(LXXXV.)

Der ohnmächtige Buler.

[283] Die Lieb ist ein zartes Kind deß freyen Willens / welches auch der geringste Zwang und Gewalt tödten kan. Dieses haben die Lehrdichter verstehen wollen /durch Psyche Fabel / welche dieses Liebesgötzlein verlohren / weil sie ihn sehen wollen. Doch finden sich so unbedachtsame Leutlein / die sich mit Zunöhtigung wollen lieben machen / und dardurch vielmehr Haß verdienen. Dieses sol folgende Erzehlung ausfindig machen / und erweisen / daß zwischen alles haben / und alles verlieren nur ein kleines Stäublein unterschieden sey.[283]

2. Zu Coblentz wohnte vor wenig Jahren eine sehr schöne Jungfrau / welche wir den Namen der Daphne wollen tragen lassen / weil sie eine treffliche Singerin / die auch Phöbum in solcher Kunstbefeden können. Unter vielen Freyern führte Andro die Braut heim /und hatte nun ihren willen diesem ihrem Mann verbindig gemachet / welchen sie mit allen treuen gemeint / und keines wegs dem Neid zu böser Nachrede ursach gegeben.

3. Unter den gewesenen Bulern war keiner so bethört als Tindar / welche seine Thorheit in dem Gesang mündlich / in den Gedichten auch schrifftlich und mehrmals kostbarlichst bezeuget / und wie er sie verzweiffelt liebete / auf vielerley wege zu verstehen gegeben. Er liesse Andre für die Klinge fordern /wurde aber von seinen Freunden verhindert / daß sie nicht zusammen gekommen / doch mochte man sie beede nicht mit einander vergleichen / weil Andro sich beleidigt vermeinte / und Rach zu üben suchte.

4. Andro war in Besitz und lachte deß andern drauen / ob er wol mehrmals üm das Hauß tratt / und Daphne sehen wolte / welche sich für ihm verbarge /und ihrem Mann wegen schuldiger Treuleistung keinen bösen Verdacht ursachte. Er stunde an dem Strand oder vielmehr / er lage zu Bette / und lachte deß in Ungewitter herumschwebenden Tindars. Dieser gleichte der Penelope Bulern / und richtete sich an die Magd / weil er bey der Frauen nichts mögen ausrichten. Der Gold-Regen machte ihme bey Florella Thüre und Thore auf / daß sie ihme verkauffte / was sie nur einmal verlieren konte.

5. Sie wolte Daphne vielmals bereden / sie solte Tindars Liebsklagen anhören / sie aber verstopfte die Ohren / und verwiese ihr solches Anbringen ernstlich. Tindar wil alles wagen und etwas oder gar nichts erhalten. Andro war wegen seiner Geschäffte über Land verraiset / und Florella verstecket Tindar / unter ihrer Frauen Bette / der Hoffnung / es würde sich die Sache in der Finsternis schon schicken:[284] ja er hatte einen Dolchen mit sich / Daphne die Ehre / oder das Leben zu nehmen.

6. Wann der Wolff ein Schaf erwischet / fasset er es bey dem Hals an / daß es den Hirten nicht üm Hülffe anschreien kan. Tindar wolte es auch also anfangen / Daphne aber erwehrt sich seiner / und erwecket ihr Haußgesind / mit dem Geschrey / daß sie endlich / (ob wol Florella sie ab zu halten vermeint / fürgebend daß es ein Nachtschrecken oder Traum etc.) zugelauffen / und Tindar Daphne mit dem Dolchen geritzt / und einen Knecht / der mit einer Fackel darzu kommen / verwundet.

7. In deme kommen die Nachbarn zugelauffen /und treiben Tindar in ein Kämmerlein / darinnen sie ihn gefangen halten / biß auf folgenden Tag. Niemand wolte sich zu ihn wagen / weil er draute den nechsten der hinein kommen würde zu erwürgen. In dem kommet Andro morgens wieder und höret was sich in seinem Hause begeben: zu dem fande er auch die Schergen / welche Tindar belägerten. Endlich stösset man die Thüren ein / und bemächtigen sich Tindars / wie wol nicht ohne Gefahr.

8. Andro wil diesen seinen Feind selbsten straffen /und weil er mit der Nachbarschaft der stärkste ist /müssen die Schergen weichen. Florella thut Andro einen Fußfall und bekennet die Untreue / welche sie an ihrer Frauen erwiesen / benebens der Unzucht / so zwischen ihr und Tindar vorgegangen / welchen sie in allen / sich zu entschuldigen / beschuldigte. Als nun Andro alles genugsam verstanden / und Tindar die Warheit bekennen machen / sagte er / daß dieses Verbrechen der unsinnigen Liebe zuzuschreiben / und wolle es dergestalt bestraffen / daß Tindar Florellam wieder zu Ehren bringen / und freyen solte.

9. Dieses war beederseits beliebig / und vermeinte sie noch wol darvon zukommen. Es geschahe also ihre Verlöbnis mit Mund und Handgebender Treue /benebens einem Ring / welchen Florella gerne anname / und zu einer stattlichen Heurat zu kommen vermeinte. Die Gegengabe aber welche Andro[285] absonderlich von ihnen mit Gewalt nahme / war Florella Nasen und Tindars mannliches Glied / thäte beedes in eine Schüssel / und liesse diese Verlobten zusammen kommen. Wie freundlich sie einander angesehen / ist leichtlich zu ermessen.

10. Also stellete Andro diese beede der Obrigkeit zu / welche Florellam an dem Leben gestrafft / und auch Tindar nicht würden verschonet haben / wann nicht der kalte Brand zu seinem Schaden geschlagen /und er in dem Gefängnis das Leben geendet hette. Solchen Lohn haben ungetreue Ehehalten und müssige Hengste / welche nach fremden Weibern wyhren /zuerwarten. Daphne aber hat den stets grünen Lorbeerkrantz der Keuschheit darvon getragen.

11. Der Elephant wird von den Naturkündigern als ein Bild der Keuschheit gerühmet. Weil nun seine rauhe Haut die Mucken in den Runtzlen fangen und zerdrucken kan / hat solches Sisnando / deß Hermigilds Sohn / welchen die Nordmänner erschlagen / für ein Sinnbild gebrauchet / mit der Oberschrifft (el mejor que puedo) so gut ich kan / verstehe schütze ich mich für unreiner Befleckung unverschämter Leute: unter dieses Sinnbild könte man folgende Verslein schreiben.

85. Der ohnmächtige Buler

Keuscher Sinn ist wol verwahrt /

gleicht der Elephanten Art:

Wer die Tugend wil beflecken /

wird sich wie die Mück' erstecken.

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der Grosse Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichte. Hamburg 1656, S. 283-286.
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