer grossen feurigen Schlange. Der Sonnenbett ist Morgenland / da das Liecht der Welt pfleget aufzugehen / Mahomet wird einer Schlange verglichen / wegen seiner vergifften Klugheit / die den Schlangen beygemessen wird / und solche hat er meisterlich erwiesen in seinem falschen Gesetz Alkoran / oder Koran genamet / in welchem er sich nach den Türcken / Juden und Christen gerichtet / und aus dreyen Religionen eine gemachet / ihnen auch verbotten / sich deßwegen in keine Wort Streit einzulassen. Zum andren wegen seiner Stärcke / dann er schnell / wie die Schlangen zu schiessen pflegen / mit Tyranney und Gewalt grosse Lande berucket / und die Kron deß Käyserthums aufgesetzet / wie dann auch die Schlangen Kronen aus dem Haubte haben. Kein Christlicher Ritter hat diese Mahometer überwinden können.

2. Unter andern aber daß die Türcken auch in ihren Wahn bestärcket / sind die falschen Wunderwercke / welche ihre Priester / Pilgram und vermeinte Heiligen thun / so mit einem Schein grosser Andacht herum ziehen / und durch deß Satans List oder Verblendung unglaubliche Sachen sehen lassen; daß / wann es möglich / auch die Außerwehlten verführet werden sollen / wie von solchen falschen Wundern der letzten Zeit der Warheit Mund und Grund geweissaget.

3. Ein solcher ist gewesen der jenige / von welchem Busbechius, Käyserischer Gesandter an der Ottomanischen Pforten / berichtet / daß er einen langen weissen Mantel angetragen / und einen grossen Bart / wider den andern Türcken Gebrauch gehabt / gleich wie die Mahler die Apostel zu bilden pflegen. Unter diesem Schaffskleid truge er einen Wolffssinn / und wurde von allen Türcken hochgeehret / als ein heiliger Wunder-Mann.[201]

4. Dieser ase an deß Herrn Gesandten Tafel wenig und bescheidentlich / und wurde von den Dolmetschern mit Gesprächen unterhalten. Nach der Mahlzeit gienge er in den Hof / und truge einen grossen Stein hinauff / schluge sich darmit auf die entblöste Brust / so starck / daß kein Ox solches hätte können außhalten. Von den Gaucklern weiß man wol / daß etliche einen Mühlstein auf sich legen / und denselben zerschlagen lassen mit gewissen Vortheil / wie es aber dieser gemache / ist nicht wissend.

5. Nach deme solches geschehen / hat besagter Pilgram ein glüendes Eisen / so sonderlich darzu in der Glut gelegen / mit den Händen angerühret / und in den Mund genommen / und darinnen herum gedrehet / daß der Speichel darvon gegüsset / und es einer brennenden oder angefeurten Kohlen gleich gesehen.

6. Nach solcher Prob hat ihn der Herr Gesandte etliche Ducaten verehret / und wieder ziehen lassen. Seine Diener verwunderten sich über diesen Pilgram / und einer unter ihnen sagte / er wolte wol deßgleichen thun / als dieser Betrüger / und erkühnte sich das Eisen / wo es nicht geglüet / anzufassen / verbrente aber die Hand / daß er viel Tage darmit nicht zugreiffen können / und nach langer Zeit wieder geheilet worden ist.

7. Die andren lachen dieses verbrennten Affen / der gewißlich glauben muste / daß das Feur warm were / unnd fragten ihn ob er noch einmal Luft hette / das warme Eisen zu betasten? Er bedanckte sich aber / sagend / daß das gebrennte Kind das Feur fürchte / und daß der Hund / so in den Kuchen mit warmen Wasser gegossen worden / auch das kalte fürchte und fliehe / etc.

