Sechste Szene

[267] HANS versucht seine Erregung zu bemeistern. Traute – komm – fasse dich! Er ist ja nun fort. – Verzeih, daß du das hören mußtest ... daß ich so ohnmächtig war – so ohnmächtig bin – also nicht einmal hier bin ich mein eigner Herr – nicht im kleinsten Winkel bin ich mein eigner Herr!


Pause.


TRAUTE mit plötzlicher Angst. Hans! Was habe ich getan! Er durfte mich nicht sehen – du wirst Verdruß haben – oder Schlimmeres! Ach Gott, verzeih – aber es war zu furchtbar. Ich konnte es nicht ertragen.

HANS bitter lachend. Ha, ha, sehr gut – mußt dich womöglich noch entschuldigen, daß du überhaupt geboren bist. Eine tolle Welt! Herrgott!

TRAUTE. Soll ich nun nicht lieber ...?

HANS sich zusammenraffend. Nein. Er geht auf sie zu und nimmt ihre Hand. Komm, Traute – sein wir ruhig! Wir haben uns nun ... noch etwas zu sagen. Das wollen[267] wir tun und dann... Er führt sie zu einem Stuhl. Sieh mich an, Traute. – Ja – du bist es. Er hält ihre Hand. Siehst du: die andern alle – wollten lügen und haben gelogen. Ich glaube nur noch dir.

TRAUTE sieht zu ihm auf. Ich danke dir, Hans.

HANS. Nicht mehr zittern, Kind – sei ganz ruhig! Komm. Wird es dir nicht zu warm? Willst du nicht doch einen Augenblick ablegen?

TRAUTE verneint.

HANS. Jetzt seh ich erst – du bist in tiefer Trauer. Was ist denn ...?

TRAUTE. Weihnachten ... starb meine Mutter.

HANS leise. Deine Mutter ... dann bist du also jetzt – ganz allein? In dem alten Häuschen?

TRAUTE. Ja.

HANS setzt sich auf den andern Stuhl zu ihr und faßt unwillkürlich ihre Hand. Pause.

TRAUTE. Sie hatte einen leichten, sanften Tod. – Sie entzieht ihm ihre Hand. Energisch. Hör mich jetzt an, Hans! Ich will dir jetzt in kurzen Worten sagen, was du nun noch hören mußt, eh wir auseinandergehn. Damals hatt ich mir vorgenommen, zu schweigen, denn ich sagte mir, du wolltest mich los sein und seist nur zu feige ... und da wollte ich stolz sein. Aber heute sehe ich, daß das alles Lug und Trug war, und habe gehört, wie sie nachträglich von mir reden – und nun muß ich dir alles sagen. –

Wie du damals fort warst, waren deine Vettern sehr nett und freundlich zu mir – wie sie's dir versprochen hatten. Ein paarmal trafen wir uns draußen in Paulis Garten, wo wir beide so glückliche Stunden verlebt haben – wie froh war ich, die paar Menschen zu haben, mit denen ich über dich sprechen konnte. –

Da kam – dein Geburtstag. Wir hatten uns wieder verabredet, ihn zusammen draußen zu feiern, aber wie wir uns trafen, war es schlechtes Wetter und wir konnten nicht im Freien sitzen. Da machten die Rambergs den Vorschlag, zu einem Freunde von dir[268] und ihnen, zu Herrn von Grobitzsch, zu gehn. Das sei ein reicher Mann, hätte eine große Wohnung und würde sich gewiß sehr freuen.

Ich wollte erst durchaus nicht, aber die beiden redeten mir so lange zu – und dann hatt ich mich so auf den Abend gefreut – ich bin schließlich mitgegangen. Auf einen Blick von Hans, sich unterbrechend. Es war unrecht, wie? Hans schüttelt den Kopf. Wir kamen also zu Grobitzsch. Es fiel mir ja zwar anfangs auf, daß alles schon so von vornherein zu einem Feste hergerichtet war – ein Abendessen war serviert – der Sekt war in großen Kübeln kaltgestellt – aber da lachten mich die Rambergs aus – so ginge das bei Grobitzsch alle Tage zu.

Ja ... und dann ... kam alles bald in lustige Stimmung, von Anfang an wurde Sekt getrunken – auf dein Wohl und immer wieder auf dein Wohl. Dann fingen sie an mich zu necken: du wärst mir in der Fremde ja doch nicht treu – na, da lacht ich sie ja einfach aus. Und dann: du würdest doch nun auch gewiß bald heiraten und ob ich denn daran schon gedacht hätte? Gewiß, sagte ich, daran hätt ich wohl schon gedacht. Aber ich könne mich nicht daran kehren, denn das Leben sei so kurz. Sie läßt die Stimme fallen. Ich hätte dich so lieb und so bald würde es ja wohl nicht sein – oder was ich sonst für Unsinn daher schwätzte, denn ich wurde selber nur immer lustiger und toller.

