Dritte Szene

[112] ASTARTE etwa vierundzwanzigjährig, jung, stahlschlank, mit einem düsteren Zug im Blick, äußerst vornehm sommerlich gekleidet, kommt ebenfalls aus der Mitteltür des Schlosses. Vater ... was fällt dir ein ... es ist später Nachmittag ... und du sitzt im Schlafrock ... hier ... vor dem Schlosse ... wenn Mander da ist, wagst du das nie ...[112]

TIEFSEE lesend. Nebenbei. Ach ... rede nicht ... ich genieße mein Altenteil einmal eine Minute in Ruhe ... ich bin ja doch eine Art Schwiegervater ... Lionel Mander hat ja doch sonst weder Vater noch Mutter ... noch Weib ... noch irgendetwas Bürgerliches jemals in diesem Leben besessen ...

ASTARTE kommt langsam heran. Du kommst von den üblen Gewohnheiten deines Lebens niemals los ... du mußt immer wieder den jämmerlichen Spießbürger spielen ... den kleinen Bierwirt ... oder diesen ewigen Komiker ... oder wer weiß was für einen Narren ...

TIEFSEE wie vorher. Ach ... laß mich ungeschoren ...

ASTARTE. Du weißt ... Mander hat dir das zur Bedingung gemacht ... daß du dich den vornehmen Sitten fügtest ... ja ... wie er deine Schulden bezahlte ... dich aus deiner Lebensmisere wie einen ertrinkenden Lappen auffischte ... so sagst du doch selber ... hat er dir ausdrücklich gesagt ... lieber Kollege ... du mußt dich anpassen ... es kostet dich nichts ... also wird es dir keine Mühe machen ... Mander ist ja gutmütig wie warme Wolle ... oder wie ein bunter Eisvogel, wenn er sich in den Süden verfliegt ...

TIEFSEE wie vorher. Rede nur weiter ... jawohl ... lieber Kollege sagte er ...

ASTARTE. Ja ... und das ist lächerlich ... du und sein Kollege ... ihr gehört zusammen wie der weiße Schwan ... und ...

TIEFSEE. Na ... und ...[113]

ASTARTE. Ich sags ruhig ... und eine lahmgeschmissene Elster ...

TIEFSEE. Du ärgerst dich wohl wieder furchtbar an mir ...

ASTARTE. Weißt du ... empfehlenswert ist das grade nicht ... für ein Mädchen von guter Art ... wenn es aus Sumpf aufgewachsen ist ... wenn die ihre Vergangenheit immer wie die Schnecke ihr Haus mit sich schleppt ... aber das ist eben Mander egal ...

TIEFSEE. Aus irgendetwas muß ein Mensch aufgewachsen sein ... ein Los muß jeder ziehen ... ja ... du hast dich gar nicht zu beklagen ... schon über deinen Vater und deine Mutter hast du dich gar nicht zu beklagen ... erstens einmal bist du von einer Mutter in Parade gesetzt ... höre mal, mein Kind ... diese deine Mutter ... die hatte eine Demut ... wenn du zum Beispiel nur nimmst, was sie aß, wenn du und ich noch am Tische saßen ... Bissen ... Brot ohne Salz ... das Salz war zu schade ...

ASTARTE. Oh ja ... Sie lümmelt sich über den Tisch und guckt in ein Zeitungsblatt. meine Muttel war auf alles bedacht ... und entsetzlich verängstigt ... ich will mich an Muttel durchaus nicht versündigen ... hahahaha ... angezogen hatte sie mich als Kind immer, daß jeder gleich sah, daß ich einer Herumzieherhorde entsprungen war ... und Liebesgeschichten mußte ich auch schon zu Zeiten haben, wo die andern Kinder noch Pappe kriegen ... nein nein ... ich erinnere mich gar nicht, daß sie mir auch nur einmal unfreundlich und grob gekommen wäre Lebhafter erregt. oder hätte mich an den Haaren zurückgerissen ... Asta hinten ... und Asta vorne ... besonders später in dem Kummerwinkel ... in der Kneipe ... wenn da einmal der reiche Mann zu euch demütigen Spaßmachern kam ... und gnädig Champagner spendierte ... in Erinnerung an deine einstige Komikerzeit ... hahahaha ... da mußte ich mich auch tüchtig besaufen ... ja ... Immer erregter. und hab mich besoffen ...[114] aber nicht bloß mit Wein und süßer Chartreuse ... mit Galle ... mit Haß ... mit Abscheu ... mit Härte ... mit Weitblick ... mit allem, was so ein erdrosseltes Sehnsuchtsleben mir zurückbringen sollte ... mit dem heißen Verlangen, heraus aus Sumpfe ... heraus aus dem klebrigen Leben augendienerischer Gemeinheit ...

