(CLVI.)

Der rachgierigen Männer.

[553] Wie man in einem Spiegel viel Angesichter zugleich sehen kan / ob gleich dieselben wunderlich gestaltet: also wollen wir in dieser Erzehlung vier rachgierige Männer beschauen / welche sich aller ihrer Ehegatten mörderlicher weise ledig gemachet / daß jener recht gesagt / wann es gleich in dem Ehestand »anfangs alles in erwünschter Zufriedenheit / und die Verlobten also beschaffen / wie man nur verlangen möchte / so könne doch niemand Gewerschafft laisten / daß alles in solchem Stande verbleiben werde / und deßwegen sich nicht zu verheuraten für gefährlich hielte.«

2. Welschland ist der Schauplatz / da es mehr unglückliche Ehen giebet / als sonsten in der gantzen Welt; weil kein Volk dem Eifer so sehr unterworffen /und rachgieriger ist / als die Italiäner. Ein solcher war Lucian bůrtig von Padua / welcher in seinem Wittibstand sich verliebte in Candidam / eine Jungfrau /deren Ascar ein tapferer Jůngling aufwartete / und zu erfolgtem Trauerfall Ursach gabe. So bald sich nun dieser Lucian anmeldete / muste Ascar abtretten / weil er ein armer Gesell / jener aber ein sehr reicher Mann / und wurde Candida zu dem Jawort[553] von ihren Freun den genöhtiget / daß sie in den Muttertitel willigen muste / als sie noch eine Jungfrau / ich sage / sie musste dieses Wittbers Kinder die ihrigen nennen /welchen sie doch mit můtterlicher Neigung nicht konte zugethan seyn.

3. Weil nun Candida dem Ascar das Hertz gegeben / und Lucian dem Leib geben müssen / ihren Freunden zu gehorsamen / hat solcher Nebenbuler nicht unterlassen Gelegenheit zu suchen sie zu sehen / und mit ihr zu sprechen / welches endlich Lucian / durch fremde Augen (verstehe die aufgestellten Kundschaffter) ist einträchtig worden. Er verbote seinem Weibe Ascar nicht mehr anzusehen / sich in keiner Gesellschafft zu befinden / frühe vor Tags nur / und zwar mit seiner Befreundin in die Kirchen zugehen / da er doch betrachten sollen / daß Frauen und Jungfrauen hüten entweder nicht hilfft / oder nicht von nöhten ist.

4. Als nun dieser seine Candidam auf einen Abend mit Ascar etliche Worte wechslen hörte / ergrimmt er dermassen / daß er in ihr Zimmer laufft / sie ermordet / und solches als eine zulässige Ehrenrettung / der Obrigkeit selbsten anmeldet. Weil er aber den vermeinten Ehebruch nicht erweisen können / ist Ascar frey gesprochen / dieser eiferige Lucian aber zum Schwert verurtheilt worden. Ascar befande sich bey Hinrichtung seines Feindes / wurde aber zu rücke gewiesen / weil Lucian aus Rachgier in seiner Gegen wart nicht einmal andächtig beten und seine Seele Gott befehlen können.

5. Ein andrer / Tygrin genannt / hat sein Weib mit Gifft hingerichtet / weil er sie auch in bösen Verdacht gehabt / und nach dem der Leichnam geöffnet / und deß Gifftes Würkung genugsam ersehen worden / hat dieser Tygrin seine Mordthat an der Volter bekannt /seinen Argwahn aber nicht außfůndig machen können / deßwegen ihm dann der Henker das Haubt fůr die Füsse geleget.

6. Dieses wurde also erzehlet in Gegenwart einer grossen Gesellschafft / da sich einer von Adel /[554] Namens Antholian befunden / welcher diese beede / als unweise Gaugen / gescholden / weil sie ihr Rache nicht klüglich unternommen / und sich selbsten ům das Leben gebracht. Ich sagte er / weis noch wol einen weisern Mann in dieser Statt / welcher sich seines verdächtigen Eheweibs viel subtiler erlediget hat /unwissend / daß er durch dieses Wort ihrer zween in deß Henkers Hand bringen würde. Jederman wolte diese List anhören / und erzehlte Antholian / daß einer sein Weib deß Sontags Abends in einen Garten spatziren geführet / sich von ihr abgedrehet / und einen bösen Ketten-Hund loß gelassen / welcher das arme Weib dermassen zerbissen und zerrissen / daß man sie halb todt von dannen tragen můssen: weil aber ihre Jugend und Leibsstärke die Artzneyen anschlagen machen / hat er Mückenpulver unter ihre Salben und Pflaster gemischet / daß die Wunden entzündet / und er also deß Fleisches in der Küchen ledig worden / welches ihme so viel Můcken herzugezogen hatte.