8. Dieser Pilgram / welcher sich einen Mönich bey des Mahomets Grab nente / erzehlte / daß sein Abbt / ein Heiliger / und wegen seiner Wunder berühmter Mann / auf seinen Mantel über den Fluß bey dem Kloster zu fahren pflegte / als ob er in einen Schiffe sätze. Wann sie ein Kalb schlachteten / so liesse sich der Abbt in die Haut oder das Fell nehen / und darinnen in einen Bachofen schieben / biß das Kalbfleisch gebraten /[202] oder gesotten / darnach ziehe man ihn gesund unn unverletzt wieder herauß / damit er seinen Theil auch mit essen könne.

9. Wie nun dieses zugehe / wird dem Satan nicht unwissend seyn Massen die Wunderwercke Christi und seiner Apostel / zu Nutz deß Nächsten / und nicht zu Versuchung Göttlicher Allmacht gedienet / und weiß man wol / daß etliche die Hände mit brennendem Pech waschen / welche sie zuvor gesalbet / und das Pech sie nicht brennen kan / wie hiervon Cardan kan gelesen werden / und wann es natürlicher Weise zugehet / ist ausser Zweiffel / dieser Pilgram habe dergleichen etwas in seinen Mund genommen / daß ihn das Feur auf eine Zeit nicht schaden können.

10. Hieher gehöret was im 5. Buch Mose am 13. vers. 1. 2. 3. gelesen wird: Wann ein Prophet / oder Träumer unter euch aufstehet / und giebt dir ein Zeichen oder Wunder / und das Zeichen kommet / darvon er gesagt hat (als hier dieser zuvor gesagt / ich wil glüend Eisen in den Mund nehmen) und spricht / lasset uns andern Göttern folgen etc. so solt du nicht gehorchen etc. Dann der HErr euer Gott versuchet euch / etc. Ja solches ist ein rechtes Kennzeichen deß Wider-Christs / welches Zukunfft geschicht nach Wůrckung deß Satans / mit allerley Lügenhafftigen Kräfften und Zeichen und Wundern / wie Paulus hiervon redet 2. Thess. 2. vers. 9. Nach der Grundsprach lautet es / mit vielen scheinbaren Wunderwercken / dardurch uns die Augen verblendet werden.

11. Es ist auch nicht alles / was uns wunderlich fürkommet / für ein Wunderwerck außzuschreyen. Also hielten die Indianer für ein Wunder / als sie die Stücke und grossen Geschütze hörten / ja sie vermeinten die Briefe könten reden / und hielten sie zu ihren Ohren; deßwegen Gellius recht gesagt / die Unwissenheit sey eine Mutter der Verwunderung / dann alles was wir sehen und derselben Ursachen[203] nicht wissen / das verwundern wir / wie die Gauckler Händel / niemand aber hält es für Wunderwercke.

12. Zu einem vollkomnen Wunderwercke / werden folgende VII. Stücke er ordert: 1. Muß es übernatürlich seyn 2. Durch Göttliche Kraft geschehen / und nicht aus des Teuffels Krafft / wieder Zauberer Schlangen in Egypten. 3. Dessen Würckung ungezweiffelt am Tage liegen. 4. Zu Gottes Ehre und Stärckung deß Glaubens dienen. 5. Daß das was sonsten mit Verlauff der Zeit geschehen kan / schnell und in einen Augenblick geschehe. Dieses betrifft die zwo letzte Arten der Wunderwercke. 6. Daß solches ohne Schmertzen oder sondre Bemühung geschehe. 7. Daß dz Wund ein vollständiges Werck seye. Wann man nun nach diesen Stücken vorbesagten Pilgrams Wunder probieret / wird sich finden / daß es eine Teuflische Verblendung / und kein Wunderwerk Gottes


Rähtsel.


Ein unbescheidner Gast heischt an mich eine Schuld:

Ich zahl ihn nach und nach / doch hat er nicht Gedult:

Was ich ihm heute zahl / erheischt er morgen wider /

Und übermorgen auch: Raht wer es ist / ihr Brüder?


Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der grosse Schau-Platz Lust- und Lehrreicher Geschichte, 2 Bde, Frankfurt a.M. und Hamburg 1664, S. 200-204.
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