(CLXVI.)
Der betrogene Geitz.

[250] Dieses ist die Beschreibung einer Syrena / oder Wasser Fräulein / welche die Mahler mit Kronen mahlen / oben wie schöne Weibsbilder / unten wie Fische / wer ihren Singen zuhöret / der verliebt sich / und einen solchen reist sie in das Meer / ihn zuersäuffen / deßwegen Ulysses die Ohren verstopffet / von diesen Meersingerin nicht betrogen zu werden / wie Homerus dichtet / und jedermann bekannt ist.

2. Eine solche Syrena ist das Gold / welches alle eine Königin / schön scheinet in aller Augen / und die solches Klang anhören und lieben / werden darvon bethöret / daß sie darüber zu Grund gehen / wie auß nachgehenden Erzehlungen zu vernehmen seyn wird.

3. Frantz Boadilla ein Spanischer Ritter von Calatrava / wurde in die Insel Espagnola gesendet / da er den Chr. Columbum und seine Verwandte sehr übel gehalten / welcher doch die Neue Welt erstlich wieder gefunden / hatte etliche Rauber zu sich genommen / mit derer Hülffe er die Indianer tyrannisiret / und sie in den Bergwercken Tag unnd Nacht zu harter Arbeit angetrieben / seinen Geitz zu ersättigen. Als nun bey dem König in Hispania Klagen wider ihn eingebracht worden / ist Nicolas von Duvando dahin verordnet worden / so von S. Lucar aus in 40. Tagen überkommen / und Boadilla abgesetzet.

4. Dieses ungerechten Haußhalters Trost war der Mammon / mit welchem er sich befreundet / und bey zweymahl hundert tausend Kronen wehrt / samt noch vielen Goldküchen / deren eines auf 4500. Kronen geschätzet worden / und der Königin vermeint gewesen / eingeschiffet. Seine Landsleute haben ihrer auch nicht vergessen / und einen grossen Schatz mit sich genommen. Als sie nun in der offenbaren See / erhebt sich ein Sturmwetter / daß diese Geitzhälse samt allem Haab zu Grunde gegangen / unnd in Verzweifflung dahin gestorben. Sie hatten[251] die Erden beraubt / das Meer zu bereichen / und ihre Ungerechtigkeit hat sie lebendig hinunter gestürtzet. Die dem Reichthum nachjagen / fallen in die Stricke deß Höllischen Jägers / der sie durch die guldnen Syrenas verführen lässet.

5. Benzo ein Milaneser / auß welchem wie erstbesagte Geschichte erzehlet / meldet unter andern auch / daß Diego oder Dieterich Gottierez Spanischer Statthalter in Ost-Indien / etliche Indianische Herrn Caciques in ihrer Sprache genannt / gefangen / und ihnen von dem Christlichen Glauben eine schöne Rede / durch seinen Dolmetscher halten lassen: hernach aber war die Lehre / daß sie ihm viel Goldes schaffen solten / und zwar in vier Tagen sechsmal so viel / als zu Füllung eines grossen Korbs / den er ihnen vorweisen lassen / vonnöthen.

6. Der eine Indianer ersahe seinen Vortheil außzureissen / welches den Diego so sehr verdrossen / daß er auß Bekümmerniß erkrancket: der andre war an sein Bett geschmiedet / und schafft ihm 2000. Ducaten wehrt. Die Indianer in der Gegend zündeten ihre Häuser an / verderbten die fruchtbaren Bäumen / und nahmen ihren Vorraht mit auf die höchsten Berge. Diego wolte von seinem Gefangnen mehr Gold erpressen / und bedraute ihn lebendig zu verbrennen. Der Indianer sagte / er solte es thun / und ihn nit länger leiden lassen / er verwunderte sich auch / daß die Erden solche tyrannische Leute erdulten könne / und möchte wissen / was doch die Christen für einen Gott / daß sie sich nicht scheuten ein solches Leben zu führen.

7. Es samleten sich aber bald hernach die Indianer in grosser Anzahl / und überfielen Diego mit allen seinen Leuten / ihm schnitten sie das Haubt / Händ und Füsse ab / steckten es an Stangen / und dantzten darmit herum; es wurden auch von seinen Soldaten 46. todt geschlagen / daß nur sechs / unter welchen Bezo einer gewesen / darvon gekommen / und Hülffe gesucht bey einem Haubtmann deß Diego Vetter / welcher aber zu schwach / daß er die Indianer / so sich mit den eroberten Waffen gewehret / nicht angreiffen dörffen.[252]

8. Bartholomei de las Casas ein Spanischer Bischof / welcher lang in Indien gewesen / erzehlet viel Exempel / daß die Geitzhälse unter den Spaniern und Portugesen ihren Geltdurst mit dem Tod gebüsset / und wann sie lange Zeit grossen Reichthum zusammen gepresset / daß sie ein End genommen mit Schrecken. Er rechnet / daß zu seiner Zeit 20. Millionen Menschen in beeden Indien auß Geldgier das Leben verlohren / und ware damals nur 30. Jahre / daß Columbus die neue Welt entdecket. Wie viel Millionen sind inzwischen geblieben / und mit was Gewissen / mit was Trost und Vertrauen stirbet einer dahin / der nach den Mammon die Zeit seines Lebens getrachtet / und nie kein Vertrauen auf Gott gesetzet.

