Vierte Szene

[389] OTREPIEP tritt herzu, jetzt im Mönchs-Gewande, er war gleich von Anfang an sichtbar und ging von Gruppe zu Gruppe.

Ja, Gift und Eisen wechseln droben ab,

Wie unten Ruhr und Pest. Ein Tod im Bett

Wär für den Zaren ganz so unnatürlich,

Wie für den Bettler einer durch das Beil.

So ists einmal! Sie leben, wie die Götter,

Und sterben, wie das Vieh, wie Ratt und Ochs.

OSSIP.

Das muß wohl sein.

OTREPIEP.

Der neue wird es auch

Erfahren. Ja –


Er lacht und hält sich dann den Mund zu.


OSSIP.

Ihr kennt ihn?

OTREPIEP.

Ganz gewiß!

Und das ist wahr: er sieht dem grimmgen Iwan

So gleich, als ob er wirklich – Pst! Kanonen!

Die sind so dumm, als grob, und fragen nicht,

Was echt und unecht.

OSSIP.

Glaubst du denn –

OTREPIEP.

Kosaken?[389]

Wenn du die Lanzen siehst, und wenn du weißt,

Wie spitz sie sind, so wirst du mir die Antwort

Erlassen.

OSSIP heimlich.

Nein, es wär Betrug?

OTREPIEP.

Betrug!

Sind das Soldaten, wie man sie den Kindern

Zu Weihnacht schenkt?

OSSIP.

Wer fragt nach den Soldaten –

Ich meine – –

OTREPIEP greift nach Ossips Uhr und zieht sie heraus.

Keine Rübe? Ist das echt?

OSSIP.

Wie sollt es nicht?

OTREPIEP.

Gestohlen? Oder –

OSSIP.

Mönch,

Dich schützt dein Kleid, sonst –

OTREPIEP.

Seht den Narren an!

Er droht mit Schlägen, weil ich höflich frage,

Ob er kein Dieb ist, und ich soll den Zaren

Für einen Dieb erklären. Hoch der Zar!

BARBARA erhebt ihre Krücke.

Ja, hoch der Zar, und nieder jeder Wicht,

Der ihm sein Recht bestreitet.

OTREPIEP.

Heil ihm! Heil!

Hier findet er den Bürgen. England hat

Noch nicht gesprochen, Frankreich auch noch nicht,

Der deutsche Kaiser schweigt, doch diese Alte

Erklärt sich für ihn, und nun wird Europa

Schon folgen müssen. Gute Mutter, sagt,

Wie nennt Ihr Euch?

BARBARA.

Du Hund von einem Mönch,

Was höhnst du mich? Ich weiß doch mehr davon,

Als du und alle.

OTREPIEP.

Habt Ihr ihm die Windeln

Vielleicht gewaschen?

RURIK.

Nun, das könnte sein,

Ich kenn sie wohl, sie war einmal im Kreml.

OSSIP.

Da laßt sie vor, damit sie Sohn und Vater

Vergleichen kann.[390]

BARBARA drängt sich durch.

Ja, laßt mich endlich vor,

Ich hab das Recht dazu.

OTREPIEP.

Sie faselt schon.

BARBARA.

Sie faselt. Ja.

OTREPIEP.

Da kommt schon polnisch Volk.

Man kennt sie an den Troddeln und den Quasten,

Und an dem stolzen übermütgen Blick.

OSSIP.

Mir kriecht das Blut, sobald ich sie nur sehe.

OTREPIEP.

Gewöhne dich daran. Die Zeit ist nah,

Wo du sie allenthalben sehen wirst,

Am Zoll, im Heer, nur nicht beim Gassenkehren,

Denn dafür dünken sich die Herrn zu gut.

OSSIP.

Nein –

OTREPIEP.

Sei zufrieden, wenn der neue Zar

Dir nur den alten Gott noch läßt. Er selbst

Ist nicht getauft.

BARBARA.

Du lügst, er ist getauft.

OTREPIEP.

Auf unsern Glauben nicht.

BARBARA.

Auf unsern Glauben!

