Zweite Szene


[413] Marina ist währenddessen eingetreten.


MNICZEK deutet auf sie.

Ich gab ein Pfand!

MARINA.

So ernst? Da komm ich wohl

Nicht recht? O, Gott, wohin mit meiner Angst,

Wenn man mich hier vertreibt!

DEMETRIUS.

Mit deiner Angst?

MNICZEK.

Was ist geschehn?

MARINA.

Nie hatt ich einen Schreck,

Wie diesen! – Wasser!

MNICZEK.

Unglückselges Kind!

DEMETRIUS.

Den Arzt!

MARINA.

Laßt nur!


Sie hebt die Feder auf.


Was hat die arme Feder


Getan?

DEMETRIUS.

Beruh'ge uns!

MNICZEK.

Sprich doch!

MARINA.

Erst Luft!


Atmet tief auf.


Ich habe meinen Krönungsschmuck gesehn!

MNICZEK.

Und das –

MARINA.

Die Stiefel! Nie vergeß ich sie! –

Ich hatte doch schon manches hinter mir,

Was einer minder Starken leicht das Leben

Gekostet hätte. – So das große Fest-Mahl

Im Kloster: fragt, ob ich dabei auch nur

In Ohnmacht fiel!

MNICZEK.

Marina!

MARINA.

Teurer Vater,

Ich weiß![413]

MNICZEK.

Du weißt nicht! Bändge deine Zunge,

Denn nichts verargt man einem Fremden mehr,

Als wenn er das verachte und verspottete,

Was des Einheimschen Lust und Freude ist.

MARINA.

Wer hat es denn getan? Was du dir träumst!

Ich hab bloß die Gelegenheit benutzt,

Um meinen mangelhaften Unterricht

In der Natur-Geschichte zu ergänzen

Und, als die andern aßen, nachstudiert.

MNICZEK.

Ich merke schon.

MARINA.

Erst kam ein Suppen-Napf,

In dem die ganze Pflanzen-Welt des Reichs

Beisammen war, groß, wie ein Teich, und höchst

Solid, nur daß die Rettungs-Leiter fehlte,

Die, des Ertrinkens wegen, hier so nötig

Erschien, wie auf dem Schiff das kleine Boot,

Und daß ich auch den Taucher nirgends sah.

MNICZEK.

Hast du nach ihm gefragt?

MARINA.

Bewahre Gott!

Ich hab mir nicht einmal die Unglücksfälle

Erzählen lassen, die sich schon ereignet,

Ich hab botanisiert. Dann kam das Tierreich,

Doch nur die Fisch-Geschlechter, und nicht einmal

Vollständig, denn der Walfisch mangelte,

Das aber war ein großes Glück für mich,

Ich hätte sonst mein Fasten brechen müssen,

Doch nun erklärt ich, daß ich den erwarte,

Und bat mir ihn fürs nächste Essen aus.

MNICZEK.

Das tatst du?!

MARINA.

Ja! In äußerster Gefahr!

Was blieb mir übrig? Runzle nicht die Stirn!

Hätt ich vielleicht den kleinen Kaukasus,

Den man mir auf dem Teller aufgetürmt,

Abtragen sollen? Überlege dirs,

Bevor du mich verdammst! Dann müßt ich auch,

Wenn mir der Eskimo – denn der gehört

Doch auch zu unsern teuren Untertanen,

Nicht wahr? – in seinem Fest-Getränk, im Tran,[414]

Den Willkomm böte, höflich knixend, nippen

Und dürfte nicht einmal den Mund verziehn.

MNICZEK.

An kleine Dinge muß man sich nicht stoßen,

Wenn man zu großen auf dem Wege ist.

MARINA.

O, das ist wahr. Ich schäme mich ja auch

Und hab es schon gesagt. Doch wußt ich nicht,

Was mir bevorstand! Wer das Schwert nicht sieht,

Das ihm den ganzen Kopf zu rauben droht,

Der klagt wohl über Zahnweh. Gütger Himmel,

Was wills denn heißen, einmal aus der Küche

Zu essen, die den Gaben Gottes alles

Zu nehmen weiß, warum der Mensch sie liebt.

