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Der gifftige Eifer.

[337] Wie der Meuchelmord durch die Gesätze härter zu straffen / als ein Todschlag der durch Gegenwehr beschihet: Also ist auch gewiß die Hinrichtung mit Gifft viel sträfflicher / als andrer Mord / wie er auch beschehē mag. Die Blutgierigen und falschen sind für Gottes Augen ein Greuel / und[337] straffet sie mehrmals wordurch sie andren zu Schaden vermeint: beruffet hingegen zu seinem Dienst / welche er in der Anfechtung getreu und beständig erfunden: wie wir dessen ein nachfolgendes Exempel melden wollen.

2. Der Gifft ist leider eine Erfindung deß Mörders von Anfang / welcher die seinen gelehret auf so meuchelerische weise wider ihre Feinde (so meinsten theils fromm oder doch frommer als sie) Rache zu üben. Dieses Teufflische Mittel wird nicht nur in Hispanien / sondern auch in Welschland und Frankreich / selten aber in Teuschland gebrauchet / und deßwegen grosser Herren letztes Gericht genennet. Es bleibet aber nicht bey Hof / gemeine Leute bedienen sich desselben auch.

3. Erisila eines Kauffmans Tochter in einer grossen Handelsstatt in Frankreich / wurde geliebet von Arpag einem armen von Adel / der viel betrüglicher /als behertzt gewesen. Dieser war von eusserlichem Ansehen schön und wolgestaltet / daß er mit Höfligkeit und wolgefügten Worten dieser Jungfrauen Gegenliebe leichtlich erlangte. Der falsche Mensch war gleichsam der Brtrug selbsten / mit dem Mantel der Redligkeit ůmhůllet / daß er wol andre / als eine einfältige Dirne / hette hintergehen sollen / in dem diese Schlange sich unter die Blumen zu verbergen wuste.

4. Er nennte sich Erisila Diener / wolte aber sie für seine leibeigne Magd halten / und nicht leiden / daß sie einen andern ansahe / oder mit ihme Sprach hielte. Die Eifersucht ist der Schatten / oder der Rauch von der Liebesflamme / welcher allezeit eine Dunckelheit und Finsternis mit sich bringet / dahero auch Erisila ihre Liebe gegen diesen argwähnischen Buler gemindert / welches Arpag leichtlich beobachtet / und seine Krankheit vermehret / weil er nicht nur an der Lieb /sondern auch an der Geldsucht darnieder gelegen /welches beedes ihme allen Schlaff benommen.

5. Als nun Erisila eine betrübte Ehe leichtlich[338] vorsehen konte / und die Wahl unter mehr Freyern hatte /lässet sie diesen Eiferhansen fahren und ergiebt sich an Chrysolas / der in allen Arpagen zu vergleichen /ausser den Lastern und falschem Gemüte: zu deme war er auch von bessrem Geschlecht und Herkommen. Sie hatte so viel Verstand / daß sie ihre Eltern solchen Wechsel belieben machet / und Arpag fahren lassen darff / welcher seinen Schlangen Gifft in grosser Freundligkeit verborgen / nicht wissend wie er sich doch an beeden rächen solte. Das Hertz im Leibe hat er nicht daß er Chrysilas befeden dörffte / und vermeinte / daß die Sache füglicher mit Gifft / als mit dem Degen außzutragen. »Also ist der Menschen Klugheit sicher / aber nicht versichert.«

6. Er machte Freundschafft mit Chrysilas / und hatte Honig in dem Munde / Galle in dem Hertzen /stellet sich daß er ihme gerne und willig den Platz bey Erisila raume / und verehrte ihme ein par spanischer Handschuhe / welche so mit zarten Gifft / daß der sie anlegte / und die Hand darinnen erwarmen liesse /oder darzu rüchte / das Gehirn mit Gifft anfüllte und üm das Leben brächte. Es war dieses Chrysilas vermeint / weil er ihm seine Liebste weggenommen / ist aber über Erisilam ausgegangen / wie zu vernehmen seyn wird.

7. Chrysilas verehrte die Handschuhe seiner Liebsten / und leget darmit grosse Ehre ein / selbe aber hat sie kaum einen Tag gebrauchet / und spůrte solche Haubtschmertzen / daß sie den Schlaff und alle Gedult verlohren / das Angesicht ist auffgeschwollen /daß die Artzte einstimmig die Ursach dem Gifft zugemessen. Man gebrauchet ihr Gegengifft / aber zu spat / weil die Ursach ihrer Kranckheit bereit überhand genommen / und ihr Leben mit dem Tage geendet.

8. Chrysilas ware ein unschuldiger Todschläger /und gedachte sich an Arpag seinem Feind verdienter massen zurächen. Arpag triebe die Furcht in die Flucht / und als er bey einem schlechten[339] Mann verstecket / wurde er von Chrysilas Bekanten endlich ausgekundschafftet / und in das Gefängnis gebracht. Aldar weiste er ihmē die Handschuhe und reibet sie ihm in das Angesicht / daß er auch also bald halb todt dahin fiele / wie Erisila / in vier und zwantzig Stunden den Geist aufgabe / und Chrysylas alles Verdachts erledigte.

9. Also ist Arpag in die Gruben gefallen welche er ihm selbsten gegraben / und von Gott gestraffet worden / wie er gesůndiget: Chrysolas aber hat diese betrügliche Welt verlassen / und die Zeit seines übrigen Lebens in einem Kloster zu bringen wollen. Diese Geschichte hat sich begeben zu der Zeit / als Ostenden von den Spaniern ist bezwungen worden / wiewol dem Leser an den ümständen des Orts und der Zeit so wenig gelegen / als dem Kranken an dem Namen seines Artztes / welcher ihn heilet.

10. Das zweydeutige Wörtlein Gifft / welches auch für die Gaben und Geschänke gebrauchet wird / giebt Anlaß zu folgender


Rähtsel.

Was giebt dir Freund und Feind /

zu werben deine Gnaden /

zu deinem grossen Schaden /

was gut und böß gemeint.

Das Wort vermehrt deß Richters haab /

das Werk bringt manchen in das Grab /

dem jetzt die Sonne scheint.


Ende deß Vierdten Theils.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der Grosse Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichte. Hamburg 1656, S. 337-340.
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