Erste Szene


[252] Ein Wald. Doktor Pfeffer und Meister Block treten auf.


BLOCK. Nun, Doktor? Ihr habt mich wieder angeführt. Zum wievielten Male ists doch?

DOKTOR PFEFFER. Ihr habt recht, es ist hier heiß, sehr heiß. Das stellt einen Wald vor und gibt nicht so viel Schatten, daß zwei Leute daran genug haben. Man schwitzt, als ob man dafür bezahlt würde, und was wettet Ihr, wenn wir eine Quelle antreffen, und unsern Durst einmal auf schnöde Weise löschen wollen, so hat sich eben vorher ein Ratz darin ersäuft. Der Teufel hole die Nadelhölzer! Sie qualmen, als ob sie Tabak rauchten.

BLOCK. Ich sprach nicht von der Hitze und vom Durst.

DOKTOR PFEFFER. Nicht? Wovon denn? Wer gebraten wird und an etwas anderes, als ans Feuer denkt, oder ans Wasser, das das Feuer auslöschen kann, der ist keine Kreatur, die Gott gemacht hat.

BLOCK. Ich habe jetzt zwei Tage über Eure Schnurren und Einfälle gelacht. Seid zufrieden! Endlich werd ich Euch ein ernsthaftes Gesicht zeigen!

DOKTOR PFEFFER. Und Ihr nehmt das Muster nach Eurer Frau. Richtig! So ungefähr sah sie aus, als Ihr das letzte Mal betrunken mit mir zu Hause kamt. Nur die Augbraunen müßt Ihr noch ein wenig à la Jupiter zusammenziehen. Ihr wißt doch, wer Jupiter ist? Ich wills Euch sagen, damit Ihr nicht das alte Adreßbuch nachschlagt, das sich aus der Stadt zu Euch verirrt hat. Er ist ein abgedankter Gott!

BLOCK. Doktor, es ist schändlich von Euch, daß Ihr einen Mann, dem Ihr so viel schuldig seid, aufzieht, wie Ihr nur könnt. Wenns nicht aus Respekt vor der Gelehrsamkeit, vor dem, was ich nicht weiß, geschehen wäre, meint Ihr, ich hätt Euch so lange geborgt?

DOKTOR PFEFFER. Warum macht Ihr Euch nicht bezahlt? Werdet krank, und steht nicht eher wieder auf, als bis ich den letzten Heller mit Rezeptschreiben abverdient habe. Mich habt Ihr ja immer in Händen.[252]

BLOCK. Hab ich denn recht? War wirklich alles Lüge, was Ihr sagtet? Ich hoffte, Ihr solltet widersprechen!

DOKTOR PFEFFER. Was sagte ich, Block?

BLOCK. Nun, nicht daß Ihr Euch erinnert, denn Ihr habt für Flausen ein Gedächtnis, nur daß Ihr Euch schämt! Als meine Frau Euch dies Mal die Rech nung brachte – sie setzt sie alle Jahr einmal auf, aber sie hat, wie Ihr wißt, nichts davon, als daß sies Schreiben nicht ganz vergißt – da nahmt Ihr einen hohen Ton an, danktet ihr und mir in Worten, die fast zu vornehm für Euch und uns waren, für die lange Nachsicht, und tatet einen feierlichen Schwur, daß Ihr nun Ernst machen wolltet. Ich wurde Euch ordentlich gut, als ich Euch so vernünftig schwören hörte, meine Frau schmunzelte und zeigte die Zähne, die sie nicht mehr hat, wir glaubten alle beide – man sollte sich ohrfeigen, indem man es gesteht, denn woher sollt Ihr Geld nehmen? Bärte scheren wollt Ihr nicht, und vor Krankheiten hüten die Leute auf dem Lande sich, und wenn sie welche bekommen, so bekümmern sich die wenigsten um Eure neue Lehre, daß, wer stürbe, ohne den Arzt gerufen zu haben, von Gott als Selbstmörder gerichtet werde – wir glaubten, daß Ihr gleich einen vollen Beutel hervor ziehen würdet!

DOKTOR PFEFFER. Tat ich das nicht?

BLOCK. Tatet Ihr es je? Fragt noch! Nun setztet Ihr Euch an den Tisch, stütztet den Kopf und machtet ein mitleidiges Gesicht. »Der Mensch hat mich beleidigt, das ist wahr – spracht Ihr, wie zu Euch selbst – aber ich will das vergessen, ich will barmherzig sein, denn was muß er jetzt nicht aushalten! Er ist drei Mal so dick, als ein anderer, er leidet auch drei Mal so viel Schmerz!« Meine Frau ward neugierig und fragte Euch, wen Ihr meintet. »Den Richter Kilian in Walddorf, wen sonst?« – Ist der krank? – »Krank? Zum Sterben! Ich sage dir, Brigitte, wenn all die Kreaturen, die sein Wanst verschlungen hat, wieder lebendig würden und von ihm ihr Fleisch zurück foderten, wenn die Kalekuten sich über seine rote Nase hermachten, wenn die Hühner miteinander um seine Augäpfel kämpften, die Schweine und Ochsen um sein Eingeweide, es wäre nichts gegen die Qualen, die er jetzt erduldet. Und was das Schlimmste ist, der Mann weiß, daß ich ein Christ bin, und traut mir[253] doch nicht zu, daß ich verzeihen kann, er wagt nicht, zu mir zu schicken, weil er glaubt, daß ich ihm eine alte Eselei nachtrage, aber Hunderte würde er geben, wenn ich von selbst käme!« – So tuts doch! So geht doch! Eure Stiefeln sind blank, Euer Rock ist gebürstet! – Nun standet Ihr auf, klopftet ihr auf die Schulter und spracht: ich schlug dir noch nie etwas ab, Brigitte, ich will auch heute tun, was du willst, aber nun mach auch keine Umstände und rücke mit einigen Talern zur Reise heraus. Ich will mir gleich, wie ich ankomme, vom Richter das Doppelte wieder geben lassen, dein Mann kann mitgehen und es in Empfang nehmen; gibst du zwei Taler, so bekommst du vier, gibst du vier, so bekommst du acht, gibst du einen, so bekommst du freilich nur zwei. – Sie ließ sich locken und gab das Geld, ich –

