(CLIII.)

Das böse End.

[541] Der Spiegel ist der Kunstmeisterstück / und unter denselben ist der künstlichste der Brennspiegel / welchen Archimedes erfunden / der auf dem Thurn zu Syracusa der Römer Kriegsschiffe verbrennet. Dieses ist sich so vielmehr zu verwundern / weil die Schiffe fort gegangen / und an keiner gewissen Stelle zu Anker gelegen / dahin der Spiegel gerichtet werden können. Hiervon ist zu lesen P. Bettinus in Apiariis und der Weltberühmte Ath. Kircherus in arte luc. &[541] umbr. wie auch die Philosophischen und Mathemat. Erquickstunden.

2. Einen solchen Brennspiegel mag verglichen werden Violenta / eine Portugäsen von Castilla einem kleinen Stättlein nechst Ebera bürdig / welche samt ihrem Vater einen Kunst- und Geldarmen Artzte in Frankreich entwichen / und sich zu Condam in Guienna niedergelassen. Die Noth hatte diesen Portugäsen gedemütiget / welchen zugefallen niemand ereranken wolt / daß der arme Artzt gleichsam verhungern musste / und von dar nach Tholouse oder Tolosa getrieben wurde. Diese grosse Statt kan mit Fug eine kleine Welt genennet werden / daß sich also nicht zu verwundern / wenn Fromme und Böse darinnen gefunden werden.

3. Dieser Portugäsische Doctor hatte nicht allein sein Weib / seine Kinder / sondern auch Rosemund /seiner ältesten Tochter Violenta Mann bey sich /damit ihm ja das Brod nicht solte hart werden. Dergestalt gieng es diesen Leuten sehr arm und elend / und lebten sie in grossem Kummer / ehe sie bekant wurden: machten es aber auf gut spanisch / und verkaufften das Hemmet vor dem Wambs / damit sie Brod und Speiß zu ihren Unterhalt haben möchten. Violenta aber ist wegen ihrer Schönheit berühmt / und hat durch den Ruhm viel Anschauer und Buler überkommen; massen die Spanier sich nicht scheuen ihre Basilisken Augen hochzuschätzen / welche den Anschauern den Gifft der Liebe gleichsam in das Hertz stralen / und deßwegen der Frantzösinnen Tauben Augen verachten. Viel von den neugierigen Frantzosen studirten bey Violenta die Kunst / welcher wegen Ovidius das Land raumen müssen / und öffnete ihr das Thor zu solcher Freyheit ihres Mannes tödliches Hintritt / daß sie anfinge sich hervor zu brüsten / prächtig zu bekleiden / und unersättlich auszuschmincken.

4. Ob nun dieser Brennspiegel der Schönheit grünes und dürres Holtz angefeurt / ist leichtlich zuermessen.[542] Unter andern waren drey Studenten / welche ihr aufwarteten / und weil einer allein dieser Lais Geitz nicht erfüllen mögen / haben sie den Verlag zugleich gethan / und ihr mehr gegeben / als sie gehabt: Ich wil sagen / viel Schulden hin und wieder gemachet und aufgeborgt / Violenta zu verehren / oder wie jener gesagt / »die Reue mit grossen Unkosten zu kauffen«. Daß die Studenten ins gemein wenig Geld haben ist jederman wissend. Wie auch / daß sie pflegen karg zu seyn in nützlichen / freygebig aber in unnützen Sachen.

5. Diese drey eiferten keines weges mit einander /sondern bedienten sich dieser kostbaren Dirne nach jhrer Gelegenheit / daß sie nicht vermerckte / was unter diesen dreyen für eine Handels Gesellschafft. Violenta aber konte sich mit diesen allein nicht abspeisen lassen / und wie ein Wirt alle Gäste herberget / so bey ihm die Einkehr nehmen / also war bey ihr ein jeder der Gelt hatte willkomm. Unbedachtsames Weib / wie kan ein so böser Handel ein gutes End nehmen?

6. Violenta befande sich schwanger / wusste aber nicht von wem / darüm bedacht war sich dieses auf vielfältige weise zu bedienen: saget deßwegen zu jedem von ihren Kunten / daß sie von ihme wäre geschwängert worden / und das Kind würde müssen ziehen lassen und ernehren. Hiedurch setzten etliche von ihr aus / etliche gaben ihr Geld / gegen einem Schein /daß sie wegen ihres Kindes nichts an sie zu fordern /etc. Die drey Studenten aber erzehlten einander wie Violenta einem jeden absonderlich / zum Vater ihrer Leibesfrucht / angesprochen. Was Rath? Sie wissen worauf dieses angesehen: nemlich auf Geld / daß sie nicht haben noch aufzubringen wissen?