TIEFSEE lacht höhnisch und wehrt dabei mit dem Zeitungsblatte von oben herab ab. Spiele nur ... immer spiele ... ich konnte deine Mutter nicht ausstehen, wenn sie sich so vermaß, Sitte zu predigen ... das gibt es außerdem gar nicht wirklich in dieser Welt ... jeder will eben nur seinen Vorteil haben ... wie der Hund hinter der Türe am liebsten für sich das Fleisch samt dem Knochen in Ruhe einschluckt ... ja und dich ... wenn du so in fließender Schleierseide ... und dem tropfenden Solitair aus Herrn Manders großer Schatulle vor mir stehst ... dich kann ich erst recht nicht leiden ... wenn du gar so tust, als ob du hier Herrin wärst ... und ich von dir das Gnadenbrot äße ... nee ... das würde mein Ende sein, weißt du ... du Geliebte ... hahahaha ... Herrin ... hahahaha ... nur Geliebte ... gar nichts weiter ... nur eines Mannes wie Lionel Manders Geliebte ... weißt du ... denn ich kenne Mander ... Er ändert seinen Ton plötzlich ins Stille und Sanfte. ja ... Er erhebt sich. nein ... es paßt sich nicht, mich im Schlafrock hierher zu pflanzen ... ich habe wirklich mein Wort gegeben ... er sorgt für mich ... und ich habe mich ihm verpflichtet ... und werde jetzt in mein Zimmer gehen ... mich in einen anständigen Promenadenrock hüllen ... und die Pfeife ist eine alte, gemeine Unart von mir ... das will ich auch zugeben ... so etwas paßt sich in einem Herrenschlosse durchaus nicht ... auch wenn Mander jetzt wieder wie ein Fischotter, den Wiesel hetzen, in allen Wucher- und Spielerlöchern nach Hilfe herumjagt ...

ASTARTE. Das sagst du aus Scheelsucht ... weil du es früher in deinen Nöten derart betrieben ...

TIEFSEE. Ja ja ... werde mir Zigaretten holen ... mich als Gentleman kostümieren ... auf die Felder spazierengehen ... und die Landleute beim Ave-Maria- Beten[115] betrachten ... vielleicht bete ich mit ... das ist mir jetzt lieber, als mich in diesem üppigen Faulenzerleben in die Sonne zu pflanzen ... und mit dir in die einstige eigne Misere hineinzustarren ... Er rafft sich plötzlich noch einmal erregt hoch. aber das sage ich dir ... danke du Gott, daß du mich zum Vater hast ... um meinetwillen hat er dich in sein Bette genommen ... ich habe es dir verschafft, diese Pfründe ... mit mir hat er die ersten Schritte auf den schlüpfrigen Brettern getan ... ich habe ihm müssen sozusagen die Hände halten beim Gaukeln ... mich braucht er noch immer ... tausend Tricks, die er heute kennt, stammen von mir... ich bin noch immer der höchste Geschmackskünstler für vornehme oder fürstliche Personen ... obwohl er über mich hinausgewachsen ist ... und schließlich der Oberarrangeur ... und Obereskamoteur ... und Oberweltmann ... und Obermeister üppiger Nachtfreudenfeste ... und Obergaukler ... und Obertänzer ... und Oberschwätzer ... und Obergauner ... und Verführer ... und Blender ... und großartiger Aufspieler geworden ist ... von dem wir uns alle nur blenden lassen ... und gebrauchen lassen ... und »erhöhen« lassen ...

ASTARTE. Vater ... schrei nicht so ... ich bitte dich, Vater ...

TIEFSEE. Ja ... wenn es nicht eben um des schnöden Goldes willen unmöglich wäre, das er uns als Trinkgeld so hinwirft ... und wenn ich nicht eben schon zahnlos wäre ... würde ich nicht nur bellen ... würde ich diesen verstiegenen Herrn Kollegen gehörig einmal ins Bein beißen ... Immer noch gehalten. würde ich ihn hübsch würgen... Immer gesteigerter. würde ich ihn nicht nur würgen ... würde ich ihn mir um die Hand wickeln wie einen alten Hemdlumpen ... oder alten Handschuh ... und ihn zerreißen ... in Stücke ... und ihn auf den Schindanger schmeißen ... ja ... wie einen Lumpen ... oder wie ein verfaultes Froschluder ...