DOKTOR PFEFFER. Ich habe es mit vertrinken helfen! Etwas anderes wolltet Ihr doch nicht sagen? Woher kommt Euch dies Spätrot auf den Backen, diese Nachsommerglut im ausgebrannten Ehmanns-Auge, dieser Betglocken-Baß, worin Ihr mit mir zu reden wagt? O Undankbarkeit, du bist das frechste Laster! Aus meinem eignen Wein holt der sich die Courage, die er braucht, um mir meine Menschlichkeiten vorzuwerfen. Hätt ich ihn nicht mittrinken lassen, er würde, wenn ichs verlangt hätte, seinen Rock ausgezogen und ihn zum Pfand für meine Zeche hingegeben haben. Jetzt spricht er, wie ichs erst am Jüngsten Tag zu hören hoffte!

BLOCK. Ich merkte schon gestern Unrat. Gleich ins erste Wirtshaus hinein. Stundenlang gesessen. »Wollen wir nicht weiter?« »Laß den Kerl nur noch zappeln. Je größer die Not, je willkommener der Retter.« So gings fort. Nun sind wir so dicht vor Walddorf, daß wir die Eierkuchen, die die Leute backen, schon riechen können, und ich fürchte, der erste, der uns frisch und gesund entgegen kommt, ist der Richter.

DOKTOR PFEFFER. Das ist möglich. Aber weißt du, wie wirs dann machen? Ich stelle mich hinter einen Baum, du fällst über ihn her und schlägst ihn halb tot. Sobald er für ein Krankenlager von drei Monaten genug hat, tret ich hervor, verjage dich und verbinde den Verwundeten. Dann habe ich einen Patienten, und wir haben alle beide Geld. Was meinst du?[254]

BLOCK. Ich habe keine Antwort, die so schlecht ist, daß ich sie auf eine solche Frage wegwürfe. Was, wär es nicht genug, daß ich mich krank stellen muß, sooft Ihrs verlangt, drei, vier Mal des Jahrs und mehr, damit Ihr Euch hinterdrein mit meiner Herstellung brüsten könnt? Glaubt Ihr, es sei ein Spaß, so vor den Leuten, die einen besuchen, zu ächzen und zu stöhnen, wenn man nichts fühlt, über Appetitlosigkeit zu klagen, wenn der Magen sich vor Hunger umkehrt, mit gesunden Lungen zu röcheln und so weiter? Aber ich tus auch nicht wieder. Das letzte Mal hab ich genug gekriegt. Wollene Decken mitten im Sommer? Probierts selbst!

DOKTOR PFEFFER. Hör, Block!

BLOCK. Nun duzt Ihr mich gar, als ob ich ein Junge wär! Freilich, es ist Eure Art, Beleidigungen dadurch zurückzunehmen, daß Ihr sie verdoppelt. Ich werds nie vergessen, daß Ihr dem Schulzen mit einem Lümmel antwortet, als er für einen Schlingel Genugtuung verlangte, und daß Ihr auf den Lümmel einen Hundsfott folgen ließt, als er den Lümmel nicht verschlucken wollte!

DOKTOR PFEFFER. Block, du sollst mich wieder duzen! Kann ich dir einen größern Beweis meiner Freundschaft geben? Du sollst mich duzen und mich auch, wenn ich nüchtern bin, unter den Arm fassen!

BLOCK. Ich bedanke mich! Davon hätt ich selbst den meisten Schaden. Nun kommt doch wohl noch hin und wieder einer zu Euch, und holt sich ein Pulver gegens Fieber. Sähen sie mich mit Euch Arm in Arm gehen, sie vertrauten Euch keine Katze mehr zum Kurieren an. Das glaubt mir, ich weiß, was ich gelte. Nein, auf der Straße bin ich bis zum Jüngsten Tage der Mann, der respektvoll den Hut vor Euch abzieht. Aber sagt doch einmal, was wollt Ihr vorbringen, wenn wir wieder zu Hause kommen? Denn das ists, was mir am meisten am Herzen liegt.

DOKTOR PFEFFER. Wir haben den Richter schon im Sarg angetroffen.

BLOCK. Und wenn er in demselben Augenblick vorbei reitet?

DOKTOR PFEFFER. Dann ists ein Gespenst zu Pferde!


Quelle:
Friedrich Hebbel: Werke. Band 1–5, Band 1, München 1963, S. 252-255.
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