(LX.)

Die unerwarte Bestraffung.

[203] Wer alles übel ungestrafft thun darff / der ist König /saget das Sprichwort / und sind die Könige vielleicht auch deßwegen Götter genennet / weil ihnen zu straffen frey stehet / von niemand aber gestraffet werden wollen. Solches ist nicht zu verstehen von frommen oder einfältigen Herren / welche solche Götter sind /die Ohren haben und hören nicht Augen haben und sehen nicht / aber doch Hände haben / die durch böse Rähte / nach ihrer Unterthanen Haab und Gütern greiffen.

2. Solches Gewalts massen sich auch an die Königlichen Leutenant oder Statthalter in Franckreich /unter welchen Frambald derselben einer so seine / mit bösen Lüsten angefüllte Augen / von Anatolia[203] schönen Angesicht verblenden lassen / welcher auch Lezin ein Edelmann mittelmässigen Zustands aufgewartet. Die Freunde sahen wol daß dieses bewegliche Gut schaden nehmen / und die reiffe Frucht faulen / oder von einem unrechten abgepflocket werden möchte /haben deßwegen Anatoliam / in der stille / mit Lezin trauen lassen.

3. Wie freundlich der Königliche Statthalter darein gesehen / ist leichtlich zu erachten. Er konte nicht in diese Festung kommen / als sie noch unbesetzet / ob er wol etliche mit Gold beladne Esel vorgesendet /und nun war die Besatzung eingezogen. Lezin sahe wol das seines Weibes Schönheit vielen / und sonderlich Frambald die Augen eingenommen: »wuste aber keinen Trost als Anatolia Tugend / wie wol auch solche in einem gebrechlichen Gefässe / das in einem Nuzerstossen werden möchte«.

4. Wie die Heyden ihre Schlachtopfer gekrönet /wann sie Solche aufopfern wollen: also suchte Frambald alle Vertrauligkeit mit Lezin zu pflegen / ihn mit hohen Diensten zu ehren / über seine Tafel zu bitten /und hierdurch ihm allen Argwahn zu benehmen / daß es wegen seines Weibs Schönheit geschehe. Lezin aber sahe wol / daß dieses zu Aufopferung seiner Ehre gemeint / und daß man den Mann wegen der Frauen besuchen wolte. Diese Beysorge durffte er niemand offenbaren / weil er sich selbst dardurch in Schanden / und sein Weib in ein böses Geschrey hette bringen können.

5. Anatolia hörte diesen Frambald so gerne reden /als ungern ihn Lezin in seinem Hause sahe / und ihn doch nicht hinaus weisen konte / ohne grosse Gefahr und sondere Unhöfligkeit / welcher in seiner Frauen Hertzen durch die Thür der Eitelkeit / eingegangen war. Sie gedachte daß der Oberste in der Statt / ihren Mann / als seinen Unterthanen weit vorzuziehen. Allem fernern Unheil vorzukommen / begiebt sich Lezin auf sein Landgut / sich aldar eine Zeit aufzuhalten / und die Thorheit beederseits zu unterbrechen.[204]

6. Die Einsamkeit des Landlebens war der Anatolia gantz unerträglich / weil sie von Jugend auf in Gesellschaften erzogen worden / und lage ihrem Manne in den Ohren / er solte doch wieder in die Statt kehren. Dieser Lehrjung in der Hanreyschafft wil darzu nicht verstehen. Es fügte sich aber daß Frambald / unter dem Schein der Jagt Lezin verfolgte / und Abents seine Einkehr auf seinem Schlosse nahme. Ein willkommer Gast bey der Frauen / dem Herren aber ein Greuel.

7. Als er einsten von dem spatzieren gehen wiederkommet / findet er seiner Gemahlin Kammer verschlossen: er klopft / schlägt und draut die Thür aufzusprengen / wann sie nicht aufmachen wolte. Nach deme er hinein gekommen / sihet er Feder und Dinten auf dem Tische / fragte / was sie geschrieben? sie kan nichts vorweisen / als eine kale Entschuldigung / welche verursachet / daß er ihr in den Busem greifft / und Frambalds Brief / mit ihrer halb geschriebenen Antwort findet / daraus er sehen muste / daß er von ihr verrahten wurde.

