Zweite Szene

[127] DIE STIMME MANDERS aus der linken Tür. Pavian ... Seidenaffe ... geliebte Seele ... geliebter Helfershelfer ... Ehe José die Kleider beiseite legen kann, hört man Rumoren. Goldseele ... Kammerdiener ... Ew. Exzellenz, Herr erster Kammerdiener José ... Dann erscheint Mander in einem weißseidenen, pelzverbrämten Morgenmantel. In weißen Atlaspantoffeln schlürfend in der Tür. wie denn ... wo denn ... wo steckst du denn wieder ... ich brülle mir wieder fast den göttlichen Odem aus ... lieblicher Knecht ... warum springst du denn nicht ...

JOSÉ grauhaariger, zärtlicher Mann, sofort am Toilettentisch sich bereit stellend. Oh ... ja nicht ... der gnädige Herr dürfen sich heute ja nicht aufregen ... es würde sich gar nicht lohnen, daß sich der gnädige Herr heute erst wieder in Aufregung brächten ... Er hantiert sofort am Toilettentisch. ich habe seit der Einfahrt in der Nacht wirklich noch keine Minute stille sitzen können ...[127]

MANDER während er vor den fünffach auseinandergelegten Toilettenspiegel schlürft. Greulich ... abscheulich ... so unangeraucht ... so bettsackdämlich ... José reicht ihm sofort Zigaretten und Feuer. so ausgeweidet bis zur untersten Hefe ...

JOSÉ. Na ... ich bin wenigstens glückselig, daß der gnädige Herr wieder gestern so in Stimmung gerieten ... und die Stimmung ins Schloß mit heimgebracht ...

MANDER. Schlummert sie noch ... jetzt schlummert sie wirklich in meiner Hütte ... sind die Wohngemächer der hohen Frau in ein Eden verwandelt ... oder gehört ihr zu dem blöden Pöbel, der es erst immer nachträglich merkt, wenn er einen Engel beherbergt hat ... o José ... jetzt werden die großblütigen Orchideen dieses Weib bestaunen ... jaaa ... schillernde Schlange ... sich ringelnde Schararaka ... herrliches Wesen ... dieser süßeste Büll-Büll- vogel ... diese Allererste ... diese Stimme ... diese Stimme ... wie ein Heilquell, der aus den innersten Erdgründen aufdrängt ... ach ... diese Stimme ... José ... die von Mondschlössern aus Jaspisstein erzählt ... sinnbetörend erzählt, bis man verrückt ist ... bis man alles vergißt ... Plötzlich geschäftsmäßig. José ... Fräulein Kopriva kommt aus freier Entscheidung zu Lionel Mander ...

JOSÉ. Das ist wirklich eine Anerkennung für Herrn Lionel Manders Kunst ... und für seine Methode ... wenn solche berühmte Künstler ihn aufsuchen ... wie ich höre, wird die berühmte Künstlerin sogar eine große Partie mit dem gnädigen Herrn durchstudieren ...

MANDER rückt das Monokel. Ja ... Ottilie Kopriva ruht jetzt in den Wappenkissen von Lionel Mander ...

JOSÉ. Befehlen der gnädige Herr, im Morgenmantel zu bleiben für das Frühstück ... oder wollen der gnädige Herr nicht lieber gleich ein helles Morgenkostüm[128] für den Parkspaziergang anziehen ... tja ... mir ist ein Band von der Seele gesprungen ... auf der Heimfahrt die Nacht ... Herr Mander leben doch heute wieder frisch und befreit ... und mit neuer Fröhlichkeit aufgerichtet ...


Mander geht schweigsam auf und ab. Rauchend.


JOSÉ zärtlich und behutsam. Es wundert mich nur, daß der gnädige Herr das andere vergessen ... daß der gnädige Herr ganz vergessen, welche Gäste wir noch im Schlosse haben ...


Mander geht schweigsam auf und ab.


JOSÉ. Der gnädige Herr sollten wirklich den Morgengruß hier in dieser Vase betrachten ... das junge gnädige Fräulein hat ihn nämlich am zeitigen Morgen eigenhändig vom Strauche gepflückt, als sie mit ihrer Nonne zur Frühmesse in die Dorfkirche ging ... der gnädige Herr hatten ja doch vorgestern Abend ein dreimal dringendes Telegramm an das Fräulein Tochter geschickt ...