Auf welchen sonst.

OTREPIEP.

Standst du dabei?

BARBARA.

Ich tats!

OSSIP.

Ho, Alte, ho! Du hast doch nicht getrunken?

OTREPIEP.

Das ist der Woiwod von Sendomir,

Der künftge Schwieger-Vater.

OSSIP.

Denkt der Zar

Gar eine Polin auf den Thron zu setzen?

OTREPIEP.

Ein schönes Mädchen! Freilich etwas arm,

Die Augen müssen für Juwelen gelten,

Denn für den Reichsschatz bringt sie keine mit.

Der Woiwod dankt Gott, wenn er daheim

Nicht ausgepfändet und von Haus und Hof

Vertrieben wird, indes er seiner Tochter

Die Russenkrone auf die Stirne drückt.

Doch König Siegmund, der ihm gnädig ist,

Hat alle Büttel Polens eingesperrt,

Damit ihm nichts geschehen kann.

OSSIP.

Der wird – –


[391] Er macht die Bewegung des Zugreifens und Einsteckens.


OTREPIEP.

Ihr wißt ja, Polen ist das Land der Schwämme,

Und dieser saugt am besten.

OSSIP.

Doch, wo bleibt

Die polnische Zaritza?

OTREPIEP.

Wie man sagt,

Wird sie ins blaue Kloster gehn und dort

Verweilen bis zur Krönung, um Belehrung

In unserm heilgen Glauben zu empfangen

Und dann getauft zu werden. Doch das glaube,

Wer Lust hat, statt zu fasten und zu beten,

Wird sie den Heiligen Gesichter schneiden

Und tanzen!

RURIK.

Ja, es ist ein Heiden-Volk!

OTREPIEP.

Das da sind Deutsche!

OSSIP.

Die nur eine Zunge

Im Munde haben, und nicht lügen können –

So dumm, als plump!

OTREPIEP.

Nun macht die Augen auf,

Nun ist er nah, denn nicht mit treuen Russen,

Mit lauter Fremden hat er sich umgeben,

Mit Polen und mit Deutschen, ob er euch

Verachtet oder fürchtet, weiß ich nicht.

OSSIP.

Da kommt Fürst Schuiskoi.

OTREPIEP.

Ja, das ist ein Mann!

Er hatte ihn geschlagen und ging doch

Mit seinem ganzen Heer zu ihm hinüber –

RURIK.

Geschlagen? Ei, wir hörten – –

OTREPIEP.

Glaubt es nicht!

Geschlagen, völlig auf das Haupt geschlagen –

RURIK.

Und doch –

OTREPIEP.

Da mögt ihr sehn, was Treue ist!

Er hat die Schlacht gewonnen und verfolgt

Den Feind mit allen Kräften, da vernimmt er,

Daß ihn die Zarin-Mutter anerkennt –

OSSIP.

Hat sie das denn getan?

OTREPIEP.

Entführt – Gezwungen –

Vielleicht aus Rache gegen Godunow –[392]

Gleichviel! Doch was tut Schuiskoi, als ers hört?

Er ruft: Bringt Stricke her und bindet mich,

Dann schleppt mich zu den Füßen meines Herrn,

Dem ich in meiner Blindheit Trotz geboten,

Und ruht nicht eher, als bis das geschieht!

Was sagt ihr? Und ihr wißt, daß er der nächste

Zum Throne ist!

OSSIP.

Nun, das beweist doch viel!

OTREPIEP.

Ja wohl! Solange ihm der Fürst von Schuiskoi

Zur Seite steht, wär Zweifel Hochverrat,

Allein –

OSSIP.

Du stockst?

OTREPIEP.

Man wird ja sehn, was folgt.

Ihr kennt den Mann nun, dem ihr trauen dürft,

Wie sich der Wind auch immer drehen mag:

Der rechte Weg ist der, den Schuiskoi geht.


Er verliert sich unter dem Volk, sowie der Zar sich nähert.


Quelle:
Friedrich Hebbel: Werke. Band 1–5, Band 2, München 1963, S. 389-393.
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