Fünfte Szene

[122] BARON ATTENDORN ein junger Dandy, schwingt drei Telegramme und ruft Fräulein Astarte zu. Ich danke meinem Schöpfer ... die Ängste sind vorbei ... es muß alles wieder im Gleichgewicht sein ... innen und außen ...

ASTARTE. Kommt Herr Mander ...


Tiefsee als Stutzer zum Ausgehen gekleidet, ist auch aus dem Schlosse eben erschienen. Nur spitzig beobachtend.


ATTENDORN. Ja ja ... der Meister kommt ... offenbar kommt der gnädige Herr heut sehr befriedigt ...

ASTARTE. So ... ach Gott ... Sie geht sofort ins Schloß ab.

ATTENDORN. Wo ist denn Henry ... Henry steht schon lachend dabei. bitte Henry ... die Frauengemächer im Flügel B in den blumigsten Prunk setzen, Henry ... Herr Mander telegraphiert ausdrücklich königlich ...

TIEFSEE spaziert äußerst gespreizt die Freitreppe in den Park hinunter. Dabei deklamiert er laut vor sich hin.

Wir sind die Schattenbilder, die im Tanz

sich drehn um der Laterne Sonnenglanz ...

der Meister Gaukler dreht das große Licht

zu diesem mitternächtigen Mummenschanz ...


Pfeifend durch den Park ab.
[122]

ATTENDORN während andere Diener neugierig herausgetreten sind. Er bringt nämlich die berühmte Ottilie Kopriva mit ... wir müssen sofort in der Kanzlei die Tagesordnung für morgen fein säuberlich auf die große, weiße Karte mit dem goldnen Wappen schreiben, Henry ... hängen Sie sie bald im Tanzsaale unter Glas und Rahmen ... gleich für die ganze Sommerschule hier auf dem Schlosse ... denn alles wartet ja doch ungeduldig ... ich als Vergnügungsdirektor inbegriffen ...


Ein anderer Diener erscheint eilig aus dem Schlosse mit weiteren Telegrammen.


ATTENDORN. Hahahaha ... wenn der Meister wieder in Laune ist, kommen jetzt noch zehn Telegramme ... Aufreißend und lesend. der Viererzug holt also den Herrn Mander und die Dame in der Nacht vom Bahnhofe ab ... weiter ... soll im kleinen Speisesaal ein Souper tête-à-tête für zwei königliche Menschen angerichtet werden ... Unterdessen ist der Küchenchef auch neugierig herausgetreten. ja ja ... kommen Sie um Gottes willen von selber ... wir müssen eiligst den Speisezettel für ein Souper tête-à-tête kurz nach Mitternacht jetzt besprechen ...

DER KÜCHENCHEF. Wir haben gemästete Weinbergswachteln im Keller, Herr Baron ... ein Lieblingsgericht des gnädigen Herrn ... ich gebe also Schildkrötenbouillon ... Forellen mit Rheinwein dressiert ... die Weinbergswachteln zart geröstet mit gedünstetem Trüffelgemüse ... zum Schluß Wildpastete mit gepfefferter Kirschsauce ...

ATTENDORN. Danke, Herr Chef ... großartig ... Indem er wieder liest. morgen abend soll es bereits ein glänzendes Nachtfest nach Lionel Manders Art hier geben ... Die Telegramme in der Hand haltend, wendet er sich zum Schlosse, von den Dienern gefolgt, die seiner Befehle harren. Und vom Küchenchef. jetzt ... wo Herr Mander auch seine einzigste, allergeliebteste Tochter im Schlosse beherbergt ... ja, meine Herrschaften ... ich möchte über das Allerheiligste des Herrn und Meisters keine Anzüglichkeiten reden ... aber ich finde diese kleine Mander charmant ... daß die noch im Kloster ist ... diese kleine[123] Lisiska ... ist ja gottvoll ... es ist ja nichts köstlicher als die Unschuld ... das ist doch wenigstens ein vornehmes Mädchen hier im Schlosse, die Lionel Mander anders auffaßt, als die übliche Damenwelt ...


Unter diesen Worten verschwindet er ins Schloß, vom Küchenchef und den Dienern gefolgt.


Der Vorhang fällt.


Quelle:
Carl Hauptmann: Die goldnen Straßen. Leipzig 1918, S. 122-124.
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