Vierte Szene

[134] DR. MICHEL MANDERS STIMME hinter den Scheiben und Vorhang. Nee, Papa ... das ist ja nicht auszuhalten ... diese Geheimtuerei ... diese Höllenhunde an allen Ecken und Enden sind ja ganz unüberwindliche Hindernisse auf der Bahn zwischen Sohn und Vater ... laß doch aufschließen ... du bist ja noch schlimmer verbarrikadiert wie ein Fürst oder wie der König ...


Mander hat sein Monokel ins Auge geklemmt, starrt vor sich hin, hat gehorcht und gibt dann José einen Wink. José schließt hinter dem Vorhang auf.

Dr. Michel Mander erscheint durch den Vorhang.


MANDER starrt ihn mit Monokel an. Junge ... ich war total übermüdet ... ich hatte tausenderlei harte Pflichten auf den Buckel geladen ... wie es einem Manne wie mir nun einmal Schicksal ist ... entschuldige vielmals ... ja ... wenn du auch noch so sehr den ungläubigen Thomas spielst, lieber Junge ... und die Augen spöttisch verdrehst ... es ist schon so ... und ist stets so gewesen ...


Sie gehen drollig aufeinander zu. Mander umarmt seinen Sohn sehr spröde.


DR. MICHEL MANDER. Hahahaha ... und hast dir heute noch eine berühmte Frau mit ins Schloß gebracht ... nee, Papa ... pfui Teufel ... dieser Esel, der José, hat dich[134] aber heute einparfümiert, daß es an deiner Brust höchstens Damen aushalten können ... da rieche ich doch noch lieber Jodoform oder irgendein penetrantes, stechendes Gift ... als diese süßseligen, dummduseligen Reseden ...

MANDER. José ... einen andern Gehrock ... ich kann doch nicht zum Gespött meines Sohnes rumlaufen ... José springt schon herzu, so daß Mander seinen Rock sogleich wechselt. na ja ... lieber Mensch ... wie geht es dir denn ...

DR. MICHEL MANDER. Wie es einem geplagten Assistenzarzt so geht, der beständig den Leuten den Puls fühlt ... die Rachenhöhle beleuchtet ... die Mandeln abknipst ... Brechpulver eingibt ... Teeklystiere verabreicht ... weißt du, Vater ... ich freue mich schrecklich, daß du gerade auch Lisiska mit mir zusammen aus dem Kloster eingeladen hast ... damit man einmal wirklich eine reine, jedenfalls noch unkarbolisierte Seele um sich hat ... Lisiska ist ein reizendes Ding ... einstweilen natürlich eingeschüchtert wie ein junges Rebhuhn ... als wenn jeder Mann ein Jäger wäre, der jedes einzige Huhn unbedingt gleich abschießen müßte ...

MANDER spröde. Tja ... ich freue mich auch ...

DR. MICHEL MANDER. Du kannst dich auch freuen ... außerdem kannst du gar nicht ahnen, was Lisiska so gerade in diesen Jahren des Übergangs in das höhere Weibtum für eine Goldwage von Gemüt besitzt ... ich sage dir, Vater ... es hat sie schon ganz aus der Balance gebracht, daß wir mitten unter diese vielen Leute vom Varieté und Theater im Schlosse haben allein hineinplumpsen müssen ... keinen Vater daheim fanden ... denn schließlich kannten wir ja doch auch dieses Fräulein mit dem gespreizten Namen ... dieses Fräulein Astarte gar nicht ... man redet übrigens wieder tolles Zeug über dich, Papa ... Gott ja ... das ist nun einmal die berühmte Sauce zu so einem berühmten Theaterbraten ...[135]

MANDER. So so so so ... man redet ... was redet man wieder ...

DR. MICHEL MANDER. Daß du ernstlich beabsichtigst, dich endlich zu verheiraten ... um gewissermaßen deinen Kindern einen übrigens sehr wenig mütterlichen Hintergrund zu verleihen ...

MANDER. Spielst du auf dieses Fräulein Astarte an ... tja ... ich habe nämlich auch den Vater von Astarte, diesen alten Hungerleider, wieder anständig eingekleidet ... und aus alter Anhänglichkeit hier ins Schloß genommen ... da kombiniert man so Dinge ... aber ein Vater muß ja doch notgedrungen an das Renommee seiner Kinder denken ...

DR. MICHEL MANDER. Na höre mal, Vater ... für Mädchen mag dieser sittliche Gedanke im kritischen Alter vielleicht vonnöten sein ... aber bitte ... was mein Renommee anlangt, das laß du gefälligst aus dem Spiele ... meine Vergangenheit ist mir furchtbar egal ... hahahaha ... und deine Vergangenheit noch viel egaler ...

MANDER. Neieiein ... neieiein ... wirklich, lieber Michel ... die Frage einer Ehe beschäftigt mich schon seit sehr langer Zeit ... einmal verlangt ein so ruheloses, geplagtes Blut wie das meine endlich doch nach einem dauernden Herzensasyl ... natürlich wird dieses Verlangen in deinem Vater wesentlich gesteigert wegen Lisiska, die jetzt heranwächst ...

