Erste Szene

[89] MUTTER BUNTSCHUH ein wenig altertümlich aufgetakelt. Aber wie eine ganz einfache Frau. Sie kommt von der vorderen Tür rechts. Ja, bitte ... kommen Sie nur herein ...


Radiana im schlichtesten Straßenkostüm, einen Strauß in der Hand, folgt ihr.


MUTTER BUNTSCHUH. Kommen Sie ... kommen Sie ... seien Sie ja nicht schüchtern ... bringen Sie meinem Sohn die schönen Blumen ...

RADIANA in ihrer stutzigen Art. Ja ... jawohl ... für Herrn Tobias Buntschuh ...

MUTTER BUNTSCHUH. Nun ja ... freilich ... heute ... wo die ganze Welt seinen Geburtstag feiert ... woher kommen Sie denn ...

RADIANA. Ich bin aus dem Zirkus ... ich heiße Lotte Grasmück ... ich bin ein Schlangenmädchen ... Gott ... Sie machen auch einen so einfachen Eindruck ... sind Sie die Mutter ...

MUTTER BUNTSCHUH. Ja ja ... die sehr einfache Mutter von dem sehr berühmten Sohne ...

RADIANA. Ich bin auch ein anständiges Mädchen ... Sie dürfen nicht etwa denken, weil ich aus dem Zirkus bin ... da denken manche gleich, man müßte durchaus ein niedriger Mensch sein ... und um einen Judaslohn käuflich sein ...[89]

MUTTER BUNTSCHUH. Ih Gott ... käufliches Volk gibt es überall ... Buhldamen gibt es auch unter den Prinzessinnen ... aber Leute, die auf Menschenwürde und Frauenehre halten, gibt es auch genug unter dem Arbeitsvolke, das sich im Schweiße seines Angesichtes seinen Bissen verdient ... kommen Sie nur ... setzen Sie sich nur ... von wem bringen Sie denn die Blumen ...

RADIANA. Nein ... gar nicht von jemand ... ich habe mich selber aufgemacht ... Herr Wendelborn meinte, ich müßte zu Herrn Tobias Buntschuh selber hingehen ... ihm die schönen Rosen selber hintragen ... nein ... was nur Herr Buntschuh für einen übermenschlichen Scharfsinn besitzen muß ... wenn er sich aus so kleinen Verhältnissen herausgearbeitet hat ... und einer der reichsten und mächtigsten Erfinder geworden ist ... ein richtiger Hexenmeister muß er doch sein ... ich habe nämlich Herrn Buntschuh sehr gern ... weil ihn auch Herr Wendelborn so gern hat ... und ihn geradezu mehr liebt, als vielleicht die eigene Mutter oder gar eine Geliebte ... überall sind hier weiße Lilien aufgestellt, wie schön ...

MUTTER BUNTSCHUH. Ja ... sehen Sie ... nur weiße Lilien will er an seinem Geburtstage in Hülle und Fülle um sich haben ... er riecht sie so gerne ... und starrt richtig sehnsüchtig in die weißen Kelche hinein ... es ist das ein Wahn schon aus der Kinderzeit ... er behauptet, daß ihm die weiße Lilie gerade an diesem Tage etwas Besonderes erzählte ... Gott ja ... Reinheit und Unschuld duftet die Lilie ... aber alles Reden an diesem Tage haßt er sonst ... wo er ohnehin nicht immer alle Beglückwünschungen verhindern kann ... also Lotte Grasmück heißen Sie ... und sind aus dem Zirkus ... so ach ... Sie glauben gar nicht, was zu diesem Menschen, der so vielen Arbeit verschafft, nicht alles für Leute kommen, die sich an ihn drängen ... und die er nicht gut abweisen kann ...

RADIANA die sich immer heimlich scheu umgesehen. Nämlich ... einmal war ich schon hier ... da war ich zwar nur übergeplankt einfach ... aber damals war ich noch ein dummes albernes Ding ...[90] obwohl das Damals nur ein paar Tage her sein kann ... damals kam ich nur hierher, weil Herr Wendelborn den Zirkusleuten Herrn Buntschuh so schön und so drollig hilflos geschildert hatte ... ist denn Herr Wendelborn jetzt nicht auch hier?

MUTTER BUNTSCHUH. Ach Gott ... wo könnte der denn immer gleich hier sein ... Herr Wendelborn ist ja richtig gehetzt zwischen der ewigen Bedürftigkeit meines Sohnes und seinem eigenen stillen Hause und seiner Werkstatt ... das geht manchmal den ganzen Tag hin und her ... wollen Sie ihn auch sprechen ...

RADIANA. O nein ... nur komme ich eben gerade auf Herrn Wendelborns Befehl ... ich muß nämlich alles tun, was er mich heißt ... kennen Sie dieses eigentümliche Gefühl, Frau Buntschuh ... oh ... ich möchte Ihnen gerne noch viel mehr sagen ... Sie machen so einen Vertrauen erweckenden Eindruck, Frau Buntschuh ...