8. Anatolia fället auf die Knie / lässet ihre Augen mit Threnen (der falschen Weiber Kauffmanns Waare) triefen / und entschuldiget sich mit vielen Unwarheiten / damit nur Lezin sich nicht an ihr vergessen solte. Er hatte den Degen schon entblösset / und wolte ihr das Leben nehmen: betrachtete aber daß der böse Wille noch nicht zu werke gesetzet worden / und mit solchem grimmigen Ernst nicht straffbar. Verzeihte deßwegen seinen reuigen und bußgelobendem Weibe: hat aber dadurch den Hass gegen ihn / und die Liebe gegen Frambald befördert / welches sie beedes mit zuträglicher Freundligkeit verhüllet. Diese Thiere sind auch gefährlich wann sie lachen.

9. Zu Nachts stellte sie sich / als ob sie kranck /grosses Grimmen in dem Leib spührete / offt aufstünde und Lezin nöhtigte / daß er in einer andern Kammer / ein andres Bett suchen muste / und so bald er entschlaffen / hat sie Frambald / durch eine vertraute[205] Magd zu ihr hinein führen lassen. Was geschihet? Folgende Nacht war zwar Lezin entschlaffen / wachet aber bald wieder auf / und bedecket sich mit seinem Nachtrock / zu sehen / ob seiner Frauen die schmertzen vergangen: die Thür findet er halb offen / und deßwegen war ihm die Sache verdächtig. Er tritt hin zu dem Bette: Anatolia vermeinte daß es Frambald /welcher seine Pferde unter einen Baumen warten lassen / und genommener Abrede zu folge / unterwegs war / neunte ihn deßwegen bey Nahmen / und fraget /wann er sie doch ihres Eifersichtigen Mannes erledigen würde? etc.

10. Als Lezin solche Untreue verstanden / holet er seinen Degen übet gantz unerwarte Bestraffung / und durchsticht diese Ehebrecherin zum offtermahl; in deme kommet Frambald mit zweyen seinen Dienern /und der Magd / so sie mit einer blend-Latern geführet / welche Lezin auch also bald ermordet / von Frambald aber und seinen Dienern wieder niedergestossen worden / darnach hat dieser Ehbrecher also bald den Rükweg genommen / und durch das Gerücht verstehen müssen / daß er als ein Todschläger dieser beeden Ehleute offentlich beschuldiget worden. Er wolte sich zwar solcher Auflage entschütten / vorgebend daß solches vertheidigungs weiß geschehen / würde aber von niemand für unschuldig gehalten / weil er zu Nachts der Orten keine ehrliche Verrichtung hatte.

11. Wiederkehr von den Frommen und bösen Weibern / nach dem Inhalt verfasset.


Weib.Weib.

ch. 1.r. 6.

d. 2.s. 7.

h. 4.ß. 8.

l. 4.t. 9.

n. 5.tz. 10.[206]


Erklärung.


Das selten fromme Weib gleicht einer weichen (1.) Weib (2.)

die zu deß Mannes Lust vom Höchsten ist geweiht (3.)

Sie kürtzet ihm die Weil (4.) erfreut ihn wie der Wein: (5.)

Sie ist kleiner Weir / (6.) den einer fischt allein.

Weis (7.) ist sie an Berstand / weiß (8.) an dem zarten Leib /

nicht Weit (9.) von ihrem Mann verbleibt ein Ehren Weib.

Die Henne brütet wol / wann nur der Gockelhaan /

zu ihrer Küchlein Kost satt Weitzen (10.) schaffen kan.


Wiederkehr.


Der Weitzen (10.) nehret uns / versaulet / wird er Gifft:

das Weib hat alle Sünd in weiter (9.) Welt gestifft.

das weisse (8.) schwärtzet sich / die weisen (7.) werden alt:

wie sonder Sonnenschein der Schlamm im weir (6.) erkalt.

Der Wein (5.) kränkt Muth und Sinn / ursacht den Beutelschmertz:

so dauret kleine weil (4.) der Zuckersüsse Schertz.

Der ist zum Leid geweiht (3.) dem Wunneweid (2.) gebricht

Es weichet (1.) Lieb und Treu / an mangel mangelts nicht.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der Grosse Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichte. Hamburg 1656, S. 203-207.
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