Sechste Szene

[363] KLOSTERSCHWESTER stürzt herein.

Hochwürdigste!

OTREPIEP folgt.

Wo ist die Zarin Marfa?

HIOB.

Wer bist du, daß dus wagst?

OTREPIEP.

Otrepiep

Mit seinen Sapojedischen Kosaken,

Du kannst mich kennen, denn ich war ein Mönch.

HIOB.

Bist du der Frevler?

OTREPIEP.

Das verspare dir,

Bis du mich hast, einstweilen hab ich dich!

Wo ist die Zarin? Denn mich schickt ihr Sohn.

MARFA.

Ruchloser! Willst du eine Mutter höhnen?

OTREPIEP.

Du bists? So schlage ich die Stirn vor dir.


Er tuts.


Doch wenn du deinen Sohn umarmen willst,

So folge mir, er hat gerade Zeit,

Die ersten seiner Schlachten sind geschlagen,

Und für die andern fehlts bis jetzt am Feind!

MARFA zu Hiob, in größter Verwirrung.

Ich bitte dich!

HIOB.

Ich hätt dir eine Kunde

Gern vorenthalten, die der letzten Freude

In deiner Brust den letzten bittern Schmerz

Gesellen muß, doch leider darf ich nicht!

Vernimm! Ein frecher Abenteurer ist

In Polen aufgestanden, der behauptet,

Er sei dein Sohn.

MARFA.

Daß jeder Fluch ihn treffe,

Der –

OTREPIEP.

Halt! Du wirst bereun!

MARFA.

Verzeih mirs Gott!

Nicht, daß ich ihn verfluchen wollte, nur,

Daß ich noch immer fluchen kann.

HIOB.

Der Pole

Braucht ihn als Fackel, um in unsre Grenzen

Den Krieg zu werfen, denn der Russe darf[364]

Zwar pflügen, auch noch säen, nur nicht ernten,

Das tut der fromme Nachbar gern für ihn!

MARFA.

Und –?

HIOB.

Was der Mönch berichtete, ist wahr!

Zwei Schlachten sind geliefert.

MARFA.

Und dein Zar

Hat nicht gesiegt! Nun weiß ich, was ich soll.

HIOB.

Nur was du willst! Dich trieb dein eignes Herz!

MARFA.

Das also wars! Hiob, wie falsch bist du!

OTREPIEP.

Dies ist die rechte Antwort! Folge mir!

Du sollst für diesen After-Zaren zeugen,

Und wenn dus weigerst, wirst du stumm gemacht.

MARFA.

So ists! Wenn ich an seinem Grabe bete,

So zeug ich auch für seines Mörders Recht!

HIOB.

Du sollst die Wahrheit sagen! Sollst bekennen,

Ob dein Demetrius im Grabe ruht,

Ob er ein Schwert im Polenlager schwingt.

Es wär gewesen, wie ein Bibelwunder,

Wenn du, der stillen Klostergruft entsteigend,

Durch dein Gebet den blutgen Zwist der Welt

Beschwichtigt hättest, ohne ihn zu kennen,

Und dann, am offenen Palast vorüber,

Der dir mit allen seinen Freuden winkt,

Zurück geschritten wärst, ein selger Geist.

Das sollte nicht so sein, nun ruf ich dich

Nach Moskau, daß du zeugst, und mahne dich

An dein Gelübde!

MARFA.

Des bedarf es nicht.

Ich sah mein Kind in seinem Blute liegen,

Und eh ichs dulde, daß ein Gaukler ihm

Den Platz in seinem Grabe streitig macht

Und schwarze Greuel häuft in seinem Namen,

Eh leg ich tausend Mal das Zeugnis ab,

So hart es ist, daß ich, die schwer Gekränkte,

Noch zeugen muß für Boris Godunow.

OTREPIEP.

Du sahst ein Kind in seinem Blute liegen,

Das ist gewiß, doch wars das deine nicht.

MARFA.

Es war das meinige.[365]

OTREPIEP.

Es war das Kind,

Das man dir in die goldne Wiege legte,

Doch nicht das Kind, das du geboren hast.

HIOB.

Du kennst das Gaukelspiel erst halb.

OTREPIEP.

Dein Kind

War schon vertauscht, als du aus deiner Ohnmacht

Erwachtest und nach seinem Kuß verlangtest,

Du drücktest gleich ein fremdes an die Brust!

MARFA.

Allmächtger Gott!

OTREPIEP.

In tiefster Einsamkeit,

Sich selber unbekannt ward deins erzogen,

Indes das Kind der Magd den Zarewitsch

Vor deinen Augen spielte.

HIOB.

So versichert

Ein römscher Kardinal!

OTREPIEP.

Doch dafür ist

Das Kind der Magd auch lange Staub und Asche,

Indes dein Sohn um seine Krone kämpft.

MARFA.

Das Kind der Magd! Ists möglich! Kann das Herz

Der Mutter sich so täuschen!

HIOB.

Frag dich wohl,

Ob du den Toten noch betrauern würdest,

Wenn er nicht Fleisch von deinem Fleische war:

So echt dein Schmerz, so echt ist auch dein Kind.

MARFA.

Ich muß ihn sehn!

HIOB.

Bedenke, was du tust!

Du hältst jetzt Krieg und Frieden in der Hand,

Und jeder Schritt von dir ist so gewichtig,

Wie die Bewegung eines Sterns!

OTREPIEP.

So ists!

ÄBTISSIN.

Wenn ich auf einmal Schicksal spielen sollte,

So würd ichs machen, wie's das Schicksal macht,

Das Schicksal schweigt, und also schwieg ich auch.

MARFA.

Du trägst kein Mutterherz in deinem Busen,

Und weißt nicht, was den meinen jetzt bewegt.

Ich muß, ich muß, doch zweifle nicht, ich finde

Den Mut, um den Betrüger zu entlarven,

Wenn mir mein Sohn nicht in die Arme sinkt!


Ab.


Quelle:
Friedrich Hebbel: Werke. Band 1–5, Band 2, München 1963, S. 363-366.
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