DR. MICHEL MANDER. Hahahaha ... alle Achtung für deinen väterlichen Geschmack ... dieses Fräulein Astarte hat ein verteufelt großartiges Wesen ... die hat Stahl verschluckt ... der merkt man den alten, verwahrlosten Lebensschmarotzer und Lebensverächter nicht mehr an ... aber aufrichtig gesagt, Papa ... würde ich mir den Spaß der Heirat heute doch lieber verkneifen ... das gibt eher eine Entfremdung zu deinen Kindern, als Kindesliebe ... ich als Arzt[136] weiß ja, daß sich manchmal Väter in höheren Semestern nicht bezähmen können ... durchaus noch einmal den jungen Gott spielen müssen ... so weit kenne ich dich leider noch nicht, um zu wissen, ob du zu den ehrlichen Vätern gehörst, die mit den Jahren weise werden ... oder ob auch du immer wieder mit erneuter Jugendkraft auf das vermeintliche letzte, erlösende Abenteuer zusteuerst ...

MANDER sieht den Sohn erstaunt an. Na ja ... nein ... an Fräulein Astarte habe ich wirklich niemals im Leben gedacht ... ich glaube auch gar nicht, daß sie sich je solche große Rosinen eingebildet ... um Astarte handelt es sich also ganz gewiß nicht ... übrigens, Michel ... heiliger Rauch ... man kann mit dir reden ... ich hatte dich gar nicht mehr richtig in meiner Erinnerung ... ich habe dich ja wer weiß wie lange nicht wiedergesehen ... Mensch ... du bist trocken wie ich ... hahahaha ... nämlich in der Trockenheit meines Gemütes besteht meine ganze geniale Begabung ... hahahaha ... mit meiner Trockenheit gastiere ich doch überall in der Welt herum ...


Grell lachend.


DR. MICHEL MANDER lacht ebenfalls sehr. Na, Papa ... aber ein solches freches Gelächter dürfen wir vor Lisiska nicht anstimmen ... die ist unsäglich peinlich ... wie wir kaum ins Schloß herein waren, rannte sie sogleich in das stille Zimmer der verstorbenen Mutter ... was du ja gewissermaßen so als eine Art Kollektivausstellung für Muttererinnerungen hast aufrichten lassen ... hahahaha ... obwohl weder meine, noch Lisiskas Mutter jemals hier im Schlosse anwesend war ...

MANDER sieht seinen Sohn wieder drollig an. Donnerwetter ... Mensch ... du bist trockner wie ich ... du konstatierst einfach die Gaukelkünste deines Vaters als Tatsachen ... das imponiert mir kolossal ... einfach mitten durch den lebendigen Leib die spitze Nadel ...[137] und dann klebe gefälligst fest, Luderchen Tatsache ... hahahaha ... weißt du ... das stärkt mich, lieber Michel ... José ... hole jetzt – – ...

JOSÉ. Fräulein Astarte ...

DR. MICHEL MANDER. Nö ... Astarte noch nicht ... da muß man zuviel Haltung bewahren ... und außerdem kommt der verrückte Alte womöglich mit ... hahahaha ... dem müßtest du einen zerfetzten blauen Mantel anziehen ... und eine Kürbisflasche umhängen ... da könnte er der achte Heilige der Chinesen sein ... hahahaha ...

MANDER feierlich. Hole das sanfte, fromme Mädchen ... daran noch kein Körnchen Erdenstaub haftet ... meine einzige Tochter ...

DR. MICHEL MANDER. Nö ... Papa ... durchaus noch jemand ... laß nur ruhig ein bissel Gesellschaft kommen ... hahahaha ... sonst kommen Vater und Sohn aus den Ernsthaftigkeiten des Lebens doch nicht heraus ... was mich anlangt, ich habe in der letzten Zeit so viele bleiche Gesichter in meinem Krankenhause gesehen ... und was Lisiska anlangt, wenn die allein hier vor uns säße, die spricht vor dir doch kein Wort ... die blickt höchstens in Anbetung zu dir auf ... und schweigt wie vorm lieben Gott im Dome ... du hast ja doch neuen Besuch mitgebracht ... du hast ihn ja sozusagen nach Mitternacht im Triumphe ins Schloß gefahren ... bitte also ... heraus die Bescherung ...

MANDER sieht seinen Sohn wieder erstaunt mit dem Monokel an. Hahahaha ... nee, Michel ich staune gar nicht mehr ... ich schlage gleich einen dreifachen Salto mortale ... hahahaha ... weißt du ... das richtet mich geradezu auf ... jetzt stecke ich mir doch wahrhaftig die allergrößte, glühendste Rose ins Knopfloch ... riecht denn auch der Rock so abscheulich nach Demimonde ... piii ...

