(XCIII.)

Die keusche Märterin.

[316] Das Wort Marter wird nicht nur von denen gebraucht / welche ihr Leben wegen deß Evangelii lassen und desselben Warheit mit ihrem Blut bezeugen; sondern es wird auch von denen verstanden / welche wegen einer Tugend / oder in Vermeidung einer Sünde getödtet werden. Drittens nennet man auch Marter alle grosse Schmertzen / welche wir als Menschen / wie jene / als Christen ausstehen und leiden. Einen rechten Märterer macht nicht der grosse Schmertzen / sondern desselben besagte Ursach;[316] sonsten müssten viel die böse Weiber haben / Märterer seyn / weil sie ihre Hölle auf dieser Welt haben.

2. In der Romagna zu Arimini wohnte ein Edler Namens Niso / dessen Tochter wir Neliam nennen wollen / und die eintzige ware / welche ihme seine verstorbene Liebste hinterlassen. Ihre Tugenden und ihre Schonheit streiteten üm den Vorzug und schreckte jene so viel Buler ab / als diese herzu lockte. Ihr Vater wolte sie in dem weltlichen Stande wissen / und trachtete sie zu verheuraten: ihr Sinn und Gedanken aber stunden nach dem reinen und geistlichen Kloster Leben; massen nicht nur zu dem Mahlen und dichten /sondern auch zu solchem Stande gewisse Leute geboren werden.

3. Um keine schöne Blume schwärmen so viel Biene / als Buler üm diese Blume aller Zier und Tugenden: sie hette aber wol sagen können / was dorten der Feigenbaum: »Sol ich meine Süssigkeit verlassen / und schweben über die Baumen«. Ob sie nun wol solches heimliche Gelübd in ihrem Hertzen behalten /hat es doch heraus brechen müssen / als ihr Vater ihr unter ihren Freyern die Wahl gelassen einen zu erkiesen / »da sie dann erwehlet keinen als den Mann / der einen Vater ohne Mutter / und eine Mutter ohne Vater gehabt« / wie die Rähtsel von Christo lautet.

4. Ihr Vater verbote in allen Klöstern sie nicht ein zu nehmen / wolte ihr auch keine Aussteuer zu solchem Stande ertheilen / sondern versprache sie Oronte / welcher sich entschlossen sie / als sie aus der Kirchen gehen wollen / auf zufangen / und auf sein Schloß zuführen / da er dann wol mit dieser vermeinten Nonnen zu recht zu kommen gehoffet / aber weit gefehlet: dann ob er wol sie in seiner Gewalt bekommt / möchte er sie doch noch mit schmeichelworten / noch mit Bedrauung zu seinem sündigen Beginnen bewegen noch zwingen.

5. Endlich wil er mit allen Gewalt rauben / was ihm dieser schwache Werckzeug nicht verstatten wil: und weil solche Thätligkeit ihren bittē und flehen[317] nicht raum gegeben / sie auch aller Waffen beraubt /nimmet sie die Haarnadel / einen langen spitzigen Stifft / so Weibspersonen zu tragen pflegen / und stösset solche ihrem vermeinten Ehrenschänder in das rechte Auge / daß er darüber ergrimmt / und seine Dolchen Kling wieder in ihre Brust verborgen / daß sie also bald todt zur Erden gefallen.

6. Oronte hat die Flucht genommen / und ist in den Apeninischen Gebirgen unter andre Landflüchtige geraten / seinem bösen Gewissen aber hat er nicht entfliehen mögen / welches ihn auch ausser allen zweiffel in endlichen Unfall gestürtzet haben wird. Also hat Niso seine Tochter betraurt als er sie verlohren / und hette sie lieber der Welt abgestorben / als natürliches Todes verblichen wissen wollen.