Man bleibt doch, was man ist, und geht davon,

So wie man kam. Ja, was bedeutet selbst

Ein Gottesdienst, so endlos, daß die Welt

Drei Mal entstehen und vergehen könnte,

Bevor das letzte Amen fällt? Man schläft

Und schlägt sein Kreuz im Traum. O, du hast recht,

Ich klagte über nichts, das alles war

Nur Kleinigkeit, das Große ist erst heut

Gekommen. Diese Stiefel! Wenn ein Weib

Sie tragen kann, so ist sie auch vom Stamm

Des Riesen Goliath. Der Bringer schwitzte

Und trug sie doch auf seinem breiten Rücken,

Nicht an den Beinen.

MNICZEK.

Sind sie schwer, so sind sies

Von Gold und Diamanten.

MARINA.

Das ist wahr,

Von Edelsteinen blitzen sie, und die

Sind hier noch immer besser angebracht,

Als hätt man sie in einen Sack getan

Und hinge den der Zarin um den Hals.

Dann das Gewand! Von echtem Hermelin,

O Gott, ich zweifle nicht. Die Art nur seltsam,

Wie man es gürten muß.


Mit Gebärden.


Hier! Unterm Kinn!

So daß man einer Pyramide gleicht.[415]

Mein Vater, zög ichs an, so glaubtest du,

Daß eine von den räuchrigen Madonnen

In Sendomir, die man die schwarzen nennt,

Erschienen sei und griffst zum Rosenkranz.

DEMETRIUS.

Nie, nie soll das geschehn!

MARINA.

Schon jetzt erschreckt?

Da laß dir erst den Kakoschnick beschreiben,

Dann schwörst du das vielleicht. Der krönt das Werk!

Ein Kopfputz, wie ein Topf! Doch reich besetzt,

Ich leugn es nicht, mit Perlen und Granaten

Und für den Juden, der ihn etwa findet

Und ohne Zeugen ist, vom größten Wert.

Für die zwar, die das Haar ihm opfern soll,

Nicht ganz so hoch im Preis.

MNICZEK.

Das Haar? Wie das?

MARINA.

Das Haar wird zehnfach um den Kopf gewickelt,

Wie Flachs um einen Rocken, ohne Kunst,

Und dann der Kakoschnick darauf gestülpt.

Ich sagte, meins wär viel zu voll dazu.

Da meinte man, die Schere würde helfen,

Woraus ich schließe, was ich nach den Bärten

Und Finger-Nägeln kaum zu hoffen wagte,

Daß es in Moskau wirklich Scheren gibt!

DEMETRIUS.

Ja, das ist wahr, man treibts hier wunderlich.

Mich wollten die weißbärtigen Bojaren,

Wie einen Säugling, auf den Armen tragen,

Ich rief: kommt wieder, wenn die Gicht mich plagt.

MARINA.

Ob auch ein Nasen-Ring vorhanden ist,

Wie Otaheitis schöne Welt ihn trägt,

Kann ich nicht sagen, doch, was red ich noch,

Wir werden das ja sehn, denn meine Zofe

Zieht alles an, und wird wohl fertig sein.

MNICZEK.

Verhüt es Gott! Die Dirne müßte sterben,

Wenn sies getan.

MARINA.

Obgleich ichs selbst gebot?

MNICZEK.

Du müßtest leugnen und sie müßte sterben!

Denn das wär ganz so viel, als hättest du

Den Kelch des Priesters einem Trunkenbold[416]

In seine schmutzge Schenke mitgegeben:

O Jugend, Jugend, welch ein Fluch bist du!

MARINA.

Sie hat es nicht getan, beruh'ge dich,

Sonst wär sie ja schon hier.

MNICZEK.

So hattest du

Sie wirklich her bestellt? Durch all die Wachen

Und Diener –

MARINA.

Das hat sie gewiß geschreckt,

Auch ist sie nicht zu flink, wenn ich befehle,

Sie weiß schon, daß mich oft mein Wille reut.

MNICZEK.

Dafür statt ich sie aus! Du aber wirst

Das alles bei der Krönung ehrbar tragen,

Es ist so nötig, wie die Taufe selbst.

MARINA.

Muß ich? Nun wohl, so hütet mich vor Spiegeln,

Sonst wirds mir, wie dem Basilisk, ergehn.

MNICZEK.

Und nun gib her –

MARINA.

Was denn?

MNICZEK.

Das Todes-Urteil!

Die Feder mein ich.

MARINA.

Wie? Ein Todes-Urteil?

Das muß ich unterzeichnen sehn.

MNICZEK.

Pfui, Pfui!

MARINA gibt Demetrius die Feder.

Nimm hin und zeige mir, worin der Zar

Sich von dem Woiwoden unterscheidet.