Aber da auf einmal stand dein Vetter Peter auf und mit einem ganz ernsten Gesicht. Sie hätten mich darauf vorbereiten wollen ... ich hätte ja also doch gewußt, daß es einmal so kommen müßte – nun solle ich aber auch ein verständiges Mädel sein und es mir und dir nicht unnütz schwer machen ...

HANS unterdrückt. Herrgott!

TRAUTE. Und was er sonst noch redete – mir ging alles wirr und blöd im Kopf herum, und wie er zu Ende war, lachte ich wie verrückt, denn ich wollt es[269] immer noch gern für einen Scherz halten. Aber als ich dann ihre Gesichter sah – auf einmal – da war es aus. Erst kriegt ich einen Weinkrampf und dann fiel ich in Ohnmacht.

HANS streicht ihr über die Hand, leise. Meine Traute ... Weiter ...

TRAUTE. Und bin wohl eingeschlafen – fest, tief – wie ich dalag. Ich weiß nicht.

HANS leise. Und dann?

TRAUTE. Ein paar Stunden später wacht ich plötzlich auf – von einem Lachen, glaub ich. Es war lichter, früher Morgen. Man hatte mir mit zarter Fürsorge ein Kissen unter den Kopf geschoben. Am Spieltisch saßen die Rambergs, Herr von Grobitzsch und noch ein – Herr, den ich nicht kannte. – Als ich sie ansah, hörten sie auf zu lachen. – Ich konnte kein Wort sprechen – und ging hinaus. Draußen sangen alle Vögel. Ich war wie tot. Lange Pause. Sie steht auf, fest. Ja, Hans – so ist es gewesen. Ich verschweige dir nichts – nichts. So wahr ich dich liebgehabt habe und immer noch liebhaben muß, Hans – das ist die reine Wahrheit. – –

Am Abend des Tages bin ich in die Kirche gegangen und habe lange, sehr lange gebetet. Ich hatte Gottes Gebot übertreten, denn unsere Liebe war Sünde gewesen, und ich glaubte nun, dies sei die Strafe.

HANS lacht bitter auf.

TRAUTE. Nicht lachen, Hans – es wird wohl doch so sein – trotz alledem.

HANS steht ebenfalls auf. Traute, du weißt: ich habe nie versucht, dich in deinem Glauben zu stören – aber: kannst du glauben, daß Gott sich, um zu strafen, einer gemeinen menschlichen Büberei bedienen würde? – Oh, warum hast du mir damals nicht geschrieben?

TRAUTE schüttelt den Kopf. Nein. Wenn ich demütig war, kam ich zu dem, was dein Freund mir vorhin gesagt hat und was ich wohl verstanden habe: sei[270] nicht sein Feind – er hat es so gewollt. Denke doch: ich mußte ja glauben, daß es dein Wille gewesen war, daß du mich so ... und wenn dann der Haß mich packte und Wut und Schmerz, daß du mir das nicht selber gesagt, daß du es mir durch deine Vettern und Freunde hattest antun lassen – dann siegte doch immer wieder mein Stolz und machte mich starr und kalt. Und so – hab ich geschwiegen.

HANS. Wie gut sie gerechnet haben! Auch mit mir! Mit meinem Stolz – meiner kläglichen, verletzten Eitelkeit. Und so ist es ihnen gelungen, so haben sie mich richtig hier in diesen Käfig eingesperrt. – O Gott ... Er schaut wild um sich. Jetzt ... Ja, nun ist mir alles klar. Hab Dank!


Er reicht ihr die Hand.


TRAUTE nimmt seine Hand. Ich danke dir, Hans, daß du mir glaubst. – – Und nun: leb wohl.

HANS ihre Hand noch haltend. Du willst nun ...

TRAUTE. Ja. Ich muß nun gehn. Sie zieht ihre Hand zurück. Leb wohl, Hans ...

HANS. Traute ... Traute! –

TRAUTE. Nein, nein ... laß mich, laß mich ... Ich bin nicht dein Feind, Hans!

HANS mit überströmendem Gefühl. Nein! Nein! Du bist meine Traute ...


Er breitet die Arme aus.


TRAUTE aufschluchzend, will sich an seine Brust werfen. Sie hält, plötzlich erschrocken, inne. Sie sieht ihn noch einmal groß an und eilt dann ab.

HANS will ihr folgen und bleibt dann stehen. Das... das sollen sie mir büßen!

Quelle:
Otto Erich Hartleben: Ausgewählte Werke in drei Bänden. Band 3, Berlin 1913, S. 267-271.
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