7. Hierbey erinnere ich mich / was ich anderwerts geschrieben von einer Jungfrau / die den Tod / aus verlangen bey Christo zu seyn / ihren Bräutigam genennet / welches ich wegen Gleichheit mit gegenwertiger Erzehlung / und sie also redend hier anführen wil.


Verweilst du trauter Tod / verweilst du liebes Leben?

wilst du nicht deiner Braut / was du versprochen / geben?

Die Krankheit und der Schmertz' ist nun mein Hochzeit Kleid /

und du / mein Bräutigam / hast mich noch nicht gefreyt.

Ich brenn' in Feuerlieb' / ich brenn' und keine Flute

erlöscht in meinem Leib so heisse Liebes-Glute:

An Kräfften bin ich schwach / und in der Liebe stark /

die Flamme zehrt in mir und dringt durch Bein und Mark.

Du hast / O wehrter Schatz / schon längst üm mich geworben /

Durch meiner Mutter Mund / bey Adam / der verstorben.[318]

Die hochverbottne Frucht war meine Morgen-Gab' /

er war das Heuratgut deß Menschen Sünden-Haab.

O schöner Schattenmann / du / du bist meine Sonne!

O düstres Leichen Liecht / du / du bist meine Wonne!

Wann / ach wann giebstu doch mir den verlangten Kuß?

ach wann / wann bringst du mir der Wollust Uberfluß?

Schau deine Jungfrau Braut hat sich dir gantz ergeben /

und hat in reiner Zucht bißhero wollen leben /

von keinem Mann berührt. Der todten Gräber Schar

hat zu dem Hochzeit Bett' erkiest die Leichen Baar.

Daß sie vor langer Zeit bestreuet mit Cypressen /

und du / mein Bräutigam / du / du hast mein vergessen.

O Nacht! ô letzte Stund! ô Angst! ô Todten Schweiß!

Ihr seyd mein Hochzeit Pracht / ihr folget Ordnungsweiß.

Es leuchten zu dem Dantz die gelben Hochzeit Kertzen

und meines Haubtes Schmuck / ist meines Hertzens Schmertzen.

Sind die Verliebten bleich / in ihrem Angesicht;

ich bin blaß und entfärbt / der Augen schwaches Liecht

trieft stetig Wangen ab. Die Lippen von Korallen

sind weiß und eingeschrumpft / die Händ als Schnee verfallen.

Man hört das Leichen Lied / es folgt der Glockenklang /

das ist bey diesem Fest der frohe Braut-Gesang.

Ihr Töchter Solyme / hört doch was mich betrübet!

Ich wart auf meinen Freund / den meine Seele liebet /[319]

ich sucht' ihn bey der Nacht / in meinem Threnen Bett'

und fand ihn leider nicht. Er hat mit einer Kett'

ümfässelt diese Welt. Er reit auf falen Pferden /

mäyt mit der Sensen ab die Völcker auf der Erden.

Er scheusst mit seinem Pfeil den Edlen und den Knecht:

ihm stehet zu Gebot das Manns und Weibs Geschlecht.

Ach lieber Menschenfeind / mein Freund und mein verlangen!

komm doch mich deine Braut und Liebste zu umfangen.

dir Blinden bin ich schön / dir Dauben wol beschwätzt /

dein Haar entblöstes Haubt ist von mir hoch geschätzt.

Komm doch und führe mich / komm doch ohn ferner weilē /

Laß mich dein Erden-Hauß in diesem Nun ereilen.

Dein Hauß von Helffenbein stillt der Gebeine Pein.

Nun Tod / ich schaue dich / es muß gestorben seyn!

Du nimmst mich bey der Hand / ich folg' in vollen Freuden /

ich jauchtze / daß ich jetzt sol von der Welte scheiden.

Es endet alle Qual / es endet alle Noth.

Wol mir / weil meine Lieb ist stärker als der Tod!

Quelle:
Georg Philipp Harsdörffer: Der Grosse Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichte. Hamburg 1656, S. 316-320.
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