Zu Mniczek.


Du darfst nur peitschen lassen!


Zu Demetrius.


Dann noch eins.

Ja, darum kam ich bloß! Aus Boris Hause

Soll eine Tochter noch am Leben sein,

Das Mädchen, hör ich, ist gewandt und flink,

Die muß mir dienen. Bitte!

MNICZEK.

Xenia,

Prinzessin Godunow, ist längst im Kloster.

MARINA.

Doch kann sie noch nicht eingekleidet sein,

Es ist zu kurz.

MNICZEK.

Mein Kind, das geht hier schnell,[417]

Heut auf dem Thron und morgen in der Gruft!

Gott gebe, daß wir selbst es nicht erfahren,

Drum – sehen wir uns vor!


Er hebt das Todesurteil empor.


MARINA greift darnach und nimmts.

Das ist ja russisch!

Ich kann es lesen, aber nicht verstehn.

MNICZEK.

Du mußt es lernen.

MARINA halb buchstabierend.

Schuiskoi! Wie? Fürst Schuiskoi?

Der einzge hier, der aussieht, wie ein Mensch?

DEMETRIUS.

Gefällt er dir?

MARINA.

Der muß verleumdet sein!

MNICZEK.

Meinst du?

MARINA.

Er ritt mir beim Empfang zur Seite

Und spottete und höhnte noch viel ärger,

Wie ich, wenn wir was Lächerliches sahn.

MNICZEK.

So!

MARINA.

Und er war so lustig, freute sich,

Daß endlich frischer Wind ins Land gekommen.

MNICZEK.

Ei, ei?

MARINA.

Und sprach mir nur von deiner Weisheit


Zu Demetrius.


Und deiner Tapferkeit!

DEMETRIUS.

Doch ganz gewiß

Noch mehr von deiner Schönheit.

MNICZEK.

Töchterchen,

Du scheinst mir fast bereit, für ihn zu bürgen –

MARINA.

Ich wagte nichts dabei!

MNICZEK.

Vielleicht denn doch!

Als dir Fürst Schuiskoi all das Süße sagte,

Grub er im stillen schon das Grab für uns.

MARINA.

Das Grab?

MNICZEK.

Das Grab! Und hätt ich nicht gewacht,

So lägen wir darin. Du mit, mein Kind!

MARINA.

Und ohne Leichenschmuck? Dann unterschreib!


Drängt ihm das Todes-Urteil auf.


DEMETRIUS.

Ist er der einzge, der uns haßt?

MNICZEK.

Der einzge,

Der schaden kann! Er ist der nächste Erbe![418]

Die andern stehn sich gleich in Recht und Unrecht

Und kommen nicht vor Neid und Zank zur Tat.

DEMETRIUS.

Er ist ein falscher, doppelzüng'ger Schurke

Und meinen Degen kreuzt ich gern mit ihm,

Doch, ihm den Henker schicken – –

MARINA.

Unterschreib!

Du kannst ihn später ja begnadigen –

MNICZEK.

Da schwatzt mein Papagei nicht gar zu dumm!

MARINA.

Ich selbst will für ihn bitten, öffentlich,

Damit sies alle sehn. Bedenk doch nur,

Wie hübsch das wird. Du ernst und gravitätisch

Auf deinem Thron; ich aufgelösten Haars,

Wie's die Romanze will, zu deinen Füßen

Und stammelnd, weinend, denn ich kann das alles,

Sobald ich soll, zu dir um Gnade flehend;

Du finster blickend und den Zepter schwingend,

Als wolltest du mich haun, doch endlich sanft

Ihn niedersenkend und die Stirn mir tickend,

Und freundlich murmelnd: Deinetwegen seis!

Dann: Taschentuch heraus! Ich bitt dich, tus!


Sie stößt Demetrius zum Schreibtisch.


MNICZEK während Demetrius unterzeichnet.

Nur erst den Namen her, dann findet sichs.

DEMETRIUS reicht Marina das Blatt.

MARINA.

Kommts dir nicht seltsam vor, daß du, der einst

Von jedem Hasen Rechenschaft gegeben,

Jetzt Fürsten klatschen kannst, als wärens Fliegen?


Sie gibt Mniczek das Blatt.


Ich beuge mich vor deiner Majestät!


Ab.


Quelle:
Friedrich Hebbel: Werke. Band 1–5, Band 2, München 1963, S. 413-419.
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