Zweite Szene

[281] HANS bleibt in der Mitte der Bühne in tiefem Nachsinnen stehen. Er reißt sich los, geht zum Tisch, gießt sich ein Glas ein und leert es auf einen Zug.

MORITZ UND BENNO werden draußen am offenen Fenster sichtbar. In Uniform. Sie legen die Arme auf die Fensterbank und blicken ins Zimmer. Beide sind etwas angeheitert. Plötzlich und schrill pfeifen sie die Melodie eines Gassenhauers.

HANS schrickt zusammen.

MORITZ UND BENNO lachen laut auf.

MORITZ. Morgen!

BENNO. Morgen!

HANS auf ihren Ton eingehend. Na, ihr ... Morgen! Seid wohl grade aufgestanden?

BENNO. Wer weise wählt Wolle.

MORITZ. Wir haben natürlich 'n bißchen Vorrat geschlafen, denn dieser nächsten Nächte Qual wird groß. Heute abend Römischer Kaiser. Du kommst doch auch?

HANS. Natürlich.

MORITZ. Und dann denk dir diesen Marschall an, der muß rein toll geworden sein! Setzt der Kerl auf morgen früh vier Uhr die Generalprobe zum Handschuh von Schiller an! So was ist noch nicht dagewesen! Die Herren bummeln ja doch die Nacht durch – dann werden sie um vier Uhr in der richtigen Stimmung sein – oder sie schlafen, dann können sie auch zwei Stunden früher aufstehn – das ist seine Logik.

BENNO. Alle Frösche hüpfen und die Erhabenen freuen sich.

HANS. Was ist das?

MORITZ. Benno hat heute seinen Tiefsinnigen. – Und denk dir noch Folgendes! Dieser unglaubliche Marschall! Läßt mir sagen, ich müßte eventuell den Leuen spielen. Ich – den Leuen! Der Kerl ist verrückt! Von heute auf morgen – auf morgen früh vier Uhr soll ich den Leuen lernen, diesen König der Tiere. Unglaubliche Sache![282]

BENNO. Karnevale! Karnevale! – Du Glückspilz! Feierlich. Gratuliere! – Dem Gerechten schenkt's der Herr im Schlafe.

HANS. Benno, mein Sohn! Ich danke dir, aber ... weswegen und wozu?

MORITZ UND BENNO pfeifen dieselbe Melodie wie vorhin.

HANS. Sehr schön. Aber ...

BENNO. Die Baudensche Villa! He? Weißt wohl noch gar nicht? Oder tust nur so? Hm? Glückspilz! Unverschämter!

MORITZ. Tatsache, Hans! Dein Schwiegervater hat heute früh telephonisch abgeschlossen. Benno sollte natürlich den Mund halten – kann er aber nicht. Also! – Gratuliere ebenfalls.


Sie pfeifen wieder.


HANS. Ach hört doch mit dem dummen Pfeifen auf! – Woher wißt ihr denn das?

MORITZ. Von den Rambergs, natürlich. Von wem wohl sonst?

HANS. So? Die meinen's doch herzlich gut mit mir.

BENNO. Sie waren vergnügt wie die Nachtigallen.

MORITZ. Ja, du: alles was recht ist! Die meinen es wirklich von Herzen gut mit dir. Ist denn euer ... ä ... kleines Zerwürfnis von neulich wieder beigelegt? Hoffentlich doch!

HANS. Nu selbstverständlich. Die Bagatelle!

MORITZ. Ja? Aber weshalb kommst du denn da nicht ins Kasino?

BENNO. Er hat sich dem heimlichen Suff ergeben.

MORITZ. Ja, sag mal: was hast du denn da eigentlich für 'n Getränke? Vorhin gössest du dir doch grade ein Glas hinter die Binde.

BENNO. Moritz, du wirst schwach. Det is doch Sekt.

MORITZ. Ha! Siehe, der Sekt lacht in den Saal! Nun, wenn du gestattest, sind wir so freundlich und treten einen Augenblick näher?

HANS. Ne, ne, ne! Danke sehr, aber bemüht euch nicht.[283]

BENNO. Nanu?

HANS. Im Ernst. Ich habe noch ein paar Briefe zu schreiben. – Diese Nacht werden wir des Guten noch genug tun – im Römischen Kaiser. Der Teufel soll mich frikassieren, wenn ich mich da lumpen lasse! Da stoßen wir dann auch auf die Graf Baudensche Villa an! – Feines Grundstück, was?

BENNO. Protz!

HANS. Also! Adieu! Auf Wiedersehen.


Er reicht ihnen die Hände.


MORITZ. Na, wehe dir, wenn du dich die Nacht nicht nobler zeigst!

BENNO. Wehe dir! Unsern Fluch!


Beide bewerfen ihn a tempo mit Konfetti und verschwinden lachend und pfeifend.


HANS. Deuwel auch. Er lehnt sich zum Fenster hinaus und ruft ihnen nach. Hört mal! Noch eins! Wißt ihr vielleicht, ob die Rambergs da sein werden – diese Nacht?

MORITZ ruft, nicht mehr sichtbar: Ich denke doch. Weshalb?

HANS. Und Grobitzsch?

MORITZ. Weiß nicht.

HANS. Danke.


Er geht vom Fenster weg.


Quelle:
Otto Erich Hartleben: Ausgewählte Werke in drei Bänden. Band 3, Berlin 1913, S. 281-284.
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