7. Diese Erzehlung hat unter andern mit angehöret ein Befreundter der besagter massen hingerichten Persone / und solches bey der Obrigkeit angemeldet / mit Bitte / Antholian ferners hierüber zu vernehmen. Ob er nun wol sagte / daß er solches von einer dritten Person / Gelaso benamt / verstanden / und anders nicht wisse / ob dem also / ist Gelaso auch vorgefordert worden / der bekennet / es habe ihm solches Epipo / der Thäter selbsten erzehlet / welcher hiervon mehr Anzeig / benebens dem Gärtner und Wundartzt würde thun können. Epipo wird zu selber Stund auch für gefordert / der sich über seinen Verrähter erzörnte / und ihm gleichsfals vorgerücket / daß er auch ein Ursacher an seines Weibs Tod.

8. Der Richter fragte ferners / was Hinterlist er denn gebrauchet hette? Epipo erzehlet ümständig /wie Gelaso ihm vertraut / daß sein Weib mit andern zuhalte / und habe er seinen Esel / welchen sie zu reiten pflegen / in vielen Tagen nicht zu trincken geben lassen / nachmals sie darauf an ein solches Ort geführet / da der Fluß sehr tief: da dann der Esel aus[555] Durst in das Wasser gesprungen / das Weib ersäufft / und wieder heraus geschwommen. Gelaso konte zwar nicht laugnen / daß sein Weib ersoffen / wie Stattkündig: daß er aber den Esel deßwegen so lange nicht geträncket / wolte er nicht gestehen.

9. Der Richter liesse beede in Verhafft führen / und als man einen nach dem andern mit der peinlichen Frage bedraute / haben sie also bald bekennet / daß deme also / und haben üm ein gnädiges Urtheil gebetten / aber doch nicht unterlassen einander zu schänden und zu schmähen / wie die Verdammten / welche in der Höllen / deren Vorbildung die Gefängnissen /unter andern Strassen auch mit Erzehlung ihrer Unthaten (nach der Kirchenlehrer Meinungen) sollen geplaget werden.

10. Kurtz zu sagen / die rachgierige Eifer Mörder sind zu gleicher Straffe deß Todes verurtheilet worden / und ist sonderlich zu beobachten / daß GOtt das Verborgene durch Antholian unbedachtsame Erzehlung an das Liecht gebracht / und daß die Ubelthäter bey ihrem bösen Leben wol sicher / aber niemals versichert seyn können: massen sich solches etliche Jahre hernach begeben / als bereit vergessen worden / welcher gestalt Epipo und Gelaso Weiber verstorben /daß die Freundschafft nicht Ursache gehabt / sie deßwegen / als Mörder ihrer Haußfrauen / in Verdacht zu ziehen.

11. Wie man nun nach der Kost pfleget Zuckerwerk aufzusetzen / als wil ich diese traurige Geschichte mit einer frölichen und fast lächerlichen schliessen. Gal ein Kaufmann hatte sich mit seinem Weib auf das Meer gegeben / und wegen ihrer grosses Ungemach außstehen müssen / massen die Ungelegenheit eines so engen fichten Hauses dem Weibervolck fast unerträglich vorkommen / und deßwegen mit vielen klagen und verlangen nach dem Lande /sich vernehmen lassen.

12. Als nun ein grosses Ungewitter das Schiff in Gefahr setzte / und der Schiff Herr befohlen / es solte ein jeder auswerffen was ihm am beschwerlichsten /[556] und er auf dieser Raise entrahten könte / hat dieser Gal sein Weib angefasst / und in das Meer werffen wollen / weil er nichts beschwerlichers unter allem seinem Haab hatte. An diesem Vorhaben ist er so wol von ihr selbsten / als von seinen Raißgeferten gehindert worden. Nach deme sich nun das Wetter geändert / hat Gal nichts von seinen Waaren verlohren / da die andern ihren Auswurf nicht wenig bereuet haben.

Ach viel besser ist allein

als bey bösen Frauen seyn.

Weh dem der nicht wol beweibt!

Er wird sich gedülden müssen

mit viel klagen und verdrüssen /

bis derTod den Scheidbrief schreibt.

Dieser Kauf hat viel Gefahr:

Darum schau auf Jahr' und Haar.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der Grosse Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichte. Hamburg 1656, S. 553-557.
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