DR. MICHEL MANDER. Nö ... der riecht gar nicht so schlimm ...[138]

MANDER sich aufrichtend. Jaaa ... jaaa ... wahrhaftig ... ich brenne heute ... lichterloh ... und in mystischem Glanze ... nämlich ... hahahaha ... ich verzehre mich nach dem dauernden, häuslichen Glücke ... hahahaha ... du ... Fräulein Kopriva sitzt in einer diamantenen Assiette ... ist furchtbar verwöhnt ... weil sie sich mit ihren Himmelsklängen das Gefieder schon richtig mit Juwelen verziert hat ... wie der allerköstlichste Kolibri ... hahahaha ...

DR. MICHEL MANDER auch eine Rose ansteckend. Die Rosen riechen zum Heulen ...

MANDER während er sich spiegelt. Tja ... auch du weißt, was so eine Rose bedeutet ... Gleichgültig zu José. José ... du hast es gehört ... auch Fräulein Kopriva ist Lionel Mander zum Frühstück willkommen ... Während der Diener nach rechts verschwindet. das ist die Rosa mystica ... die Rose, die das innerst-ersehnte Geheimnis in die köstlichsten Glutfarben einhüllt ... nicht? ... verhüllt ... einen lockt und narrt ... und alles verhüllt ... bis sie es doch einmal im Leben wirklich hergibt ... innerst hergibt ... ganz und gar einen Menschen ... diesen Narren Mensch des geheimsten Glückes dauernd teilhaftig macht ... nach dem der Mensch ewig nur suchen geht ... ja ... jetzt den Vorhang auf ... Vater und Sohn treten in einer theatralischen Umarmung auf die Terrasse. ach, Michel ... geliebter Sohn ... wie ist das Leben unglaublich schön ... wenn man als der kühngeschaffene Mann ... als der ewig junge Abenteurer so mit endlich klaren Entschlüssen in den neuen Tag hinaustritt ...

DR. MICHEL MANDER. Hahahaha ... wirklich, Papa ... an dir ist der Jüngling noch nicht verdorben ... wenn du z.B. nicht dieses dumme Gebiß eingesetzter Zähne schon hättest, das man bei deinem Sprechen immer golden erglänzen sieht ... übrigens muß ich dich wirklich erinnern, Papa, daß du solche Redensarten niemals vor Lisiska gebrauchst ... denn die würde heimlich einen ganzen[139] Morgen lang heulen ... weil sie behauptet, ältere Männer müßten um jeden Preis Würde haben, wenn man sie achten soll ...

MANDER. Laß man gut sein, Michel ... Würde ... das ist meine Glanznummer ... Gott ... Er ist erschrocken, starrt in den Park und sieht Lisiska mit der Nonne kommen. Er wird von einer Beseligung wider Willen ergriffen. mein Piepvogel ... Er rückt sich plötzlich ganz ergriffen hoch. meine fromme, gläubige Amsel ... nee ... da soll doch mein Mund lieber ganz verstummen ... Er stöhnt. ach Lisiska ... Er umarmt sie erschüttert. bist du's leibhaftig ... wie du nur aus deinen Augen strahlst ... wie mich die keuschesten Augen beglänzen ... wie die fromme Tochter den alten, verkappten Vater besieht ... sieh mich nur an, geliebte Lisiska ... ich bin in Wahrheit ein alter Mann ... und trage immer verfluchte Masken ... erkennst du mich denn ... Er greift hastig nach dem Taschentuche in der Schoßtasche. ein Taschentuch ... José ... vorwärts ... nachlässiger Tölpel ...


Er eilt ins Zimmer zurück, sich mit der Hand heimlich die Tränen wischend, die ihm aus den Augen stürzen. José hinter ihm. So daß beide im Schlafzimmer verschwinden.


DR. MICHEL MANDER. Papa ist gerührt ...


Lisiska blickt Mander scheu, stutzig und zärtlich lächelnd nach, während sie nach dem Taschentuch greift und auch eine Träne plötzlich wegwischt.


DR. MICHEL MANDER. Du weinst wohl gar ... da weine ich auch ...

LISISKA. Du sollst nicht höhnen ...

DR. MICHEL MANDER. Nö, liebes Nönnel ... in Papa spielen wirklich tausend Gefühle ... da mußt du ja nicht jedes einzelne zu ernst nehmen, Schwester ... Papa ... jetzt komme ... wir sind rein verhungert ...[140]

MANDER ist wieder in der Schlafstubentür erschienen, immer noch mit der Rührung kämpfend, und das vom Diener neu mit Eau de Cologne begossene Taschentuch auf die Augen tupfend. Hastig und leise. Gehe ... zu ihnen ... vorwärts ... fort nur ... Nun laut. frühstückt nur ruhig ...

DR. MICHEL MANDER. Nein ... das tun wir nicht ... überwinde dich, Vater ... Gerührtsein ist Schwachheit ... hörst du, Vater ... Man sieht Fräulein Kopriva auf dem Gartenwege herankommen. Vater ... komm doch ... die Dame kommt schon ...


Während sich Fräulein Kopriva nähert, und Lisiska und Dr. Mander ihr entgegenharren.


Der Vorhang fällt.


Quelle:
Carl Hauptmann: Die goldnen Straßen. Leipzig 1918, S. 134-141.
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