MUTTER BUNTSCHUH. Sprechen Sie nur ...

RADIANA. Nein, wirklich ... ich kannte dieses eigentümliche Gefühl noch gar nicht ... da ist plötzlich eine runde Seligkeit in einem Weiberherzen, wenn da vor uns ein Mensch ist, dem man sich nur dienend zu Füßen werfen möchte ... der einen im Scherze nur so ausblasen könnte, wie ein goldenes Licht ... weil seine Seele so einfach und so schön ist ... sehen Sie ... ich bin doch nur wie ein Dressierpferd aufgewachsen ... da kannte ich das noch gar nicht ...

MUTTER BUNTSCHUH sie anstaunend. Ja ja ... oh ... da haben Sie ein sehr richtiges Gefühl ... nur Gott konnte meinem Tobias einen solchen Freund geben wie Wendelborn ... ein solcher Freund ist eine Gnade ... wo so die Treue dazu gehört wie der lebendige Atem ... wenn nur mein Sohn Tobias das immer richtig erkennte ...[91]

RADIANA einigermaßen unruhig sich umblickend. Wollen Sie aber nicht Herrn Tobias Buntschuh benachrichtigen, wenn er mich überhaupt empfangen mag ...

MUTTER BUNTSCHUH. Ja, liebes Kind ... Tobias ... stören darf ihn auch heute niemand ... ich glaube, er arbeitet noch ...

RADIANA. Oh ...

MUTTER BUNTSCHUH. Aber er weiß es, daß Sie da sind ...

RADIANA. So ... wie weiß er denn das ...

MUTTER BUNTSCHUH. Er hat es ausdrücklich so angeordnet ... sonst hätten wir Sie gar nicht in den Gartensaal führen dürfen ...

RADIANA lachend. Nein ... ich bin heute so ausgelassen ... ich war so fröhlich, daß ich Herrn Wendelborn den Gefallen tun konnte ... und hierhergehen mit den Blumen ... sehen Sie doch an ... diese Rosen ... und ich bringe noch ein ganzes Herz voll froher Wünsche mit für Herrn Buntschuh ... Ihnen, Frau Buntschuh, könnte ich, glaube ich, viel mehr sagen, als es überhaupt anständig ist, aus seinem vollen Herzen herauszuplaudern ... gewiß weiß ich, wie einsam Herrn Buntschuh sein Scharfsinn immer zurückläßt ... er muß ja entsetzlich sein Hirn zermartern für alle die fremden Leute draußen ... Herr Wendelborn sagt, daß er manchmal eine gellende Leere davon zurückbehielte ... deshalb komme ich mit innigem Mitleiden für Herrn Buntschuh ... wenn sogar Herr Wendelborn im Grunde genommen sein ganzes Leben nur durch diese Brille sieht ... ja ... Sie lachen, aber es muß wohl wahr sein ...[92]

MUTTER BUNTSCHUH lächelnd. Ja ja ja ... es ist wahr ... jedes Wort ist wahr ... Sie sieht auf, blickt sich um und horcht. ist denn jemand hier ... Pause. Franz ...

RADIANA. Ja ... ich hörte es auch ... eine Tür quiekte ... ich glaube, es ist die Tapetentür dort, die sich eben ganz leise schloß ...

MUTTER BUNTSCHUH. O Gott ... ich habe in einer kleinen Wärterbude ein halbes Leben zugebracht ... und da hatte man Fenster ... zwei ... sah ins offene Grüne ... und zum Himmel hinauf und eine Tür und damit genug ... und anfangs noch den Jungen im Wagen ... und nichts ... Lachend. gar nichts Bedrohliches ... manchmal rauschte der Zug vorbei ... das war unsere Uhr ... aber hier gibts Schlupflöcher und Gänge und Türen ... und alles horcht aneinander herum ... Sie ruft. Franz ... es wird einfach ein neugieriger Diener gewesen sein ...

RADIANA. Ja ja ... die Menschen sind alle nur furchtbar neugierig ... weiter steckt ja gar nichts dahinter ...

MUTTER BUNTSCHUH rufend. Franz.

RADIANA. Oh, lassen Sie nur, Frau Buntschuh ... ich gehe jetzt lieber ... ich bin auf einmal auch ängstlich geworden, ob ich überhaupt recht getan habe, hierher zu gehen ... wenn ich es Herrn Wendelborn auch gerne zu Gefallen getan ...

MUTTER BUNTSCHUH sich wieder beunruhigt umsehend und an die Tür herangehend. Tobias ... bist du es ... Tobias ... er kann ja doch auch nicht mehr ewig arbeiten ... er muß sich ja doch jetzt für den großen Empfang herrichten ...


Sie ist zurückgekommen an den Tisch und klingelt.


Quelle:
Carl Hauptmann: Die goldnen Straßen. Leipzig 1918, S. 89-93.
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