9. Man sagt / das Gold der neuen Welt habe die alte Welt thöricht gemachet / weil es bey uns ja so viel Geitzige giebet / als an andren Orten. Ein Bischoff zu Saltzburg / der jährlich hundert tausend Kronen Einkunfft gehabt / hat seinen Hut / wann es geregnet / unter dem Mantel getragen / solchen zu sparen / und ihme auf das Haubt regnen lassen.

10. Eine reiche Frau in Francken wohnhafft / war so geitzig / daß sie keinen Armen keinen Bissen Brod mittheilen wollen / und zu ihnen gesagt / sie sollen Koht essen / so werden sie nit Hungers sterben / deßwegen man sie auch in dem gantzen Land nit geitzig / sondern den Geitz selbsten genennet / und ob ihr zwar Weltliche und Geistliche beweglichst zugesprochen / hat sie doch ihrer gespottet / und nit Gehör geben wollen: Doch ist ihr Geitz nit ungestrafft geblieben / sondern sie hat einen Wolffshunger bekommen / daß man ihr nit genug hat können zu essen geben / und ob sie wol Tag und Nacht Speise und Getranck zu ihr genommen / hat sie sich doch nicht ersättigen können / daß sie endlich den Koth auf der Gassen gefressen / ja deß Menschenkoths sich nit enthalten / und also unsinnig in dem Land herum geloffen: Endlich ist sie auf den Weg nach Dreßden todt gefunden worden / mit so abscheulichem Angesicht / daß sie keinem Menschen gleich gesehen. J. Fincel. im 2. Buch von den Wunderwercken.[253]

11. Ein Domherr zu Worms hatte überauß grossen Reichthum / und hielte nur einen Diener / wann er auch mit dem Zipperlein schmertzlichst geplaget wurde. Dieser erbärmliche Geitzhalß war ohne Erbarmen gegen die Armen / massen der Geitz allezeit unbarmhertzig seyn muß. Wann er aber seine Zipperleins Schmertzen empfande / griffe er in einen Sack mit Ducaten / und rührete das Gold herum / sagend: daß solches die Schmertzen lindere und das Hertz stärcke. Nach seinem Tode / welcher mit unaußsprechlicher Qual erfolget / hat man über dreissig tausent Reichsthaler Barschafft in seinen Kisten gefunden / und hat es wol geheissen: Der Geitz ist seine eigne Stiffmutter / und daß das Geld nichts hilfft / wann der Teuffel den Schlüssel darzu hat.

12. Oger Ferrier ein gelehrter Artzt zu Tholuse / bestande ein schönes und grosses Hauß / unferne von den Kaufmarckt in besagter Stadt / welches man ihm sehr wolfeil verlassen / weil der Sage nach / ein böser Geist darinnen ümgegangen / daß man nit für ihm bleiben können: Ferrier aber liesse sich deßwegen nit hindern. Als er nun hinein gezogen / und erfahren / was er zuvor nit glauben wollen / hat er nit ruhen können / und sonderlich dörfte niemand in den Keller gehen. Man sagte ihme aber / daß ein Student von Lißbona verhanden / der auf dem Nagel eines jungen Kindes weisen könte / was man verlohren / und sagte das Kind / es sehe ein reichlich bekleidtes Weib mit einer Fackel in der Hand an einen steinern Pfeiler gegen Mitternacht stehen: darauß / sagte der Student / könt ihr hören / daß ein Schatz in dem Hauß vergraben / und zwar in den Keller an bedeuten Orte. Hierüber erfreute sich Ferrier / und dingte Leute / welche alsobald zu graben angefangen. Sie hätten aber noch keine grosse Gruben gemachet / da kommet ein Wind herfür / der leschet das Liecht auß / und wirft die Mauren über Ferrier unn seine Schatzgräber / daß sie darunter elendiglich verderben und sterben müssen. Der Student sagt / daß der Geist durch den Wind den Schatz entführet habe.


Rähtsel.


Eine Jungfrau voller Neid /

lassend offt ihr altes Kleid /[254]

Die unvernünfftige Lehrmeistere.

stumm / ohn Füsse / klug und stoltz

starck und schneller als der Poltz.

Sie ist einer bösen Art /

und ihr Haubt auß Furcht verwahrt

Dieser Jungfer süsser Gifft

hat die erste Sünd gestifft

Rahtet alle welchers trifft?


Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der grosse Schau-Platz Lust- und Lehrreicher Geschichte, 2 Bde, Frankfurt a.M. und Hamburg 1664, S. 250-255.
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