MANDER auffahrend. José ... hole das Telegramm an meine Tochter zurück ... es war eine Sentimentalität ... es war eine Schwäche ... ich will niemand sehen ...

JOSÉ. Es sind aber doch schon anderthalb Tage darüber hingegangen ...

MANDER. Tage ... kein Tag ... keine Stunde ... keine Minute ... ich frage nach Zeit nicht ... blöde Unvernunft fragt nach Zeit ... Zeit ist Leere ... ich bin überfüllt ... ich brauche Trost nicht ... ich habe alles ... frisiere mich endlich ...


Er bleibt trotzdem vor sich hinstarrend stehen.


JOSÉ. Wollen der gnädige Herr nicht wenigstens Platz nehmen, daß ich beginne ...[129]

MANDER sich setzend. Beginne ... vorwärts ...


Er pafft in Unruhe hastig den Rauch aus.


JOSÉ. Tja ... eben ... vorgestern abend waren der gnädige Herr noch ziemlich ratlos ...

MANDER. Ja ... das kommt vor ... der alte Geier zerwühlt einen manchmal ... oder sonst ein ekles, verfluchtes Gespenst ... schweige gefälligst ... plärre nicht ewig ... hast du dir Ottilie Kopriva schon angesehen ... ihre eigenwillige, antike Gebärde ... ihre steile Stirn ... verhärmt ... ja ... auch ... schweigt, wenn sie lacht ... brüllt nicht gleich los, wie das manche tun ... o José ... das Lachen ... Engelgelächter ... hast du sie mit ihrer Sprechstimme reden hören ... könnte die heilige Jungfrau holder flüstern ... das ist für mich gemacht ... dieser tönende Stern nähert sich wahrhaftig meiner armen Erde ...


Pause.


JOSÉ behutsam. Der gnädige Herr müssen mir vergeben, wenn ich heute beständig an die lieben Kinder denken muß ... ich hatte ja doch auch einmal Kinder ...

MANDER erregt. Blödsinn ... Kinder ... stutze mich nicht als Lebemann auf ... oder gar als so einen blöden Artisten, der die Gesichtszüge einzeln wie Steine auf dem Schachbrett bequem verschiebt ...


Der zweite Kammerdiener Henry erscheint mit einem Silbertablett, worauf ein Kognak steht, stellt es, auf Zehen gehend, neben Mander.

Pause.


MANDER trinkt den Kognak. Wer hat denn von Kindern ein Wort geredet ... Er starrt in den Spiegel und legt sein Gesicht in ernste Falten. besieh mich, Henry ...[130]

HENRY. Zu Befehl, gnädiger Herr ...

MANDER. Dieser Gimpel verschandelt mich wieder ...

JOSÉ. Der gnädige Herr brauchen durchaus nicht zu schelten ...

MANDER mit dem Blick in den Spiegel. Henry ... wer bin ich ...

HENRY auch in den Spiegel blickend. Der vornehme Schloßherr ...

MANDER. Mehr will ich dünken ...

HENRY. Exzellenz, der Minister ...

MANDER. Mehr will ich dünken ...

HENRY. Der Oberstaatsanwalt in der letzten Entscheidung ...

MANDER. Fort mit der menschlichen Rechthaberei ... ich bin ein Lehmkloß ... ich verachte das Richten ... weiter ...

HENRY. Der heilige Kardinal, der in Audienz zum heiligen Vater hineintritt ...

MANDER. Nein ... ein Büßer will ich sein ... ich will jetzt mein ganzes Leben ändern ... ich stehe jetzt demütig an der Pforte ...


Es klopft. Mander fährt zusammen. Erstarrt in Erwartung.

Henry eilt sofort durch die rechte Tür.
[131]

MANDER erregt, leise. Wer denn ... wer ist es ...


Henry kommt lächelnd wieder.


MANDER. Was lächelst du ... wer ...

DIE STIMME DES JUNGEN MANDER von draußen. Vater ... Herr Jesus ... da schließ doch nur auf ... du tust ja wie eine keusche Ballettratte in der Garderobe ...