ASTARTE verbittert. Schön ... das klingt schön ... Nach einer Pause, worin Tiefsee Haltung gesucht und dann die Zeitungen zusammen gegriffen hat. gehe nur lieber jetzt,[116] Vater ... bitte, Vater ... Pause. ziehe dir eins von den neuen, kostbaren Batisthemden an, die dir Herr Mander gestiftet hat ... weil er sich auch immer nur in Seide kleidet ... denn was ist ihm Geld ... und Ausgaben ... und Wohltaten ... das ist ihm nur ein Schwips mit der Hand ... er muß ja doch immer Großartigkeit und Lüster und Kostbarkeiten um sich haben ... wie er sich so grade zum Beispiel einbildet, einen venezianischen Leuchter auf irgendein Konsol hinaufzubugsieren ... ach Gott, Vater ... hasse ihn nur ... und höhne mich ruhig ... rümpfe nur deine verbitterten Lippen ... stich mich mit deinem Theaterblick ... lähme mich richtig ... so weh tut mir dieser Hohn ... warum denn ... das hast du eben noch nicht begriffen ... ich bin die Geliebte ... weil ich es nicht erst geworden bin ... weil ich es bin ... heute nicht mehr aus Gier nach Tand ... oder aus Gier nach kostbaren Kleidern ... oder aus Gier nach der süßen Umarmung des Leibes, die so süß und so selig sein kann ... oder aus Hoffnung auf die Zukunft ... oder aus Hoffnung auf irgendein Wunder der Gaukelei, das doch nicht kommt ... denn ich weiß sehr genau ... Herr Mander läßt nur alle Men schen und Dinge wie eine goldene Schnur durch die Finger laufen ... und der Herr Juwelier folgt beständig auf den Fersen ... ich sehe das wohl, wie Mander wieder den Ausweg nicht sieht ... ja ... ich werde es dir noch besser sagen ... mein Herz ist ihm aufgetan ... ich bin eine Mutter ... nicht etwa, ich trage ein Kind ... ein echtes und rechtes Frauenzimmer hat stets im Blute eine Mutter ... eine Mutter umarmt einen Hoffnungslosen ... einen Heimatlosen ... einen Verschwender ... einen verlorenen Sohn ... einen Spieler ... einen Täuscher ... einen Gaukler, dem das Leben vergeht ... mir eben ist etwas aufgebaut ... von dem ersten Augenblicke an, als er mich nahm ... da erkannte ich ihn ... die wilde Bestimmung, die ihn hinhetzt ... diesen Gehetzten ... diesen Gezwungenen ... dem ich meine Seele hinwerfen muß... dem ich Balsam sein muß... in seinen zerrissenen Stücken ... ja ... Plötzlich sanft. deine Gesichtsfarbe verwandelt sich, Vater ... diesen Menschen, der hinausgestoßen ist in die blutigen Flüge ... erarbeite uns doch die Herrlichkeit ... du toller Gaukler ... ersinne sie uns doch ... ergötze uns doch ... schneid es dir doch aus deinem Fleische heraus ... zerberste dich doch für uns nach der Schönheit ...[117] mache uns doch die steinige Welt zum Paradiese ... du aus Erde genommener Lehmkloß ... zeige doch deine Kunst ...

TIEFSEE erschüttert. Hahahaha ... großartig ... hysterisches Frauenzimmer ... verrücktes ... ja ... da könnte ich wirklich auch heulen, wie du das darstellst ... nicht wahr ... liebes Kind ... so war auch dein Vater ... jetzt ist er nur abgenutzt ... ja ... dieser Ruhmesschein fällt auch zur Entschuldigung auf deinen Vater ... nicht ... oh ... du bist ein Weib ... du bist eine richtige Vergolderin des Lebens ...

ASTARTE. Nein ... gar nicht ... Vergolderin ... Verflucherin... nein ... auch das nicht ... gar nicht ... lächerlich, wer verfluchen wollte, was er nie begriff ... ja ... ein einfaches Weib bin ich ... eine, die eben nur liebt ... liebt ... wozu ... gar nicht wozu ... liebt ... einmal drauflos ... den Mann ... liebt ... der sie einmal hungrig und sehnsüchtig in die Arme nahm ... ach ... seufzte ... in sich stumm war ... vielleicht einmal einen Augenblick selig war ... vielleicht wie jemand, der einmal einen Augenblick die Herrlichkeit sieht ... aufsteht ... und wieder fortgepeitscht wird von Ehrsucht ... von Ruhmsucht ... von Besitz ... von Verheißung größerer Dinge ... fortgepeitscht wird in verstiegenen Pflichten ... ja ...

TIEFSEE. Oh ... Weib ... ja ... Weib ...

ASTARTE. Ach ... Vater ... du kannst das nicht begreifen ... niemals ... du hast nie im Leben durch dringen wollen ... aber ich bin nicht träge gewesen ... ich bin auch nicht feige gewesen ... ich bin auch nicht zweckgierig gewesen ... und einmal kommt vielleicht jeder zu seiner Wahrheit ... mir jedenfalls ist meine Wahrheit wie ein Tropfen siedend über die Stirn geronnen ... das bleibt klar ... und wenn ich vergehe ... wer das einmal lebte ... der lebt das immer ... und lebt das froh ... der lebt sehend ... und lebt das zu Ende ...[118]

TIEFSEE streichelt Astarte. Dann geht er auf die Mitteltür zu. Bleibt stehen und blickt zurück. Asta ... mein Kind ... Er kommt noch einmal ein paar Schritt auf sie zu. meine liebe Asta ... ja ... ich bin stolz auf dich.

ASTARTE heiter. Ja ja ... ich weiß schon ... ich weiß schon ... Vater ... ich kenne dich schon ...

TIEFSEE würdig, sich wieder gegen die Mitteltür wendend. Im Abgehen. Ganz gewiß ... ganz gewiß ... ich bin stolz auf dich ...


Ab ins Schloß.


Quelle:
Carl Hauptmann: Die goldnen Straßen. Leipzig 1918, S. 112-119.
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