7. Der Klügste unter diesen dreyen gabe den Rath /sie solten ihrer müssig stehen / und weil Violenta wol wüste / daß bey ihnen wenig zu gewinnen / würde sie wol einen andern Vater zu ihrem Kinde suchen můssen: oder auf allen Fall mit dem Beweiß nicht[543] können aufkommen / und der Richter einer solchen verruchten Dirne wenig Glauben zustellen. Dieses war ein guter Rath in einer bösen Sach.

8. Der andre sagte / daß dieses wegen zweyer Ursachen nicht thunlich / erstlich / weil er ihme diese Violentam nicht könte aus dem Sinn schlagen: Zum andern / weil er ihr viel Geld angehenket / daß sie noch nicht alles verdienet. Wenn er ihr nun etliche Kleinodien wieder entwenden möchte / so wolte er als dann eine andre Quellen suchen seinen Durst zu leschen.

9. Der dritte sagte / daß man auf ein solches Mittel müsse bedacht seyn / dadurch Violenta befriediget /und sie / ohne Unkosten / ihrer ferners geniessen könten. Solches nun aus zu wůrken / fuhre er fort / můsst ihr beede Zeugschafft geben / was ihr sehen und hören werdet. Mich aber die Anstellung machen lassen. Dieses waren sie wol zu frieden / und wusten nicht zu er sinnen / welcher gestalt solches erfolgen möchte. Es wuste nun Alarso (also nennte man den listigen Studenten) daß Ustio ein sehr reicher Parlaments Herr sich bey Violenta auch einzufinden pflegte. Auf solchen gienge der Anschlag hinaus / daß nemlich Alarso mit ihr die Abrede nahme / zu wegen zu bringen /daß dieser Ustio Violentam freyen solte / und dann nach Begebenheit ein Hanrey werden. Die Anstellung wurde also gemachet.

10. Violenta und Ustio lagen beysammen in dem Liebswerk begriffen / als die Kammermagd ansagte /die Schergen wären bereit in dem Hause. Violenta stellte sich gantz erschrocken / und bate Ustio / er solte doch vorgeben / daß er ihr Mann und Ehevertrauter oder Verlobter wäre. Als sie nun samt den zweyen Studenten in das Hauß kamen / und der Haubtmann / zufolge abgeredter massen beede in das Gefängnis führen wolte / sagte Ustio / daß dieses sein ehliches Weib / und daß er Macht habe zu thun / was sie unsträflich halten möchten: Hierüber waren zu Zeugen angeruffen alle Umstehende / und kehrten die Schergen wieder zurücke. Folgenden Tages wil[544] Violenta haben / daß dieser Ustio sich ehlichen solte /unn ob er ihr zwar 1000 Cronen zahlen wolte / hat sie doch darmit sich nicht abspeissen lassen / sondern ist die Sache zu einer Rechtfertigung ausgeschlagen /welche Violenta durch der Zeugen Aussage / die schweren konten / daß mit ihnen die Sache nicht abgeredet worden / gewonnen.

11. Als sich nun dieser Ustio verbrennet / und dieser Dirne nicht huld sein können / selbe auch zu Kirchen und Strassen zu führen für gar verächtlich gehalten / hat er sich zwar freundlich gestellet / und ihr heimlich Gifft beygebracht / daß sie zerborstet und das undschuldige Kind zwar lebendig an das Liecht geboren / doch mit schwachem Leben / daß es nach wenigen Stunden verschieden. Ustio hatte ein böses Gewissen / welches ihn anklagte und verdamte zu Verlassung seines Vaterlandes. Wie es ihm ferners ergangen / ist nicht wissend; zu vermuten aber er werde gleichfals ein End genommen haben mit Schrecken.

12. Nicht weniger Betrübnis hatten die drey Studenten / und sonderlich Alarso / der wol wuste / daß durch seinen Achitophels Raht / Violenta ohne Bereuung ihrer Sünden / samt ihren ungetaufften Kinde hingerichtet worden. Ob sie nun wol allerhand Entschuldigungen bey sich selbsten vorschützten / sagte ihnen doch ihr Gewissen / daß solche nicht gültig / und daß der Heler und Steler der Mörder und Helffers Helffer in gleicher Bestraffung / daß sie also ihr Hertz verdammte / und das Gewissen plagte Tag und Nacht. Alaraso / den Urheber dieser Sache / hat bald hernach ein Ziegel der unferne von Violenta Behausung / vom Dache gefallen / erschlagen.


Falschheit nimmt ein böses End:

Wer in Unschuld wäscht die Händ'

und in Keuschheit pflegt zu leben /

kan nicht zu der Sterbenszeit /

in Verzweifflungs ängsten schweben /

und der Höllen Ewigkeit /[545]

wird ihn durch viel Qualgedanken /

plagen wann er wird erkranken.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der Grosse Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichte. Hamburg 1656, S. 541-546.
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