Erste Szene

[9] EIN CLOWN schlendert achtlos herein. Den grauen Zylinder in den Nacken geschoben. In höchst elegantem, fleischfarbenen, langschößigen Frack. Eine große Rose im Knopfloch. Pluderhose Weste und Schuhe sind von derselben silbergrauen Farbe wie der Hut. Er spielt mit einem kurzen Stöckchen in der linken Hand, während er sofort in Unruhe auf- und niedergeht. Nach einer Weile. Was hockst du hier, Bestie ... was willst du hier ...

RADIANA. Fräulein Luisa bedienen ...

DER CLOWN. Fräulein Luisa bedienen ... dieses Fräulein Luisa bedienen ... so ... dieses Fräulein Luisa muß wohl alle Welt bedienen ... Er pfeift ungeduldig vor sich hin, während hinter der Szene starker Applaus ausbricht. eine solche Raserei wieder ... da muß ja dieses Fräulein Luisa vollends verrückt werden ... ist denn dieser Nabob ... dieser große Arbeiterkönig ... dieses Erfindergenie heute auch wieder unter der heulenden Menge ...

RADIANA. Das weiß ich nicht ... ich kenne den Menschen nicht ... ich habe den Menschen noch niemals gesehen ...

DER CLOWN. Natürlich ... du Katze ... du hast den Menschen noch niemals gesehen ...

RADIANA. Ich lüge niemals ... ich habe den Menschen noch niemals gesehen ...


Wieder großer Applaus hinter der Szene.

Radiana ist sofort aufgesprungen und kramt aus einem großen Schranke einen kostbaren Mantel aus, den sie ausbreitet, um gleich damit wie ein wartender Lakei dazustehen.


Quelle:
Carl Hauptmann: Die goldnen Straßen. Leipzig 1918, S. 9.
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