MANDER für sich leise und gereizt. Ja ... das klingt wie ein Echo ... das klingt, als wenn ich es selber wäre ... zu bleibt die Tür ... Er ruft laut. ach ... guten Morgen, Michel ... Er beeilt sich, von José gefolgt, den Mantel abzerrend, in die Schlafzimmertür hinein. Hinter ihm José.

STIMME VON DR. MICHEL MANDER sehr energisch. Das ist doch ein Wort ... Sie berühmter, verbarrikadierter Herr Vater ... nun schreiten Sie aber auch bald in Ihrer theatralischen Würde aus der dreimal verriegelten Kemenate heraus ... sonst schlage ich doch die Türe noch ein ...


Verhallend im Abgehen.


MANDERS STIMME von links. Dieser Mensch ist sehr männlich ... und kolossal dreist ... Mander erscheint jetzt, im Ankleiden von José bedient. Auch von Henry, der unterdessen seinen Gehrock genommen hat und ihn hinhält. Mander steht mitten im Zimmer. jaaa ... daß es gleich gellend durchs ganze Treppenhaus hallt ... Himmel ... die Kinder ... Er nimmt eine starre Verzweiflungsmiene an. José ... sind wirklich die Kinder da ... es ist die ernsteste Stunde in meinem Leben ... Henry ... was willst du noch ... rasch ... unter Dreien ist kein Vertrauen möglich ...[132]

HENRY. Zu Befehl, gnädiger Herr ...


Drückt sich durch die Tapetentür rechts ab.


MANDER erschüttert. Ich ersticke jetzt an der Vaterwürde ... auch mein Vatertum war eine komische Maske ... ich war ja doch weder Mensch noch Eidechs ... wechselte täglich zehnmal die Häute ... Er setzt sich desparat wieder auf den Sessel. nun sitze ich und heule in mich hinein ... zerrissen in Stücke ... das ist Lionel Mander ... José ... weinst wohl auch ... törichter Schöps ... wenn man Tränen weint, sieht man die Gaukelspiele des Lebens noch trüber ... Er ermannt sich und springt auf. Geht hin und her. Raucht sich eine neue Zigarette an. Bestimmt redend. ich kann diese Kinder nicht sehen jetzt ... ihre Mütter sind meinem Gesichtskreis entschwunden ... sie bedeuteten für mein Leben nichts ... kaum ein paar Herzschläge prickelnder Reize ... jetzt hat mich die letzte Verrücktheit nach einem dauernden, häuslichen Glücke jäh überfallen ... eine unerhörte, nie je begriffene Gemeinschaft schwebt mir jetzt vor ... ein unzertrennliches Leben mit einem zweiten Leben schwebt mir jetzt vor ... nur nach diesem Weibe Ottilie Kopriva habe ich beständig die arme Erde durchirrt und durchrast ... es ist der Augenblick, wo sich das wahre Gesicht in mir endlich auftut ... all meine Masken fallen jetzt ab ... verwandeln sich in die eine wahre Empfindung ... iiih ... was gilt mir dieser Bengel ... der Sohn ... jeder Mann sucht bis zum Wahnsinn das Weib ... nicht seinen Vater ... mache kein so dummes Gesicht ... die große Rose dort in mein Knopfloch ... hörst du, José ... schmücke mich wie einen Liebhaber auf ... und fort der Sohn ... der mich gar nichts angeht ... und fort Lisiska ... sie gehört ins Kloster ... sie soll die Reinheit für den einzigen, echten Geliebten bewahren ... das reine Feuer soll sie hüten wie die Vesta ... und ihres Vaters Seelenheile soll sie heiße Gebete weihen ... ich frühstücke hier ... ich bin nicht munter ... ich wäre Ideen auf der Spur ... ich müßte arbeiten wie ein Pferd ... ich wäre von Pflichten überbürdet ... mißlaunig wie ein alter Gorilla ... lügt, was ihr könnt ... In diesem Augenblick pocht es an die Scheibe hinter dem Vorhang. ich will allein sein ...


Quelle:
Carl Hauptmann: Die goldnen Straßen. Leipzig 1918, S. 127-133.
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